Halberstädter Mitteleinstiegswagen

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Mitteleinstiegswagen der Baureihe By439 (2013)
gemischtklassiger Halberstädter Mitteleinstiegswagen (August 2000)

Die Halberstädter Mitteleinstiegswagen sind eine Gattung von Personenwagen, die von der Deutschen Reichsbahn in den 1970er und 1980er Jahren beschafft wurden. Diese wurden vom Raw Halberstadt hergestellt. Es handelte sich hierbei ursprünglich ausschließlich um Wagen der 2. Klasse.

Auf der Konstruktion der Mitteleinstiegswagen basieren die in den 1980er Jahren gebauten Baumaschinenbegleiterwagen, die insbesondere mit Eisenbahndrehkranen eingesetzt werden und die Gefangenensammeltransportwagen der Deutschen Reichsbahn.

Anfangszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ließ die DR im Raw Halberstadt große Wagen-Serien als Drei- und Vierachser fertigen, die unter der Bezeichnung Reko-Wagen bekannt wurden. Die Fahrzeuglänge überschritt dabei nicht das Maß von 18,7 Metern, da längere Wagen die dort vorhandene Schiebebühne nicht hätte aufnehmen können. Erst durch einen Umbau des Raws im Jahre 1978 ergab sich die Möglichkeit, längere Wagen nach UIC-Richtlinien zu fertigen. Damit war der Bau von 26,4 Meter langen Fahrzeugen bei einem Breitenmaß von 2825 Millimetern möglich. Solche Wagen waren von der Exportindustrie des DDR-Waggonbaus schon verwirklicht worden.

Als erste Wagenserie wurden in Halberstadt Großraumwagen mit Mitteleinstieg ähnlich den n-Wagen der Deutschen Bundesbahn, bei deren Hauptmaßen die Vorgabe der UIC-Spezifikation für Wagen der Bauart Z eingehalten wurden, gebaut. Die Gattungsbezeichnung dieser Mitteleinstiegswagen lautete zunächst Bmhe.

Wagenaufbau und technische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wagen hatten 88 Sitzplätze in elf fiktiven Abteilen, fünf „Abteile“ zwischen den beiden Einstiegsdoppeltüren in Drehfaltbauweise, und jeweils drei am Wagenende, denen jeweils ein Vorraum mit einem WC folgte. Ein Wagenend-Großraumabteil war für Raucher vorgesehen und hatte deswegen Sitze aus braunem Kunstlederpolster; die Sitze im Nichtraucherbereich waren mit einem roten Überzug versehen. Die Innenwände waren mit Sprelacartplatten mit Holzdekor verkleidet. Die Bauart der Sitzbänke entsprach der der vierachsigen Reko-Wagen. Wegen der Einsätze in Schnellzügen wurden anfangs über den Fenstern Zettelhalter für die Platzreservierung angebracht.

Die Fenster wurden als 1200 Millimeter breite UIC-Übersetzfenster vorgesehen. Die WC-Fenster waren 600 mm breit und als im oberen Drittel klappbares Fenster ausgeführt. Der Prototyp hatte ausschließlich Klappfenster. Der mit einem Gummiwulst geschützte Wagenübergang wird durch eine einteilige Schiebetür mit zweifach quergeteilter Fensterscheibe abgeschlossen.

Die Drehgestelle der Bauart Görlitz V in modifizierter Bauart haben Radsätze mit 920 Millimetern Laufkreisdurchmesser, wodurch diese Wagen für eine Höchstgeschwindigkeit für 140 km/h zugelassen wurden.

In zwei Wagen wurden 1979 zur Erprobung Drehgestelle der Bauart GP 200 eingebaut. Bei einem weiteren Wagen wurden im Jahr 1982 versuchsweise Drehgestelle der Bauart Görlitz V S mit Scheibenbremse eingesetzt. Die Höchstgeschwindigkeit vieler Wagen wurde jedoch aus Unterhaltungsgründen später auf 120 km/h beschränkt.

Der Wagen 51 50 21-12 002-4 diente als Versuchsträger für die neu entwickelten Schwenkschiebetüren, die Anfang 1982 eingebaut wurden. Dieser Wagen wurde mit Städteexpress-Lackierung versehen und befand sich so bis 1988 im Einsatz. Die Türen haben sich nicht bewährt, aber nicht wie teilweise behauptet wegen des hohen Wartungsaufwandes, sondern wegen der geringen Alltagstauglichkeit beim Ein- und Aussteigen in Zügen mit großem Aufkommen an Reisenden. Als besonders ungünstig erwies sich am Erprobungsträger der Einbau nur jeweils einer nicht pneumatisch unterstützten Schwenkschiebetür anstelle der doppelflügligen Drehfalttüren.

