Handelsschule

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Eine Handelsschule oder Kaufmännische Schule ist eine berufsbildende Schulform für kaufmännische Berufe (Handelsgewerbe), wobei sich die in Deutschland und Österreich als Handelsschule bezeichneten Ausbildungen sehr stark unterscheiden.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste deutsche Handelsschule („Kaufmannsschule“) wurde im Jahre 1767 (laut anderer Quelle 1768) in Hamburg als „Handelsakademie“ für eine „gründliche Vorbereitung der kaufmännischen Jugend“[1] gegründet. Im Jahr 1818 gründete Ernst-Wilhelm Arnoldi, Versicherungskaufmann und „Vater des deutschen Versicherungswesens“ eine Handelsschule in Gotha.

Die „Öffentliche Handelslehranstalt zu Leipzig“ – ÖHLA (1831)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die „ÖHLA“ wurde von der Kramer-Innung in Leipzig 1831 gegründet. Später war die Handelskammer der Eigentümer. Angehenden Kaufmännern sollten die Theorie des Berufs vor Eintritt in die Praxis gelehrt werden. Erfolgreichen Absolventen sollten drei Jahre Unterricht in der folgenden praktischen Ausbildung bei einer Handlung in Leipzig oder einer anderen sächsischen Stadt als zwei Lehrjahre angerechnet werden. Die Schule entwickelte sich schnell zur führenden kaufmännischen Schule und übte wiederum Einfluss auf die anschließenden Schulgründungen in Deutschland und Österreich aus. Die Leipziger Schule integrierte jedoch im Unterschied zur Gothaer Handelsschule von Beginn an zwei Schulzweige unter einem Dach, die Lehrlingsabteilung – einen weiteren Vorläufer der kaufmännischen Fortbildungs- bzw. „Berufsschule“ – und einen so genannten „höheren Curs“ bzw. die zweite (höhere) Abteilung. Diese dreijährige höhere Abteilung mit 30 Wochenstunden richtete sich nicht wie in Gotha an Handelslehrlinge, sondern an 14- bis 17-jährige „Jünglinge“, welche sich später dem Kaufmannsstande oder einem anderen verwandten Gewerbe des bürgerlichen Lebens widmen, die Vorbildung in den dort erforderlichen Wissenschaften, Kenntnissen und Künsten erwerben wollten. <ÖHLA: Öffentliche Handelslehranstalt zu Leipzig, www.oehla.de S. 11> <Mathias Götzl: Kaufmännische Berufserziehung im Antagonismus zwischen Berufs- und Allgemeinbildung. Zur Entwicklung und Bedeutung der kaufmännischen Innungshalle zu Gotha 1817–1902. (2015) S. 4> Der Lehrplan ähnelte dem der Handelsakademien in Hamburg und Wien. <H. Reinisch: Zur Entwicklung kaufmännischer Berufsbildung in schulischen Bildungsgängen in Deutschland. Ein Überblick von den Anfängen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: D. Frommberger, M. Santema (Hrsg.): Berufliche Bildung zwischen Schule und Betrieb. Stand und Entwicklung in den Niederlanden und Deutschland. Markt Schwaben (2001) S. 37 f)> Diese höhere Abteilung wurde zum Vorbild (des sächsischen Modells) der Höheren Handelsschule, das auch in Gotha als „Höhere Handelsschule der kaufmännischen Innungshalle“ eingeführt wurde. <Mathias Götzl: Kaufmännische Berufserziehung im Antagonismus zwischen Berufs- und Allgemeinbildung. Zur Entwicklung und Bedeutung der kaufmännischen Innungshalle zu Gotha 1817–1902. bwp@Nr.31 ISSN 1618-8543> Besonderheiten: Sprachen werden nur durch „wissenschaftlich gebildete Männer aus dem Vaterlande der Sprache“ gelehrt. Unterrichtsfächer für die Lehrlinge: Kalligraphie, deutsche und französische Sprache, Geographie usw. Lehrgegenstände der höheren Abteilung: Theorie und Übung des Stils, freier Vortrag, englische und italienische Sprache, Handelswissenschaft (Briefwechsel, Buchhaltung, Handels- und Warenkunde), Handelsrecht usw. 1854 wurde ein Vorbereitungskurs für Bewerber der Höheren Abteilung aus dem nicht deutschsprachigen Ausland eingerichtet. Die neuen „Höheren Handelsschulen“ hatten einen gewissen akademischen Charakter angenommen und eine der damaligen Zeit angemessenere, umfassendere Ausbildung. <Von A-Z: Das Konversationslexikon, Berlin 1932, S. 723 – 729> Das Vermögen der Kramer-Innung und der „Öffentlichen Handelslehranstalt“ wurde 1888 durch die Handelskammer Leipzig übernommen. 1898 wurde die Handelshochschule Leipzig unter dem Patronat der Universität und der „Öffentlichen Handelsschule“ eröffnet. Die ÖHLA stellte Unterrichtsräume und dauerhaft eine große Zahl von Lehrkräften zur Verfügung. Ab 1919 wurde in der Höheren Abteilung erstmals eine Mädchenklasse zugelassen. 1925 wird die Schule in „Öffentliche Handelslehranstalt mit Lehrlingsabteilung zu Leipzig“ umbenannt. 1926 wurde eine Wirtschaftsoberschule mit Reifeprüfung aufgebaut, um die Lücke zwischen Höherer Abteilung und Handelshochschule zu schließen. 1941 wird die Schule in „Wirtschaftsoberschule der Industrie- und Handelskammer Leipzig“ (Berufsfachschule mit Berufsschule) umbenannt. 1943/45 wurde das Schulgebäude mehrfach von Brandbomben getroffen. Den Schüler-Lehrer-Brandwachen und dem Hausmeister ist die Rettung des Gebäudes zu verdanken, indem sie Brandbomben vom Dach entfernten. 1946 gibt die Wirtschaftskammer die Schule ab, die in das staatliche Schulsystem eingegliedert wird. Die Schule wird in "Ferdinand-Lassalle-Schule, Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung (mit Wirtschaftsschule) umbenannt. Lassalle war 1840/41 Schüler der ÖHLA. 1850 wurde die Schule auf Weisung des Leipziger Schulverwaltungsamtes geschlossen. Das Schulgebäude wurde der Volkshochschule Leipzig übergeben. Leider wurde die umfangreiche Bibliothek und das bis 1831 zurückreichende Archiv der Öffentlichen Handelslehranstalt bei der Auflösung der Schule 1950 „entsorgt“.

