Ha’avara-Abkommen

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Haʿavara-Abkommen (hebräisch הֶסְכֵּם הַעֲבָרָה Heskem Haʿavarah, deutsch ‚Abkommen der Übertragung‘) bzw. Palästina-Transfer, auch Hoofien-Abkommen nach Sigmund Hoofien, dem damaligen Direktor der Anglo-Palestine Bank, war der Name einer am 25. August 1933 geschlossenen Vereinbarung, die nach dreimonatigen Verhandlungen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem deutschen Reichsministerium für Wirtschaft zustande kam. Sie sollte die Emigration deutscher Juden nach Palästina erleichtern und gleichzeitig den deutschen Export fördern (u. a. als Gegenmaßnahme zum Anti-Nazi Boykott von 1933).

Durchführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. November 1933 wurde die Trust and Transfer Office Haʿavara Ltd. eingetragen, quasi als privates Unternehmen. Die Zionistische Weltorganisation billigte dann auf ihrer Konferenz am 20. August 1935 in Luzern mit Mehrheit den Haʿavara-Abschluss und nahm sogar deren ganze Tätigkeit in eigene Regie.

Die britische Verwaltung Palästinas verlangte von den Einwanderungswilligen ein Einwanderungszertifikat (Kapitalistenzertifikat) und, damit verbunden, den Nachweis finanzieller Mittel in Höhe von 1.000 £P (Palästina-Pfund) pro Kopf, was etwa 8.000 ℛℳ (Reichsmark) entsprach. Nach den deutschen Devisenbestimmungen – der Reichsfluchtsteuer beschlossen 1931 im Zuge der Weltwirtschaftskrise, offiziell zur Eindämmung von Kapitalflucht bzw. Devisenspekulation, ab 1933 aber instrumentalisiert, um Vermögen auswandernder vor allem jüdischer Deutscher per Steuer zu konfiszieren[1] – wurden von Auslandsüberweisungen hohe Abschläge einbehalten.

Das Haʿavara-Abkommen erlaubte nun den Betroffenen, einen Teil ihres Vermögens nach Palästina zu transferieren, während eine Summe, die ein bestimmter Prozentsatz des zu übertragenen Vermögens ausmachte, im Rahmen der Reichsfluchtsteuer vom deutschen Fiskus einbehalten wurde. Anfangs betrug dieser Steuersatz 25% und wurde im Zuge der verstärkten staatlich gelenkten Abpressung des Vermögens von Juden sukzessive erhöht. Gegenüber anderen Exilländern erhob der deutsche Fiskus auf Transfers nach Palästina einen geringeren Satz der Reichsfluchtsteuer. Anders gesagt, deutschen Flüchtlingen auf dem Weg nach Palästina knöpfte der Fiskus beim Versuch, zumindest Teile ihres Vermögen mitzuretten, weniger Reichsfluchtsteuer ab als ihresgleichen auf der Flucht in andere Exilländer. Jüdische deutsche Auswanderer zahlten in Reichsmark eine Summe auf ein deutsches Konto des Transfer Office ein und beglichen parallel den darauf anfallenden Betrag an Reichsfluchtsteuer auf ein Konto des Fiskus.

Mit den Guthaben auf deutschen Konten des Transfer Office wurden deutschen Herstellern Güter bezahlt, die dann nach Palästina exportiert wurden, während der Importeur dort den Gegenwert in Palästina-Pfund auf ein Konto des Transfer Office in Palästina einzahlte. Das palästinensische Currency Board hielt das Palästina-Pfund bis Mai 1948 auf pari zum Pfund Sterling. In anderen Fällen brachten Auswanderer die von ihnen durch das Transfer Office bezahlten und dann exportierten Maschinen als Beteiligung in palästinensische bestehende oder neu gegründete Unternehmen ein, und erhielten statt eines Pfundguthabens dann Anteile an diesen Unternehmen. so entstanden viele neue Unternehmen in Palästina. Diese Anteile wiederum konnte der künftige Auswanderer, sofern er die 1.000 Palästina-Pfund noch zusammenbringen musste, um ein Kapitalistenzertifikat genanntes Einreisevisum für Palästina erteilt zu bekommen, durch beauftragte Treuhänder an Investoren verkaufen, die die Anteile in Pfund bezahlen konnten. Auch diese Zahlungen gingen auf palästinensische Konten des Transfer Office. Bei der Ankunft in Palästina erhielten die Auswanderer aus solchen Pfund-Guthaben auf palästinensischen Konten des Transfer Office dann den in Deutschland gezahlten Transferbetrag in palästinensischen Pfund erstattet.

