Hans Mommsen

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Hans Mommsen (2013)

Hans Mommsen (* 5. November 1930 in Marburg; † 5. November 2015 in Tutzing[1]) war ein deutscher Historiker. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Zeitgeschichtler nach dem Zweiten Weltkrieg.

Leben[Bearbeiten]

Mommsens Urgroßvater war der Althistoriker und erste deutsche Literaturnobelpreisträger (1902; für das Standardwerk Römische Geschichte) Theodor Mommsen. Auch sein Vater Wilhelm Mommsen, Ordinarius für Geschichte an der Universität Marburg, sein Zwillingsbruder Wolfgang J. Mommsen, wie auch sein älterer Bruder Karl Mommsen († 1976) waren Historiker.[2]

Im Jahr 1951 begann Hans Mommsen sein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie. In Tübingen studierte er darüber hinaus Politische Wissenschaften. Als Schüler des Historikers Hans Rothfels an der Universität Tübingen wurde er 1959 mit der Arbeit Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage im Habsburger Vielvölkerstaat 1867–1907 promoviert. Anschließend war er kurze Zeit als Assistent Rothfels’ tätig. Von 1960 bis 1963 arbeitete er am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München als Referent. Anschließend war er Assistent an der Universität Heidelberg bei Werner Conze, bei dem er sich 1967 mit der Arbeit Beamtentum im Dritten Reich habilitierte.

An der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum hatte er von 1968 bis zu seiner Emeritierung Anfang 1996 einen Lehrstuhl für Neuere Geschichte inne. Hinzu kamen Aufenthalte als Gastforscher in Princeton, Harvard, Berkeley, Jerusalem und Washington D.C. Von 1977 bis 1985 war er Direktor des von ihm mitgegründeten Instituts zur Geschichte der Arbeiterbewegung.[3]

Vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) wird er als dessen „langjähriger Freund“ beschrieben und wurde infolgedessen als Redner zu den Festveranstaltungen zum dreißigjährigen (1993) und fünfzigjährigen (2013; Thema: Hitlers Stellung im NS-Herrschaftssystem und den Mythos der „Volksgemeinschaft“) Jubiläum eingeladen.[2]

Mommsen war mit der Politikwissenschaftlerin Margareta Mommsen verheiratet und lebte mit ihr in Feldafing. Mommsen starb an seinem 85. Geburtstag in Tutzing am Starnberger See.

Werk[Bearbeiten]

Hauptarbeitsgebiet Mommsens war die deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1945. Hier legte er unter anderem eine bahnbrechende Studie über das Ende der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus vor. Wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Geschichtsschreibung des Nationalsozialismus hat Mommsen dabei vor allem durch wegweisende Aufsätze über den Reichstagsbrand[4] und den Start der sogenannten „Endlösung“ geleistet.

Im Zusammenhang mit der Kontroverse um die Täterschaft beim Reichstagsbrand wurde gegen Mommsen eingewandt, er habe 1962 als Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte eine Publikation des Historikers Hans Schneider „aus allgemeinpolitischen Gründen“ für unerwünscht gehalten und mit dem Justiziar erörtert, ob eine anderweitige Veröffentlichung „durch Druck auf Schneider vermittels des Stuttgarter Ministeriums“ verhindert werden könne. In einer förmlichen Erklärung nahm die Institutsleitung im Jahre 2001 dazu Stellung und befand, dass diese zitierten Äußerungen von Hans Mommsen „unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten völlig inakzeptabel“ seien. Zugleich erklärte sie, das Rohmanuskript Hans Schneiders „war und ist nicht publikationsreif“.[5]

Wichtig war die von Mommsen und vor allem von Martin Broszat betriebene Verschiebung der Perspektive historischer Forschung weg von der alles überlagernden Person Adolf Hitlers hin zu den Strukturen und Apparaten des NS-Regimes. Diese als funktionalistische Schule bezeichnete Richtung der NS-Forschung fragte auch nach der Verantwortung des Einzelnen in der NS-Diktatur, während zahlreiche Historiker die Rolle Hitlers und einer Handvoll Vasallen als Triebkraft für alle politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im NS-Staat betonten und damit die Schuld auf wenige Verantwortliche konzentrierten. Es begann eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Lager der „Funktionalisten“ (u. a. Hans Mommsen) und dem der „Intentionalisten“. In diesem Zusammenhang führte Mommsen den Begriff der „kumulativen Radikalisierung“ für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik ein.[6]

Nachdem der Streit der beiden Schulen seit Beginn der 1980er Jahre eskaliert war und für beinahe zwei Jahrzehnte die Debatten in der deutschen Geschichtswissenschaft bestimmt hatte, ebbte die von beiden Seiten mit teilweise missionarischem Eifer geführte Diskussion stark ab. Einen Höhepunkt bildete der sogenannte Historikerstreit 1986/87, bei dem Mommsen als einer der Wortführer auf Seiten der Kritiker Ernst Noltes auftrat.