In den Jahren von 1978 bis 1983 wurden insgesamt 1279 Bmhe-Mitteleinstiegswagen gebaut.

Farbgestaltung und Einsatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Halberstädter Mitteleinstiegswagen, gezogen von einer Lok der Baureihe 132 in Chemnitz Hbf (September 1991)

Die Farbgebung der ersten Serien war im üblichen DR-dunkelgrün gehalten, das Dach in stahlgrau. Die DR führte in der zweiten Jahreshälfte 1981 ein neues Farbkonzept für den Fernverkehr ein. Hierbei sollten die Wagen in einem Chromoxidgrün (TGL 2235, ähnlich wie RAL 6002 laubgrün) mit elfenbeinfarbenem Fensterband und rehbraunem Dach (TGL 0247) lackiert werden. Teilweise wurden deshalb Bmhe-Wagen in diesem neuen Schema lackiert. Dies betraf aber nur die Wagen, die in Bahnhöfen stationiert wurden, die vorwiegend Fernverkehrszüge mit diesen bestückten. Die in Eil- und Personenzügen einzusetzenden Wagen, die in entsprechenden Dienststellen beheimat wurden, erhielten über die ganze Wagenwand den helleren Grünton des neuen Farbkonzepts ohne Beige. Allerdings wurden bis 1990 zahlreiche Wagen im hellen, zum Teil sogar im dunklen Grün auch im Fernverkehr eingesetzt.

Zwölf Wagen erhielten den orange-elfenbeinfarbigen Anstrich der Städteexpresszüge der DR und dienten als Verstärkerwagen. Diese Wagen wurden aber bereits ab 1983 bei der ersten Auslieferung der ersten Z2-Bme Typ Halberstadt in grün-beige umlackiert und im regulären Fernverkehr verwendet.

Obwohl diese Halberstädter Wagen in erster Linie für den Nahverkehrs- und Eilzügeneinsatz konzipiert wurden, erfolgte der Einsatz vorwiegend in D-Zügen des Binnen- und auch des internationalen Verkehrs, wo sie die Modernisierungswagen der zweiten Klasse verdrängten. Diese wurden nunmehr in Eilzügen eingesetzt. Aus den internationalen Langläufen wurden die Mitteleinstiegswagen mit der Indienststellung der Halberstädter Schnellzugwagen mit Seitengang langsam wieder zurückgezogen, konnten sich aber bis 1992 in den hochwertigen Zuggattungen halten.

Vom Bmhe- zum Byu-Wagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitteleinstiegswagen der Gattung Byz in einem RE der Relation Leipzig–Cottbus im Bahnhof Eilenburg (2009)

Nach dem Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik richtete die DR das Augenmerk darauf, den gestiegenen Komfortansprüchen der Fahrgäste nachzukommen.

Schon 1991 konnte ein Umbau-Musterwagen der Gattung AByu (y für Großraumwagen über 24,5 Meter Länge, u für Wagen mit 34-poliger Wendezugsteuerleitung) vorgestellt werden. Bei den AByu-Wagen wurde nach dem Vorbild der n-Wagen der mittlere Wagenteil für die erste Klasse umgebaut. Damit wurde der 1. Klasse-Bereich nicht als Großraum, sondern mit Abteilen verwirklicht.

Großraumbereich der 2. Klasse
Abteilähnlicher Bereich in der 1. Wagenklasse

Ab 1992 begann der Serienumbau der meisten der inzwischen als Bmh bezeichneten Mitteleinstiegswagen in Byu- und AByu-Wagen. Dieser wurde vornehmlich in den Raw Potsdam, Delitzsch und Wittenberge ausgeführt. Die Wagen erhielten eine neue Inneneinrichtung mit neuen Deckplatten, die je nach Serie stark variieren. Teilweise wurden dabei neue Einzelsitze verbaut, teilweise die bestehenden Sitzbänke mit Stoff neu bezogen. Ebenso wurden die Fenster ausgetauscht, die Hälfte der Fenster waren nun als Festfenster ausgeführt. Die Wagengattung der 2. Klasse-Wagen wurde in By(u|uu)(z)438/439 geändert. Bei einigen Wagen wurden in einem Großraumbereich am Wagenende Fahrradstellplätze geschaffen (Bauarten Byd(z)439). Die gemischtklassigen Wagen erhielten die Bauart-Bezeichnungen ABy(u|uu)(z)407/408.

