Guédelon

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Die Burg im August 2020
Plan der Anlage

Guédelon ist ein Projekt zur Errichtung einer Burg auf dem Gebiet der französischen Gemeinde Treigny im Département Yonne. Nach den Prinzipien der experimentellen Archäologie werden bei diesem Projekt nur Techniken aus dem 13. Jahrhundert angewandt, der Baubeginn war 1997. Die Fertigstellung der Burg ist für das Jahr 2023 geplant.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Guédelon liegt im Bereich der Gemeinde Treigny nahe den Orten Saint-Sauveur-en-Puisaye und Saint-Fargeau in der Region Burgund. Der Ort befindet sich 150 Kilometer Luftlinie und rund 200 Straßenkilometer südsüdöstlich vom Pariser Zentrum entfernt, und 40 Kilometer südwestlich der Stadt Auxerre. Etwa 30 Kilometer westlich liegt Briare an der Loire. Dort verläuft die Autoroute A 77.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstehung des Projekts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Mauer der Burg Guédelon im Juni 2004
Pferdekarre

Michel Guyot, der Begründer des Projekts, hatte seit den 1970er-Jahren bei der Restaurierung von Schlössern und Burgen in der Region Erfahrungen gesammelt. Mit der Burg Guédelon setzt er einen langgehegten Traum um. Nach längerer Suche nach einem geeigneten Platz, an dem ausreichend Baumaterialien wie Stein, Holz und Wasser zur Verfügung stehen würden, begann man 1997 in einem stillgelegten Steinbruch mit dem Bau. Dabei kamen möglichst nur Methoden des 13. Jahrhunderts zur Anwendung, wie z. B. die Zwölfknotenschnur zum Bestimmen rechter Winkel.

Architektonisches Vorbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das architektonische Muster liefert der zur Zeit von Philipp II., dem französischen König von 1180 bis 1223, geltende Architektur-Kanon des 12. und 13. Jahrhunderts mit dem vom König angeordneten Standard der Festungsarchitektur. Die Schlösser Louvre in Paris, Yèvre-le-Châtel im Loiret wie auch das nahe Schloss Ratilly und die Burgruine in Druyes-les-Belles-Fontaines sind Beispiele dafür.

Die Burgen nach Philippischer Architektur (französisch: architecture philippienne) haben folgende Charakteristika:

  • einen rechteckigen Grundriss
  • hohe Schildmauern, deren unterste Bereiche oft angeschrägt sind und in einem Trockengraben stehen
  • das Burgtor mit den beiden Wehrtürmen
  • zylindrische Ecktürme mit einfachen, wechselständigen Schießscharten auf verschiedenen Niveaus
  • einen Kapellenturm und einen höheren und mächtigeren Hauptturm, den Bergfried
  • dazwischen das sogenannte Châtelet, also ein kleines Quartier für Soldaten, benannt nach dem lateinischen Begriff castrum
  • einen Schachtbrunnen im Burghof

Philipp II., mit dem in Frankreich nach Ablösung der Wahlmonarchie die Erbmonarchie begann, hatte mit geschickten Bündnis- und Eheverträgen eine dauerhafte kapetingische Expansionspolitik begonnen, was die Übernahme eines französischen statt eines burgundischen Architektur-Vorbilds in diesem Teil der Yonne rechtfertigte.[1]

Baufortschritt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Baubeginn 1997 begannen Wissenschaftler der verschiedensten Bereiche, sich für das Projekt zu interessieren. So erhielt das Projekt eine Fachberatung und -begleitung von Kultur-, Bau- und Kunsthistorikern, Architekten und Archäologen. Dabei zeigte sich, dass viele mittelalterliche Bautechniken neu entwickelt werden mussten.

Das Projekt wird unter möglichst authentischen Bedingungen durchgeführt, entsprechend den Grundsätzen der experimentellen Archäologie. Daher tragen die Handwerker und Mitarbeiter mittelalterliche Gewänder. Zum Arbeits- und Gesundheitsschutz werden persönlicher Schutzausrüstungen wie Schutzbrillen, Handschuhe und Stahlkappenschuhen getragen; die Tretkräne erhielten Sicherheitsbremsen. Alle Werkzeuge und Hilfsmittel wie Tretkräne, Lehrgerüste und Gewölbeschalungen werden auf der Baustelle selbst hergestellt. Transporte werden mit großrädrigen Pferdekarren bewerkstelligt.

Zulieferer an der Baustelle sind Handwerker, die unter anderem Dachschindeln, Körbe, Töpferwaren, Fliesen, Nägel, Werkzeuge, Seile, Balken, Wolle und Kleidung herstellen; außerdem werden Pferde, Schafe, Schweine, Gänse, Hühner und Enten gehalten.

