Guajira (Musikstil)

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Die Guajira ist eine kubanische Musikstilrichtung und eine Form, ein Palo, des Flamenco.

Kubanische Guajira[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorläufer der Guajira ist wahrscheinlich der Punto cubano, der im 17. Jahrhundert aus Musik von andalusischen Einwanderern mit afro-amerikanischen Einflüssen in Kuba entstand.[1][2] Es handelt sich um Musik des ländlichen Raums – Guajiros ist die kubanische Bezeichnung für Landarbeiter,[3] insbesondere der von den Kanaren und aus Spanien stammenden Bauern.[4]

Während die ältesten überlieferten kubanischen Guajiras wie das um 1900 entstandene El Arroyo Que Murmura von Jorge Ankerman noch im 6/8- oder 3/4-Takt erklingen[5][6] und rhythmisch der Guajira des Flamenco nahestehen, wird die Guajira der 1920er und 1930er Jahre, in denen die weltweit bekanntesten Guajiras entstanden, fast ausschließlich im 4/4-Takt geschrieben. Der Rhythmus des in den 1950er Jahren ebenfalls in Kuba entstandenen Cha-Cha-Cha ist der Guajira der 1930er Jahre sehr ähnlich.

Einer der bekanntesten Interpreten der kubanischen Guajira ist Guillermo Portabales. Von ihm stammt die Komposition El Carretero, die durch die Interpretation des Buena Vista Social Club populär geworden ist. Eine vergleichbare Bekanntheit hat Guantanamera von Joseíto Fernández (1908–1979) aus dem Jahre 1928 erlangt. Inzwischen bestehen von Guajira Guantanamera unzählige „Cover-Versionen“ bekannter Interpreten wie Omara Portuondo, Celia Cruz und La Lupe – um nur einige wenige zu nennen. Weitere typische kubanische Guajiras:

Guajira im Flamenco[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Kuba aus fand die Guajira in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Weg zurück nach Andalusien und wurde dort in die Formensprache des Flamenco überführt:[7] Es handelt sich um einen sogenannte Cante de ida y vuelta.[8][2] Eine der ersten Aufführungen (La Guajira) fand im Januar 1860 im großen Theater Teatro Principal von Jerez statt.[9]

Bekannte Gesangs-Interpreten der Guajira waren und sind unter anderem Curro Durse, Antonio Chacón, Juan Breva, El Mochuelo, Niño de la Huerta, La Rubia, La Niña de los Peines, El Canario Chico und Enrique Morente. Als Tanz pflegen sie unter anderem Merche Esmeralda, Blanca del Rey und Milagros Mengíbar.[2] Anfang der 1930er Jahr schuf Pepe Marchena einen der Guajira verwandte Flamencoform, die Colombiana. Auf seinem 2001 erschienenen Album Don Juan ist der Sänger Juanito Valderrama mit Al compás de un guajira zu hören, das bekannte Guajira-Strophen enthält.[10]

Musikalische Charakteristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr Hauptmetrum besteht in einem 12/8-Takt aus 2 Dreier- und 3 Zweiergruppen ähnlich wie in der Soleá und der Bulería,[11] jedoch mit unterschiedlicher Betonung.[7][2] Bei zwölf Zählzeiten wird der 1., 4., 7., 9. und 11. Schlag betont.[12] Die Tonart für die gesungene Guajira ist meist E-Dur, während Guajiras für die Konzertgitarre bzw. Flamencogitarre meist in A-Dur erklingen. In der Regel erklingt die Tonika auf den Dreiergruppen und die Dominante auf den Zweiergruppen.[2]

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Strophen der Guajira bestehen in der Regel auf zehn achtsilbigen Zeilen (vergleichbar den von kanarischen und spanischen Farmern nach Kuba gebrachten Décimas[13]). Gegenstand der heiter-melancholischen Guajiras sind häufig Kuba, insbesondere der Reiz der kubanischen Landschaften, kubanische Frauen, insbesondere die Schönheit der Bewohnerinnen, die landestypischen Früchte, kubanischer Alltag, aber auch politische Themen aus Lateinamerika Ende des 19. Jahrhunderts.[2]

Ein Beispiel geben die folgenden Verse, die Manuel Escacena 1909 sang:[14]

Me gusta por la mañana

A mí me gusta por la mañana,
después del café bebido,
pasear por Las Habanas
con mi tabaco encendido.
Luego me siento en mi silla,
en mi silla o silletón;
y saco yo un papelón
de esos que llaman diario;
y parezco un millonario
de esos de la población.