Alle umgebauten Wagen wurden mit dem bei der DB seit 1987 verwendeten mintgrün-weißen Regionalverkehrsanstrich versehen, dem ab 1996 die verkehrsrote Lackierungsvariante folgte.

Um die Wagen im kostengünstigeren Wendezugbetrieb einsetzen zu können, wurde eine Reihe von Bmh-Wagen im Raw Wittenberge zu Steuerwagen umgebaut. Sie erhielten eine von den Silberling-Steuerwagen abweichende kantigere Kopfform, die als Wittenberger Kopf bekannt wurde. Dieser den Triebwagen der Baureihe 628 ähnelnde Kopf wurde später auch beim Umbau von n-Wagen der DB-Silberlinge zu Steuerwagen eingebaut.

Im Gegensatz zu den Steuerwagen auf Basis der n-Wagen beherrschten diese allerdings nur die zeitmultiplexe Wendezugsteuerung. Der Großraum am Steuerabteilende wurde als Lastenabteil für Fahrräder, Kinderwagen und ähnliches ausgeführt. Die Bauartbezeichnung dieser Steuerwagen lautet Bybdzf482.

Für die modernisierten Mitteleinstiegswagen hat sich im Sprachgebrauch der Ausdruck y-Wagen durchgesetzt (kleines „y“, nicht zu verwechseln mit den Y-Wagen), analog zu den n-Wagen der Bundesbahn.

Eine Besonderheit sind die auf Basis der Bmh-Wagen umgebauten Modus-Wagen. Hierbei erhielten die Wagen völlig neue Wagenkästen und GP-200-Drehgestelle, sind aber weiterhin für nur 140 km/h zugelassen. 55 Wagen wurden 1998 umgebaut und so zu ABpybdzf484 und Bpyz456 (2003 teilweise zu Bpydz456.9). Diese Umbauten mit Klimaanlage werden seit Indienststellung auf der Relation NürnbergWürzburgFrankfurt/Main eingesetzt. Auch ihr Bestand reduziert sich mittlerweile.

Einsatz nach 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemischtklassige Halberstädter Mitteleinstiegswagen in Albanien (2007)

Bereits kurz nach der Wende in der DDR verlieh die DR viele Wagen der Halberstädter Bauart mit Görlitz-V-Drehgestellen an die DB, bei der durch die Abstellung asbestbelasteter Wagen ein eklatanter Wagenmangel herrschte. Diese Wagen kamen bevorzugt in Eil- und RE-Zügen zum Einsatz. Nach Gründung der DB AG wurde die Flotte im Westen stark vergrößert.

In Nordrhein-Westfalen übernahm 2005 die Abellio Rail NRW den Betrieb der Ruhr-Lenne-Bahn. Hier kamen bis 2007 Steuerwagen zum Einsatz, bei denen der mittlere Wagenteil zur 1. Klasse umgebaut wurde (Bauart ABybdzf482.1).

Eine erhebliche Anzahl der y-Wagen wurde seit 2000 abgestellt oder nach Südosteuropa (Albanien, Bulgarien, Rumänien und Ungarn) verkauft.

Noch im Oktober 2006 wurden die Wagen von den Einsatzstellen Cottbus, Erfurt, Halle und Leipzig aus in typenreinen Zügen eingesetzt. Vereinzelt fanden sich Wagen in aus früheren Silberling-Wagen gebildeten Garnituren in den alten Bundesländern.

Zwar sind die y-Wagen von der Wagensubstanz jünger als die n-Wagen, allerdings deutlich schwerer als viele Silberlinge. Ihre Modernisierung liegt inzwischen länger zurück. Zudem verfügen sie nur über die lauten Klotzbremsen, während Silberlinge überwiegend die leiseren Scheibenbremsen haben. So ist zu erklären, warum diese Wagen in Deutschland schneller abgestellt wurden. Durch neu beschaffte Trieb- und Doppelstockwagen sowie durch Abbestellungen von Verkehrsleistungen und Umsetzen anderer Wagen wurden viele y-Wagen entbehrlich.

