Grubenhaus

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Rekonstruktion eines slawischen Grubenhauses im Geschichtspark Bärnau-Tachov
Rekonstruiertes Grubenhaus der Grubenhaussiedlung am Petersteich an der originalen Fundstelle

Grubenhaus ist die Bezeichnung für Gebäude, die ganz oder teilweise in den Boden eingetieft sind. Bei den meisten heute erwähnten und kartierten Grubenhäusern handelt es sich allerdings um archäologische Funde, bestehend aus Verfärbungen im Boden, Gruppen von Pfostenspuren und dem von ihnen umgrenzten Erdreich, das die Auffüllung eines vormals ausgeschachteten Innenraums anzeigt.[1]

Schlüsse auf die Bauform[Bearbeiten]

Die Eintiefung des Innenraums lag zwischen 30 Zentimeter und mehr als einem Meter. Die Grundfläche derartiger Bauten war meist gering. An vielen Ausgrabungsorten wurden Grubenhäuser in größerer Zahl gefunden.[2]

Dieser Speicher mit hölzernem Halbkeller - ein in Gebrauch befindliches Original - würde den archäologischen Befund eines „Grubenhauses“ ergeben.

Die genaue Konstruktion muss aus den Funden geschlossen werden. Viele scheinen einfache Gebäude ohne Seitenwände gewesen zu sein, deren Giebeldach bis auf den Erdboden reichte. In anderen Fällen deuten runde Grundrisse auf Hütten mit Flechtwänden hin. In einzelnen Grubenhäusern wurden dagegen Stützspuren einer Balkendecke gefunden und darunter die eines Herdfeuers. So kann sich hinter der Bezeichnung Grubenhaus eine Reihe von Gebäude verschiedenster Nutzung verbergen, von einer einfachen Erdhütte bis zum (halb)unterkellerten Haus. Die Wände wurden wie auch bei anderen vor- und frühgeschichtlichen Haustypen in verschiedenen Bauformen aus Holz oder Reisig gefertigt und mit Lehm verkleidet.

Nutzungen[Bearbeiten]

Bei eisenzeitlichen Häusern gab es deutliche Unterschiede bei der Nutzung:

In keltischen und germanischen Siedlungen waren Grubenhäuser überwiegend Nebengebäude ohne Feuerstelle.[3] In vielen wurden Spuren handwerklicher Tätigkeit gefunden, nicht selten Webgewichte und Spinnwirtel, gelegentlich sogar Standspuren eines Webstuhls. Es wird daher eine Nutzung als Werkstätten angenommen, besonders als Webhäuser. In dem Zusammenhang wird auf Tacitus' Germania verwiesen, nach der die Germanen ihr Leinen "unter der Erde" fertigten. Durch die höhere Luftfeuchtigkeit der in den Boden eingetieften Räume sind Flachsfasern geschmeidiger und damit leichter zu verarbeiten.[4]
Sofern sie hinreichend gegen Sonneneinstrahlung abgeschirmt waren, hatten Grubenhäuser ein gleichmäßig feucht-kühles Innenklima und könnten als Lagerkeller für wärmeempfindliche Nahrungsmittel gedient haben.

Beispiele von Grubenhäusern aus Deutschland (oben) und Sussex, Großbritannien (unten)

In der angelsächsischen Siedlung West Stow fiel auf, dass die lockere Füllung der großen Grubenverfärbungen nicht zu einer ständigen Nutzung passt. Der Ausgräber spricht daher nicht von Grubenhäusern, sondern von Bauten mit eingetieftem Befund („Sunken Featured Buildings“). Auf dem Rand einer der Grubenverfärbungen kam eine halbe Herdstelle in Form einer Lehmpackung mit Holzkohle zutage, deren andere Hälfte in die Grube gestürzt war. Hier wurde gemutmaßt, dass die Grube ursprünglich mit einer Holzbohlenlage, auf der sich die Herdstelle befand, abgedeckt war. Um die Befunde und die Schlussfolgerung experimentell zu überprüfen, entstand das angelsächsische Dorf von West Stow.

In vor- und frühgeschichtlichen slawischen Siedlungen hatten dagegen großenteils die Wohngebäude einen eingetieften Boden.[5]

Rekonstruktionen[Bearbeiten]

Alle aus vergänglichen Materialien erstellten Gebäude haben kaum mehr Spuren hinterlassen als Änderungen der Bodenfarbe (durch Holz) und der Bodenkonsistenz (durch später wieder verfüllte Ausschachtungen). Gebäude, die aus diesen Spuren rekonstruiert wurden, können zusammen mit nach Bruchstücken hergestellten Gebrauchsgegenständen ein gutes Bild von früheren Lebenswelten vermitteln. So manche Rekonstruktion hat sich aber Jahrzehnte später, nach weiteren Funden, als Irrtum herausgestellt.

Rekonstruktionen von Grubenhäusern gibt es am Standort der früheren Grubenhaussiedlung am Petersteich sowie in mehreren Freilichtmuseen, z. B. im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim, im Geschichtspark Bärnau-Tachov, im Archäologischen Zentrum Hitzacker, im Keltenmuseum Hochdorf, im Museum und Park Kalkriese, im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen, beim Museum im Zeughaus Vechta und in West Stow.

Literatur[Bearbeiten]

  • Volker Babucke: Grubenhaus und Brettchenweber. Likias, Friedberg bei Augsburg 2005, ISBN 3-980762-84-X.
  • Bremer Archäologische Blätter, Beiheft 2/2000 zur gleichnamigen Ausstellung im Focke-Museum: Siedler, Söldner und Piraten, Chauken und Sachsen im Bremer Raum ISSN 0068-0907
  • Sabine Kas: Die späthallstatt- bis frühlatènezeitliche Siedlung bei Oberhofen, Lkr. Kelheim, Niederbayern. Marie Leidorf, Rahden, Westfalen 2000, ISBN 3-89646-482-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Grubenhaus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heidengraben – Ausgrabungsstätte eines frühlatènezeitliches Grubenhauses
  2. Bremer Archäologische Blätter, Beiheft 2, 2000: Siedler, Söldner und Priaten – Chauken und Sachsen im Bremer Raum, ISSN 0068-0907.
    • S. 55, Siedlung in Bremen-Rekum aus dem 1.–5. Jh. n. Chr. mit Wohnstallhäusern und Grubenhäusern
    • S. 83 ff. Frühgeschichtliche Siedlung in Bremen-Grambke → S. 90/91 Grubenhäuser
  3. Frankenfelde: Gruben (-häuser) von über 4 m Breite als Wohnhäuser gedeutet
  4. Cornelia Weinmann: Der Hausbau in Skandinavien vom Neolithikum bis zum Mittelalter (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker 230 = N.F. 106) Berlin/New York 1994, S. 158-164.
  5. Marek Dulinicz: Frühe Slawen, 2006 ISBN 3-529-01396-X