Grundformen der Angst

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Grundformen der Angst ist eine tiefenpsychologische Studie des Psychoanalytikers Fritz Riemann, welche im Jahr 1961 erschienen ist. In dem Werk werden vier verschiedene Typen der Persönlichkeit charakterisiert und ihre jeweiligen Ängste und Verhaltensweisen sowie deren Ursachen thematisiert. Die Typen, in die Riemann gliedert, sind der Schizoide, Depressive, Zwanghafte und Hysterische.

Das Werk richtet sich an Psychologie-Interessierte. Es ist keine Fachliteratur, gehört andererseits aber auch nicht zu psychologischen Ratgebern für Lebensfragen oder zur Selbsthilfeliteratur. Es ist mittlerweile in der 41. Auflage aufgelegt und wurde mehr als 967.000 Mal verkauft.[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Riemann setzt sich in Grundformen der Angst mit den vier Persönlichkeitstypen der Schizoide, der Depressive, der Zwanghafte und der Hysterische jeweils in einem eigenen Kapitel auseinander. Jedes Kapitel ist untergliedert in fünf Unterkapitel, die sich jeweils mit den Aspekten der Liebe, der Aggression, des lebensgeschichtlichen Hintergrunds, Beispielen für die jeweilige Erlebnisweise sowie ergänzenden Betrachtungen beschäftigen. In den Unterkapiteln werden die typischen und häufig auftretenden Verhaltensweisen beschrieben, die Ursachen und Entstehungsweise begründet, verschiedene Beispiele aus dem Leben von betroffenen Personen aus Riemanns Tätigkeit als Psychotherapeut gegeben und der Persönlichkeitstyp in Kontext und Kontrast zu den anderen Typen gesetzt.

Die Bedeutung der Bezeichnungen der Persönlichkeitstypen ist nicht in kompletter Übereinstimmung mit der umgangssprachlichen Bedeutung zu verstehen; ein depressiver Persönlichkeitstyp ist nicht automatisch depressiv in dem Sinne, dass er an einer Depression leidet.

Schizoide Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hauptangst des Schizoiden ist die Angst vor der Selbsthingabe und dem Ich-Verlust (im Sinne eines Charakterverlustes). Er ist ichbezogen, strebt nach Individuation und meidet zu starke Nähe und Bindung. Sein Gegensatz ist der Depressive.

Ursache dieser verschließenden, sich bewusst abgrenzenden Verhaltensweise ist die mögliche Gefahr eines Verletztwerdens. Man sieht sich als ungeschützt, angreifbar und verwundbar, weil das Sich-öffnen als preisgebende Auslieferung und daraus folgend einem möglichen Verlust des eigenen Selbst gesehen wird.

Depressive Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hauptangst des Depressiven ist die Angst vor Selbstwerdung, Eigenständigkeit und der daraus resultierenden Einsamkeit. Er sucht die Abhängigkeit von anderen und meidet Selbstständigkeit. Er ist der Gegentyp zum Schizoiden.

Zwanghafte Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hauptangst des Zwanghaften ist die Angst vor Wandlung, Risiko und Vergänglichkeit. Er ist ausgerichtet auf Wahrung von Tradition und Sitten, strebt nach Beständigkeit und Dauer und ist somit der Gegentyp zum Hysterischen.

Hysterische Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hauptangst des Hysterischen ist die Angst vor Notwendigkeit, Endgültigkeit und begrenzter Freiheit. Dieser Typ strebt nach Freiheit, Wandel und Risiko und ist der Gegensatz zur zwanghaften Persönlichkeit.

Betrachtung im Kontext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Riemann hebt zum einen hervor, dass eine Person aufgrund ihrer vor allem frühkindlichen Erfahrungen mehr oder weniger stark zu einem dieser Persönlichkeitstypen tendiert, zum anderen aber auch, dass eine Person nicht nur eine dieser Charaktereigenschaften hat, sondern individuell wandlungsfähig ist und beispielsweise einen Bereich stärken kann, der bisher nur schwach ausgeprägt war. Die Zuordnung zu den Persönlichkeitstypen hängt auch von der Lebensphase bzw. dem Alter ab, in der sich eine Person befindet. So durchlebt eine Person im Laufe ihres Lebens jeden Persönlichkeitstyp in unterschiedlich starker Ausprägung ein- bzw. mehrmals und damit auch die typischen Ängste.

Die neurotischen Ängste einer Person sind häufig unbewusste Projizierungen von unverarbeiteten Kindheitserfahrungen und traumatischen Erlebnissen auf bestimmte Dinge oder Gegenstände.

Riemann-Thomann-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Grundformen der Angst schuf Riemann die Grundlage für das Riemann-Thomann-Modell. Es wurde von Christoph Thomann entwickelt und baut auf Riemanns Werk auf. Während sich Riemann in Grundformen der Angst auf die pathologischen, also die übermäßig und teilweise schon krankhaft ausgeprägten Aspekte der Persönlichkeitstypen fokussiert, beschreibt Thomann mit dem Riemann-Thomann-Modell die Ausprägungen der Persönlichkeitstypen im normalen und nicht-pathologischen Bereich. Das Riemann-Thomann-Modell kategorisiert auch in vier Persönlichkeitstypen (Nähe, Distanz, Dauer, Wechsel), ist allerdings mehr auf die alltägliche Anwendung ausgelegt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fritz Riemann: Grundformen der Angst. 41. Auflage. Ernst Reinhardt Verlag, München 2013, ISBN 978-3-497-02422-3, S. 4.