Hajo Funke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hajo Funke (rechts) bei einer Podiumsdiskussion in Pirna

Hans-Joachim „Hajo“ Funke (* 18. November 1944 in Guhrau, Niederschlesien) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Er lehrte von 1993 bis zur Emeritierung 2010 am Institut für Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin. Sein Schwerpunkt liegt auf den Untersuchungen zu Rechtsextremismus und Antisemitismus in Deutschland.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funke, mit katholischem Hintergrund, stammt aus Niederschlesien. Sein Vater war Lehrer, trat 1935 der NSDAP bei und diente als Artillerieoffizier der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. 2008 hielt Funke auch seine familiären Erlebnisse im autobiographischen Werk Das Otto-Suhr-Institut und der Schatten der Geschichte. Eine andere Erinnerung fest.

Nach dem Besuch der Grundschule (1951–1954) und des Gymnasiums (1954–1964) absolvierte er von 1964 bis 1966 seinen Wehrdienst. Im direkten Anschluss daran begann er das Studium der Politischen Wissenschaft, Soziologie und Philosophie, welches er 1971 mit dem Diplom und der Note Sehr gut abschloss. Während der Studienzeit war er in der westdeutschen Studentenbewegung aktiv. Er engagierte sich etwa im Sozialistischen Deutschen Studentenbund[1] (SDS) und wurde 1968 Sprecher[2] der studentischen Fachschaft des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft (OSI) der FU Berlin. Noch im selben Jahr wurden er und seine Mitstreiter abgesetzt, weil sie die vorangegangene Besetzung des OSIs guthießen. Der Publizist Michael L. Müller, damals hochschulpolitischer Korrespondent der Berliner Morgenpost, kommentierte, dass die Fachschaftsvertretung dem „linksextremen AStA-Kurs“ zugeneigt gewesen war.[3] Später war Funke dann im Sozialistischen Büro (SB), einer Organisation der Neuen Linken, aktiv.[4]

Von 1971 bis 1977 war er Teilzeit-Assistent am Institut für Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin. Sein Thema war die Industrielle Soziologie und Politik. 1976 erfolgte die Promotion in Politischer Wissenschaft („Über die Taylorisation der industriellen Arbeit“) mit der Beurteilung Summa cum laude. 1977 nahm er eine Stelle als „Research Fellow“ am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) an, die er bis 1983 beibehielt. 1984 folgte die Habilitation (Vortrag über Theorien zum Antisemitismus). Danach war er an der Sozialforschungsstelle Dortmund tätig. 1985–1987 untersuchte Funke die Emigration von Juden vor und während der Zeit des Nationalsozialismus. Diese Untersuchung bildete die Grundlage für seine Veröffentlichung Die andere Erinnerung. Interviews und Portraits von Jüdischen Gelehrten im Exil. Er war Gast an Universitäten und Fachhochschulen in Kopenhagen, Linz und Darmstadt.

1987 war er visiting scholar am Center for European Studies an der Harvard University. 1988/89 übernahm er vorübergehend die Vertretungsprofessur von Alexander Schwan, Lehrstuhl der Politischen Philosophie, an der Freien Universität Berlin. 1989–1992 war Funke Associate Professor (DAAD) an der University of California, Berkeley für German Area Studies (Moderne Geschichte (modern history), Literatur (literature), Politik (politics)). Dort unterhielt er engen Kontakt mit dem Literatursoziologen Leo Löwenthal.

1993 kehrte Funke nach Deutschland zurück und wurde Professor für Politische Wissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse von Politik und Kultur am Otto-Suhr-Institut für Politische Wissenschaften der Freien Universität Berlin, an dem er bis 2010 lehrte.[5] Zu seinen akademischen Schülern gehören u.a. Steffen Hagemann, Lars Rensmann und Fabian Virchow.

Seit 2008 ist er Lehrbeauftragter für Holocaust Studies and Communication am Touro College Berlin.

Während des zweiten Jugoslawienkrieges förderte Funke die Arbeit von La Benevolencija - Deutschland e.V. Der überkonfessionelle Verein unterstützte während des Krieges mit humanitären Hilfeleistungen die jüdische Gemeinde in Sarajevo mit Hilfslieferungen, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising. 1997 wurde Funke Mitglied des Vorstandes.[6] Überdies war er Vorstandsmitglied des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten.

