Hans Delmotte

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Hans Delmotte (* 15. Dezember 1917 in Lüttich; † 1945) war ein belgischer SS-Arzt, der im KZ Auschwitz bei der Zweigstelle des Hygiene-Institut der Waffen-SS beschäftigt war.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Delmotte absolvierte nach dem Ende seiner Schullaufbahn ein Medizinstudium. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gehörte Delmotte ab Mitte Juni 1941 der Waffen-SS an.[1] Bei der Waffen-SS erreichte Delmotte 1944 den Rang eines SS-Obersturmführers.

Delmotte absolvierte einen Lehrgang an einer SS-Junkerschule und war am Sanitätsamt der Waffen-SS in Berlin eingesetzt.[2] Am 15. September 1944 wurde er durch Joachim Mrugowsky zur Zweigstelle des Hygiene-Instituts der Waffen-SS in Auschwitz versetzt. Ebenso wie sein Kollege Hans Münch war Delmotte Stellvertreter seines Vorgesetzten Bruno Weber.[1]

Im KZ Auschwitz war Delmotte einerseits am Hygiene-Institut der Waffen-SS und andererseits als Lagerarzt tätig. Umgehend nach seiner Ankunft in Auschwitz wurde Delmotte in Begleitung eines Arztkollegen zu Selektionen von KZ-Häftlingen zur Vergasung an der so genannten Rampe herangezogen.[3] Delmottes Kollege Hans Münch traf Delmotte nach dessen Teilnahme an seiner ersten Selektion an:

„Er kam völlig verstört wieder zurück. Er wurde von einem SS-Mann gebracht, weil er praktisch nicht in der Lage war, selbst nach Hause zu fahren. Er schlief im selben Haus im Zimmer neben mir. Ich glaubte, als er zurückkam [...] er sei dem Schnaps, der meistens bei den Selektionen zur Verfügung stand, nicht gewachsen gewesen. Er brach; aber er war nicht fähig, sich zu äußern. Erst am nächsten Morgen merkte ich, das der Alkohol nicht die hauptsächlichste Rolle gespielt hatte. [...] Er war völlig erschüttert, hatte seine Ausgehuniform angezogen und marschierte in strammer Haltung zum Kommandanten und erklärte ihm, daß er sich weigere einen solchen Dienst zu machen, er könne das nicht; und [...] - er hat uns das nachher erzählt - [...] er bitte, entweder an die Front geschickt zu werden, oder man möge ihn selbst vergasen.“[4]

Delmotte wandte sich auch an seinen Vorgesetzten und den SS-Standortarzt, um von dieser Aufgabe entbunden zu werden. Danach wurde er Josef Mengele zugewiesen, der ihn von der angeblichen Notwendigkeit dieser Aufgabe überzeugen sollte. Zudem zog auf Intervention seines Vorgesetzten die Ehefrau Delmottes zu dessen Arbeitsstelle. Bis zum Spätherbst 1944 nahm Delmotte schließlich an Selektionen teil.[3] Für Delmottes Dissertation wurde ihm ein jüdischer Häftlingsarzt und Professor zur Seite gestellt. Für diese Forschungsarbeit nahm Delmotte an Fleckfieberversuchen an Häftlingen im KZ Auschwitz teil.[5] Delmottes Dissertation: Beiträge zur pathologischen Physiologie der Magensekretion im Fleckfieber wurde noch 1944 fertiggestellt.

Nach der Evakuierung des KZ Auschwitz im Januar 1945 war Delmotte kurzzeitig noch im KZ Dachau tätig. Er versuchte sich bei Kriegsende in seine Heimat abzusetzen, wurde aber durch Angehörige der US-Armee festgenommen. Während der Überführung in ein Gefängnis gelang es Delmotte, sich zu erschießen.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. 3. Auflage. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1997, ISBN 3-596-14906-1.
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2007. ISBN 978-3-596-16048-8
  • Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz; Frankfurt am Main, Berlin, Wien: Ullstein, 1980; ISBN 3-548-33014-2.
  • Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz., Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 1999, 5 Bände: I. Aufbau und Struktur des Lagers. II. Die Häftlinge - Existentzbedingungen, Arbeit und Tod. III. Vernichtung. IV. Widerstand. V. Epilog., ISBN 83-85047-76-X.
  • Mieczysław Kieta: Das Hygiene-Institut der Waffen-SS und Polizei in Auschwitz, in: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Die Auschwitz-Hefte, Band 1, Hamburg, 1994; ISBN 3-8077-0282-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Aleksander Lasik: Die Organisationsstruktur des KL Auschwitz, in: Aleksander Lasik, Franciszek Piper, Piotr Setkiewicz, Irena Strzelecka: Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations und Vernichtungslagers Auschwitz., Band I: Aufbau und Struktur des Lagers, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 1999, S. 320.
  2. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt am Main, Berlin Wien 1980, S. 405f.
  3. a b c Robert Jay Lifton: „Die Mörder sind noch unter uns“, in: Der Spiegel, Ausgabe 27 vom 4. Juli 1988.
  4. Hans Münch über Delmotte Zitiert bei: Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Frankfurt am Main, Berlin Wien 1980, S. 405
  5. Hans Halter: „Die Mörder sind noch unter uns NS-Ärzte: Von der Euthanasie“, in: Der Spiegel, Ausgabe 25 vom 20. Juni 1998.