Die Handelsschule ist eine weiterführende Berufsfachschule, die in zwei Jahren oder auch in einem Jahr absolviert werden kann. Diese führt zur mittleren Reife oder aber auch zum erweiterten Sekundarabschluss I. Die Handelsschule dient dazu, auf kaufmännische oder verwaltende Berufe vorbereitet zu werden. Neben den allgemein bildenden Fächern werden auch berufsbezogene Fächer wie Beschaffung/Produktion/Absatz (BWL), Rechnungswesen/Finanzierung/Controlling, Volkswirtschaftslehre, Textverarbeitung und Informatik unterrichtet. Die Bezeichnung der Schulfächer sowie deren Lehrinhalte sind in den einzelnen Bundesländern teilweise sehr unterschiedlich. Meistens werden die Fächer jedoch als Lernfelder bezeichnet, die durchnummeriert sind. Für die Aufnahme in eine Handelsschule wird der Realschul- bzw. der Hauptschulabschluss benötigt (je nachdem ob man die einjährige bzw. zweijährige Handelsschule besuchen möchte). Je nach Bundesland kann auch ein bestimmter Notendurchschnitt erforderlich sein.

Der deutschen Handelsschule nachgelagert ist die Höhere Handelsschule.

Österreich (HAS/BHAS)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die österreichische Handelsschule (Abkürzung HAS , sprich [ˈhaʃ]) ist eine berufsbildende mittlere Schule (BMS), deren Schwerpunkt in Wirtschaftsfächern liegt. Die staatlichen Handelsschulen, die Schulen des Bundes sind, sind heute üblicherweise jeweils an eine Handelsakademie (HAK) angeschlossen und organisatorisch und räumlich mit dieser vereinigt (daher auch üblicherweise die Abkürzung BHAK/BHAS für Bundeshandelsakademie/Bundeshandelsschule).

Die Ausbildung für die im Allgemeinen 14- bis 17-jährigen Schüler (es gibt jedoch auch eine Form als berufsbegleitende Abendschule für Erwachsene) dauert drei Jahre und schließt mit einer Abschlussprüfung ab (sowohl schriftliche als auch mündliche Prüfungen). Weiters ist zum Abschluss die Anfertigung und Präsentation einer Projektarbeit notwendig (Das kann eine Gruppen- oder Einzelarbeit sein. Es kann vorkommen, dass eine anfängliche Gruppen- zu einer Einzelarbeit wird, wenn die anderen Gruppenmitglieder vor dem Abschluss aus der Schule ausscheiden. Die Benotung wird in der Regel der Gruppengröße angepasst.) Der Abschluss berechtigt zur Ausübung aller kaufmännischen Berufe und ersetzt die Unternehmerprüfung (eine Gewerbeberechtigung).[2]

Die Handelsschule (HAS), die mit einem Abschlussprüfungszeugnis nach 3-jährigem Schulbesuch abschließt, vermittelt in integrierter Form umfassende Allgemeinbildung und kaufmännische Bildung. Eine betriebswirtschaftlich-berufsbezogene Differenzierung erfolgt durch den Fachbereich „Office Management“, der in der 2. und 3. Klasse unterrichtet wird und eine vertiefende Spezialisierung anbietet.[3]

Lehrplan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der HAS unterrichtete Fächer: Deutsch, Englisch einschließlich Wirtschaftssprache, Geschichte (Wirtschafts- und Sozialgeschichte), Geographie (Wirtschaftsgeographie), Biologie Ökologie und Warenlehre, Betriebswirtschaft, Persönlichkeitsbildung und soziale Kompetenz, Businesstraining Projekt- und Qualitätsmanagement Übungsfirma und Case Studies, Rechnungswesen und Controlling, Wirtschaftsinformatik, Informations- und Officemanagement (beinhaltet z. B. Textverarbeitung – ÖSTV-Prüfung möglich, Zehnfingersystem), Politische Bildung und Recht, Volkswirtschaft, Projektmanagement einschließlich Projektarbeit, Religion bzw. Ethik[4], Ausbildungsschwerpunkt (wird von der Schule gewählt, z. B. Unternehmensführung, Entrepreneurship). Zudem können auch Freigegenstände belegt werden (oft Sprachen wie Französisch einschließlich Wirtschaftssprache, Spanisch einschließlich Wirtschaftssprache, Italienisch einschließlich Wirtschaftssprache, Latein, Russisch, Tschechisch, Internet & Multimedia, SAP, ICDL, Peer-Mediation[5], Pferdewirtschaft, Wissenschaftliches Arbeiten, Sport, Netzwerktechnik, Webdesign für Anfänger, Digitale Fotografie und Bildbearbeitung).[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland:

