Hans-Ulrich Jörges

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Hans-Ulrich Jörges (2014)

Hans-Ulrich Jörges (* 8. Dezember 1951 in Bad Salzungen, Thüringen) ist ein deutscher Journalist. Er ist seit 1. September 2007 Mitglied der Chefredaktion der Illustrierten Stern und Chefredakteur für Sonderaufgaben des Verlags Gruner + Jahr. Er ist in zweiter Ehe verheiratet mit der Journalistin Christiane Gerboth.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jörges wurde im thüringischen Bad Salzungen geboren und lebte bis 1957 in der DDR. In seinem sechsten Lebensjahr siedelte seine Familie in die Bundesrepublik über. Er wuchs in Frankfurt am Main auf und stand nach der Abiturientenzeit in Kontakt mit der linken Szene dort und arbeitete in einem kleinen linken Verlag, wo er u.a. Wilfried Böse und Johannes Weinrich kennenlernte.[1] Die Erfahrungen mit der militanten Linken ernüchterten ihn. Er absolvierte parallel „in einem Spagat“ ein Volontariat bei der Nachrichtenagentur Vereinigte Wirtschaftsdienste (VWD). Anschließend arbeitete er als Chef vom Dienst für VWD. Gleichzeitig studierte er Gesellschaftswissenschaften, lebte in einer Wohngemeinschaft ohne Privatbesitz.[2] Das Studium brach er ab.

1977 wurde er stellvertretender Leiter des Inlandsressorts der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn, leitete von 1979 bis 1981 das Berliner Agenturbüro, anschließend das in München. 1985 holte ihn Heiner Bremer zum Bonner Büro des Stern, 1986 ging er als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung nach Düsseldorf. 1989 wurde er beim Stern Ressortleiter Politik, 1990 stellvertretender Chefredakteur.

1992 wechselte er in die Entwicklungsredaktion der im Aufbau befindlichen neuen Wochenzeitung Die Woche. Seit Erscheinen der ersten Ausgabe im Februar 1993 war er zunächst Chef des Politikressorts, dann stellvertretender Chefredakteur. Von Januar bis Dezember 2001 war er Chefredakteur des Wochenblattes.

Seit Mai 2002 war Jörges wieder stellvertretender Chefredakteur des Stern und leitete bis August 2007 das Hauptstadtbüro in Berlin. Seit September 2007 ist er Mitglied der Chefredaktion des Stern und Chefredakteur für Sonderaufgaben des Verlags Gruner + Jahr. Der Stern enthüllte unter seiner Leitung die Affäre um Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) und PR-Berater Moritz Hunzinger, die zum Sturz Scharpings führte. In seiner wöchentlichen Kolumne Zwischenruf kommentiert er das politische Geschehen in Deutschland.

Im Jahr 2004 wurde Jörges zum Journalisten des Jahres in der Kategorie „Politik“ gewählt. Die britische Financial Times zählte ihn 2006 zu den einflussreichsten Kommentatoren der Welt. Im Frühjahr 2009 war Jörges Initiator der Europäischen Charta für Pressefreiheit, die von 48 Chefredakteuren und leitenden Journalisten aus 19 Staaten auf einer Konferenz in Hamburg verabschiedet und anschließend von mehreren hundert Journalisten sowie Journalisten-Verbänden aus knapp 30 Staaten unterzeichnet wurde. Am 9. Juni übergab Jörges die Charta in Brüssel an die EU-Kommission mit der Aufforderung, ihr in der Gemeinschaft Geltung zu verschaffen und ihre Annahme bei EU-Erweiterungen zur Bedingung zu machen.[3]

Gemeinsam mit dem ZDF-Journalisten Guido Knopp gründete Jörges das gemeinnützige Projekt „Gedächtnis der Nation“, das Erinnerungen von Zeitzeugen an die deutsche Geschichte in Form von Video-Interviews aufzeichnet und im Internet für nachfolgende Generationen, insbesondere für Schulen und Universitäten, dauerhaft aufbewahrt. Das Portal startete am 6. Oktober 2011, seither fährt ein als TV-Studio eingerichteter „Jahrhundertbus“ durch Deutschland, um Zeitzeugen zu befragen. Bundespräsident Christian Wulff war Schirmherr des Projekts, Kulturstaatsminister Bernd Neumann Vorsitzender des Kuratoriums.[4] Heute ist Joachim Gauck in seiner Funktion als Bundespräsident Schirmherr des Vereins.

Jörges gehört dem Kuratorium der Freundesgesellschaft des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar, dem Kuratorium der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen sowie der Carl Friedrich von Weizsäcker-Gesellschaft an.

In den letzten Jahren wurde er durch seine häufige Präsenz bei Talkshows mit politischen Themen einer breiten Öffentlichkeit bekannt.[5]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2006 geriet Jörges in die Kritik mit einem Kommentar zu Hartz IV unter der Überschrift „Der Kommunismus siegt – Arbeit wird verhöhnt, Nichtstun belohnt“. Er sprach darin und in einer Sendung von Sabine Christiansen in der gleichen Woche von „2.000 Euro Sozialleistungen“, die Familien mit mehreren Kindern unter „günstigsten Umständen“ bekommen könnten. Auf Anfrage der taz räumte er ein, dass er der Rechnung die Ausnahmesituation des Übergangs von Arbeitslosengeld zu Arbeitslosengeld II zugrunde gelegt hatte.[6][7]

Im Januar 2014 wurde er zusammen mit dem Moderator Markus Lanz für schlechten Diskussionsstil gegenüber Sahra Wagenknecht kritisiert („Lanz und Jörges schmieden Allianz“).[8] Jörges kommentierte dies daraufhin in einem Internetvideo, das auf der Website des Stern veröffentlicht wurde. Er bezeichnete die Entrüstung als „Shitstorm von links“, der auf eine „Tabuisierung von kritischer Auseinandersetzung mit Sahra Wagenknecht“ abziele, da diese die „wirksamste propagandistische Waffe der Linken“ sei.[9]

Im März 2014 äußerte sich Jörges in einer Talkshow über Uli Hoeneß’ Steueraffäre. Er warf Hoeneß vor, ein „Sozialschmarotzer“ zu sein, und fügte hinzu, das habe er auch Hoeneß selbst „als Freund gesagt“. Diese Äußerungen lösten erstauntes Befremden aus. Der „nicht eben bescheidene Journalist“[10] Jörges habe „ein wesentliches Prinzip jeder Freundschaft verletzt, das der Loyalität“. Er habe die Sendung in einen „Schlüsselloch-Journalismus“ überführt, indem er „intimes Wissen hemmungslos ausgeschlachtet“ und sich „munter an den Verschwörungstheorien rund um den Fall beteiligt“ habe.[11]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Bissinger, Hans-Ulrich Jörges: Der unbequeme Präsident: Roman Herzog im Gespräch mit Manfred Bissinger und Hans-Ulrich Jörges. Hoffmann und Campe, Hamburg 1995, ISBN 3-426-80076-4
  • Manfred Bissinger, Hans-Ulrich Jörges: SPD, Anpassung oder Alternative? Volk und Welt, Berlin 1989, ISBN 3-353-00996-5
  • Hans-Ulrich Jörges (Hrsg.): Der Kampf um den Euro. Hoffmann und Campe, Hamburg 2001, ISBN 3-455-10368-5
  • Hans-Ulrich Jörges: Regierung verzweifelt gesucht. Econ, Berlin 2009, ISBN 978-3-430-20085-1

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hans-Ulrich Jörges – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zeitzeugenaussage in Gedächtnis der Nation, zum Erlebnis: „1977: Der Herbst des Terrors“ der Clip: „Linksradikalismus als totalitäre Bewegung“
  2. Stefanie Huland: Streitbarer Hauptstadt-Journalist. Insight 1/09 (Memento vom 26. Februar 2014 im Internet Archive) (PDF; 6,8 MB)
  3. Kommissionsmitglied Reding begrüßt neue Europäische Charta für Pressefreiheit
  4. Internetseite des Projekts Das Gedächtnis der Nation
  5. meist eingeladene Talkshow-Gäste 2010 (Memento vom 17. August 2012 im Internet Archive)
  6. Stimmungsmacher der Hartz-Republik Jens König in der taz vom 31. Mai 2006.
  7. Hartz IV: Ist das Existenzminimum für arme Familien zu hoch? – oder: wie Herr Jörges vom Stern der raffinierten Verschwörung des Fürsorgestaats zugunsten von Familien auf die Schliche gekommen ist von Helga Spindler aus: neue praxis, Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Heft 3/2006 S. 251–256.
  8. Sahra Wagenknecht beschwert sich über ZDF und Markus Lanz bei abendblatt.de, 22. Januar 2014
  9. Die Methode Wagenknecht Stern.de, 23. Januar 2014, abgerufen am 23. Januar 2014
  10. Joachim Jahn: Die CSU hat Hoeneß verraten Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. März 2014
  11. Ralf Dargent: Hoeneß' angeblicher Freund plaudert Brisantes aus Die Welt vom 17. März 2014
  12. Pfeifenraucher des Jahres 2008: Hans-Ulrich Jörges vdp-pfeifenverband.de
  13. Der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges bekommt die Georg-Scheu-Plakette verliehen von Torben Schröder auf allgemeine-zeitung.de vom 27. Juni 2014