Grundschrift

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Mögliche Grundschrift als Ausgangsschrift in Hamburg ab 2011

Die Grundschrift wurde als Ausgangs- und Entwicklungsschrift im Auftrag des Grundschulverbands seit 2005 entwickelt. 2010 wurde das schriftdidaktische Konzept zum ersten Mal vorgelegt (Grundschulverband 2010). Kerngedanke ist: Aus der Erstschrift, den handgeschriebenen Druckschrift-Buchstaben des Schulanfangs, entwickeln die Kinder ihre individuelle gut leserliche und flüssig geschriebene Schreibschrift. Durch diesen direkten Weg soll die Unterbrechung der Schriftentwicklung durch die bisher in den Grundschulen auch praktizierten Ausgangsschriften (Lateinische Ausgangsschrift, Vereinfachte Ausgangsschrift oder Schulausgangsschrift) vermieden werden.

Die Grundschrift wurde in mehreren deutschen Bundesländern als eine von mehreren Schriften, die Schulen zur Auswahl stehen, eingeführt (siehe In den Bundesländern verwendete Ausgangsschriften).

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Grundschrift-Konzept berücksichtigt den Forschungsstand zur psychomotorischen Entwicklung beim Handschreiben (z. B. Mahrhofer 2004), setzt an den Erfahrungen der Kinder an, fördert ihre Selbstständigkeit und schafft der Entwicklung zu einer gut leserlichen individuellen Handschrift einen neuen Stellenwert. Seit 2010 liegt das ausgearbeitete Konzept vor (Grundschulverband 2010, Bartnitzky u. a. 2011/2014). In den Jahren darauf folgten u. a. Erfahrungsberichte aus Schulen (z. B. Bartnitzky u. a. 2018). Alle Kinder haben bei Schuleintritt bereits Erfahrungen mit der Druckschrift gemacht; viele haben auch bereits begonnen, mit Druckschriftbuchstaben zu schreiben. Diese Entwicklung setzt der Unterricht mit der Grundschrift fort. Im Zusammenwirken von Lesen und Schreiben werden die Kinder von Schulbeginn an auch zu Verschriftungen angeregt und bei der Weiterentwicklung ihrer Handschrift fördernd begleitet. Zu dieser weiteren Entwicklung gehören u. a. auch das Ausprobieren und das Verwenden von Buchstabenverbindungen. Vorbereitet werden Verbindungen in der Schriftvorlage mit nach oben schwingenden Wendebögen bei Kleinbuchstaben, die in den üblichen Druckschriften mit einem Abstrich nach unten enden (a, d, h, i, k, l, m, n, t, u).

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Einen wichtigen Stellenwert nehmen im schriftdidaktischen Konzept der Grundschrift die Schriftgespräche ein. Hierbei reflektieren die Kinder mit der Lehrkraft und miteinander über Schriftproben, über Buchstabenvarianten und Verbindungen. Dabei sind drei Kriterien leitend: Formklarheit (Kann man jeden Buchstaben gut erkennen?), Leserlichkeit (Kann ich alles gut lesen?) und Geläufigkeit (Ist mit Schwung geschrieben?). Gute Leserlichkeit und zunehmende Geläufigkeit bleiben in der Grundschulzeit und darüber hinaus die leitenden Kriterien bei der Weiterentwicklung der individuellen Handschriften. In der kritischen Auseinandersetzung mit dem Grundschrift-Konzept spielen vor allem zwei Fehlurteile eine Rolle: Die Grundschrift verdränge die Schreibschrift und die Kinder könnten nun beliebig schreiben. Beides trifft nicht zu. • Bei der Arbeit mit der Grundschrift werden zwar die traditionellen Schulausgangsschriften überflüssig, die Grundschrift selber aber ist in ihrer Funktion und Entwicklung eine handgeschriebene Schreibschrift. • Die Kinder schreiben nicht beliebig, sondern orientieren sich an den vorgegebenen Buchstabenmustern und es gelten bei allen individuellen Ausprägungen die leitenden Kriterien Formklarheit, Leserlichkeit und Geläufigkeit.

Erläuterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zusammenfassung einer der Mitautoren wird die Intention noch einmal verdeutlicht:

„Der Grundschulverband will nicht die Schreibschrift aufgeben, sondern unterscheidet ganz konsequent zwischen gedruckten Schriften in Büchern usw., und den Schriften, die mit der Hand geschrieben werden. Deshalb heißt die erste Schrift für die Kinder, die aus ganz schlichten, leicht les- und schreibbaren Formen besteht, GRUNDSCHRIFT.“