Unter der Überschrift Grass’ Spießrutenlauf[7] wiederholte Mommsen im August 2006 seine seit den 1980er Jahren vertretene These, die deutsche Öffentlichkeit betreibe verdeckte Apologetik, indem sie indirekt die Schuld auf die Repräsentanten des Nationalsozialismus und ihre Schergen projiziere. Er stellt die mangelnde Bereitschaft der Nation fest, ihre eigene Verstrickung in die NS-Verbrechen einzugestehen. Um öffentlichen Diffamierungen auszuweichen, hätten Prominente wie Walter Jens oder Martin Broszat ihre Mitgliedschaft in der NSDAP oder anderen NS-Organisationen verschwiegen. Die Empörung angesichts Grass’ späten Bekenntnisses zu seiner Mitgliedschaft als Jugendlicher in der Waffen-SS nennt Mommsen so „typisch wie verlogen“.

Ehrungen[Bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

Ein Schriftenverzeichnis erschien in der Festschrift für Hans Mommsen von Christian Jansen et al. (November 1995).[8]

Monographien[Bearbeiten]

  • Geschichte der internationalen Integration in der österreichischen Sozialdemokratie (1867-1907): Ein Beitrag zur Entwicklung der Nationalitätenfrage im alten Österreich. Dissertation Uni Tübingen, Philosophische Fakultät, 19. Dezember 1960, DNB 481007377.
  • Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage im habsburgischen Vielvölkerstaat. Teil 1: Das Ringen um die supranationale Integration der zisleithanischen Arbeiterbewegung (1867 - 1907). Europaverlag, 1963 DNB 453445314 (= Veröffentlichungen der Arbeitsgemeinschaft für Geschichte der Arbeiterbewegung in Österreich, Band 1).
  • Beamtentum im Dritten Reich. Mit ausgewählten Quellen zur nationalsozialistischen Beamtenpolitik. DVA, Stuttgart 1966, DNB 455680485.
  • Nationalitätenfrage und Arbeiterbewegung. Karl-Marx-Haus, Trier 1971, DNB 36440762X (= Schriften aus dem Karl-Marx-Haus, Nr. 6).
  • Arbeiterbewegung und Nationale Frage. Ausgewählte Aufsätze. Göttingen 1979, ISBN 3-525-35989-6.
  • Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918 bis 1933. Berlin 1990, ISBN 3-548-33141-6.
  • Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze. Reinbek bei Hamburg 1991, ISBN 3-499-18857-0.
  • Widerstand und Politische Kultur in Deutschland und Österreich. Wien 1994, ISBN 3-85452-325-4.
  • mit Manfred Grieger: Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich. Econ, Düsseldorf 1996, ISBN 3-430-16785-X.
  • Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar. 1918–1933. Berlin 1998, ISBN 3-548-26508-1.
  • Der Mythos von der Modernität. Zur Entwicklung der Rüstungsindustrie im Dritten Reich. Essen 1999, ISBN 3-88474-646-4.
  • Von Weimar nach Auschwitz. Zur Geschichte Deutschlands in der Weltkriegsepoche. Ausgewählte Aufsätze. Stuttgart 1999, ISBN 3-421-05283-2.
  • Alternative zu Hitler. Studien zur Geschichte des deutschen Widerstandes. München 2000, ISBN 3-406-45913-7.
  • Auschwitz, 17. Juli 1942. Der Weg zur europäischen „Endlösung der Judenfrage“. dtv, München 2002, ISBN 3-423-30605-X.
  • Zur Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Demokratie, Diktatur, Widerstand. DVA, München 2010, ISBN 978-3-421-04490-7.
  • Die „rote Kapelle“ und der deutsche Widerstand gegen Hitler. Klartext, Essen 2012, ISBN 978-3-8375-0616-7.
  • Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Wallstein, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8353-1395-8.

Herausgeberschaften[Bearbeiten]

  • Sozialdemokratie zwischen Klassenbewegung und Volkspartei. Verhandlungen der Sektion „Geschichte der Arbeiterbewegung“ des Deutschen Historikertages in Regensburg, Oktober 1972. Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-8072-4045-4.
  • mit Dietmar Petzina und Bernd Weisbrod: Industrielles System und politische Entwicklung in der Weimarer Republik. 2 Bände, Königstein am Taunus 1977, ISBN 3-7610-7206-6.
  • mit Ulrich Borsdorf: Glück auf, Kameraden! Die Bergarbeiter und ihre Organisationen in Deutschland. Köln 1979.
  • Arbeiterbewegung und industrieller Wandel. Studien zur gewerkschaftlichen Organisationsproblemen im Reich und an der Ruhr. Wuppertal 1980, ISBN 3-87294-150-X.
  • mit Susanne Willems: Herrschaftsalltag im Dritten Reich. Studien und Texte. Düsseldorf 1988, ISBN 3-491-33205-2.
  • mit Dušan Kováč, Jiří Malíř, Michaela Marek: Der Erste Weltkrieg und die Beziehungen zwischen Tschechen, Slowaken und Deutschen. Klartext, Essen 2001, ISBN 3-88474-951-X.
  • The Third Reich between Vision and Reality. New Perspectives on German History 1918–1945. Oxford et al. 2002, ISBN 1-85973-627-0.
  • mit Sabine Gillmann: Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. 2 Bände, München 2003, ISBN 3-598-11631-4.

