Hamburger Verständlichkeitskonzept

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Das Hamburger Verständlichkeitskonzept bewertet die Verständlichkeit von Texten, Veröffentlichungen oder sonstigen Botschaften. Inhalte sollen vom Empfänger richtig und schnell verstanden werden.

Verständlichkeit ist von Lesbarkeit und Leserlichkeit zu unterscheiden. Lesbarkeit betrifft nur die stilistischen Eigenschaften eines Textes, Leserlichkeit seine typographischen Eigenschaften. Mit Verständlichkeit sind Eigenschaften eines Textes gemeint, die das Verstehen fördern, so dass dem Text Informationen über Sachverhalte entnommen werden können.

Politische Perspektive[Bearbeiten]

Die Forschungsgruppe betrachtet fehlende Verständlichkeit bei Texten von Behörden, in den Medien oder in Schulen als wirksame Hürde vor dem Zugang zu demokratischen Prozessen. Mit Anspielung auf Immanuel Kants Verständnis der Aufklärung formuliert von Thun: „Mündig ist, wer sich informieren kann.“[1] Wichtige Texte in verständlicher Form anzubieten, sei grundlegend für eine demokratische Gesellschaft.

Kriterienentwicklung[Bearbeiten]

Das Konzept wurde zwischen 1969 und 1974 von den Psychologen Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun und Reinhard Tausch entwickelt. Ziel war die Formulierung objektiver Kriterien für die Verständlichkeit von Texten. Als Vorlage dienten ihnen Ergebnisse aus der Lesbarkeitsforschung, die bereits Merkmale für die Verständlichkeit von Texten formuliert hatte.

Die Hamburger Psychologen ließen in mehreren Untersuchungen verschiedene Texte mit demselben Informationsauftrag verfassen. Beispielsweise sollte ein bestimmtes Bild mit geometrischen Figuren so beschrieben werden, dass der Leser es nachzeichnen konnte. Diese Texte wurden außerdem von verschiedenen Personen nach zahlreichen, zuvor festgelegten Qualitätsmerkmalen bewertet. Dabei mussten sie für jedes Merkmal (etwa „anschaulich“, „humorvoll“, „einprägsam“) entscheiden, ob der Text es mehr oder weniger stark aufweist.

Es stellte sich heraus, dass ein und derselbe Text von verschiedenen Personen oft ähnlich bewertet wurde und die Abweichungen nur gering waren. Daher konnten für die einzelnen Texte die Mittelwerte der Beurteilung als valide, als gültig angesehen werden. Somit konnten die Merkmale einer Faktorenanalyse unterzogen werden, um festzustellen, welche Merkmale gemeinsam auftreten und welche voneinander unabhängig sind. Daraus ergaben sich vier „Dimensionen“ der Verständlichkeit, die es erlaubten, die Merkmale zusammenzufassen. Jede dieser Dimensionen stellt einen eigenen messbaren Faktor dar, der zur Verständlichkeit eines Textes beiträgt oder sie behindert:

In weiteren Untersuchungen zeigte sich, dass Versuchspersonen Texte am besten verstanden, die hohe Werte in „Einfachheit“ und „Gliederung“ aufwiesen. Mit einer letzten Versuchsreihe bezweckten sie, ihre Ergebnisse zu überprüfen. Sie optimierten zwanzig Texte so, dass diese ihren Idealwerten entsprachen. Diese Texte wurden im Vergleich zu ihren Originalen weiteren Personen vorgelegt. Es zeigte sich, dass die Versuchspersonen die optimierten Texte leichter verständlich fanden.

Hintergrund[Bearbeiten]

Die Hamburger Psychologen entwickelten ihr Konzept vor dem Hintergrund des Vier-Seiten-Modells der Kommunikation. Jede Äußerung enthält nach diesem Modell vier Botschaften: die Sachinformation, eine Selbstdarstellung, eine Darstellung der Beziehung zwischen Äußernden und Hörenden und einen Appell, also eine Aufforderung etwas zu tun. Entscheidend dafür, ob Botschaften auf Leser oder Zuhörer interessant wirkten, ist vor allem die Deutlichkeit der Selbstdarstellung. Sogar sehr sachorientierte Texte oder Vorträge finden Interesse, wenn sich der Verfasser als Person einbringt.

Empfehlungen[Bearbeiten]

Aus den Kriterien ergaben sich u. a. folgende Empfehlungen für die Textgestaltung:

Einfachheit
kurze Sätze (9 bis 13 Wörter), kurze Wörter (dreisilbig), vertraute Wörter (keine Fremdwörter oder Fachbegriffe),
Gliederung
nur ein Gedanke pro Satz, das Wesentliche zu Beginn des Textes und zu Beginn eines Satzes, Sinnzusammenhänge durch Absätze anzeigen,
Prägnanz
Verben (statt Substantivierungen), eine bildhafte Sprache,
Anregung
erklärende Bilder und Grafiken.

Für den Bildungsbereich schlugen die Forscher eine Abkehr vom Prinzip der Mündlichkeit vor. Verständlichkeit ließe sich effizienter mit schriftlichem Material herstellen. In Schule und Universität sei vor allem die arbeitsgleiche Gruppenarbeit mit verständlichen Texten effizient.

Kritik[Bearbeiten]

Die vier Dimensionen der Verständlichkeit hängen direkt von den achtzehn ursprünglich gewählten Qualitätsmerkmalen ab. Es stellt sich die Frage, inwieweit die Psychologen bei einer Auswahl von anderen Merkmalen auch auf andere Ergebnisse gekommen wären. Außerdem sprechen die Psychologen von Zielgruppen, die eventuell unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Simone Andersen: Sprachliche Verständlichkeit und Wahrscheinlichkeit. Brockmeyer, Bochum 1985, ISBN 3-88339-466-1.
  • Ines Bose/ Dietz Schwiesau (Hrsg.): Nachrichten schreiben, sprechen, hören. Forschungen zur Hörverständlichkeit von Radionachrichten. Berlin 2011 (ISBN 978-3-86596-990-3)
  •  Matthias Ballod: Verständliche Wissenschaft. Narr, Tübingen 2001, ISBN 3-8233-5362-4.
  •  Karl-Heinz Best: Sind Wort- und Satzlänge brauchbare Kriterien der Lesbarkeit von Texten?. In: Sigurd Wichter, Albert Busch (Hrsg.): Wissenstransfer - Erfolgskontrolle und Rückmeldungen aus der Praxis. Lang, Frankfurt/M. u.a. 2006, S. 21–31.
  •  Norbert Groeben: Leserpsychologie: Textverständnis – Textverständlichkeit. Aschendorff, Münster 1982, ISBN 3-402-04298-3.
  •  Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun, Reinhard Tausch: Sich verständlich ausdrücken. E. Reinhardt, München 2002, ISBN 3-497-01606-3.
  •  Jaan Mikk: Textbook: Research and Writing. Peter Lang, Frankfurt/M. 2000, ISBN 3-631-36335-4.
  •  Markus Nickl: Verständlich schreiben. 1994/2007 (doctima.de).
  •  Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen. Rowohlt, Reinbek 1981, ISBN 3-499-17489-8.
  •  Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 3: Das „innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt, Reinbek 1998, ISBN 3-499-60545-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Verständlichkeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Schulz von Thun, Miteinander reden, 1. Störungen und Klärungen, a.a.O., S. 140.