Gummigeschoss

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Aufbau einer Flintenpatrone mit Gummigeschossen

Als Gummigeschoss (teilweise auch als Gummischrot bezeichnet) wird im Allgemeinen eine spezielle Art von Munition bezeichnet. Diese ist aus Gummi oder anderen Kunststoffen hergestellt. Sie dient vornehmlich zur sogenannten Gefahrenabwehr und wird bei Demonstrationen und Straßenschlachten als nichttödliche, bzw. weniger tödliche Waffe eingesetzt. Gummigeschosse werden in der Regel mit Hilfe eines Gewehrs oder einer Pistole abgefeuert. Es existiert eine Vielzahl außerordentlich verschiedener Gummigeschosse, deren Masse von ca. 0,2 g bis über 100 g betragen kann und die mit Energien von einigen wenigen Joule und über 100 J auftreffen können.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gummigeschosse werden nicht eingesetzt, um Menschen zu töten, sondern um sie abzuschrecken und durch Verletzungen bedingte Kampfunfähigkeit herbeizuführen. Prinzipiell kann aber ein abgefeuertes Geschoss einen Menschen töten, wenn es mit entsprechender Wucht auftrifft. So kann beispielsweise ein Schuss auf den Hals einer Person die Luftröhre quetschen oder unter Umständen sogar die Wirbelsäule brechen und so zum Tode führen. Dies kann allerdings nur bei schweren, energiereichen Gummigeschossen eintreten. Im Nordirlandkonflikt kamen nachweislich 17 Menschen durch den Einsatz von Gummigeschossen, deren Masse 135 g betrug und die über 200 J Energie besaßen, ums Leben. Gummigeschosse, deren Energie 10 J oder weniger beträgt, sind nicht lebensbedrohend, jedoch ist der Verlust des Augenlichts möglich[1]. Vornehmlich soll deswegen auf die Beine oder den Rumpf der Angreifer gezielt werden, um eine Gefährdung so gering wie möglich zu halten. Das Problem hierbei ist, dass das Zielvermögen eines Polizisten während einer Straßenschlacht oder Demonstration eingeschränkt sein kann.

Einsatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zürcher Polizeibeamte mit MZW (Mehrzweckwerfer). Mit diesem Gerät lassen sich Gummischrotpakete wie auch Tränengaskanister verschießen.

Zum Einsatz kommen Gummigeschosse zumeist bei Einsätzen der Polizei oder auch des Militärs, bei denen – häufig in Verbindung mit Wasserwerfern und Tränengas – Demonstranten und gewaltbereite Personen auf Distanz zu den Polizeibeamten oder einem zu schützenden Objekt gehalten werden sollen. Eingesetzt wurden die Gummi- und Kunststoffgeschosse insbesondere im Nordirlandkonflikt seit 1968.

In den meisten europäischen Staaten ist der Polizei der Einsatz von Gummigeschossen untersagt, als Ersatz werden zumeist Wasserwerfer eingesetzt. Belgische Nato-Soldaten setzten Gummigeschosse gegen afghanische Demonstranten ein.[2] Die Polizeikorps in der Schweiz setzen Gummischrotwerfer auf der Basis des W 73/MZW 91 ein, die ein Paket von 35 sechseckigen, 10 Gramm schweren Hartgummiprojektilen verschießen. Auch in Deutschland werden Gummigeschosse von der Polizei vereinzelt eingesetzt, so zum Beispiel während der Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg 2017.[3]

