Haiangriffe vor La Réunion

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Seit dem Jahr 2011 hat sich eine Reihe von Haiangriffen an der Westküste der Insel La Réunion im Indischen Ozean ereignet. Bisher verliefen zehn davon tödlich (Stand April 2017). Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, an den Küstengewässern von La Réunion Opfer eines Haiangriffs zu werden, derzeit[1] 1000 Mal höher als an den Küsten Australiens und Nordamerikas, wo sich bislang die meisten Haiunfälle ereignet hatten.[2] Damit gehören die Strände von La Réunion neben dem Second Beach in Port St Johns, Südafrika, den Stränden bei Recife in Brasilien (siehe auch Haiangriffe vor Recife), Makena Beach auf Maui/Hawaii und Surf Beach/Kalifornien zu den Küstenregionen, wo sich eine statistisch signifikante Anzahl von Haiangriffen angehäuft hat.[3] Bullen- und Tigerhaie werden für die Unfälle verantwortlich gemacht.

Relief der Insel La Réunion
Lagune bei La Réunion
Hafen von Saint-Gilles
Surfer am Strand von Saint Leu
Warnhinweisschild am Strand
Bullenhai
Tigerhai
Liste der Opfer durch Haiangriffe vor La Réunion[4]
Aktivität und Verletzungen Name des Opfers Datum und Angriffszeit Strandabschnitt/Region
Body Boarder, tödlicher Unfall Adrien Dubosc † 29. April 2017, 11:45 Saint-Leu
Bodyboarder, tödlicher Unfall Alexandre Naussac[5] † 21. Februar 2017, 09:00 Mündung Rivière du Mât, Saint-André
Surfer, Verlust des rechten Armes und eines Fußes[6] Laurent Chardard 27. August 2016, 17:00 Saint Gilles, Boucan Canot
Surfer, tödlicher Unfall Elio Canestri [7] † 12. April 2015, morgens Les Aigrettes
Schwimmerin, tödlicher Unfall Talon Bishop † 14. Februar 2015, 18:30 d’Étang-Salé
Surfer, schwere Bisswunden an der rechten Seite Vincent Rintz 22. Juli 2014, 15:00 Saint-Leu
Bodyboarder, rechtes Bein schwer verletzt G. Tanguy 26. Oktober 2013, 16:30 d’Étang-Salé
Schwimmerin, tödlicher Unfall Sarah Roperth † 15. Juli 2013, 14:26 St. Paul, Le cimetière marin
Surfer, tödlicher Unfall Stéphane Berhamel † 8. Mai 2013, 08:20 St Gilles, Brisant Beach
Surfer, Verletzung an rechter Hand und Fuß Fabien Bujon 6. August 2012, 17:17 Saint-Leu
Surfer, tödlicher Unfall Alexandre Rassica † 23. Juli 2012, 16:30 Trois-Bassins
Bodyboarder, keine Verletzung, Biss in das Board Gerard Itema 5. März 2012, 14:30 Saint-Benoit, Port de la Marine
Taucher, Speerfischer, Biss in den linken Fuß Jean-Paul Delaunay 11. November 2011, Morgendämmerung Bois-Blanc, Sainte-Rose
Frauenleiche gefunden mit Bissspuren von Haien unbekannt † 13. Oktober 2011 Réunion
Kanufahrer, Angriff ohne Verletzung Jean-Pierre Castellani 5. Oktober 2011, 10:00 Cap La Houssaye in Saint-Paul
Surfer, tödlicher Unfall Mathieu Schiller † 19. September 2011, 15:30 Saint Gilles, Boucan Canot
Kajakfahrer, Angriff ohne Verletzung unbekannt 15. Juli 2011 Saint Gilles
Surfer, Angriff auf das Surfboard, nur leichte Verletzungen Arnaud Dussel 6. Juli 2011, 15:00 Saint Gilles, Roches Noires
Body Boarder, tödlicher Unfall Eddy Auber † 15. Juni 2011, 17:30 St Gilles les Bains, Boucan Canot
Surfer, schwere Verletzung am linken Bein Eric Dargent 19. Februar 2011, 18:30 Saint-Gilles, Trois-Roches

Angriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Angriffe ereigneten sich häufig, wie auch im Fall von Mathieu Schiller, wenige Meter vom Ufer entfernt. Schiller wurde am Nachmittag mehrfach von einem Hai angegriffen. Beim zweiten Mal war die Attacke tödlich und Schiller verblutete. Hieraus ließ sich jedoch noch kein Muster zum typischen Jagdverhalten von Bullenhaien ableiten, welche häufig ihre Beute überrumpeln und schwer verwunden und erst bei der zweiten Attacke das Opfer töten und in die Tiefe ziehen. Eine andere Variante geht davon aus, dass der durch den Haiangriff tödlich verletzte Surfer in der Brandung von einer Welle erfasst und auf das offene Meer hinaus getrieben wurde.[8] Sarah Roperth wurde ebenfalls in unmittelbarer Strandnähe, nur etwa fünf Meter vom Ufer entfernt angegriffen und getötet.[9]