Anfang 2013 waren y-Wagen in größerer Anzahl noch in Cottbus, Erfurt und Halle beheimatet. Die Cottbuser Wagen wurden zuletzt meist in gemischten Verbänden mit verkehrsroten Interregio-Wagen eingesetzt, bevor sie bis April 2013 durch Talent 2-Triebzüge und Doppelstockwagen abgelöst wurden. Die entbehrlichen Fahrzeuge wurden zumeist abgestellt, zwei Wagen gelangten nach Halle (Saale) und vier Wagen nach Rostock. Weitere Wagen wurden bis Dezember 2013 als Reserve vorgehalten, seitdem ist nur noch ein Steuerwagen der Bauart Bybdzf482 im Bestand, der bei Fahrzeugmangel gemeinsam mit anderweitigem Wagenmaterial zum Einsatz kommt. Die y-Wagen aus Halle, welche zuletzt nur noch auf der Relation Halle – Nordhausen – Kassel zum Einsatz kamen, wurden seit Dezember 2011 sukzessive durch Doppelstockwagen verschiedener Bauarten ersetzt. Ende 2013 wurde die Umstellung abgeschlossen, die wenigen verbliebenen Wagen dienen seitdem nur noch als Reserve.

Ab Dezember 2013 unterhielt die Werkstatt Rostock nach langjähriger Pause wieder einige y-Wagen, die zuvor in Cottbus beheimatet waren. Sie kamen vornehmlich im IRE Rostock – Berlin zum Einsatz. Sämtliche verbliebene Wagen wurden bis 2012 modernisiert. Anfang 2015 waren insgesamt noch 59 y-Wagen im Bestand der DB Regio.

Der planmäßige Einsatz von Halberstädter Mitteleinstiegswagen mit Ausnahme von Steuerwagen endete bei der Deutschen Bahn am 12. Dezember 2015. An diesem Tag kamen diese letztmals auf der RB-Linie Eisenach – Erfurt – Halle zum Einsatz, die ab dem Folgetag von Abellio Rail Mitteldeutschland betrieben wurde.

Einige Steuerwagen wurden für den Schleswig-Holstein-Express mit GP-200-Drehgestellen ausgerüstet und mit Schwenkschiebetüren versehen. Ebenso wurde bei diesen Wagen die Inneneinrichtung farblich dem aktuellen Regionalverkehrsdesign angepasst. Diese Bybdzf482.4 sind im Fahrplanjahr 2016 noch bei DB Regio in Schleswig-Holstein im Einsatz, wo sie jedoch vom Schleswig-Holstein-Express auf die RB-Linie 77 Neumünster – Kiel verdrängt werden, wo sie wiederum die verbliebenen n-Wagen ersetzen.[1]

Mehrere Steuerwagen der Bauart Bybdzf482 waren bei der Nord-Ostsee-Bahn im Einsatz

Ebenfalls in Schleswig-Holstein verkehrten bis zum Jahr 2015 Steuerwagen der Bauart Bybdzf482 bei der Nord-Ostsee-Bahn (NOB), hier wurden sie als Verstärkerwagen zusammen mit Halberstädter Schnellzug-Abteilwagen eingesetzt. Im Jahre 2013 war einer der Wagen an den Hamburg-Köln-Express vermietet. Die bei der NOB eingesetzten Wagen wechselten zur Transdev-Tochter Mitteldeutsche Regiobahn. Diese setzt die Wagen seit Dezember 2015 auf der RE-Linie Leipzig – Chemnitz ein.[2]

Verkauf ins Ausland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ende des Einsatzes bei der Deutschen Bahn wurden Wagen der Bauarten ABy(u)(z) und By(u)(z) an die Ungarischen Staatsbahnen, Raaberbahn, Bulgarische Staatseisenbahn und Albanische Eisenbahn verkauft, Steuerwagen Bybdzf nur an die Ungarischen Staatsbahnen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Halberstädter Mitteleinstiegswagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Neue Bahn-Waggons zwischen Hamburg, Kiel und Flensburg. nahverkehrhamburg.de, 19. November 2015, abgerufen am 23. Februar 2017.
  2. Betreiberwechsel: Neue Züge auf der Strecke Leipzig-Chemnitz, Leipziger Volkszeitung, 16. Oktober 2015, abgerufen am 14. Dezember 2015.