Literatur[Bearbeiten]

Bücher
  • Richard Bessel: Functionalists versus Intentionalists: The Debate Twenty Years On or Whatever Happened to Functionalism and Intentionalism? In: German Studies Review, 26, 2003, H. 1, ISSN 0149-7952, S. 15–20.
  • Christian Jansen, Lutz Niethammer, Bernd Weisbrod (Hrsg.): Von der Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Hans Mommsen zum 5. November 1995. Akademie-Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002835-1.
  • Peter Köpf: Die Mommsens. Von 1848 bis heute. Die Geschichte einer Familie ist die Geschichte der Deutschen. Europa-Verlag, Hamburg u. a. 2004, ISBN 3-203-79147-1.
  • Hans Mommsen (Interview): „Daraus erklärt sich, daß es niemals zuvor eine derartige Vorherrschaft alter Männer gegeben hat, wie in der Zeit von 1945 bis in die 60er Jahre“. Interview in: Rüdiger Hohls, Konrad H. Jarausch (Hrsg.): Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 2000, ISBN 3-421-05341-3, S. 163–190. (Online auf H-Soz-Kult).
  • Stefan Rebenich: Die Mommsens. In: Volker Reinhardt (Hrsg.): Deutsche Familien. Historische Portraits von Bismarck bis Weizsäcker. München 2005, ISBN 3-406-52905-4, S. 147–179.
  • Hans Schneider: Neues vom Reichstagsbrand?. Eine Dokumentation. Ein Versäumnis der deutschen Geschichtsschreibung. Mit einem Geleitwort Iring Fetscher und Beiträge von Dieter Deiseroth, Hersch Fischler, Wolf-Dieter Narr. BWV Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8305-0915-4 (Wissenschaft in der Verantwortung).
  • Harald Welzer (Hrsg.): Auf den Trümmern der Geschichte. Gespräche mit Raul Hilberg, Hans Mommsen und Zygmunt Bauman. Edition diskord, Tübingen 1999, ISBN 3-89295-659-6 (Studien zum Nationalsozialismus in der Edition diskord 3).
Online
  • Hans Mommsens Antwort auf Daniel Jonah Goldhagen: Der Antisemitismus war eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung für Holocaust. Hans Mommsen zur Goldhagen-Debatte in: Die Zeit, Heft 36, 30. August 1996. (Volltext in Zeit online.)
  • Adi Gordon, Amos Morris Reich, Amos Goldberg: The “Functionalist” and the “Intentionalist” schools of thought. An Interview With Prof. Hans Mommsen. Ruhr–University Bochum December 12, 1997, Jerusalem (englisch; Transkript online; PDF. Quelle: Multimedia CD ‘Eclipse Of Humanity’, Yad Vashem, Jerusalem 2000.)
  • Hacke, Schäfer, Steinbach-Reimann: Interview mit Hans Mommsen zum Thema: „Neubeginn und Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft in den 1950/60er Jahren“. In: H-Soz-Kult an der Humboldt-Universität zu Berlin, 3. Februar 1999. (Volltext online.)
  • Richard Lamers: Expertendiskussion: „Die Geschichtswissenschaft hat eine grundlegende kritische Aufgabe.“ Interview mit Hans Mommsen. In der Rubrik Russland Denken und Erinnerung, Online-Redaktion. Hrsg. Goethe-Institut, August 2007. (Volltext online.)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hans Mommsen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Nachrufe

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Traueranzeige Hans Mommsen, FAZ, 14. November 2015
  2. a b Hans Mommsen (1930 - 2015). Nachruf auf der Website des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, ohne Datum. Abgerufen am 11. November 2015.
  3. Ruhr-Universität Bochum: Nachruf Hans Mommsen, FAZ, 14. November 2015
  4. Hans Mommsen: Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 12 (1964), S. 351–413 (Online; PDF; 6,9 MB)
  5. Zur Kontroverse über den Reichstagsbrand. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 49 (2001), S. 555 (Online; PDF; 8,7 MB)
  6. Hans Mommsen: Der Nationalsozialismus. Kumulative Radikalisierung und Selbstzerstörung des Regimes. In: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 16, München 1976, S. 785–790.
  7. Hans Mommsen: Grass’ Spießrutenlauf. Die Empörung ist so typisch wie verlogen. In: Frankfurter Rundschau, 16. August 2006.
  8. a b Christian Jansen et al. (Hrsg.): Von der Aufgabe der Freiheit. Politische Verantwortung und bürgerliche Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Hans Mommsen zum 5. November 1995. Akademie Verlag, Berlin 1995 ISBN 3-05-002835-1 (mit Schriftenverzeichnis S. 729–749).
  9. Richard Saage: Zum Lebenswerk Hans Mommsens. Laudatio anlässlich der Verleihung des Victor-Adler-Staatspreises der Republik Österreich an Hans Mommsen. 19. April 2013. (Online; PDF; 135,4 KB.)