Hans Kehrl

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum Hamburger Polizeipräsidenten in der Zeit des Nationalsozialismus und SS-Brigadeführer siehe Hans Julius Kehrl.
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung: Die Funktionen im NS-Herrschaftsapparat sind nicht richtig beschrieben. Es gibt Verwechslungen mit Hans Julius Kehrl.
Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.
Hans Kehrl (1942)

Hans Kehrl (* 8. September 1900 in Brandenburg an der Havel; † 26. April 1984 in Grafenau) war ein deutscher Unternehmer, NSDAP-Gauwirtschaftsberater sowie SS-Wirtschaftsführer in der Zeit des Nationalsozialismus.

Kindheit, Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Kehrl wurde am 8. September 1900 in Brandenburg an der Havel geboren. Sein Vater war Tuchfabrikant, Teilhaber der Tuchfabrik Rudolph Kehrl. Nach Abschluss des Gymnasiums in Cottbus volontierte Kehrl in dieser Fabrik. Nach einem Kurzstudium am „Staatlichen Technikum für Textilindustrie“ in Reutlingen[1] und in Aachen ging er von 1922 bis 1924 in die USA.

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1926 wurde Kehrl selbst Teilhaber der Tuchfabrik Rudolph Kehrl. Er schloss sich der nationalliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) von Gustav Stresemann an.[2]

Nach Hitlers Machtergreifung wurde Kehrl am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 1.878.921). Seit 1933 war Kehrl als Gauwirtschaftsberater der NSDAP im Gau Kurmark tätig; gleichzeitig, von Mai 1933 bis 1935 leitete er als Präsident die IHK Niederlausitz in Cottbus. 1934 fungierte er als Mitarbeiter Wilhelm Kepplers als Wirtschaftsbeauftragter des Führers und Reichskanzlers.

Nach 1934 saß Kehrl im Aufsichtsrat von 19 Aktiengesellschaften, vor allem der Schwer- und Textilindustrie, unter anderem in der Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten "Hermann Göring", der Brüxer Kohlenbergbaugesellschaft, der Kurmärkischen Zellwolle u. Zellulose AG und der Nordböhmischen Kohlenwerks-Gesellschaft in Brüx, zudem in der Rheinischen Kunstseide AG in Krefeld, der Rheinischen Zellwolle AG in Siegburg, im Spinnstoffwerk Glauchau AG, der Sudetenländische Bergbau AG und der Sudetenländischen Treibswerke AG in Brüx; außerdem war er Vorsitzender der Außenhandelsstelle für Ostbrandenburg.

1936 wurde Kehrl im „Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe“ des Reichswirtschaftsministerium Hauptreferent für den Vierjahresplan. Am 13. September 1936 wurde Kehrl SS-Mitglied (SS-Nr. 276.899) und trat dem Freundeskreis Heinrich Himmler angeregt durch seinen Mentor Keppler aus „pragmatischen Gründen […] mit einem Gespür für Machtakkumulation“ bei.[3]

Von 1938 bis 1942 war er Generalreferent für Sonderaufgaben, der zur wichtigsten Entscheidungsinstanz für die Bankenpolitik im Sudetenland wurde. 1938 war er Stellvertreter des „Reichsbeauftragten für Österreich“, und 1939 „Bevollmächtigter des Reichswirtschaftsministeriums für das Protektorat Böhmen und Mähren“. Am 9. November 1939 wurde er SS-Oberführer beim Stab des SS-Hauptamtes. Am 14. November 1939 führte er die Reichskleiderkarten ein, von deren Bezug Juden ab dem 6. Februar 1940 ausgeschlossen wurden.

Im Herbst 1941 wurde die Ost-Faser Gesellschaft m.b.H. in Berlin gegründet mit Kehrl als Vorsitzenden des Verwaltungsrates. Die Ostfaser GmbH war die „wichtigste Monopolgesellschaft für die Textilindustrie im Osten“, die mit ihrer Rigaer Tochtergesellschaft Ostlandfaser GmbH den Auftrag hatte, in den besetzten Ostgebieten alle von deutschen Besatzern beschlagnahmten Betriebe der Textil-, Papier- und Zellstoffindustrie wieder zu betreiben. Die Produktion ging überwiegend an die Wehrmacht und umfasste zeitweise rund 300 Betriebe und 30.000 Beschäftigte.[4] weshalb er auch als „Textilpabst“ bezeichnet wurde.[3]:212

1942 wurde Kehrl zur treibenden Kraft bei der Gründung wichtiger Lenkungsverbände der Wirtschaft: Zur Lösung drängender Versorgungsprobleme wurden die Reichsvereinigung Eisen, die RV Bastfasern, die RV chemische Fasern und die RV Textilveredlung eingerichtet. Rolf Dieter Müller beschrieb Kehrl als den „General der zivilen Wirtschaft“.[3]:209