Wegen der strikten Zuteilung deutscher Deviseneinnahmen vorrangig für Importe des deutschen Rüstungsbedarfs mussten auch alle übrigen Zahlungen zwischen Deutschland und Palästina über Konten des Transfer Office laufen. So bekamen nichtjüdische Palästinadeutsche in Sarona oder Bir Salem von Jahr zu Jahr weniger Zitusexporte bezahlt, womit den deutschen Verbrauchern ihre so beliebten Jaffa-Orangen zunehmend vorenthalten wurden, während zugleich die Reichsregierung weniger und weniger Palästina-Pfund auf Konten des Transfer Office für Spenden und laufende Zuschüsse bewilligte, die deutsche Organisationen[2] an ihre vielen karitativen Einrichtungen in Palästina[3] und für Lohnzahlungen an dort tätige auslandsdeutsche Expats brauchten. Entsprechend wurden auslandsdeutsche Fachkräfte ins Reich zurückgesandt und das karitative Wirken mehr und mehr zurückgeführt.

Der Vertrag wurde von etwa 50.000 bis 60.000 jüdischen Deutschen genutzt, zum geschätzten Preis von 140 Millionen Reichsmark wurden Waren und Güter exportiert, wodurch entsprechende Zahlungen der Importeure in Palästina-Pfund zusammenkamen. Ab 1937 blockierten die britischen Behörden aufgrund des Aufstands der arabischen Bevölkerung zunehmend die Ausführung. Mit Kriegsbeginn 1939 war der Devisentransfer (obwohl formal zulässig bis 1941) nicht mehr möglich.

Zeitgenössische Kritik und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Palästina und im Ausland wurde das Abkommen einzelner jüdischer Organisationen mit dem nationalsozialistischen Deutschland heftig kritisiert. Auf dem 18. Zionistenkongress 1933 in Prag etwa bezeichnete der Schriftsteller Schalom Asch das Abkommen mit Hitlers Regime als „Verrat am Weltjudentum“. Chaim Arlosoroff, der damalige Verhandlungsführer der Jewish Agency, wurde wahrscheinlich deshalb im Juni 1933 Opfer eines Mordanschlags.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute wird das Haʿavara-Abkommen von Investigativjournalisten wie Edwin Black und Zionismuskritikern wie Lenni Brenner herangezogen, um eine Interessengemeinschaft von Zionismus und Nationalsozialismus zu belegen. Eine Gegenposition hierzu vertritt Alexander Schölch in seiner Studie Das Dritte Reich, die zionistische Bewegung und der Palästina-Konflikt.[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edwin Black: The Transfer Agreement. The Dramatic Story Of The Pact Between The Third Reich And Jewish Palestine. 25. Anniversary ed. Dialog Press, 2009, ISBN 978-0-914153-13-9 (englisch, Erstausgabe: 1984).
  • Avraham Barkai: German Interests in the Haʿavara-Transfer Agreement 1933–1939. In: Yearbook of the Leo Baeck Institute. Band 35, 1990, S. 245–266, doi:10.1093/leobaeck/35.1.245 (englisch).
  • Werner Feilchenfeld, Dolf Michaelis, Ludwig Pinner: Haʿavara-Transfer nach Palästina und Einwanderung deutscher Juden 1933–1939 (= Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts. Bd. 26). Mohr, Tübingen 1972, ISBN 3-16-833851-6.
  • Tom Segev: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-498-06244-1, speziell S. 31 ff.
  • Yfaat Weiss: Haʿavara-Abkommen. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 2: Co–Ha. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02502-9, S. 490–494.
  • David Yisraeli: The Third Reich and the Transfer Agreement. In: Journal of Contemporary History. Band 6, Nr. 2, 1971, S. 129–148, doi:10.1177/002200947100600207 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Avraham Barkai: Vom Boykott zur „Entjudung“. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1987, S. 111ff.
  2. Diese waren z.B. der Jerusalemsverein, Verein für das Syrische Waisenhaus, Verein vom Heiligen Lande und andere.
  3. Diese waren z.B. das Diakonissenkrankenhaus Jerusalem, das Galiläische, Philistäische und Syrische Waisenhaus, das Aussätzigenasyl Jesushilfe, Talitha Kumi, die Karmelmission, das Auguste-Viktoria-Hospital oder deutsche Auslandsschulen wie jene in Sarona
  4. Alexander Schölch: Das Dritte Reich, die zionistische Bewegung und der Palästina-Konflikt. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 30, Nr. 4, 1982, S. 646–674 (ifz-muenchen.de [PDF]).