in: Brinkmann/Brügelmann 2011

Sie sei von den Kindern leicht zu lernen und könne frühzeitig zum selbstständigen Schreiben genutzt werden, meinen die Autoren. Die Grundschrift sei keine weitere Ausgangsschrift, sondern eine Hilfe, möglichst einfach von der Druckschrift zu einer persönlichen, flüssigen Schrift zu gelangen. Dieses Ziel sei lange in allen Lehr-, Bildungs- und Rahmenplänen der verschiedenen Bundesländer verankert. Neu sei nur, dass nicht mehr eine der drei verbundenen Ausgangsschriften zwischen Druckschrift und persönliche Handschrift geschaltet werden soll.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundsätzliche Kritik an der neuen Selbstlernmethode für das Schreiben übt die Lehrerin und Autorin Maria-Anna Schulze Brüning. In ihrem Buch Wer nicht schreibt bleibt dumm (2017) wirft sie den Initiatoren vor, Kinder mit dem Erlernen fundamentaler motorischer Abläufe beim Schreiben allein zu lassen. Es werde verkannt, „dass die jeweils 26 Groß- und Kleinbuchstaben unseres Alphabets (+ ß) eine schreibmotorische Systematik enthalten, die das Kind sich eben nicht selbst erschließen kann.“[1] Schulze Brüning sieht im Konzept von Hans Brügelmann/Erika Brinkmann eine Nähe zum Vorgehen von Jürgen Reichen beim Lesen durch Schreiben. Schulze Brüning wirft Brügelmann/Brinkmann vor, sie hätten „die Umorientierung des Schreibenlernens maßgeblich vorangetrieben“ und als Praxisbeispiele sogar die eigenen Kinder benutzt.[2]

Eine der wichtigsten Kritikerinnen der Grundschrift ist Ute Andresen, selbst Entwicklerin des Konzepts handgeschriebene Druckschrift[3]. Die ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben von 1999 bis 2002 vertritt die Ansicht, „dass Kinder sich das Schreiben nicht selbst beibringen können.“[4] Die Grundschrift einzuführen bedeute die Schreibschrift abzuschaffen. Das setze „leichtfertig eine Kulturtechnik aufs Spiel – die Fähigkeit, eine allen gemeinsame lesbare Schrift zu schreiben“. Andresen widerspricht in dem FAS-Interview der Aussage des Grundschulverbandes, die Grundschrift sei eine verbundene Schreibschrift. „Das ist falsch. Die Grundschrift ist eine modulare Schrift, das bedeutet die Buchstaben werden nebeneinander gesetzt.“[5][6] Unterstützt wird Andresen u. a. von der Schriftstellerin Cornelia Funke. „Eine Druckschrift zu beherrschen reicht meiner Meinung als Handschrift nicht aus. Sie fließt nicht wie eine Schreibschrift und ist daher sehr viel langsamer. Eine fließende Handschrift dagegen fördert den Fluss der Gedanken – und ist gleichzeitig so individuell, dass man ganz bei sich ist.“[7]

Andresen wies schon 2010 in einer Artikelserie für die taz darauf hin,[8][9][10][11] dass das Erlernen einer gebundenen Handschrift ein fundamentaler Lernvorgang für jedes Kind sei. Auf das Erlernen einer Schreibschrift zu verzichten, erhöhe die Gefahr der Bildungsarmut. Ebenfalls zieht sie dabei auch wirtschaftliche Interessen der Beteiligten in Betracht.[11] Damit nimmt sie dieselbe Position ein wie seinerzeit Wilhelm Topsch gegen die Vereinfachte Ausgangsschrift. Der Oldenburger Erziehungswissenschaftler hatte 1996 nachgewiesen, dass es für die Einführung dieser in den 1970er Jahren keine anderen wissenschaftlichen Gutachten gegeben habe als die ihres Erfinders Heinrich Grünewald.[12]

Der Leiter der Grundschullesestudie IGLU, Wilfried Bos, monierte die fehlende wissenschaftliche Fundierung des Projekts. „Es ist abenteuerlich, ein Reformprojekt wie die Einführung einer neuen Schrift ohne einen Modellversuch mit fundierter Begleitforschung zu beginnen“, sagte Bos der FAS.[4] In Deutschland gibt es bislang keine empirische Studie, die Grundschrift und flüssige Schreibschrift vergleicht. Aus der Schweiz liegen für die der Grundschrift analoge Deutschschweizer Basisschrift positive Befunde vor; sie haben dazu geführt, dass die Kantone mehrheitlich zur Basisschrift übergehen. Allerdings haben an der Untersuchung von Sibylle Hurschler Lichtsteiner ganze 96 Schüler teilgenommen.[13] Studien aus Kanada geben ein differenziertes Bild. Sie legen nahe, dass Erstklässler, die zuerst eine flüssige Schreibschrift lernen, langsamer (und nicht formklarer) schreiben, dafür Vorteile in der Syntax haben – sie lernen mehr Wörter. „We observed that Cursive students displayed more progress in word production than Manuscript/Cursive and Manuscript students.“[14][15][16] Steve Graham, der ebenfalls Studien zum Vergleich von cursive (verbundener Schreibschrift) und manuscript (Druckschrift) gemacht hat, sieht keine Vorteile für die Schreibschrift. Er sagt zudem, die Zeit der Schreibschrift sei vorbei.[17] So machen aktuell fast alle US-Bundesstaaten nur noch das Erlernen der Druckschrift verbindlich[18] – anders als das Grundschrift-Konzept, das ausdrücklich zu einer verbundenen persönlichen Handschrift auf der Basis der Druckschrift anleitet.

