Grüne Männchen

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Vor dem Flughafen Simferopol (Februar 2014)

„Grüne Männchen“ (russisch зелёные человечки; ukrainisch зелені чоловічки), auch bezeichnet als „Höfliche Menschen“ (russisch Вежливые люди), sind bewaffnete und maskierte Angehörige der russischen Streitkräfte, die im Laufe des Ukrainekriegs erstmals auf der Krim und später im Osten des Landes eingesetzt wurden. Die Soldaten waren mit grünen Ratnik-Uniformen, Sturmhauben und russischem Kriegsgerät ausgestattet und trugen keine Hoheitszeichen. Sie erschienen zu Beginn der Krim-Annexion auf der Krim, blockierten und besetzen Verwaltungsgebäude und ukrainische Kasernen und hinderten die ukrainischen Streitkräfte am Eingreifen gegen das Referendum über den Status der Krim.[1]

Aufgrund der Farbe ihrer Uniformen wurden sie als „grüne Männchen“ bezeichnet.[2] Diese Bezeichnung wurde erstmals von der Krim-Bevölkerung verwendet in Anspielung darauf, dass die Truppen scheinbar aus dem Nichts kamen.[3][4]

Operationen und Ausrüstung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor einer ukrainischen Kaserne (März 2014)

Die ersten grün uniformierten Soldaten ohne Hoheitsabzeichen erschienen auf der Krim Ende Februar 2014.[5] Sie waren mit Ratnik-Kampfanzügen der russischen Infanterie ausgestattet.[6]

Im März 2014 begannen die „grünen Männchen“, sich aktiv an militärischen Operationen auf der Krim zu beteiligen. Sie blockierten Straßen, besetzen Verwaltungsgebäude, Polizeistationen, militärische Einrichtungen und den internationalen Flughafen von Simferopol.[6][7] Sie übernahmen die Kontrolle über ukrainische Regierungseinrichtungen und besetzen am 27. Februar das Gebäude des Obersten Rats der Krim.[8][9]

Die „grünen Männchen“ wurden seit Anfang April 2014 auch in der Ostukraine eingesetzt, vor allem in den ukrainischen Gebietskörperschaften Donezk und Luhansk.[6][10] Sie gehen dabei nach denselben Mustern vor wie bei der Besetzung und Annexion der Krim im Februar und März 2014.[6] Im Donezkbecken haben sie Gefolgsleute organisiert, die für ein Handgeld von bis zu 500 US-Dollar Angriffe auf ukrainische Einrichtungen ausführen.[11] An den Aktionen der „grünen Männchen“ beteiligen sich neben den örtlichen Gefolgsleuten auch russische Freiwillige und Soldaten des Bataillons Wostok aus Tschetschenien. Waffennachschub erfolgt über die lange und von der ukrainischen Armee praktisch nicht zu kontrollierende Grenze der beiden Provinzen zu Russland.[6]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Russland bestritt zunächst jede Verbindung zu den „grünen Männchen“. Russland erklärte anfangs, bei den Männern handele es sich um örtliche „Selbstverteidigungsgruppen“, die ihre Uniformen und Waffen in örtlichen Geschäften gekauft hätten.[8] Nach Berichten internationaler Medien waren die Truppen mit Waffen ausgerüstet, die von der russischen Armee verwendet werden, ihre Kraftfahrzeuge hatten russische Nummernschilder und die Männer sprachen in einem zentral-russischen Dialekt, der sich von der auf der Krim heimischen südrussischen Mundart unterscheidet.[4][12] Dafür, dass diese Gruppen russische Berufssoldaten waren, spricht nach Otto Luchterhandt unter anderem die einheitlich russische und hochmoderne Uniformierung und Ausrüstung, die gut koordinierte militärische Führung der Verbände, die Großräumigkeit und Koordination der militärischen Aktionen, insbesondere die flächendeckende Einkesselung und Besetzung der ukrainischen Militärstandorte, sowie Kaperung der ukrainischen Kriegsschiffe und die strikte Weigerung, Auskunft über Herkunft und Auftrag zu geben.[4]

In einigen Fällen konnten GRU-Soldaten, die Fotos auf ihren sozialen Netzwerken eingestellt hatten und mit ihren Namensschildern nachlässig umgegangen waren, über Facebook identifiziert werden.[4]

Im März 2015 gab der russische General Igor Kassatonow in einem Interview mit RIA Novosti bekannt, dass die „grünen Männchen“ Mitglieder einer Spezialeinheit des russischen militärischen Nachrichtendienstes GRU waren.[13] Laut Kassonow wurde der Einsatz russischer Spezialeinheiten durch Täuschung- und Verschleierungsmaßnahmen (Maskirowka) und Desinformation begleitet.[13][14] Die Schwarzmeerflotte habe die russische Machtübernahme auf der Krim ab dem 23. Februar ermöglicht. Offiziere seien in die Pläne eingeweiht gewesen und hätten militärische Stellungen auf der Krim für den Transport der „höflichen Menschen“ vorbereitet. Militärgerät wurde auf Schiffen aus Noworossijsk auf die Krim gebracht und während des Transports wurde Funkstille eingehalten. Die Truppenverlegung auf die Krim erfolgte nach Kassatonows Angaben über die Luft, in Katscha bei Sewastopol landeten sechs Helikopter und drei IL-76-Flugzeuge.[13]

In einer Fernsehfragestunde am 17. April 2014 wurde Präsident Putin gefragt, wer die „grünen Männchen“ auf der Krim waren. Putin räumte ein, dass es sich bei den grün uniformierten Truppen um russische Soldaten handelte, die auf der Krim eingesetzt wurden.[8][12] Die Lage auf der Krim habe den Einsatz russischer Streitkräfte „notwendig gemacht“, so Putin.[15]

