Hans Joachim Kauffmann

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Hans Joachim Paul Richard Kauffmann (* 16. Juni 1926 in Stuttgart; † 8. Februar 2008 in Achim bei Bremen) war ein deutscher Dirigent, Komponist und Hochschullehrer.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kauffmann-Villa

Kauffmann war der einzige Sohn von Fritz Kauffmann (1886–1971) und dessen Frau Charlotte.

Sein Ururgroßvater Ernst Friedrich Kauffmann war Komponist und Mathematikprofessor in Ludwigsburg. Er zählte zum Freundeskreis von Eduard Mörike und war neben Louis Hetsch Widmungsträger von Mörikes Mozart auf der Reise nach Prag (1855). Sein Urgroßonkel Karl Emil Kauffmann (1836–1909) war Universitätsmusikdirektor in Tübingen.

Musikalische und berufliche Laufbahn bis 1968[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Ausbildung erhielt Hans Joachim Kauffmann an der Karls-Oberschule in Stuttgart, der Horst-Wessel-Oberschule in Heidenheim und der Musikhochschule Stuttgart. Nebenbei betätigte er sich ab Mitte der 1940er Jahre als Musiklehrer. 1950 schloss er seine Studien mit der künstlerischen Reifeprüfung in Dirigieren und Komposition ab; gleichzeitig erlangte er die Berechtigung, an höheren Schulen das künstlerische Lehramt auszuüben.

Im Familienbesitz befand sich die Sammlung Dr. Fritz Kauffmann, die Hans Joachim Kauffmann zu eigenen Kompositionen inspirierte.[1] Der jugendliche Kauffmann vertonte Lyrik aus dieser Sammlung, aber auch andere Stücke. Protegiert durch seinen Vater durfte Kauffmann zwischen 1951 und 1961 mehrfach als Gastdirigent bei Aufführungen der Stuttgarter Philharmonie fungieren.[2][3].

Von 1950 bis 1954 war Kauffmann am Staatstheater Stuttgart als Korrepetitor und stellvertretender Chordirektor tätig, darüber hinaus wirkte er als Dirigent des Akademischen Orchesters und des Akademischen Chores der Technischen Hochschule Stuttgart. Danach arbeitete er in Koblenz als Chordirektor und Kapellmeister am dortigen Stadttheater und gründete 1955 einen Madrigalchor (heute: Bach-Chor Koblenz).[4]

1961 trat Kauffmann die Nachfolge des deutschen Dirigenten Carl Caelius als Leiter des Sinfonieorchester Kyōto an. Sein Engagement als Chefdirigent war für vier Jahre geplant. Sein Engagement begann im September 1961, endete jedoch schon im August 1963 nach 23 Monaten. Ihm folgte der japanische Dirigent und Flötist Tadashi Mori (1921—1987) nach, der das Orchester auf etwa 80 Musiker erweiterte. Kauffmann blieb jedoch die vier Jahre in Japan und arbeitete die verbleibende Zeit als Gastdozent an der Musikakademie in Kyōto.

Nach seiner Rückkehr aus Japan 1964 arbeitete Kauffmann als Dozent an der Städtischen Hochschule für Musik und Theater Heidelberg, dort ab Januar 1965 als deren stellvertretender Leiter und Leiter des Kammerorchesters der Schule.

Direktor des Bremer Konservatoriums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1968 wurde er als Nachfolger von Generalmusikdirektor (GMD) Hellmut Schnackenburg Direktor des Konservatoriums der Freien Hansestadt Bremen[5][6], das zu diesem Zeitpunkt als private Bildungseinrichtung Ersatzschule im Range einer Fachschule war.

Am 17. April 1968 wurde er in einem Festakt im Rathaus offiziell in dieses Amt eingeführt und stellte sich mit einer unter dem Motto Musikerziehung als Ordnungsfaktor stehenden Antrittsvorlesung über Musikgeschichte und -philosophie der Öffentlichkeit vor.[7] 1969 übernahm er die von Schnackenburg ins Leben gerufenen Jugendkonzerte der Bremer Philharmoniker und leitete diese Reihe, bis ihm 1975 das Dirigat entzogen wurde; die Leitung übernahm dann GMD Hermann Michael.[5] Sein künstlerisches Wirken bis zur Pensionierung 1991 beschränkte sich von da ab auf die Leitung des Orchesters des Konservatoriums, mit der Aula der Waldorfschule als Hauptspielstätte.