Im Jahr 2000 trat Funke, drei Jahre nach dem Tod des sechsjährigen Joseph Kantelberg-Abdullah im Schwimmbad der sächsischen Kleinstadt Sebnitz, als Berater von dessen Familie auf.[7]

Im Prozess Irving gegen Lipstadt und Penguin Books verfasste er folgendes Gutachten im Hauptverfahren: David Irving, Holocaust Denial, And His Connections To Right-Wing Extremists And Neo-National Socialism (Neo-Nazism) In Germany.

Er war Sachverständiger in mehreren Untersuchungsausschüssen u.a. 2012 auf Einladung der Oppositionsfraktionen im NSU-Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag.[8]

Der Extremismusforscher Eckhard Jesse bezeichnete Funke einst (1992/2008) als „Wissenschaftler linker Couleur“.[9]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufsätze

  • Antidemokratische Potentiale. Risiken für das Wahljahr 1990. In: Hans-Gerd Jaschke (Hrsg.): Das Herz denkt rechts. Vereinigte antidemokratische Potentiale. Verlag 2000, Frankfurt/M. 1990, ISBN 3-88534-053-4 (Widersprüche; 35).
  • Der aufhaltsame Marsch der neuen Rechten durch die Institutionen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Bd. 42, Nr. 1998, Heft 2, ISSN 006-4016, S. 175–185
  • Betriebsnahe Rationalisierungsabwehr als Element einer gewerkschaftlichen Humanisierungsstrategie. In: Argumente Sonderband 14 (1977)
  • Demokratieaufbau Ost. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. Bd. 43, Nr. 1998, Heft 6, ISSN 0006-4016, S. 650–654
  • Die neue Tarifkonzeption der IG Metall zum Rationalisierungsschutz. In: Otto Jacobi (Hrsg.): Kritisches Gewerkschaftsjahrbuch 1977/78, S. 73–82.
  • Shareholder Partei Deutschlands. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Bd. 44, Nr. 1999, Heft 10, ISSN 0006-4016, S. 1163–1164
  • Die Stärke der soft Power. Erfolg heiligt die Mittel? In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Bd. 48, Nr. 2003, Heft 6, ISSN 0006-4416, S. 691–692.
  • Was tun gegen rechts? – Gegenwärtige No-go-areas. In: Gewerkschaftliche Monatshefte (GMH), Jg. 51, Nr. 2000, Heft 11, S. 637–646.
  • Kinder der Einheit: Die soziale Dynamik des Rechtsextremismus, Hajo Funke, Lars Rensmann In: Blätter für deutsche und internationale Politik 9 (2000), S. 1069–1078.
  • Neuer Rechtsextremismus in Deutschland: Zeitgenössische Erscheinungsformen, Ursachen, Dynamiken, Hajo Funke, Lars Rensmann, Hans-Peter Waldhoff, Berlin 2002.
  • Auf dem Weg zum tiefen Staat? Die Bundesrepublik und die Übermacht der Dienste. von Hajo Funke und Micha Brumlik. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, August 2013