Verhalten der Haie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bullen- und Tigerhaie sind Nahrungsopportunisten. Die Raubfische sind nicht auf ein bestimmtes, genau definiertes Beutespektrum festgelegt und gelten daher häufig als „Allesfresser“.[8] Beide Fischarten tragen zudem oft den Beinamen „Mülltonnen des Meeres“. Taucher, welche das Verhalten von Bullenhaien im offenen Wasser untersuchten, beschrieben die Tiere als extrem zurückhaltend und scheu. Die Tiere ließen die Taucher kaum auf eine Distanz von zehn Metern herankommen. „Sie sind ein bisschen wie krankhaft schüchterne Männer, wenn sie sich mal trauen, eine Frau anzusprechen, dann werden sie forsch“, so beschrieb der Apnoetaucher Frédéric Buyle ihr Verhalten.[8] Taucher haben beobachtet, dass Bullenhaie häufig in unmittelbarer Grundnähe jagen. Einzeln oder in kleinen Gruppen schwimmen sie mit langsamen Bewegungen oft nur wenige Zentimeter über dem Meeresboden und spüren mit ihren Rezeptoren elektromagnetische Felder ihrer Beute auf. Bullenhaie sind keine Augenjäger und sind daher auf ein Leben in sedimenthaltigen Gewässerzonen gut angepasst.

Pressemeldungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Haiangriffe von La Réunion erzeugten ein großes Medienecho, zunächst nur in der Lokalpresse der Insel, später auch in den großen französischen Zeitungen. Die Berichterstattung umfasst das Spektrum von sachlicher Reportage mit Schlagzeilen wie „Neue Haiattacke auf La Réunion“, „Das Mysterium der zunehmenden Haiattacken“ bis hin zur hysterischen Panikmache in „Blutrünstiger Killerhai im friedlichen Inselparadies“.[8] Die oft reißerischen Sensationsmeldungen der Presse haben der lokalen Tourismusindustrie der Insel einen großen Schaden zugefügt. Der Telegraph UK veröffentlichte in einer Graphik das statistische Risiko, Opfer eines Hainangriffs zu werden. Während die Chance in den USA und Brasilien bei 0,002 pro einer Million Einwohner liegt, in Südafrika 0,15 und in Australien 0,81, liegt die Wahrscheinlichkeit vor La Réunion bei 8,28.[10] Die New York Times beschreibt die wirtschaftlichen Folgen der Haikrise für die Insel.[11]

Ursachenanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursachen für die häufigen Angriffe sind bislang noch nicht abschließend erforscht. Ein maritimes Naturschutzgebiet[12] und das damit verbundene Einschränken der Fischerei, sowie die Abnahme des Motorbootsverkehr vor der Insel hätte möglicherweise ebenfalls zu der statistischen Zunahme von Haiangriffen geführt. Auch sei die dramatische Überfischung der Küstengewässer und eine zunehmende Umweltverschmutzung schuld an dem Nahrungsmangel für große Raubfische.[8] Eine weitere Erklärung ist möglicherweise die Fischfarm in der Bucht von St-Gilles, wo Speisefische in großen Käfigen gehalten werden. Geruch und Geräusche dieser Fische würden Haie in großer Zahl anlocken.[8] Außerdem sei es denkbar, dass Haie den Fischerbooten bis ins Hafenbecken folgen, wo sie sich von Fischabfällen ernähren.[8] Ursache aller Erklärungsversuche ist das gestörte ökologische Gleichgewicht in den Küstengewässern von La Réunion. Seit Oktober 2011 hat das französische Forschungsinstitut IRD[13] ein umfassendes Forschungsprojekt (Programm CHARC[14]) zum Thema Haiangriffe auf La Réunion gestartet. Dabei werden Haie eingefangen, mit elektronischen Sendern markiert und deren Bewegungen in den Küstengewässern studiert.[8] Anhand der charakteristischen Bisswunden werden die meisten Angriffe den Bullenhaien zugeordnet, die vor La Réunion mit drei Meter Länge auch größer[15] werden als an anderen Orten der Erde. Bullenhaie finden vor der Westküste der Insel ein ideales Biotop vor. Starke Regenfälle führen häufig zu einer hohen Gewässertrübung und die Lagunen (Lagune von Saint-Paul) und Flüsse, die in den indischen Ozean entwässern, reduzieren den Salzwassergehalt der küstennahen Meereszone. Beides Faktoren, welche die Population der Bullenhaie sehr begünstigen. Man hat herausgefunden, dass die Attacken auf Menschen überwiegend in den Wintermonaten stattfanden. Diese Zeit fällt mit der Fortpflanzungsperiode der Bullenhaie zusammen, in der männliche Tiere am Strand von St. Gilles gehäuft auftreten und in Konkurrenz um reproduktionsfähige Weibchen eine stark erhöhte Aggressivität zeigen.[16] Das rasante Anwachsen der Bevölkerung an der Westküste von La Réunion, das verstärkte Einleiten von Abwässern und Fischabfällen hat zu einer starken Degradation des maritimen Ökosystems geführt. Gleichzeitig hat der Futterfischbestand durch radikale Überfischung signifikant abgekommen. Das erhöhte Auftreten von Haiangriffen vor La Réunion basiert vermutlich auf multifaktoriellen Ursachen. Das Smithsonian Institut hat die Frage untersucht, warum der Indische Ozean ein “Hotspot” für Haiangriffe geworden ist. [17] Die “Hai-Krise” auf La Réunion hat bereits dazu geführt, dass eine Massentötung von Haien in den gefährdeten Gewässern gefordert wird. Während auf La Réunion ab dem Jahr 2011 ungewöhnlich viele Haiangriffe stattfanden, war die Nachbarinsel Mauritius, die nach landläufiger Meinung durch ein vorgelagertes Korallenriff geschützt ist, nicht betroffen. Aufgrund starker Überfischung sind Bullenhaie auf Nahrungssuche dazu gezwungen, dichter an die Küste heranzuschwimmen.

Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zuständigen Behörden haben bereits Warnschilder in Strandnähe angebracht und warnen eindringlich vor dem Betreten des Wassers.[12] Weiterhin sollen 80 Haie aus den Küstengewässern „entnommen“[12] und getötet werden, um die Gefahr für Touristen, Opfer eines Haiangriffs zu werden, einzudämmen. Die einzelnen Maßnahmen werden von den Insulanern kontrovers diskutiert. Das gezielte Töten von Haien hätte möglicherweise negative Schlagzeilen zur Folge, was der Touristikindustrie weiteren Schaden zuführen würde. Die Strände von Boucan Canot und Les Roches Noires wurden für vier Monate komplett gesperrt. 300 Meter vor der Küste ist das Baden, Surfen und Bodyboarden verboten.[18] An anderen Stränden wurden kleine Sektoren mit Netzen abgesperrt, in denen in den Zeiten von 10:00 bis 17:00 unter Aufsicht gebadet und geschwommen werden darf.[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stand März 2015
  2. ARD-Beitrag Haialarm im Touristenparadies vom 12. Januar 2014, abgerufen am 18. November 2014
  3. World's Deadliest Beaches for Shark Attacks, Hannah Osborne, International Business Times, 25. März 2014
  4. 21e attaque de squale depuis 2011 (actualisé), Adrien Dubosc, neuvième victime tuée par un requin à La Réunion. IMazpress, 30. April 2017
  5. C'est la première attaque mortelle dans l'est depuis 1989 – Rivière du Mât - Le jeune de 26 ans tué par un squale était un bodyboardeur aguerri. Abgerufen am 1. März 2017 (französisch).
  6. Surfer loses arm and foot in Reunion Island shark attack. Abgerufen am 8. September 2016.
  7. Elio tué par un requin : les témoins racontent, LINFO.RE 12. April 2015
  8. a b c d e f g h i Haie vor La Réunion, Haie vor La Réunion, Tage der Anspannung FAZ, 14. Januar 2012
  9. Hai zerfleischt 15-Jährige vor La Réunion. Das Mädchen schwamm nur fünf Meter vom Strand entfernt, als sie von einem Hai angegriffen und getötet wurde. Auf der Insel La Réunion kommt es immer wieder zu Hai-Angriffen, doch Attacken so nah am Strand sind sehr ungewöhnlich. Süddeutsche.de, 15. Juli 2013
  10. Reunion's 'shark crisis': when will it be safe to go back into the water? Telegraph, 8. August 2015
  11. Réunion, Once a Surfer’s Paradise, Finds Only Sharks in Its Waters, The New York Times, 11. August 2015
  12. a b c La Réunion: Haialarm im Touristenparadies, Das Erste, Sendung vom 12. Januar 2014
  13. L’Institut de recherche pour le développement
  14. Connaissances de l’écologie et de l’HAbitat de deux espèces de Requins Côtiers sur la côte Ouest de la Réunion, IRD Januar 2012 - April 2015
  15. Die Insel der Haie, Prime Surfing
  16. Hai-Alarm im Surferparadies, Arte-Mediathek, 21. August 2016
  17. Why Is This Indian Ocean Island a Hot Spot for Shark Attacks? smithsonianmag.com
  18. Hai-Alarm auf Réunion, Wo Urlauber sich vor Haien fürchten müssen, Mitteldeutsche Zeitung, 29. Juli 2013