Aquí la malanga crece,
rico manjar suculento,
y al rumor del blando viento
la rica caña se mece.
El ajonjolí parece
rica alfombra peregrina;
y el mamey que se reclina
hacia la enramada que toca
es dulce como la boca
de mi angelical Rufina.

Am Morgen mag ich es

Am Morgen, da mag ich es gern,
wenn der Kaffee getrunken ist
nach Havanna zu spazieren
die Zigarre angezündet.
Dann geht’s mir gut auf meinem Stuhl,
dem Stuhl oder dem Sessel mein;
und ich zieh mir ein Blatt Papier,
Zeitung nennen sie es hier;
ich ähnele dem Millionär,
als ob ich seines Schlages wär.

Die Malanga seh ich reifen,
die Köstlichkeit, so saftig reich,
und im sanften Windesrauschen
wiegt Zuckerrohr sich reich und breit.
Des Sesamfeldes reiches Kleid
festlichem Blumenteppich[15] gleicht.
Der Mammiapfel neigt sich hin
zum Laubwerk, das er sacht berührt;
zart und süß wie ihre Lippen:
die meines Engels Rufina.

Deutschsprachige Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kersten Knipp: Flair der Tropen: die Cantes de ida y vuelta. In: Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8, S. 87–102, hier: S. 93–97.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Punto cubano. In: Flamencopolis.com. Faustino Núñez, 2011, abgerufen am 22. Oktober 2018 (europäisches Spanisch).
  2. a b c d e f Guajiras. In: Flamencopolis.com. Faustino Núñez, 2011, abgerufen am 22. Oktober 2018 (spanisch).
  3. Pablo J. Hernández González: Gente de la tierra, guajiros. In: Cubadebate.cu. 17. Mai 2014 (spanisch, cubadebate.cu [abgerufen am 22. Oktober 2018]).
  4. Kersten Knipp: Flair der Tropen: die Cantes de ida y vuelta. In: Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8, S. 87–102, hier: S. 93–97.
  5. Claudia Rivera (Flöte), Jorge Ankerman (Komponist): El arroyo que murmura. Konzertvideo. In: Youtube. 29. September 2014, abgerufen am 22. Oktober 2018.
  6. Fundacion Orquesta Sinfonica Chamartin (Chor), Jorge Ankerman (Komponist): El Arroyo que murmura. In: youtube. 23. November 2016, abgerufen am 22. Oktober 2018 (spanisch).
  7. a b Juan Vergillos: Conocer el Flamenco. Signatura Ediciones de Andalucía, Sevilla 2009, ISBN 978-84-95122-84-1, S. 74 (spanisch).
  8. ida y vuelta (spanisch) = Hin- und Rückreise
  9. José Luis Navarro García: Historia del Baile Flamenco. Volumen I. Signatura Ediciones de Andalucía, Sevilla 2010, ISBN 978-84-96210-70-7, S. 266.
  10. Kersten Knipp: Flair der Tropen: die Cantes de ida y vuelta. 2006, S. 96 f.
  11. Guajira. In: Flamencoviejo.com. Abgerufen am 18. Oktober 2018 (europäisches Spanisch).
  12. Ehrenhard Skiera: Flamenco-Gitarrenschule. Mit theoretischer und praktischer Einführung, rhythmischen Übungen, Liedtexten, Vorstudien und vollständigen Solostücken. Ricordi, München 1973, S. 25.
  13. Kersten Knipp: Flair der Tropen: die Cantes de ida y vuelta. In: Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8, S. 87–102, hier: S. 94.
  14. Miguel Ortiz: Manuel Escacena – Me gusta por la mañana (Guajira). In: Flamencoviejo.com. 12. Mai 2015, abgerufen am 23. Oktober 2018 (europäisches Spanisch).
  15. alfombra peregrina; wörtlich: Pilgerteppich.