1979 wurde die berufsbildende Abteilung des Konservatoriums unter der Verantwortung von Staatsrat Reinhard Hoffmann als Fachbereich Musik in die Fachhochschule für Gestaltung eingegliedert und damit verstaatlicht. Im Rahmen dieser Erweiterung wurde die Fachhochschule für Gestaltung (bei Beibehaltung des Fachhochschulstatus) in Hochschule für bildende Kunst und Musik umbenannt. Kauffmann oblag unter dem Rektorat von Felix Müller die Anpassung der Verwaltungs-, Ausbildungs- und Personalstruktur nach Vorgaben der Senatsverwaltung an die Struktur der Fachhochschule für Gestaltung. Er wurde als Fachbereichsleiter Musik übernommen. Unter dem Rektorat von Karl-August Welp wurde die so 1979 mit Kauffmanns Mitwirkung entstandene Hochschule für gestaltende Kunst und Musik (Fachhochschule) 1988 in die Hochschule für Künste Bremen überführt. Bei den Wahlen zur Hochschulleitung 1990 wurde Kurt Seibert zum Fachbereichsleiter Musik gewählt, der damit Kauffmann in dieser Funktion ablöste. Kauffmann lehrte bis zu seiner Pensionierung unter anderem die Fächer Analyse, Dirigieren und Harmonielehre.

1991 wurde er pensioniert und gab in der Rathaushalle mit dem Orchester der HfK sein Abschiedskonzert.[8]

Privatleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1981/82 baute Kauffmann für sich ein Haus in Eißel bei Thedinghausen. 1986 heiratete er seine frühere Studentin, die Privatmusiklehrerin Sabine Erhardt (* 1956), mit der er zwei Kinder hatte.

1991, nach seiner Pensionierung und dem Tod auch seiner Mutter, verkaufte Kauffmann die Sammlung Dr. Fritz Kauffmann aus dem Besitz seines Vaters an das Deutsche Literaturarchiv Marbach, wo diese heute archiviert ist.[9] Der Ankauf der Sammlung für das Archiv wurde mit Steuergeldern aus der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg, der Kulturstiftung der Länder und aus den Erträgen der privaten Fritz Thyssen Stiftung finanziert.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fast alle Kompositionen Kauffmanns sind vertonte Lyrik, immer für eine Singstimme und Klavier. Dieses Genre war ihm durch die Zugänglichkeit der umfassenden väterlichen Sammlung vertraut. Nach 1965 - die Sammlung seines Vaters befand sich ab diesem Jahr als Dauerausstellung im Wilhelmspalais in Stuttgart - sind keine Kompositionen mehr von ihm bekannt. Das Gesamtwerk wurde nach seinem Tod von seinen Kollegen Hans Jürgen Feilke und Paul Bialek zusammengetragen und veröffentlicht[1]

Kauffmanns Kompositionen sind überreich an unterschiedlichen Facetten und orientieren sich in ihrer Faktur am emotionalen Kern der jeweils zu Grunde liegenden Dichtung. Er wurde als stilistisch durchgängig unbeeinflusst beschrieben, der mit tiefem und ergriffenem Textverständnis persönlichen Ausdruckswillen in seine Komposition brachte. Genaue Kenntnis der gesangstechnischen Möglichkeiten, virtuose Handhabung des Kontrapunkts, fantasiereiche Harmonik, Formbewusstsein und nicht zuletzt Experimentierfreudigkeit flossen in den Kompositionen zusammen.[1]

Auswahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der ewige Führer[10] zu einem Gedicht von Theodor Lüddecke für eine Singstimme und Klavier (Kauffmann war zu dem Zeitpunkt in der Hitler-Jugend involviert)
  • Kleine Sonate in C für Klavier, komponiert 1947
  • Variationen über „Ein Männlein steht im Walde“ für Klavier, komponiert 1947
  • Streichquartett in einem Satz, komponiert 1948
  • 3 Lieder für eine Singstimme und Klavier, komponiert zwischen 1936 und 1940 (Textdichter: Eduard Mörike)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Hans Jürgen Feilke: Hans Joachim Kauffmann. Lieder-Gesamtausgabe. 2009. Digitalisat
  2. Landesarchiv Baden Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 221 / 10
  3. Ruth Renée Reif, Die Stuttgarter Philharmoniker, Silberburg-Verlag 1999, S. 165 ff.
  4. Homepage des Koblenzer Bach-Chores
  5. a b Klaus Blum, Musikfreunde und Musici, Musikleben in Bremen seit der Aufklärung, Hans Schneider, Tutzing 1975, S. 565 f.
  6. Beitrag von Hans Joachim Kauffmann, in pian e forte, Chronik 10 Jahre Fachbereich Musik an der Hochschule für Künste Bremen, H. M. Hauschild, Bremen 1998, S. 12 u. 13
  7. Simon Neubauer: Musik als Erziehungsmittel, Besprechung im Weser-Kurier vom 18. April 1968
  8. Abschiedskonzert. Weser-Kurier. 22. Juni 1991, Nummer 143, Seite 25
  9. Katalog zur Sammlung Dr. Fritz Kauffmann
  10. Theodor Lüddecke, Der ewige Führer. In: Auswahl deutscher Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Halle (Saale) 1936, S. 712