Der Chefredakteur der Zeitung Deutsche Sprachwelt, Thomas Paulwitz, sammelte Unterschriften gegen die Abschaffung der Schreibschrift, weil damit ein wichtiges Kulturgut zerstört werde. Nur die großen Schulbuchverlage, die neue Materialien absetzen könnten, würden davon profitieren. Auch die Lehrer versprächen sich davon weniger Arbeit, so Paulwitz. Es könne jedoch nicht angehen, dass sich der Bildungssektor nur noch an den Schwächsten orientierte. Renate Tost, Grafikerin und Mitentwicklerin der „Schulausgangsschrift“ der DDR (eingeführt 1968), hat sich ebenfalls kritisch zur Grundschrift geäußert (Deutsche Sprachwelt 49/2012).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Bartnitzky u. a. (Hrsg.): Grundschrift – Damit Kinder besser schreiben lernen. Grundschulverband, Frankfurt am Main 2011, 2. Auflage 2014, ISBN 978-3-941649-03-3 (= Beiträge zur Reform der Grundschule, Band 132).
  • Horst Bartnitzky u. a. (Hrsg.): "Grundschrift. Kinder entwickeln ihre Handschrift. Grundschulverband, Frankfurt am Main 2016. ISBN 978-3-941649-20-0 (= "Beiträge zur Reform der Grundschule", Band 142)
  • Erika Brinkmann, Hans Brügelmann: Schreibenlernen heute: von der Druckschrift zur flüssigen Handschrift. In: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik. Heft 8, Friedrich-Verlag, Velber 2011, ISSN 0342-7145.
  • Grundschulverband (Hrsg.): Grundschule aktuell(2010): Themenhefte 110 und 112 zur „Grundschrift“. ISSN 1860-8604 / ISSN 1430-7804 / ISSN 1860-8604
  • Christina Mahrhofer: "Schreibenlernen mit graphomotorisch vereinfachten Schreibvorgaben". Klinkhard, Bad Heilbrunn/Obb., 2004, 404 S. ISBN 3-7815-1332-7
  • Maria-Anna Schulze Brüning/Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm: Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen München: Piper, 2017. 304 S. ISBN 978-3-492-05824-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Grundschrift – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Maria-Anna Schulze Brüning/Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm: Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen. München: Piper, 2017. S. 88 (304 S.)
  2. Schulze Brüning/Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm. München, S. 90 S.
  3. hDs handgeschriebene Druckschrift. Abgerufen am 19. September 2019.
  4. a b Christian Füller: Umstrittene Reform der Lehrpläne: Die Schreibschrift stirbt aus. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, FAZ.net, 10. Mai 2014
  5. Ute Andresen: "Kinder können sich das Schreiben nicht selbst beibringen", Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11. Mai 2014, S. 3
  6. Handschrift-Blog [1] Handschrift
  7. Cornelia Funke: „Die Handschrift soll Gedanken fliegen lassen“. In: FAZ, 10. Mai 2014
  8. Ute Andresen: Zurück zur guten Handschrift. Das ABC in der Schule. taz.de, 28. September 2010, abgerufen am 26. April 2011.
  9. Ute Andresen: Die Handschrift ist unersetzbar. Plädoyer einer Schreiblehrerin. taz.de, 5. Oktober 2010, abgerufen am 26. April 2011.
  10. Ute Andresen: Gutachter, Lobbyisten und Autoren. Schreiben lernen in der Grundschule. taz.de, 16. Februar 2011, abgerufen am 26. April 2011.
  11. a b Ute Andresen: Keine pädagogischen Interessen. Einführung der Grundschrift. taz.de, 6. April 2011, abgerufen am 26. April 2011.
  12. Wilhelm Topsch: Das Ende einer Legende. Die vereinfachte Ausgangsschrift auf dem Prüfstand. Analyse empirischer Arbeiten zur vereinfachten Ausgangsschrift. Auer Verlag, Donauwörth 1996, ISBN 3-403-02855-0.
  13. Sibylle Hurschler Lichtsteiner u. a. Schreibmotorische Leistungen im frühen Primarschulalter in Abhängigkeit vom unterrichteten Schrifttyp. In: Forschungsberichte der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz, No. 18. Luzern, 2008
  14. Morin, M.-F., et al. (2012): The effects of manuscript, cursive or manuscript/cursive styles on writing development in grade 2. In: Language and Literacy, Vol. 14, No. 1, 110–124.
  15. "Learning cursive in the first grade helps students" in: alphagalileo 13. Sep 2013
  16. "The Effects of Manuscript, Cursive or Manuscript/ Cursive Styles in Writing Development in Grade 2" Forschungspapier "Language and Literacy 1/2012"
  17. "Cursive handwriting disappearing from public schools" in: Washington Post vom 3. April 2013
  18. Archivlink (Memento des Originals vom 28. Juli 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/partner-fuer-schule.nrw.deStirbt die Handschrift aus? In: "Forum Schule 2012"