Die Guardia Civil in Spanien setzt Schießbecher als Aufsatz auf Repetierschrotflinten (sog. „Pump-Gun“) ein. Aus diesen Waffen werden mit Hilfe einer Starterpatrone verschiedene Projektile aus dem Becher geschossen. Wie in der Schweiz sind diese Waffen in der Lage, sowohl Gummigeschosse, Gummischrotpakete oder Tränengasgeschosse zu verschiessen.[4]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Gewerkschaft der Polizei (GdP) lehnte den Einsatz von Gummigeschossen ab. Deren ehemaliger Vorsitzender Konrad Freiberg sagte, Distanzwaffen mit Gummigeschossen seien kein geeignetes Einsatzmittel, die Gefahr für Unbeteiligte sei zu groß.[2] Frank Richter, Vorsitzender der GdP Nordrhein-Westfalen, erklärte 2012 in diesem Zusammenhang: „Wer Gummigeschosse einsetzen will, nimmt bewusst in Kauf, dass es zu Toten und Schwerverletzten kommt. Das ist in einer Demokratie nicht hinnehmbar.“[5] Im Gegensatz dazu forderte die Deutsche Polizeigewerkschaft die Einführung von Gummigeschossen. Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende, äußerte sich dahingehend, dass die geeigneten Distanzmittel zwischen 30 und 40 Metern fehlen.[6]

Die Schweizer Vereinigung unabhängiger Ärztinnen und Ärzte forderte ein Verbot der Munition. Seit September 2013 steht der Einsatz von Gummigeschossen schweizweit erneut in der Kritik, als eine Neunzehnjährige während Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten in Winterthur nach eigener Aussage am Auge getroffen wurde und über 80 % der Sehkraft verlor, während sie sich hinter Autos in Sicherheit bringen wollte.[7][8][9] Die Jungen Grünen forderten als Folge ein Verbot von Gummigeschossen.[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gummigeschoss – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Gummigeschoss – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sellier K., Kneubuehl B.: Wundballistik und ihre ballistischen Grundlagen. 2. Auflage. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg 2001, ISBN 3-540-66604-4, S. 319 ff.
  2. a b Yassin Musharbash, Christian Stöcker: Demo-Waffen: Höllenlärm, Hitzestrahlen, Pflastersteine. In: spiegel.de. 5. Juni 2007, archiviert vom Original am 4. März 2017; abgerufen am 17. April 2018.
  3. Protokoll/Wortprotokoll der öffentlichen Sitzung des Innenausschusses. Parlamentsdatenbank Hamburgische Bürgerschaft, 19. Juli 2017, S. 56, archiviert vom Original am 25. August 2017; abgerufen am 17. April 2018 (PDF, 5,8 MB).
  4. Protest gegen Krise in Spanien: Polizei setzt Gummigeschosse ein. In: n-tv.de. 26. September 2012, archiviert vom Original am 17. März 2017; abgerufen am 17. April 2018.
  5. GdP NRW: Einsatz von Gummigeschossen ist unverantwortlich - Gewerkschaft der Polizei. In: gdp.de. 5. Juni 2012, archiviert vom Original am 4. April 2016; abgerufen am 17. April 2018.
  6. Christoph Schäfer: „Wir brauchen Gummigeschosse“. In: sueddeutsche.de. 13. Dezember 2008, archiviert vom Original am 13. Januar 2017; abgerufen am 17. April 2018.
  7. Mirko Plüss: Winterthur/Zürich: Obergericht fordert Gummischrot-Listen, Zeugenaussagen und einen Spitalbericht. In: landbote.ch. 6. Mai 2015, archiviert vom Original am 4. März 2017; abgerufen am 17. April 2018.
  8. Jakob Bächtold: Winterthur: Verfahren gegen Polizei wegen Gummischroteinsatz wird eingestellt. In: landbote.ch. 5. Juni 2016, archiviert vom Original am 4. März 2017; abgerufen am 17. April 2018.
  9. Winterthur: Tanzdemo: Verletzte Frau geht nicht vor Bundesgericht. In: landbote.ch. 6. Juli 2016, archiviert vom Original am 4. März 2017; abgerufen am 17. April 2018.
  10. Junge Grüne für Gummischrot-Verbot. In: nzz.ch. 11. Oktober 2013, archiviert vom Original am 5. März 2017; abgerufen am 17. April 2018.