Hagalaz

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Hagalaz () ist die neunte Rune des älteren Futhark und die siebte Rune des altnordischen Runenalphabets[1][2] mit dem Lautwert h. Der rekonstruierte urgermanische Name bedeutet „Hagel“. Diese Rune erscheint in den Runengedichten als altnordisch hagall, altenglisch hægl bzw. gotisch haal.[3]

Runengedichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name der Rune ist in drei der überlieferten Runengedichten zu finden:

Runengedicht[4] Deutsche Übersetzung

Altnorwegisch
Hagall er kaldastr korna;
Kristr skóp hæimenn forna.


Hagel ist das kälteste Korn;
Christus[Anmerkung 1] schuf die alte Welt.

Altisländisch
Hagall er kaldakorn
ok krapadrífa
ok snáka sótt.


Hagel ist das kälteste Korn
und Schauer von Graupel
und Krankheit der Schlangen.

Altenglisch
Hægl byþ hwitust corna;
hwyrft hit of heofones lyfte,
wealcaþ hit windes scura;
weorþeþ hit to wætere syððan.


Hagel ist das weißeste der Körner;
es fällt herab aus Himmels Luft
und von Windböen verweht;
wo es wird zu Wasser sodann.

Zeichenkodierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unicode Codepoint U+16BA U+16BB U+16BC U+16BD
Unicode-Name RUNIC LETTER HAGLAZ H RUNIC LETTER HAEGL H RUNIC LETTER LONG-BRANCH-HAGALL H RUNIC LETTER SHORT-TWIG-HAGALL H
HTML ᚺ ᚻ ᚼ ᚽ
Zeichen

Rassistische und rechtsextreme Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der antisemitische Ariosoph Guido von List entwarf 1908 ein Runen-System, in dem die jüngere Hagal-Rune die „Mutter“-Rune bildete.[5]

Werner von Bülow gab der Zeitschrift der 1925 gegründeten esoterisch-rassistischen Edda-Gesellschaft 1929 den Namen Hag All All Hag, später schlicht Hagal, nach der Rune. Die Zeitschrift bestand bis 1939. Ihre Autoren deuteten die Machtergreifung des Nationalsozialismus als Ergebnis kosmischer Gesetze, propagierten die Unterordnung des Individuums unter die faschistische Idee der Volksgemeinschaft, beschrieben „arische“ Familientraditionen von SS-Mitgliedern wie Karl Maria Wiligut, begrüßten den Anschluss Österreichs und weitere deutsche Annexionen in Osteuropa.[6]

Karl Maria Wiligut schenkte dem „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler 1934 ein „Ur-Vatar-Unsar“, das Runen aus dem jüngeren Futhark, darunter die Hagal-Rune, in Gebetsform als Gottesnamen darstellte: „Vatar unsar, der Du bist der Aithar. Gibor ist Hagal des Aithars und der Irda!“.[7] Wiligut entwarf im Auftrag Himmlers auch einen „Ehrenring“ für SS-Mitglieder, der neben dem Hakenkreuz, der Siegrune und dem SS-Totenkopf auch die Hagal-Rune trug. Den Ring sollten anfangs nur SS-Führer aus der „Kampfzeit“ vor 1933 mit einer Mitgliedsnummer unter 5000 erhalten. Seit Beginn des Zweiten Weltkriegs (1. September 1939) wurde der Ring jedoch an fast jeden SS-Führer vergeben, besonders an alle Absolventen der SS-Junkerschulen.[8] Zu jeder Rune des SS-Ehrenrings gehörten Sinnsprüche, die Wiligut fast wörtlich aus Guido von Lists Buch Geheimnis der Runen (1908) übernommen hatte. Der Spruch zur Hagal-Rune lautete: „Umhege das All in Dir und Du wirst das All beherrschen“.[9] Die 6. SS-Gebirgs-Division „Nord“ verwendete die Hagal-Rune als ihr Kennzeichen, auch auf Militärfahrzeugen an der Ostfront.[10]

Rechtsextreme Esoteriker verwenden die sechsgliedrige Hagal-Rune als Symbol für das Allumfassende, Tod und Leben, etwa auf Grabsteinen anstelle des christlichen Kreuzes.[11] Auch die 1998 gegründete Deutsche Heidnische Front verwendete die Hagal-Rune als ihr Symbol.[12] Im selben Jahr wurde in Dresden erneut eine nach der Rune benannte rechtsextreme Zeitschrift Hagal gegründet. Sie veröffentlicht Artikel zum Neuheidentum, zu Theoretikern des Faschismus wie Julius Evola und zur Dark-Wave-Szene. Die neurechte Zeitschrift Junge Freiheit lobte sie dafür.[13]

Das seit 2017 auftretende Internet-Netzwerk Reconquista Germanica verwendet eine Variante der Hagal-Rune auf schwarzem Grund als ihr Logo.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klaus Düwel: Runenkunde (= Sammlung Metzler. Bd. 72). 3., vollständig neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 2001, ISBN 3-476-13072-X.
  2. Raymond I. Page: Runes. University of California Press, Berkeley CA u. a. 1987, ISBN 0-520-06114-4.
  3. Thesaurus Indogermanischer Text- und Sprachmaterialien
  4. Originaltexte von der Rune Poem Page (Memento des Originals vom 1. Mai 1999 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ragweedforge.com
  5. Ian Baxter: Waffen-SS on the Eastern Front 1941-1945: Images of War. Pen & Sword Books Ltd, 2014, ISBN 1781591865, S. 38
  6. Nicholas Goodrick-Clarke: Occult Roots of Nazism: Secret Aryan Cults and Their Influence on Nazi Ideology. New York University Press, New York 1994, ISBN 0814730604, S. 160 und Fußnoten 15-17 auf S. 254
  7. Alexandra Pesch: Noch ein Tropfen auf die heißen Steine - Zur 1992 entdeckten Runeninschrift auf den Externsteine. In: Wilhelm Heizmann, Astrid van Nahl: Runica - Germanica - Mediaevalia (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände, Band 37). (2003) De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 3110177781, S. 567–580, hier S. 575 und Fn. 23
  8. Knut Stang: Ritter, Landsknecht, Legionär: militärmythische Leitbilder in der Ideologie der SS. Peter Lang, 2009, ISBN 3631580223, S. 133
  9. Rüdiger Sünner: Schwarze Sonne: Entfesselung und Missbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik. Herder, 2003, ISBN 3451052059, S. 90
  10. Ian A. Baxter: Eastern Front: The SS Secret Archives. Spellmount, 2003, ISBN 1862272220, S. 83
  11. Claudia Hempel: Wenn Kinder rechtsextrem werden: Mütter erzählen. Zu Klampen, 2008, ISBN 3866740212, S. 192
  12. Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten: Hintergründe - Analysen - Antworten. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN ISBN 978-3-658-01984-6, S. 328
  13. Stefan von Hoyningen-Huene: Religiosität bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen. LIT, Münster 2003, ISBN 3-8258-6327-1, S. 228

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Einfluss christlicher Motive in das altnorwegische Runengedicht (ca. 14. Jahrhundert)