Die Soldaten rekrutierten sich aus der in Toljatti stationierten 3. Garde-Spezialaufklärungsbrigade, die zuvor im Tschetschenien- und Georgienkrieg eingesetzt wurde, und dem 45. Garderegiment der Luftlandetruppen für besondere Aufgaben.[4][6] Auf der Krim stellten die „grünen Männchen“ die Vorhut[11] und waren Teil von insgesamt 11.000 bis 30.000 Soldaten, die an der russischen Militärintervention in der Ukraine beteiligt waren.[6]

Teil der hybriden Kriegsführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Einsatz der „grünen Männchen“ in der Ukraine hat verstärkte Debatte über hybride Kriegsführung angeregt.[16] Bei einem Hybridkrieg wird anstelle einer offenen militärischen Invasion eine Kombination aus geheimdienstlichen Operationen, Unterstützung von Aufständischen, Desinformation und anderen Methoden verwendet, um den Gegner anzugreifen. Entscheidend ist, dass der Aggressor diese Handlungen gegenüber der örtlichen und internationalen Gemeinschaft glaubhaft abstreitet.[17] Russlands anfängliche Leugnung einer Beteiligung schuf Verwirrung und sorgte dafür, dass die Ukraine und westliche Verbündete nicht vollständig sicher waren, ob es sich um russische Truppen handelte. Diese als „Maskirowka“ bekannte Täuschungs- und Verschleierungsstrategie gab den russischen Truppen genug Zeit, um die Kontrolle über die Halbinsel zu übernehmen.[18] In Teilen der Ostukraine waren die Bedingungen für einen russischen Hybridkrieg besonders günstig: eine große militärische und nachrichtendienstliche Präsenz Russlands, Dominanz russischer Medien und Entfremdung der Bevölkerung von der neuen Regierung in Kiew. Auf der Krim und in der Ostukraine wurden die Elemente der hybriden Kriegsführung so erfolgreich eingesetzt, dass einige Menschen sogar nach Präsident Putins Eingeständnis glauben, die „grünen Männchen“ seien örtliche Kräfte gewesen.[17]

Denkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denkmal in Simferopol (2016)

Am 11. Juni 2016 wurde in Simferopol ein Denkmal für die „Höflichen Menschen“ eröffnet.[19]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: „Höfliche Menschen“ – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. So kam es zur sogenannten „Ukraine-Krise“. In: Huffington Post, 28. Dezember 2015, abgerufen am 19. Oktober 2016.
  2. Kleine grüne Männchen, ein Hybridkrieg und die Probleme der Nato. In: Die Welt, 25. Juni 2014, abgerufen am 19. Oktober 2016.
  3. Peter Hilpold: Ukraine, Crimea and New International Law: Balancing International Law with Arguments Drawn from History. In: Chinese Journal of International Law. 14, Nr. 2, 2015, S. 237–270.
  4. a b c d e Otto Luchterhandt: Der Anschluss der Krim an Russland aus völkerrechtlicher Sicht. In: Archiv des Völkerrechts. 52, Nr. 2, Juni 2014, S. 137–174.
  5. Niels Annen: Russia: Dealing with an awkward partner. Friedrich-Ebert-Stiftung, Juli 2015.
  6. a b c d e f g Hannes Adomeit: Russische Militärstrategie: Die Lehren der russischen Generäle. In: Neue Zürcher Zeitung, 18. Juli 2014.
  7. Stefanie Bolzen und Christoph B. Schiltz: Operation grüne Männchen. In: Welt Online, 31. Januar 2016.
  8. a b c Veronika Bílková: The Use of Force by the Russian Federation in Crimea. In: Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. 75, Nr. 1, 2015, S. 27–50.
  9. Als Putin die grünen Männchen rief. In: N-tv, 2. März 2015.
  10. Iulian Chifu und Andreea Ibănescu: The frozen conflicts seem to melt down. In Iulian Chifu und Simona Țuțuianu: Torn Between East and West: Europe's Border States. Routledge, New York 2017, ISBN 978-1-4724-7579-4, S. 148.
  11. a b Josef Joffe. Der Krieg der kleinen grünen Männchen. In: Zeit Online, 17. April 2014.
  12. a b Antonello Tancredi: The Russian annexation of the Crimea: questions relating to the use of force. In: Questions in International Law. 1, 2014, S. 3–34.
  13. a b c Адмирал Касатонов: Севастополь готовится к базированию "Мистраля". In: RIA Novosti, 13. März 2015. Archiviert vom Original am 25. Oktober 2016. 
  14. Keir Giles: Russia's 'New' Tools for Confronting the West: Continuity and Innovation in Moscow's Execise of Power. Chatham House, März 2016, S. 54.
  15. Putin und die Ukraine: „Auf der Krim standen auch unsere Truppen.“ In: Der Tagesspiegel, 17. April 2014, abgerufen am 19. Oktober 2016.
  16. Bastian Geigerisch: Hybrid Warfare and the Changing Character of Conflict. In: Connections: The Quarterly Journal. 15, Nr. 2, 2016, S. 65–72.
  17. a b Nico Popescu: Hybrid tactics: neither new nor only Russian. In: European Union Institute for Security Studies, Januar 2015.
  18. Mark Galeotti: Hybrid War and Little Green Men: How It Works and How It Doesn't (Memento des Originals vom 27. November 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/shron.chtyvo.org.ua. In Agnieszka Pikulicka-Wilczewska und Richard Sakwa: Ukraine and Russia: People, Politics, Propaganda and Perspectives. E-International Relations, Bristol 2015, ISBN 978-1-910814-00-0, S. 156–164.
  19. „Вежливые люди“ из бронзы появились в Симферополе. In: BBC, 11. Juni 2016, abgerufen am 19. Oktober 2016 (russisch).