Hansel-Fingerhut-Spiel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Brunnenfiguren: Hansel Fingerhut beim Versuch, eine Frau zu erhaschen

Das Hansel-Fingerhut-Spiel im pfälzischen Winzerdorf Forst an der Weinstraße ist eine Veranstaltung mit jahrhundertelanger Tradition. Dabei wird im Rahmen eines Sommertagszugs ein Schauspiel aufgeführt. Auf dem Festplatz, wo der Umzug endet, wird ein Volksfest gefeiert. Die eintägige Veranstaltung findet jährlich am Sonntag Laetare statt, der drei Wochen vor Ostern liegt.

Das Spiel wurde ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der pfälzischen Weinbauregion beidseits der Deutschen Weinstraße gibt es zahlreiche Volksfeste mit historischem Bezug. Überregional bekannt sind z. B. die Geißbockversteigerung in der Stadt Deidesheim, die Forst benachbart ist, das Eselshautfest im nahegelegenen Mußbach an der Weinstraße und der Billigheimer Purzelmarkt in der südpfälzischen Gemeinde Billigheim-Ingenheim.

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hansel-Fingerhut-Brunnen
Symbolische Winterverbrennung am Ende des Spiels

Das Sommertagsspiel wird eineinhalb Stunden lang als eine Kette von öffentlichen Aufführungen im Rahmen eines Umzugs dargeboten. Der Zug startet am nördlichen Ortseingang, zieht sich durch die Hauptstraße und endet auf dem Festplatz vor der Felix-Christoph-Traberger-Halle; dort sind Buden und ein Karussell aufgestellt. Zum Abschluss der Veranstaltung wird hier symbolisch der Winter verbrannt, der durch einen Strohkegel symbolisiert wird.

Hauptdarsteller des Spiels mit überkommenen gereimten Texten sind Sommer und Winter, gespielt von jungen Männern in kegelförmigen „Häuschen“, der Sommer umkleidet mit Efeu, der Winter mit Stroh. Das Streitgespräch zwischen Sommer und Winter bildet den Kern des Sommertagsspiels, daran wurden Szenen angefügt, die wohl anderen Ursprungs sind. Von den übrigen Figuren ist Hansel Fingerhut die wichtigste. Er verkörpert einen Vagabunden, dessen Gewand aus bunten Flicken zusammengesetzt ist. Mit rußgeschwärztem Gesicht verfolgt er in satyr­haften Anwandlungen Mädchen und Frauen; er versucht sie zu küssen und ihre Wangen mit den schwarzen Abdrücken seiner Zudringlichkeiten zu zeichnen. Zum Gefolge des Winters gehört die Nudelgret, gespielt von einem jungen Mann, der eine Perücke mit zwei blonden Zöpfen trägt. Die Brezeln, die sie mit sich herumträgt, hat sie als Mundvorrat für den langen Winter gebacken. Eine weitere Rolle hat der Henrich-Fähnrich, gekleidet in eine historische Soldatenuniform; er entscheidet als Richter den Kampf zwischen Sommer und Winter. Der sechste Akteur ist der Scherer, ein Barbier, der den Hansel Fingerhut rasiert und zur Ader lässt.

Hansel Fingelhut ist als Bronzeskulptur auf dem Hansel-Fingerhut-Brunnen[1] am Rand des Festplatzes dargestellt. Den Brunnen schuf im Jahr 2003 der Bildhauer Franz Leschinger aus Lug (Pfalz).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Ursprünge hat das Sommertagsfest in zwei verschiedenen Überlieferungen: Dem Kampf zwischen Winter und Sommer sowie dem Austeilen von Spitzwecken an Kinder nach dem Gottesdienst.[2] Einige Elemente stammen wohl aus dem Schweizer oder südbadischen Raum und sind alten Fastnachts­spielen oder Handwerkerbräuchen entlehnt. Neubürger aus dieser Gegend wurden im 17. Jahrhundert von den damaligen Landesherren in die Pfalz geholt, weil die Gegend nach den Wissen des Dreißigjährigen Kriegs großenteils entvölkert war. Ihre Fastnachtsbräuche, von denen beispielsweise der Narrensprung der Narrenzunft Rottweil deutschlandweit bekannt geworden ist, brachten die Einwanderer mit und integrierten sie in das vorgefundene Brauchtum.[3]

Erstmals belegt ist die Aufführung des Spiels in Forst für das Jahr 1721.[4] Um 1900 wurde der Ablauf des Spiels von dem Forster Lehrer und Ortshistoriker Otto Stang aufgezeichnet; Albert Becker veröffentlichte das Spiel zunächst im Jahr 1907 und 1931 noch ein zweites Mal.[5] Der Schriftsteller Paul Ginthum (1894–1959), der in Heidelberg geboren wurde und in Lustadt (Pfalz) lebte, hat das Hansel-Fingerhut-Spiel literarisch bearbeitet.[6] In seiner Fassung wurde das Spiel erstmals 1923 in der südpfälzischen Stadt Landau aufgeführt.[7]

Am 9. Dezember 2016 wurde das Hansel-Fingerhut-Spiel in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen, das mit dem Umsetzungsverfahren des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes eingerichtet wurde.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Viktor Carl: Die Pfalz im Jahr. Eine pfälzische Volkskunde. Verlag Pfälzer Kunst Dr. Hans Blinn, Landau i. d. Pfalz 1986, ISBN 3-922580-22-X.
  • Paul Ginthum: Das Landauer Lätarespiel. In: Landauer Monatshefte. Nr. 6, 1953, S. 23–26.
  • Karl-Heinz Himmler: Der Hansel Fingerhut aus Forst in neuer volkskundlicher Deutung. In: Wasgau-Blick. Nr. 23, 1995, S. 150–151.
  • Heinz Schmitt: Der Sommertag oder Stabaus. In: Jürgen Keddigkeit (Hrsg.): Feste und Festbräuche in der Pfalz. Kaiserslautern 1992, ISBN 3-927754-03-X, S. 124–131.
  • Berthold Schnabel: Kunsthistorischer Führer durch die Verbandsgemeinde Deidesheim. Das Forster Sommertagsspiel. Deidesheim 1976, S. 12.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Standort des Hansel-Fingerhut-Brunnens auf: Kartendienst des Landschaftsinformationssystems der Naturschutzverwaltung Rheinland-Pfalz (LANIS-Karte) (Hinweise), abgerufen am 9. August 2021.
  2. Schnabel, 1976, S. 12.
  3. Roland Happersberger: Hansel Fingerhut und der Strohwisch. In: Die Rheinpfalz, Freizeitmagazin LEO. Ludwigshafen 15. März 2012.
  4. Hansel Fingerhut. Brauchtumsverein Forst, abgerufen am 7. August 2021.
  5. Schmitt, 1992, S. 125.
  6. Paul Ginthum: Pfälzer Sagen und Balladen. Mit Originallithographien von Otto Dill, Albert Haueisen und Adolf Keßler. Verlag Daniel Meininger, Neustadt a. d. Weinstr. 1984, ISBN 3-87524-038-3.
  7. Lätare – Umzug in Landau am Sonntag, 15. März 2015. Stadt Landau, 5. März 2015, abgerufen am 7. August 2021.
  8. Forster Hanselfingerhut-Spiel. Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe, abgerufen am 7. August 2021.