  • Michael Begeest: Bildung zwischen Commerz und Emanzipation. Waxmann Verlag, Münster/New York 1995
  • Lothar Beinke: Die Handelsschule. Düsseldorf 1971
  • Franz Feldhaus: Lexikon der Erfindungen. DOGMA Verlag, Bremen 2013
  • Chronik der Stadt Gotha: Ernst Wilhelm Arnoldi
  • Festschrift: Die "Öffentliche Handelslehranstalt zu Leipzig 1831–1850 zum 70. ihrer Gründung. Festschrift der Leipziger Uni Leipzig, Universitätsverlag.
  • Festschrift zum 10n-jährigen Jubiläum der ÖHLA (1831–1931)
  • Prof. Dr. Diana Grosse: Die geschichtliche Entwicklung kaufmännischer Berufsschulen. TU Bergakademie Freiburg 2016
  • Mathias Götzl (Universität Rostock): Geschichte der kaufmännischen Berufserziehung auf Basis von (neoinstitutionalistischen) Organisationstheorien am Beispiel der Handelsschule der kaufmännischen Innungshalle zu Gotha 1817–1902 ; bwp@Nr. 31 ISSN 1618-8543
  • Mathias Götzl: Kaufmännische Berufserziehung im Antagonismus zwischen Berufs- und Allgemeinbildung. Zur Entwicklung und Bedeutung der kaufmännischen Innungshalle zu Gotha 1817–1902 ; 2015
  • Hans-Jürgen Hinrichs: Geschichte der Arnoldischule in Gotha 1876–1996, Fulda 1997
  • M. Horlebein: Die berufsbegleitenden kaufmännischen Schulen in Deutschland 1880–1945. Eine Studie zur Genese der kaufmännischen Berufsschule. Frankfurt/M. Bern 1976
  • M. Horlebein: Überblick über die Geschichte der kaufmännischen Berufserziehung in Deutschland. In: R. Berke (Hrsg.) Handbuch für das kaufmännische Bildungswesen. Darmstadt 1985 S. 22–44
  • M. Horlebein: Kaufmännische Berufsbildung. In: C. Berg (Hrsg.) Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. IV 1870–1918. Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. München 1991 S. 404–409
  • Hans Hübner, Dr. : Die kaufmännische berufliche Ausbildung in Leipzig
  • B. Penndorf: Geschichte der kaufmännischen Unterrichtswesens. In: A. Ziegler (Hrsg.) Handbuch für das kaufmännische Unterrichtswesen in Deutschland Bd. I. Die kaufmännische Schulen als Erziehungs- und Unterrichtsanstalten. Leipzig 1916 S. 115–170
  • Klaus Friedrich Pott (Hrsg.) Berufsbiographien von Handelsschullehrern des 19. Jahrhunderts. 2te stark vermehrte Auflage der „Bausteine“ einer Geschichte des kaufmännischen Vollzeitschulwesens. Detmold 2017, S. 98–147 Text: Christel Gäbler, Archivleiterin
  • H. Reinisch: Zur Entwicklung kaufmännischer Berufsbildung in schulischen Bildungsgängen in Deutschland. Ein Überblick von den Anfängen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: D. Frommberger, M. Santema (Hrsg.) Berufliche Bildung zwischen Schule und Betrieb. Stand und Entwicklung in den Niederlanden und Deutschland. Markt Schwaben 2001 S. 11–64
  • Harry Schmitt: Das kaufmännische Fortbildungs-Schulwesen Deutschlands. Seine gegenwärtige Gestaltung und Ausrüstung. Bearbeitet von Harry Schmitt, Direktor der „Kaufmännischen Vorbereitungsschulen“ zu Berlin. Berlin 1892
  • Waldemar Siekamp: Volkswirtschaftslehre. Heckners Verlag, Wolfenbüttel 1972
  • Otto Spamer: Das Buch berühmter Kaufleute oder der Kaufmann zu allen Zeiten Leipzig & Berlin 1868
  • Karl Wilbers: Die Wirtschaftsschule – Verdienste und Entwicklungsperspektiven einer bayerischen Schulart. In: Texte zur Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung, Band 5. Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg S. 24 ff
  • Carl Wolfrum: Statuten der Öffentlichen Handelslehranstalt zu Leipzig 1831 (1868)
  • Bruno Ziegler: Die Hamburger Handelsakademie. In: Gewerbeschau. Sächsische Gewerbezeitung, 34. Jg. 1902 (S. 292–294, 308/309, 324–326, 341/342 und 358–360)
  • ÖHLA: Öffentliche Handelslehranstalt zu Leipzig, www.oehla.de

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Handelsschule – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Begeest: Bildung zwischen Commerz und Emanzipation. 1995, Waxmann Verlag
  2. Handelsschule. In: www.hak.cc. Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung, abgerufen am 6. Dezember 2020.
  3. Lehrplan HAS. (PDF) S. 24, Abschnitt A.3 WIRTSCHAFTSKOMPETENZ. In: www.hak.cc. 27. August 2014, abgerufen am 6. Dezember 2020.
  4. a b Lehrplan HAS. (PDF) In: www.hak.cc. 27. August 2014, abgerufen am 6. Dezember 2020.
  5. Freigegenstände–Peermediation. (Nicht mehr online verfügbar.) In: www.hakeferding.at. Archiviert vom Original am 6. Oktober 2014; abgerufen am 6. Dezember 2020.