Holz für die Gerüste wird im umliegenden Wald geschlagen, Bruchsteine werden in dem alten Steinbruch, in dem sich die Baustelle befindet, mit einfachen, zeittypischen Werkzeugen gebrochen und mit Pferdewagen zu den Steinmetzwerkstätten transportiert. Mörtel wird aus Sand, Ton und gelöschtem Kalk hergestellt. Mörtel und Steine werden in handgefertigten Körben an den Bau gebracht.

Nägel werden in der örtlichen Schmiede von Hand geschmiedet. Einige Rohmaterialien werden angeliefert, zum Beispiel Roheisen von eher geringer Qualität (kein Stahl) oder besagter gelöschter Kalk, da dessen Herstellung vor Ort zu gefährlich wäre. Ausnahme sind auch die Baugerüste, da sie aus Sicherheitsgründen aus mit modernen Methoden bearbeitetem Holz bestehen und mit Metallschrauben verbunden sind.

Unter der Leitung von Michel Guyot arbeiten 50 vollberufliche Arbeiter und in der Hauptsaison bis zu 16 Freiwillige voraussichtlich noch bis 2023 an der Burg. Die Arbeiten ruhen von November bis März jeden Jahres. In dieser Zeit ist die Baustelle auch für Besucher geschlossen.

Tochterprojekt in den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Namen Ozark Medieval Fortress wurde 2008 im US-Staat Arkansas ein Tochterprojekt gestartet, das ebenfalls unter der Leitung von Michel Guyot stand.[2] Es wurde im Jahr 2012 bis auf weiteres geschlossen.[3]

Wirtschaftliche Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Touristische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wohnbau

Im Jahr 1998 hatte das Burgfeld von Guédelon nach Betreiberangaben etwa 65.000 Besucher,[4] In 2005 waren es 245.000, in 2010 320.000 Besucher, davon ungefähr 80.000 Schüler.[4] Gleich viele waren es 2011.[5] In 2014 kamen 297.856, in 2015 kamen 304.189 Besucher.[6] Die Burgbaustelle war 2015 nach der Basilika Sainte-Marie-Madeleine in Vézelay die meistbesuchte Sehenswürdigkeit im Département Yonne.[6]

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst wurde das Projekt von Kritikern als unseriös abgetan. Als die Ernsthaftigkeit, Wissenschaftlichkeit und der Baufortschritt erkannt wurden, förderten der französische Staat und die Europäische Union Guédelon mit 2,5 Millionen Euro, seit Auslauf dieser Förderung trägt sich das Projekt durch Spenden, Eintrittsgelder, Merchandising und Gastronomie.[7]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dokumentarfilmer Reinhard Kungel begleitet die Bauarbeiten seit 2000 mit seinem Filmteam. Neben Dokumentationen über Guédelon für Arte und WDR/SWR realisierte das Team eine dreisprachige DVD. Am 13. September 2016 strahlte Arte die neunzigminütige Dokumentation Guédelon: Wir bauen uns eine Burg aus dem Jahr 2014 aus. 2019 wurde ein zweiter 91-minütiger Teil der Dokumentation mit dem Titel Die Burg-Baustelle gesendet. Beide Dokumentationen sind im Kanal von Arte auf Youtube zugänglich.[8][9] Timeline stellte das Projekt in Can We Build A Castle With Medieval Tools? Secrets Of The Castle vor.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Veruschka-Meike Jähnert: Das Burgbauprojekt Guédelon: Wissensaneignung und -vermittlung bei öffentlich zugänglicher Experimenteller Archäologie. Hamburg, 2015, ISBN 978-3-95934-786-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Guédelon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Guédelon eine Burg entsteht. In: Geschichte und Reenactment. 11. Dezember 2009, abgerufen am 5. Januar 2019.
  2. Michel Guyot, the inventor auf ozarkmedievalfortress.com (Memento vom 27. Oktober 2012 im Internet Archive)
  3. Ozark Medieval Fortress closed this year. Zugriff am 29. März 2016.
  4. a b Rüdiger Hillenbrand, Marianne Hillenbrand: „Vielleicht einfach Glück“. In: Südkurier, Ausgabe vom 8. September 2011.
  5. Presseinformationen des Projekts (französisch) (Memento vom 12. Mai 2012 im Internet Archive)
  6. a b Agence de Developpement Touristique de l’Yonne in Bourgogne: Les site et monuments de l’Yonne. Selbstverlag, Auxerre 2016, S. 2 (PDF-Datei; 772 kB).
  7. Ulrich Traub: Neue, uralte Ritterburg. In: Salzburger Nachrichten, Ausgabe vom 5. April 2003.
  8. Wir bauen uns eine Burg | Doku | ARTE https://www.youtube.com/watch?v=eFvUpxaePS0
  9. Die Burg-Baustelle | Doku | ARTE https://www.youtube.com/watch?v=Q24uef9uyiM
  10. [1]

Koordinaten: 47° 35′ 0″ N, 3° 9′ 21″ O