Hanna Schygulla

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Hanna Schygulla, 1982
Hanna Schygulla, 2013
Geburtshaus von Hanna Schygulla

Hanna Schygulla (* 25. Dezember 1943 im oberschlesischen Königshütte bei Kattowitz) ist eine deutsche Schauspielerin und Sängerin, die in den 1970er das Filmwerk von Rainer Werner Fassbinder maßgeblich mitgeprägt hat und ab den 1980er Jahren große internationale Erfolge erlangte. In den Jahren bis 2016 trat sie in deutschen und internationalen Kinoproduktionen ebenso auf wie auf der Bühne als Theaterschauspielerin oder Chansonsängerin. Sie wurde u.a. mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland, dem Bayerischen Verdienstorden und 2010 mit dem Goldenen Bären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Schygulla lebt – nach vielen Jahren in Paris – seit 2014 in Berlin.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tochter des Holzhändlers Joseph Schygulla und seiner Frau Antonie, geb. Mzyk, kam 1945 mit ihrer Mutter, die aus Schlesien flüchten musste, nach München; der Vater kehrte 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Nach dem Abitur am Luisengymnasium in München und einem Jahr als Au-pair-Mädchen in Paris studierte sie ab 1964 Germanistik und Romanistik und nahm gleichzeitig Schauspielunterricht in München am Fridl-Leonhard-Studio.

Die Ära Fassbinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rainer Werner Fassbinder, der sie von der Schauspielschule her kannte, holte sie im September 1967 an sein Action-Theater. Sie spielte dort und vor allem im nachfolgenden Antiteater in zahlreichen Inszenierungen. Nach einigen kleineren Filmrollen wurde sie im April 1969 von Fassbinder in dessen Filmwerk Liebe ist kälter als der Tod eingesetzt. Von da an spielte Schygulla bis 1972 mit einer Ausnahme in allen Fassbinder-Filmen und vielen seiner Theaterstücke und prägte mit ihm den sogenannten Autorenfilm.

1974 endete nach einem Konflikt zunächst die enge Zusammenarbeit mit Fassbinder. Allerdings arbeiteten die zwei bis zu Fassbinders Tod im Jahr 1982 weiterhin äußerst erfolgreich zusammen. In Deutschland wird Schygulla 1980 in der Rolle der "Eva" in der TV-Verfilmung des Alfred Döblin-Romans Berlin Alexanderplatz einem weiten Publikum bekannt, während der Film kontrovers diskutiert und teilweise als moralisch verwerflich verurteilt wurde. 1981 erhielt Schygullas Darstellung der Lale Andersen in Fassbinders letztem Film Lili Marleen, dem Höhepunkt ihrer künstlerischen Zusammenarbeit, internationale Anerkennung.

Internationale Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fortan spielte sie in zahlreichen Filmen anderer Regisseure (u.a. bei Wim Wenders und beim Schweizer Gaudenz Meili). Daneben ging sie auf Theatertourneen und übernahm Rollen in klassischen Theaterstücken wie Rose Bernd.

1978 kam es für das Nachkriegsmelodram Die Ehe der Maria Braun zu einer erneuten Zusammenarbeit mit Fassbinder. 1979 erhielt sie den Silbernen Bären für die beste weibliche Hauptrolle in diesem Film. Aus dem Schatten des Regisseurs gelöst, galt sie nun als Schauspielerin von Weltrang, bekam internationale Angebote und trat in französischen, italienischen und US-amerikanischen Filmen auf. Mit dem polnischen Regisseur Andrzej Wajda drehte sie Eine Liebe in Deutschland und spielte in namhaften Produktionen renommierter europäischer Regisseurinnen (Margarethe von Trotta) und Regisseure mit, u.a. Volker Schlöndorff, Ettore Scola, Jean-Luc Godard und Carlos Saura sowie Marco Ferreri, unter dessen Leitung sie den Darstellerpreis für Die Geschichte der Piera gewann.

In Hollywood übernahm sie die Rolle Katharinas der Großen im Historien-Mehrteiler Peter der Große (Film) und spielte in der Komödie Für immer Lulu.[1]

Im Jahr 2002 wirkte sie im Projekt VB51 der Künstlerin Vanessa Beecroft mit. In den letzten Jahren arbeitete sie vor allem mit Filmregisseuren der jüngeren Generation, etwa mit Till Franzen in Die blaue Grenze (2005), Hans Steinbichler in Winterreise (2006) und mit Fatih Akın in Auf der anderen Seite (2007). Für den letzteren Film war sie 2008 als beste Nebendarstellerin für den Deutschen Filmpreis nominiert und sie gewann als erste deutsche Schauspielerin in derselben Kategorie den National Society of Film Critics Award.[2]

Sängerin und Autorin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit den 1990er Jahren ist sie auch als Chansonsängerin bekannt. Unter anderem tourte sie mit einem Brecht-Abend, in dem sie auf Spanisch sang und rezitierte, durch Europa. Ihre Konzertreisen führten sie ebenfalls nach Polen, die ehemalige Sowjetunion, Italien und Spanien sowie Südamerika.