Bücher

  • Gott Macht Amerika. Ideologie, Religion und Politik der US-amerikanischen Rechten. Verlag Hans Schiler, Berlin 2006, Schriftenreihe Politik und Kultur, Band 7.
  • Autoritarismus und Demokratie. Politische Theorie und Kultur in der globalen Moderne. Wochenschau-Verlag, Schwalbach 2011, ISBN 978-3-89974-679-2 (zusammen mit Lars Rensmann und Steffen Hagemann).
  • Der amerikanische Weg. Hegemonialer Nationalismus in der US-Administration. Verlag Hans Schiler, Berlin 2002, ISBN 3-89930-043-2.
  • Die andere Erinnerung. Gespräche mit jüdischen Wissenschaftlern im Exil. Fischer-Taschenbuchverlag, Frankfurt/M. 1989, ISBN 3-596-24610-5.
  • Arbeit darf nicht krank machen. Alternativen zur betrieblichen Gesundheitspolitik. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 1983, ISBN 3-593-33087-3.
  • Auf dem Weg zur Nation? Über deutsche Identität nach Auschwitz. Verlag Haag + Herchen, Frankfurt/M. 1989, ISBN 3-89228-325-7.
  • Betriebsnahe Belastungsabwehr in einer norddeutschen Werft. Zur Entwicklung und Durchführung einer Befragung von Arbeitern durch Arbeiter; ein Ansatz zur Arbeiterforschung. Internationales Institut für Vergleichende Gesellschaftsforschung, Wissenschaftszentrum Berlin, Berlin West 1978 (zusammen mit Adolf Brock).
  • Brandstifter. Deutschland zwischen Demokratie und völkischem Nationalismus. Lamuv Verlag, Göttingen 1993, ISBN 3-88977-324-9.
  • Frieden jetzt. Geschichte und Arbeit israelischer Friedengruppen. Verlag Haag + Herchen, Frankfurt/M. 1989, ISBN 3-89228-324-9.
  • Gott Macht Amerika. Ideologie, Religion und Politik der US-amerikanischen Rechten. Verlag Hans Schiler, Berlin 2005, ISBN 3-89930-123-4.
  • „Ich will mich nicht daran gewöhnen“. Fremdenfeindlichkeit in Oranienburg. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 1998, ISBN 3-86093-189-X (zusammen mit Markus Kemper und Hartmut Klier).
  • Industriearbeit und Gesundheitsverschleiss. Materialien einer Diskussion zwischen Gewerkschaftern und Wissenschaftlern zum Gesundheitsverschleiß im Produktionsprozeß und seinen Konsequenzen für eine gesundheitsbewußte Gewerkschaftspolitik. 2. Aufl. Europäische Verlagsanstalt, Köln 1975 (zusammen mit Brigitte Geißler und Peter Thoma) ISBN 3-434-10061-X
  • „Jetzt sind wir dran.“ Nationalismus im geeinten Deutschland; Aspekte der Einigungspolikt und nationalistische Potentiale in Deutschland; eine Streitschrift. Aktion Sühnezeichen, Friedensdienste, Berlin 1991, ISBN 3-89246-023-X.
  • Paranoia und Politik. Rechtsextremismus in der Berliner Republik. Verlag Hans Schiler, Berlin 2002, ISBN 3-89930-241-9.
  • Republikaner“. Rassismus, Judenfeindschaft, nationaler Größenwahn; zu den Potentialen der Rechtsextremen am Beispiel der Republikaner. Aktion Sühnezeichen, Friedensdienste, Berlin 1989, ISBN 3-89246-015-9.
  • Taylorisierungstendenzen und Bedingungen der Gegenwehr. Dissertation, Freie Universität Berlin 1978.
  • Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. 2., erw. Aufl. Verlag Hans Schiler, Berlin 2004, ISBN 3-89930-240-0 (zusammen mit Micha Brumlik und Lars Rensmann).
  • Unter unseren Augen. Ethnische Reinheit: Die Politik des Regime Milosevic und die Rolle des Westens. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 1999, ISBN 3-86093-219-5 (zusammen mit Alexander Rhotert).
  • Worktime and stress and strain. The importance of resisting work intensification within the framework of worktime reduction policy. Internationales Institut für Vergleichende Gesellschaftsforschung, Wissenschaftszentrum Berlin, Berlin 1980 (zusammen mit Frieder Naschold).
  • Staatsaffäre NSU. Eine offene Untersuchung, Kontur Verlag, Münster, Berlin 2015, ISBN 978-3-944998-06-0.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Birgit Haas: FU-Berlin – drei Generationen, 60 Hochschuljahre. In: Berliner Morgenpost, 4. Dezember 2008, S. 17.
  2. Joachim Scharloth: 1968. Eine Kommunikationsgeschichte. Fink, Paderborn 2011, ISBN 978-3-7705-5050-0, S. 278.
  3. Michael L. Müller: Berlin 1968. Die andere Perspektive. Berlin-Story-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-929829-85-3, S. 275.
  4. Willi Hoss: "Komm ins Offene, Freund". Autobiographie. Hrsg. von Peter Kammerer, Westfälisches Dampfboot, Münster 2004, ISBN 3-89691-562-2, S. 81.
  5. FU Berlin, Arbeitsschwerpunkt Politik und Kultur, Mitarbeiter Prof. Dr. a.D. Hajo Funke. 5. Mai 2013, abgerufen am 21. Mai 2014.
  6. Joan Klakow, Hajo Funke, Christoph Koch: Bericht über die Aktivitäten '97 und zur momentanen Situation in Sarajevo. In: Jüdische Gemeinden in Deutschland. 29. September 1997, abgerufen am 20. Mai 2014.
  7. Sven Röbel, Andreas Wassermann: Wen ich will. In: Der Spiegel. Nr. 6, 2001, S. 73 (online 5. Februar 2001).
  8. Untersuchungsausschuss Rechtsterrorismus in Bayern – NSU 2012-2013. bayern.landtag.de, 2. Februar 2016.
  9. Eckhard Jesse: Demokratie in Deutschland. Diagnosen und Analysen. Hrsg. und eingel. von Uwe Backes und Alexander Gallus, Böhlau, Köln u.a. 2008, ISBN 978-3-412-20157-9, S. 84.