Hans Leyendecker

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Hans Leyendecker 2014

Hans Leyendecker (* 12. Mai 1949 in Brühl, Rheinland) ist ein deutscher Journalist. Er gilt als einer der profiliertesten investigativen Journalisten und deckte seit 1982 viele politische Affären in Deutschland und im Ausland auf.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur machte er ein Volontariat beim Stader Tageblatt, bei dem er bereits als Auszubildender Leitartikel schreiben durfte. Anschließend war er freier Journalist im bayerischen Eichstätt. Nach einem Geschichtsstudium war er Lokalredakteur, Nachrichtenredakteur und Reporter bei der Westfälischen Rundschau in Dortmund. 1979 wechselte er zum Nachrichtenmagazin Der Spiegel, zunächst als Landeskorrespondent für Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. 1994 wurde er einer der Büroleiter des Spiegel in Bonn und 1995 Kolumnist und Ressortleiter für besondere Aufgaben in Hamburg.

1982 deckte er mit der Titelgeschichte Wohin flossen die Flick-Millionen? den Parteispendenskandal um Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff auf, die so genannte Flick-Affäre. Er spezialisierte sich auf die Gebiete Innenpolitik und Geheimdienste, enthüllte Plutoniumschmuggel beim Bundesnachrichtendienst (BND), die Traumschiff-Affäre um Lothar Späth und die Steueraffäre um Peter Graf.

Im Juli 1997 wechselte er nach einer Auseinandersetzung mit Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust als Leitender Politischer Redakteur zur Süddeutschen Zeitung. Er wurde Leiter des Investigativressorts der Zeitung. Ende 1999 veröffentlichte er die CDU-Spendenaffäre um Bundeskanzler Helmut Kohl und Bestechungsversuche des Waffenhändlers Karlheinz Schreiber. Seit 2000 beschäftigte er sich unter anderem mit Nebenverdiensten von Politikern, mit dem Fußball-Wettskandal, der Visa-Affäre im Auswärtigen Amt, Falschinformationen der US-Regierung vor dem Irak-Krieg, der VW-Korruptionsaffäre sowie der Libyen-Affäre.

Als seinen „verheerendsten Fehler“ betrachtet Leyendecker eine Spiegel-Titelgeschichte von 1993 zur angeblichen Hinrichtung des RAF-Mitgliedes Wolfgang Grams beim GSG-9-Einsatz in Bad Kleinen, die auf zwei Quellen aufbaute, die sich später nicht verifizieren ließen. Eine der Quellen, eine eidesstattliche Versicherung, die dem Fernsehmagazin Monitor vorgelegen hatte, erwies sich als falsch; die zweite schützt Leyendecker, weswegen sie sich durch Außenstehende nicht klären lässt.[1] Die Folgen der Titelgeschichte des Spiegel – Leyendecker: „Eine verheerende Geschichte“ – waren, so Leyendecker selber später, „dass eine Reihe von Leuten zurückgetreten sind, und eigentlich hätte ich auch gefeuert werden müssen. Wenn man draufguckt auf das, was man gemacht hat, für manches muss man sich auch genieren“[2].

Leyendecker gehört dem Beirat von Transparency International an. 2001 war er Gründungsmitglied der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche und ist seither deren zweiter Vorsitzender.

Im August 2009 trug seine Recherche dazu bei, dass die Machenschaften von Doris Heinze, der damaligen Chefin des NDR-Fernsehspiels, aufflogen. Im Verlauf der Drehbuch-Affäre wurde sichtbar, dass Heinze mit Hilfe erfundener Autoren-Identitäten über einige Jahre ein System der Selbstbegünstigung etabliert hatte.

2011 deckte Leyendecker auf, dass der Chef der Gauselmann-Gruppe ungefähr 20 Jahre lang verdeckt Parteispenden gezahlt hatte.[3][4]

Im Herbst 2015 machte Leyendecker in einem Interview seine Überlegungen öffentlich, in den Ruhestand zu gehen.[5] Für 2016 kündigte er seinen Rücktritt als Leiter des SZ-Investigativressorts an.[6] Zum September 2016 trat der Jurist Nico Richter seine Nachfolge an.[7]

Im Mai 2017 wurde bekannt, dass Leyendecker Präsident des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2019 in Dortmund sein wird. Er tritt an die Stelle von Frank-Walter Steinmeier, der nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten für das Ehrenamt nicht mehr zur Verfügung steht.[8] Leyendecker war früher Katholik.[9]

Leyendecker ist verheiratet. Er hat fünf erwachsene Kinder und acht Enkel.[5] Er lebt und arbeitet in Leichlingen im Bergischen Land.

Einschätzung von Wikileaks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leyendecker erklärte im November 2010 in einem Interview des Schweizer Radio DRS, er habe WikiLeaks anfangs für einen Segen gehalten. Später aber sei deutlich geworden, dass WikiLeaks kein investigativer Journalismus sei, weil Quellen nicht geprüft und auch nicht hinreichend geschützt würden. Leyendecker sagte wörtlich: „Ich halte WikiLeaks heute für einen Bastard.“[10] Im Deutschlandradio Kultur erläuterte er, dass Quellenschutz für den „investigativen Journalisten“ auch bedeute, Informanten vor der eigenen Eitelkeit zu schützen.[11]

Blog-Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2007 löste Leyendecker Diskussionen über Weblogs aus, als er seine Wahrnehmung beschrieb, dass Blogger „Leute [seien], die zum Teil antidemokratisch sind, […] unqualifiziert zum Teil“. Weiter kritisierte er: „Ein Großteil der Sachen, die ich lese, ist böse, ist zynisch, ist verachtend, ist gegen jedermann“, und er forderte zur weiteren Beobachtung von Weblogs auf: „Nun wird man abwarten müssen, […] dass man das, was die Zeitung nicht leisten kann, was der Rundfunk nicht leisten kann, ob man das da hinbekommt“. Als positives Beispiel für ein Blog nannte er das Bildblog, das „so verdienstvoll wie kaum etwas“ sei, und wünschte für seine Zeitung: „Ein Süddeutsche-Blog wäre wunderbar.“[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2000: Auszeichnung „Aufrechter Gang“ des Landesverbandes der Grünen Nordrhein-Westfalen
  • 2001: Sonderpreis des Wächterpreises der deutschen Tagespresse, verliehen von der Stiftung „Freiheit der Presse“ für Leistungen im Zusammenhang der Aufdeckung der CDU-Spendenaffäre
  • 2002 zeichnete ihn die Vereinigung italienischer Journalisten mit dem Microfono-D´Argento-Preis aus.
  • 2004 bekam er den von der SPD ausgelobten Gustav-Heinemann-Bürgerpreis.
  • 2006: Erich-Fromm-Preis (gemeinsam mit Heribert Prantl)
  • 2007 wurde Leyendecker zusammen mit Nicolas Richter mit dem Wächterpreis der Tagespresse für die Berichterstattung über das CIA-Opfer Khaled el-Masri ausgezeichnet.
  • 2007 wurde Leyendecker zusammen mit Klaus Ott und Markus Balser für „Siemens-Schmiergeldskandal“ in der Süddeutschen Zeitung mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet.
  • 2010 wurde Leyendecker zusammen mit Klaus Ott und Nicolas Richter für "Stoibers Erbe wird zum Alptraum" mit dem Helmut-Schmidt-Preis ausgezeichnet.
  • 2010 wurde Leyendecker zusammen mit Martin Kotynek und Nicolas Richter der puk-Journalistenpreis für die Beiträge über den NDR-Drehbuchskandal verliehen.
  • Im Jahr 2012 lehnte Leyendecker zusammen mit Klaus Ott und Nicolas Richter von der Süddeutschen Zeitung den ihnen zuerkannten Henri-Nannen-Preis ab, und zwar aus Protest gegen die zugleich vorgenommene Auszeichnung von Redakteuren der Bild-Zeitung (der Protest richtete sich ausdrücklich nicht gegen die Personen der Redakteure, sondern gegen den "Tabubruch", dass erstmals eine Boulevardzeitung ausgezeichnet wurde).[13][14]
  • 2015 wurde Leyendecker vom Medium Magazin mit dem Preis Journalist des Jahres für sein Lebenswerk ausgezeichnet.[15]
  • 2017 wurde Leyendecker mit dem Ehren-Leuchtturm des Netzwerks Recherche ausgezeichnet.
  • 2017 bekam Leyendecker den Ehrenpreis des Verbandes Freier Berufe.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfram Bickerich, Jürgen Leinemann, Hans Leyendecker: Bruder Johannes: Herausforderer Rau. Rowohlt Verlag, Reinbek 1986, ISBN 3-499-33068-7.
  • Hans Leyendecker (Hrsg.): Das Lambsdorff-Urteil. Steidl Verlag, Göttingen 1988, ISBN 3-88243-111-3.
  • Hans Leyendecker, Richard Rickelmann: Exporteure des Todes. Deutscher Rüstungsskandal in Nahost. Steidl Verlag, Göttingen 1990, ISBN 3-88243-180-6.
  • Hans Leyendecker, Richard Rickelmann, Georg Bönisch: Mafia im Staat. Deutschland fällt unter die Räuber. Steidl Verlag, Göttingen 1992, ISBN 3-88243-231-4.
  • Georg Bönisch, Hans Leyendecker: Das Geschäft mit der Sterbehilfe. Steidl Verlag, Göttingen 1993, ISBN 3-88243-255-1.
  • Klaus Brinkbäumer, Hans Leyendecker, Heiner Schimmöller: Reiche Steffi, armes Kind: Die Akte Graf. Hamburg 1996, ISBN 3-455-15005-5.
  • Hans Leyendecker, Heribert Prantl, Michael Stiller: Helmut Kohl, die Macht und das Geld. Steidl Verlag, Göttingen 2000, ISBN 3-88243-738-3.
  • Hans Leyendecker: Die Korruptionsfalle: Wie unser Land im Filz versinkt. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, ISBN 3-498-03915-6.
  • Hans Leyendecker: Die Lügen des Weißen Hauses: Warum Amerika einen Neuanfang braucht. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004, ISBN 3-498-03920-2.
  • Rudolf Gerhardt, Hans Leyendecker: Lesebuch für Schreiber: Vom richtigen Umgang mit der Sprache und von der Kunst des Zeitungslesens. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16411-7.
  • Hans Leyendecker: Journalismus braucht Recherche. In: Axel Balzer, Marvin Geilich, Shamim Rafat (Hrsg.): Politik als Marke: Politikvermittlung zwischen Kommunikation und Inszenierung. Lit-Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8146-6.
  • Hans Leyendecker: Die große Gier – Korruption, Kartelle, Lustreisen: Warum unsere Wirtschaft eine neue Moral braucht. Rowohlt, Berlin 2007, ISBN 978-3-87134-594-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kamilla Pfeffer: Der Todesschuss von Bad Kleinen: Das Trauma des Hans Leyendecker, in: NR-Werkstatt 22: Tunnelblick (PDF; 2,3 MB) vom Mai 2012, S. 130–136, abgerufen am 9. Juli 2013.
  2. Leyendecker: Journalisten müssen Zipfel der Wahrheit suchen. Deutschlandfunk, 15. Mai 2007, abgerufen am 26. August 2017.
  3. Süddeutsche Zeitung, Dubiose Parteispenden aus Glücksspielkonzern, 18. Februar 2011.
  4. sueddeutsche.de vom 19. Februar 2011: Clever, sehr clever! Zu clever?.
  5. a b Ulrike Simon: Investigativ-Chef: "Süddeutsche Zeitung" klärt Nachfolge von Leyendecker. In: Redaktionsnetzwerk Deutschland. 24. September 2015, abgerufen am 4. Februar 2016.
  6. Jens Twiehaus: Leyendecker gibt Ressortleitung ab und liebäugelt mit Abschied vom Journalismus. In: turi2. 18. Juli 2015, abgerufen am 4. Februar 2016.
  7. Ulrike Simon: Wer ist Nicolas Richter? Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), 23. Februar 2017, abgerufen am 14. Mai 2017.
  8. evangelisch.de, Journalist Hans Leyendecker wird Präsident des Kirchentages 2019, 26. Mai 2017.
  9. https://www.domradio.de/themen/kirchentag/2017-05-26/ex-katholik-als-neuer-kirchentagspraesident
  10. DRS 4 Minute 1:04, [1].
  11. [2].
  12. Weblog-Teil des Interviews mit Hans Leyendecker (MP3, 2:57 min, 1,38 MB), 14. Oktober 2007; in: Hans Leyendecker über Die große Gier, Journalismus und Weblogs – Buchmesse-Podcast 2007. Auf: www.literaturcafe.de.
  13. vgl. z. B. Investigativer Journalismus "Bild"-Journalisten erstmals mit Nannen-Preis ausgezeichnet sueddeutsche.de, 11. Mai 2012.
  14. vgl. z. B. Protest gegen "Bild" SZ-Redakteure lehnen Henri-Nannen-Preis ab spiegel.de, 11. Mai 2012.
  15. SZ-Enthüller Hans Leyendecker wird bei „Journalisten des Jahres“ für Lebenswerk geehrt. In: Meedia. 15. Dezember 2015, abgerufen am 3. Februar 2016.