Im Herbst 2013 veröffentlichte Hanna Schygulla im Schirmer/Mosel Verlag ihre Autobiographie Wach auf und träume. Im Februar 2014 stellte sie ihre Rauminstallation Traumprotokolle in der Berliner Akademie der Künste vor, die von ihr selbst seit 1978 inszenierte und produzierte Videokurzfilme präsentiert und zuvor bereits in Paris und New York zu sehen war.[3][4]

Privates und Politisches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schygulla lebte von 1981 bis 2014 in ihrem Hauptwohnsitz in Paris. Sie hatte bis 1995 eine langjährige Beziehung zu dem französischen Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, mit dem sie zusammenlebte. Seit Anfang der 1990er Jahre pendelte sie zwei Jahrzehnte lang zwischen Frankreich und Bayern, um die Pflege ihrer kranken Eltern sicherzustellen. Sie gab an, dass dies auch der Grund gewesen sei, warum sie weitgehend „aus dem Scheinwerferlicht“ getreten sei.[5] 1991 lernte sie auf einer Kuba-Reise die Schauspielerin Alicia Bustamente kennen, mit der sie später zusammenarbeitete und -lebte. 2011 fand sie in Berlin-Charlottenburg in einer Wohngemeinschaft mit zwei rund 30 Jahre jüngeren Mitbewohnern ein „zweites Zuhause“. Im Jahre 2014 verlegte Schygulla ihren festen Wohnsitz von Paris endgültig nach Berlin.

Zusammen mit anderen Filmschaffende übergab Schygulla am 20. Oktober 2015 EU-Spitzen Unterschriften der Initiative For a Thousand Lives: Be Human, einem Appell gegen Populismus und Schweigen. Sie erinnerte an ihr Dasein als Flüchtlingskind und appellierte daran, Flüchtlingen menschlich zu begegnen, ihnen eine Chance zu geben.[6]

Ihr Archiv befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin.[7]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stern von Hanna Schygulla auf dem Boulevard der Stars in Berlin

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1970: Rainer Werner Fassbinder: Pre-Paradise Sorry Now (Myra) – Regie: Peer Raben/Rainer Werner Fassbinder (Hörspiel – SDR)
  • 1970: Rainer Werner Fassbinder: Ganz in Weiß (Mädchen) – Regie: Peer Raben/Rainer Werner Fassbinder (Hörspiel – BR/HR/SDR)
  • 1971: Rainer Werner Fassbinder nach Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris (Iphigenie) – Regie: Rainer Werner Fassbinder (Hörspiel – WDR)
  • 1972: Rainer Werner Fassbinder: Keiner ist böse keiner ist gut (Elvira) – Regie: Rainer Werner Fassbinder (Hörspiel – BR)

Diskographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hanna Schygulla chante/singt. Hanna Schygulla mit Orchester Peer Raben "Lili Marleen"/Peer Raben "Thema Willie Part 1" 7" Single, Philips 6005, 1981
  • DVD-Set "Rainer Werner Fassbinder Vol. 1 1969–1972" [9 DVDs] [10]
  • DVD-Set "Rainer Werner Fassbinder Vol. 2: 1973–1982" (8 DVDs) [11]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hanna Schygulla signiert ihre Autobiographie, 2013
  • Hanna Schygulla: Wach auf und träume – Die Autobiographie. Schirmer/Mosel, München 2013, ISBN 3-8296-0658-3

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hanna Schygulla – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. LeMo - Lebendiges Museum Online, abgerufen am 11. 10 2016
  2. vgl. King, Susan: Critics' top film pick: 'Bashir' . In: Los Angeles Times, 4. Januar 2009, California, Metro Desk, Part B, S. 3
  3. Hanna Schygulla – Traumprotokolle Ausstellungsankündigung der Akademie der Künste, Berlin, abgerufen am 19. Februar 2014
  4. "Zwischenweltsplitter", Der Tagesspiegel vom 2. Februar 2014
  5. Als es ihn nicht mehr gab, ist alles auseinandergebrochen. Interview von Gabriela Herpell und Carla Voter, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, 25. November 2016, S. 16.
  6. Künstlerappell gegen Populismus und Schweigen, orf.at, 20. Oktober 2015, abgerufen 21. Oktober 2015.
  7. Hanna-Schygulla-Archiv Bestandsübersicht auf den Webseiten der Akademie der Künste in Berlin.
  8. vgl. Pressemitteilung (Memento vom 11. Dezember 2009 im Internet Archive) bei berlinale.de, 3. Dezember 2009 (abgerufen am 4. Dezember 2009)
  9. Terminhinweis: Ministerpräsident Seehofer händigt Bayerischen Verdienstorden und Bundesverdienstkreuz an verdiente Persönlichkeiten aus. In: bayern.de. Bayerische Staatsregierung, 22. März 2011, abgerufen am 17. Februar 2017.
  10. Liebe ist kälter als der Tod / Katzelmacher / Götter der Pest / Der Amerikanische Soldat / Die Niklashauser Fart / Rio das Mortes / Warnung vor einer heiligen Nutte / Händler der vier Jahreszeiten / Die Bitteren Tränen der Petra von Kant.
  11. Angst essen Seele auf / Fontane - Effi Briest oder: Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen.