Hannelore Kohl

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Dieser Artikel befasst sich mit der Frau des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Für die gleichnamige Richterin siehe Hannelore Kohl (Richterin).
Hannelore Kohl (1976)
Hannelore Kohl (links), am 3. Juli 1991

Johanna Klara Eleonore Kohl, geborene Renner (* 7. März 1933 in Berlin; † 5. Juli 2001 in Ludwigshafen am Rhein), war die erste Ehefrau des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Ihr Rufname „Hannelore“ ist eine Komposition aus „Johanna“ und „Eleonore“.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Kindheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie wurde 1933 als einziges Kind des Ingenieurs und späteren Wehrwirtschaftsführers Wilhelm Renner (1890-1952) und dessen Ehefrau Irene (1897-1980, geborene Merlin) in Berlin-Schöneberg geboren. Noch im selben Jahr zog die Familie nach Leipzig um. Nach dem verheerenden Luftangriff auf Leipzig im Dezember 1943 wurde Hannelore zusammen mit ihrer Mutter zunächst nach Grimma, später nach Döbeln evakuiert, wo sie das örtliche Gymnasium besuchte. Bei einem weiteren Flächenangriff auf Leipzig im Februar 1945 wurde auch das Elternhaus zerstört.[1]

Kriegsende und Flucht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des letzten Kriegswinters 1944/1945 musste sie als Elfjährige jede zweite Woche Bahnhofsdienst leisten. Nach Döbeln kamen Züge mit Verwundeten von der sowjetischen Front, denen Hannelore und andere Schüler die Verbände wechselten. Sie half beim Bergen von Toten und bei der Versorgung von Flüchtlingen, die teilweise wochenlang bei Minusgraden in offenen Waggons unterwegs gewesen waren. Einige der Säuglinge waren erfroren. Hinzu kamen Bombenangriffe mit Personen- und Sachschäden.

In den letzten Kriegstagen wurde Hannelore Kohl im Alter von zwölf Jahren von sowjetischen Soldaten mehrfach vergewaltigt und, in ihren Worten, „wie ein Zementsack“ aus dem Fenster geworfen. Durch die Misshandlungen erlitt sie eine Wirbelverletzung, an der sie zeitlebens zu leiden hatte.[2][3] Am 5. Mai 1945, wenige Tage vor dem Kriegsende, flohen die 12-jährige Hannelore und ihre Mutter mit dem Handkarren zunächst nach Taucha, von dort zusammen mit dem Vater nach Westdeutschland und erreichten im Juli 1945 Mutterstadt im heutigen Rheinland-Pfalz. Da das dortige Elternhaus des Vaters durch die Kriegsereignisse zerstört war, wohnte die Familie zunächst in einer 12  großen Waschküche, die durch in den Raum gehängte Decken in Wohn- und Schlafzimmer geteilt wurde.[4] Wie viele Kinder der Nachkriegszeit litt sie, auch über den Hungerwinter 1946/47 hinaus, an Unterernährung.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl sie noch nicht das vorgeschriebene Mindestalter erreicht hatte, absolvierte sie 1951 das von der Besatzungsmacht vorgeschriebene französische Zentralabitur. Im selben Jahr begann sie ein Studium am Fachbereich Sprachwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität in Germersheim. Bedingt durch den frühen Tod des Vaters, musste sie 1952 das Studium aus wirtschaftlichen Gründen wieder aufgeben.[Anm. 1] Zunächst fand sie eine Anstellung beim Kohlhammer Verlag in Stuttgart; von 1953 bis 1960 arbeitete sie als kaufmännische Angestellte bei der BASF in Ludwigshafen.[1]

Ehe mit Helmut Kohl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hannelore Kohl mit ihrer Familie 1975 bei einem Privataufenthalt in Leipzig

Bei einem Klassenfest in Ludwigshafen lernte Hannelore Renner 1948 im Alter von fünfzehn Jahren den achtzehnjährigen Helmut Kohl kennen, den sie nach zwölf Jahren Bekanntschaft am 27. Juni 1960 heiratete. Ab der Geburt ihrer beiden Söhne Walter (1963) und Peter (1965) widmete sich Hannelore Kohl ganz deren Erziehung. Zum Politikbetrieb, dem sie sich nie ganz entziehen konnte, bewahrte sie Distanz. Die Söhne wurden von ihr vom Parteiengeschäft ferngehalten.

Als Helmut Kohl 1969 zum Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz gewählt wurde, war sie mit 36 Jahren die jüngste „Landesmutter“ in Deutschland. Trotz des zunehmenden Interesses der Journalisten, insbesondere auch später als Kanzlergattin, war es ihr wichtig, die Kinder aus den Medien herauszuhalten.

Anfang der 1970er Jahre begann die Rote Armee Fraktion (RAF) Anschläge und andere Gewalttaten u.a. gegen Spitzenvertreter der Politik auszuüben. Unter den von der RAF Getöteten waren auch Freunde der Familie. Als Ministerpräsident und Bundesvorsitzender der CDU war auch Helmut Kohl besonders gefährdet. Die Bedrohung und ständige Angst um das Leben der Familie bedeuteten für sie eine permanente Belastung und das Gefühl einer aufgezwungenen Gewaltsituation hilflos ausgeliefert zu sein.

Als Anfang der 1980er Jahre Helmut Kohl als Oppositionsführer den in der Bevölkerung umstrittenen, vom amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt initiierten NATO-Doppelbeschluss unterstützte, wurde auch Hannelore Kohl bei Demonstrationen der Friedensbewegung öffentlich beschimpft und körperlich angegriffen. Zudem belasteten Kundgebungen vor dem Wohnhaus in Oggersheim das Privatleben der Familie. Die Vorgänge wurden von den Familienmitgliedern als Sippenhaft wahrgenommen.[1]

In der Öffentlichkeit entsprach sie jedoch immer dem Bild der glücklichen Ehefrau, so wie es von ihr erwartet wurde. Sie war stets bereit, unter allen Umständen Disziplin zu wahren.[2]

Wirken als Kanzlergattin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hannelore Kohl sprach fließend Englisch und Französisch. Sie nutzte diese Fähigkeiten zum Umgang mit Staatsgästen und baute zu den Ehefrauen der Staatsmänner zum Teil freundschaftliche Beziehungen auf.

Nach unwidersprochenen Berichten Helmut Kohls hat Hannelore Kohl an dem sogenannten Zehn-Punkte-Programm zum Erreichen der deutschen Einheit und Selbstständigkeit mitgewirkt. Helmut Kohl trug dieses Programm ohne Abstimmung selbst mit dem Koalitionspartner am 28. November 1989 dem Deutschen Bundestag vor.

Schmähkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Wahl ihres Ehemannes zum Oppositionsführer im Deutschen Bundestag und vor allem während dessen Zeit als Bundeskanzler sah sich auch Hannelore Kohl einer von ihr als Schmutzkampagne wahrgenommenen, ehrverletzenden Schmähkritik ausgesetzt. Während ihr Ehemann häufig als Birne tituliert wurde, wurde sie als Dummchen und Barbie von der Pfalz bespottet.[5]

In der 1999 aufgedeckten CDU-Spendenaffäre drängte Hannelore Kohl ihren Ehemann vergeblich die Namen der Spender zu nennen. Auf der Straße wurde sie für das Verhalten ihres Mannes angespuckt und öffentlich als Spendenhure beschimpft.[6]

Ehrenamtliche Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1983 gründete sie das Kuratorium ZNS (2005 umbenannt in ZNS – Hannelore Kohl Stiftung) für hirnverletzte Unfallopfer mit Schädel-Hirn-Trauma und wurde dessen Präsidentin. Das Thema Hirnverletzte, deren geistige Fähigkeiten zu dieser Zeit noch häufig in Frage gestellt wurden, galt bis dahin in Deutschland in der Öffentlichkeit noch häufig als Tabu. 1985 wurde sie für ihr soziales Engagement mit dem Bambi geehrt, den sie zugunsten des ZNS versteigern ließ.

Auf Ihre Initiative hin realisierte der Unternehmer Heinz Nixdorf geeignete Benutzerschnittstellen zur Kommunikation zwischen PC und hirnverletzten Patienten. Die BDH-Klinik Hessisch Oldendorf wurde mit Unterstützung des ZNS als erste Klinik mit einen entsprechendem System ausgestattet. 1986 präsentierte sie das von der Nixdorf Computer AG unterstützte Projekt Computer helfen heilen und leben.

Darüber hinaus organisierte sie Benefizveranstaltungen zugunsten des ZNS, wie die Konzerte Up with People in der Bonner Beethovenhalle, bei der sie selbst die Gäste am Buffet bediente[7] und trat als Schirmherrin von Wohltätigkeitsveranstaltungen wie etwa dem Ball der Sterne auf. 1993 gründete sie die Hannelore-Kohl-Stiftung für Unfallopfer zur Förderung der Rehabilitation Hirnverletzter e.V., mit der auch Forschungen auf dem Gebiet der Neuro-Rehabilitation unterstützt wurden.

Ein Jahr vor ihrem Selbstmord wurde ihr von einem Journalisten des Westdeutschen Rundfunks Geldwäsche und Untreue bei ihrer Arbeit für das ZNS und die Stiftung unterstellt. Dies wurde von ihr als Vorbereitung des Rufmordes wahrgenommen und als Versuch ihr öffentliches Lebenswerk zu zerstören. Obwohl die Anschuldigungen widerlegt und nicht weiterverfolgt wurden, geriet sie unter erheblichen psychischem und existenziellem Druck.[8]

Krankheit und Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die Umstände von Hannelore Kohls Krankheit und Tod gibt es in der Öffentlichkeit zahlreiche Spekulationen. Ihren eigenen Angaben im März 2001 zufolge litt sie seit 1993 an einer „Lichtallergie“, vermutlich einer Lichturtikaria.[9] Als möglicher Auslöser dieser Krankheit wird eine seltene Gegenreaktion auf Penicillin-Tabletten angeführt,[10] was aber teilweise angezweifelt wird, so wurden auch psychosomatische Gründe ins Feld geführt.[11] Bei der Diskussion um die CDU-Spendenaffäre ab Ende 1999 wurde versucht, auch sie hineinzuziehen, um ihrem Ehemann zu schaden. Sie selbst hielt das Schweigen ihres Mannes für falsch, es kam aber zu keinem offenen Disput. Es wurden auch Vorwürfe vorgebracht, sie habe Geld für ihre Stiftung beiseite geschafft. Bisher vertraute Personen und sie unterstützende Organisationen ließen sie im Stich.[12] Ab Mai 2000[12] konnte sie das tagsüber abgedunkelte Haus nur nach Sonnenuntergang verlassen.[13][2] Nach Angaben ihres Mannes in Interviews, die er mehrere Jahre später gab, litt sie an unerträglichen Schmerzen. Eine Behandlungsmöglichkeit gab es laut der Aussagen Helmut Kohls nicht. An der Hochzeit ihres Sohnes Peter Kohl mit seiner türkischen Lebensgefährtin am 28. Mai 2001 in Istanbul konnte sie aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr teilnehmen. Am 5. Juli 2001 beging Hannelore Kohl im Alter von 68 Jahren mit einer Überdosis Tabletten Suizid, während ihr Mann in Berlin weilte. Ihm und ihren Söhnen hinterließ sie einen Abschiedsbrief. Eine Autopsie wurde nicht vorgenommen. Zuletzt hatte sie mit ihrem Mann an seinen Memoiren gearbeitet, wie sie in einem ihrer letzten Interviews sagte.[14]

Die Trauerfeier fand unter großer Beteiligung der Bevölkerung nach katholischem Ritus im Dom zu Speyer statt.[15] Anschließend erfolgte die Beisetzung im Familiengrab auf dem Friedhof Ludwigshafen-Friesenheim, wo auch ihre Schwiegereltern beerdigt sind.[16]

Im Gedenken an Hannelore Kohl benannte die Stadt Ludwigshafen im Mai 2004 eine Uferpromenade am Rhein nach ihr.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für ihre Verdienste um hirnverletzte Unfallopfer wurde Kohl 1990 zum „Ehrenflorian“ der Freiwilligen Feuerwehr Siegburg ernannt

Theater, Hörspiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um die leidensvolle Lebensgeschichte von Hannelore Kohl geht es in Johann Kresniks Tanzstück Hannelore Kohl, das im Dezember 2004 in der Bonner Oper uraufgeführt wurde. In seinem Hörspiel Hannelore oder So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein[18] reflektiert Patrick Findeis ihr Leben in einem fiktiven Dialog.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hannelore Kohl (Hrsg.): Kulinarische Reise durch deutsche Lande. Zabert Sandmann, München 1999, ISBN 3-924678-87-1 (mit Texten von Helmut Kohl).
  • Hannelore Kohl: Was Journalisten „anrichten“. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1986, ISBN 3-87629-098-8 (Kochbuch).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hannelore Kohl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Bundesausbildungsförderungsgesetz bzw. dessen Vorläufer, das Honnefer Modell wurden erst 1955 eingeführt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Dona Kujacinski, Peter Kohl: Hannelore Kohl – Ihr Leben. Droemer Knaur, München 2002, ISBN 978-3-4267-7660-5.
  2. a b c Jan Fleischhauer: Sehnsucht nach dem Ende in: Der Spiegel 24/2011 vom 11. Juni 2011
  3. Die Frau hinter dem Panzer Zeit Online / Tagesspiegel, 14. Juni 2011
  4. Biografie auf fembio.org, abgerufen am 10. Juni 2011
  5. Die Verkannte Hamburger Abendblatt vom 24. Juli 2011. Abgerufen am 5. Juni 2016.
  6. Das war nicht auszuhalten Frankfurter Allgemeine vom 26. November 2011. Abgerufen am 12. Juni 2016.
  7. Die Bonner Beethovenhalle als Ort der Demokratie (PDF; 35,33 KB) Rede in der Beethovenhalle am 1. Oktober 2011. Abgerufen am 4. Juni 2016.
  8. Das Leben einer Landesmutter Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Februar 2002. Abgerufen am 7. Mai 2016.
  9. Sonja Kastilan: Rätselhafte Lichtallergie. In: Die Welt. 7. Juli 2001, abgerufen am 23. März 2015.
  10. Hans Halter: Verbannt in die Dunkelheit. In: Der Spiegel. Nr. 28, 2001 (online).
  11. Zweifel an der Art der Erkrankung. Interview mit Herbert Hönigsmann, Spezialist für Lichtallergien. 11. Juli 2001, archiviert vom Original am 1. Februar 2014, abgerufen am 23. März 2015.
  12. a b Johanna Kaack: ZDF-History: Die zwei Leben der Hannelore Kohl, 2014, ausgestrahlt am 25. Februar 2015, ab etwa der 30. Minute.
  13. Heribert Schwan: Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl, Heyne, München 2011
  14. Hannelore Kohl: Es war Selbstmord. In: RP online. 5. Juli 2001, abgerufen am 23. März 2015.
  15. Kohl-Trauerfeier: Sein Maß und ihre Messe. In: Der Tagesspiegel. 21. Juli 2001, abgerufen am 23. März 2015.
  16. Klaus Nerger: Hannelore Kohl. Das Grab. In: knerger.de. 19. März 2015, abgerufen am 23. März 2015.
  17. Ich verbrenne von innen. In: Der Spiegel. 9. Juli 2001
  18. Hannelore oder So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein, Hörspiel