Ab 16. September 1943 leitete Kehrl das Planungsamt, ab 1. November 1943 das Rohstoffamt im Reichswirtschaftsministerium, später wurde er Präsident des Rüstungsamtes beim Generalbevollmächtigten für Rüstungsaufgaben, Albert Speer. Ab 30. Januar 1944 war Kehrl SS-Brigadeführer

Kehrl war verantwortlich für „rechtswidrige Vermögenstransaktionen im Rahmen der nationalsozialistischen Umsiedlungspolitik“.[5]

Nürnberger Prozesse, Gefängnis, 1945–1951[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende befand sich Kehrl zunächst im Internierungslager Heilbronn[6] In den Verhandlungen vom 6. Januar bis 18. November 1948 saß Kehrl im Wilhelmstraßen-Prozess („The Ministries Case“, Fall 11 der Nürnberger Prozesse), auf der Anklagebank. Ihm wurden Kriegsverbrechen und "crimes against humanity" vorgeworfen wegen Plünderung der besetzten Gebiete im Westen durch den „Kehrl Plan“ und durch die Ostfasergesellschaft im Osten.[7]:6 sowie Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, der SS. Sein Verteidiger argumentierte, dass Kehrl bei der SS als Ehrenführer Mitglied gewesen sei, dass er nicht zum Freundeskreis Reichsführer SS („Circle of friends“) gehört habe, und spielte seine Funktion auf „occasionally giving a short impromptu speech at the dinner on the government organization of economy“ herab.[7]:4, dem die Anklage jedoch widersprach.[8] Am 14. April 1949 wurde er zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Am 3. Februar 1951 wurde er bereits wie die 20 anderen Reichsminister begnadigt aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen.[9] Kehrl akzeptierte seine Verurteilung nie und sah sich schuldlos, mehr wie ein Sündenbock für das Reichswirtschaftsministerium.[3]:211

1951–1984[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Freilassung war Kehrl u. a. Wirtschaftsberater in Leverkusen. Er war ein „gesuchter Berater und Schlichter in der Industrie“, aber auch bei einer Bundestagsenquetekommission eingeladen.[3]:211

Politisch war an der SPD orientiert und pflegte einen Schriftwechsel mit Helmut Schmidt, u. a. im Rahmen der Konjunkturkrise 1966/67 und der Ölkrise.[3]:211 1973 erschienen seine Memoiren.[10] Seine Ideen zu staatlichen Investitionen wurden damals als die eines sozialistischen Planungsideologen kritisiert.[3]:212

Am 26. April 1984 starb Kehrl in Grafenau (Württemberg) im Landkreis Böblingen.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er erhielt u. a. das Kriegsverdienstkreuz I. und II. Klasse und am 2. November 1944 das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Polizei (Spaeth & Linde, Berlin 1938),
  • Die Aufgaben der Wirtschaft nach dem Kriege (Wirtschaftskammer, Wien 1941)
  • Neuordnung der Eisenbewirtschaftung (Wirtschaftsgruppe Maschinenbau, Berlin 1942)
  • Vortrag über Aufgaben und Ziele der Reichsvereinigungen (Reichsvereinigung chem. Fasern, Berlin 1942)
Die obigen Schriften wurden in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[11][12][13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fachhochschule Reutlingen Innvovationsreportinnovations-report.de
  2. Brandenburgisches Biographisches Lexikon, hrsg. von Friedrich Beck und Eckhart Henning, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2002; Seite 216.
  3. a b c d e f g Rolf-Dieter Müller: Hans Kehrl – Ein Parteibuch-Industrieller im "Dritten Reich"? S. 195–213 in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1999/2, Akademie Verlag, Berlin 1999, S. 195–213, 3,0 MB; 204–213; 3,3 MB
  4. Klaus-Dietmar Henke: Die Dresdner Bank im dritten Reich: Die Expansion der Dresdner Bank in Europa. Oldenbourg, München 2006, ISBN 3-486-57782-4, S. 635–636.
  5. Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main, 1998, S. 259.
  6. Kehrl, S. 243.
  7. a b Final plea for Hans Kehrl. Military Tribunal IV, 11-12-1948 Nuremberg Military Tribunal 11, Ministries Case, p.1–77
  8. Taylor, Telford. Prosecution Brief on the Asserted Defense of "Honorary" Membership in the SS: Reply to Defenses Presented on Behalf of Keppler, Kehrl, and Rasche (1948) Nuremberg Military Tribunal 11 – Ministries Case. Paper 34. The University of Georgia School of Law
  9. Nuremberg Military Tribunal 11 – Ministries Case The University of Georgia School of Law
  10. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 302.
  11. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur 1946
  12. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur 1947 www.polunbi.de
  13. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur 1948 www.polunbi.de

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hans Kehrl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien