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Hans Lukaschek

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Hans Lukaschek (1949)

Hans Lukaschek (* 22. Mai 1885 in Breslau; † 26. Januar 1960 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Jurist, Politiker (Zentrum, CDU) und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Er war von 1927 bis 1929 Oberbürgermeister der Stadt Hindenburg O.S., anschließend bis Mai 1933 Oberpräsident der preußischen Provinz Oberschlesien. Als Mitglied des Kreisauer Kreises war er nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 inhaftiert. Nach 1945 war Lukaschek ein Mitbegründer der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone und kurzzeitig Regierungsmitglied in Thüringen. Nach seiner Übersiedlung in den Westteil Deutschlands war er von 1949 bis 1953 Bundesminister für Angelegenheiten der Vertriebenen in der ersten Adenauer-Regierung.

Herkunft, Ausbildung und Beruf

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Hans Lukaschek wurde als Sohn des aus Lonschnik bei Neustadt in Oberschlesien stammenden Lehrers Philipp Lukaschek und seiner Frau Maria geb. Beinert in Breslau geboren. Sein Vater war zu dieser Zeit in Belk im Kreis Rybnik als Lehrer tätig; seine Mutter stammte aus Breslau,[1] wo sein Vater später Rektor der Volksschule XLII wurde.[2]

Nach dem Abitur 1906 absolvierte Lukaschek ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften und der Volkswirtschaftslehre in Breslau, welches er 1909 mit dem ersten und 1914 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen beendete. Während seines ersten Semesters trat er in die katholische Studentenverbindung Rheno-Palatia Breslau (heute in Mainz) im CV ein. Später wurde er noch Mitglied der KDStV Winfridia Breslau (heute in Münster) im CV.[3] 1910 erfolgte seine Promotion zum Dr. jur.

Er begann seine Karriere zunächst am Kaiserlichen Patentamt, wechselte 1914 als Assessor in den Kommunaldienst des Magistrats von Breslau. Von 1916 bis 1919 war Lukaschek Bürgermeister der damaligen Kleinstadt Rybnik in Oberschlesien.

Abstimmung in Oberschlesien und politische Karriere in der Weimarer Republik

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Nach Ende des Ersten Weltkriegs war Lukaschek 1919 kurzzeitig Landrat des mehrheitlich polnischsprachigen Kreises Rybnik im Südosten Oberschlesiens. Dieses Amt musste er 1920 auf Anordnung der interalliierten Plebiszit-Kommission aufgeben, die im Vorfeld der Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 infolge des Versailler Vertrages die Regierungsgewalt im Abstimmungsgebiet übernahm. Von 1919 bis 1921 leitete er den Schlesischen Ausschuss, der sich für einen Verbleib des gesamten Oberschlesiens beim Deutschen Reich einsetzte. Etwa 60 % der Bevölkerung entschieden sich bei der durchgeführten Volksabstimmung in diesem Sinne. Das Ergebnis war jedoch regional sehr unterschiedlich: In den östlichsten Kreisen gab es eine Mehrheit für den Anschluss an Polen. Folglich wurde das Gebiet im Genfer Abkommen 1922 zwischen Deutschland und Polen geteilt. Auch der größte Teil des Kreises Rybnik kam dadurch zu Polen. Lukaschek war danach von 1922 bis 1927 Mitglied der Gemischten Kommission für Oberschlesien in Katowice (unter Vorsitz des Schweizers Felix Calonder), deren Aufgabe die Milderung der zwischenstaatlichen Probleme und der Schutz der jeweiligen Minderheiten war. Nach Spannungen mit den polnischen Mitgliedern schied Lukaschek 1927 aus der Kommission aus.

Im März 1927 wurde er Oberbürgermeister der zuvor zum eigenen Stadtkreis erhobenen Industriestadt Hindenburg O.S. (heute Zabrze). Lukaschek war Mitglied der Zentrumspartei, deren Provinzialvorstand Oberschlesien er angehörte. 1929 wurde er zum preußischen Oberpräsidenten der Provinz Oberschlesien ernannt, zugleich war er Regierungspräsident in Oppeln. Lukaschek unterstützte die Ostpolitik des Reichskanzlers Heinrich Brüning.

Zeit des Nationalsozialismus

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Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 blieb Lukaschek aufgrund der Stärke der Zentrumspartei in der Provinz und seiner persönlichen Beliebtheit noch wenige Monate im Amt, geriet aber bald in Konflikt mit den neuen Machthabern. Er ließ eine an seinem Amtsgebäude in Oppeln heimlich aufgezogene Hakenkreuzfahne entfernen und widersetzte sich dem dringenden Wunsch des damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring, die katholische Oberschlesische Volksstimme zu verbieten. Bei der Reichstagswahl im März 1933 verlor die Zentrumspartei jedoch auch in ihrer Hochburg Oberschlesien gegen die NSDAP. Am 19. Mai 1933 wurde Lukaschek in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Von 1934 bis 1944 war er als Rechtsanwalt in Breslau tätig, in dieser Funktion verteidigte er insbesondere jüdische Mitbürger und katholische Geistliche. Lukaschek war zeitweilig ehrenamtlicher Mitarbeiter und Dozent an dem von Heinrich Weber 1936 gegründeten und von 1936 bis 1945 geleiteten Institut für kirchliche Verwaltung und Finanzwirtschaft in Breslau.

Nach 1938 hatte er Kontakte mit Helmuth James Graf von Moltke und dem Kreisauer Kreis, wohin er auch seinen Freund Paulus van Husen mitnahm. Lukaschek war in die Pläne des Widerstands eingeweiht und im Schattenkabinett Beck/Goerdeler für den Fall eines gelungenen Staatsstreiches als Politischer Beauftragter im Wehrkreis VIII (Breslau) eingeplant. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler wurde er umgehend in Breslau verhaftet. In der Verhandlung am 22. April 1945 vor dem Volksgerichtshof widerrief Lukaschek unter Berufung darauf, dass sein Geständnis durch Folter erzwungen war, alle bisherigen Aussagen und wurde freigesprochen. Noch am gleichen Tag wurde er aus dem Gefängnis Moabit entlassen. Am Abend rückten die ersten Truppen der Roten Armee in Berlin ein.

Von 1945 bis 1946 war Hans Lukaschek wieder als Rechtsanwalt und Notar, jetzt in Berlin, tätig. Er war 1945 Mitbegründer der Christlich-Demokratischen Union (CDU) in Berlin und Thüringen. Im Dezember 1945 wurde er Dritter Vizepräsident des in der Sowjetischen Besatzungszone gelegenen Landes Thüringen (unter Landespräsident Rudolf Paul) und Direktor des thüringischen Landesamts für Landwirtschaft und Forsten (Landwirtschaftsminister). Die Sowjetische Militäradministration enthob ihn im Herbst 1946 dieser Ämter.

Aus politischen Gründen verließ er 1947 die SBZ und ging nach Hessen, das in der amerikanischen Zone lag. Dort war er von 1947 bis 1948 Amtsgerichtsrat in Königstein im Taunus und von 1948 bis 1949 Vizepräsident des Obergerichts der Bizone in Köln. 1949 leitete er noch kurzzeitig das Hauptamt für Soforthilfe in Bad Homburg vor der Höhe.

In der Bundesrepublik Deutschland

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Nach der Bundestagswahl 1949 wurde er am 20. September 1949 zum Bundesminister für Angelegenheiten der Vertriebenen in der von Bundeskanzler Konrad Adenauer geführten Bundesregierung ernannt. In seiner Amtszeit wurden das Lastenausgleichsgesetz und das Bundesvertriebenengesetz verabschiedet. Da Lukaschek bei den Vertriebenen an Vertrauen verloren hatte und Adenauer den Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE) an der Bundesregierung beteiligen wollte, schied Lukaschek nach der Bundestagswahl 1953 am 20. Oktober 1953 aus der Bundesregierung aus. Neuer Vertriebenenminister wurde Theodor Oberländer vom GB/BHE.

Von 1949 bis zu seinem Tode war Lukaschek Vizepräsident des Deutschen Caritasverbandes. Außerdem amtierte er als Präsident des Katholischen Flüchtlingsrates und als Präsident der Bundesversammlung der Landsmannschaft der Oberschlesier.

in der Reihenfolge des Erscheinens

  • Hans-Ludwig Abmeier: Lukaschek, Hans. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 15. Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 514–515 (deutsche-biographie.de).
  • Markus Leuschner: Hans Lukaschek. Ein deutscher Politiker aus Schlesien. Landsmannschaft Schlesien, Nieder- und Oberschlesien e. V., Königswinter 1994.
  • Bernhard Post, Volker Mahl, Dieter Marek: Thüringen-Handbuch – Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1999, ISBN 3-7400-0962-4, S. 606f.
  • Michaela Ellmann: Hans Lukaschek im Kreisauer Kreis. Verfassungsrechtliche und verfassungspolitische Beiträge zu den Plänen des Kreisauer Kreises für einen Neuaufbau Deutschlands. Schöningh, Paderborn 2000, ISBN 3-506-73389-3 (Dissertation, Universität Hamburg).
  • Guido Hitze: Hans Lukaschek (1885–1960). Bundesvertriebenenminister. In: Günter Buchstab, Brigitte Kaff, Hans-Otto Kleinmann (Hrsg.): Christliche Demokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand zur Union. Herausgegeben im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung. Herder, Freiburg im Breisgau 2004, ISBN 3-451-20805-9, S. 353–361.
  • Guido Hitze: Hans Lukaschek (1885–1960). In: Jürgen Aretz, Rudolf Morsey, Anton Rauscher (Hrsg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern. Aus dem deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Band 11, Aschendorff, Münster 2004, ISBN 978-3-402-06112-1, S. 143–160 (Digitalisat).
Commons: Hans Lukaschek – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Herbert Hupka: Grosse Deutsche aus Schlesien. Gräfe und Unzer, 1969, S. 297 (google.com [abgerufen am 13. Oktober 2021]): „Im Mai 1885 fuhr die Ehefrau Maria geborene Beinert des in Belk/Oberschlesien tätigen, aus Lonschnik in Oberschlesien stammenden, später in Breslau als Rektor wirkenden Lehrers Philipp Lukaschek nach ihrem Herkunftsort Breslau und gebar dort am 22. Mai ihr erstes und einziges Kind Hans Lukaschek.“
  2. Deutsche Biographie: Lukascheck, Hans - Deutsche Biographie. Abgerufen am 13. Oktober 2021.
  3. Bekannte Winfriden. In: Website der KDStV Winfridia. Abgerufen am 25. August 2025.