Harald Kujat

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Harald Kujat (2018)

Harald Kujat (* 1. März 1942 in Mielke, Reichsgau Wartheland) ist ein deutscher General a. D. der Luftwaffe. Er war von 2000 bis 2002 der 13. Generalinspekteur der Bundeswehr und von 2002 bis 2005 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgewachsen ist Kujat gemeinsam mit seinen drei Geschwistern in der Nähe von Hannover. Er ging in Kiel zur Schule. Nach seinem Abitur an einer Abendschule begann er 1959 eine Ausbildung bei der Luftwaffe. Kujat ist verheiratet und hat drei Kinder.

Militärische Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausbildung und erste Verwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 29. Oktober 1965 wurde Kujat zum Leutnant befördert. Er absolvierte die vorfliegerische Ausbildung und wurde Ausbilder für Unteroffiziere, war Zugführer und stellvertretender Kompaniechef sowie Personaloffizier (S 1). Während dieser Zeit wurde er im April 1968 zum Oberleutnant und im Januar 1971 zum Hauptmann befördert.

Dienst als Stabsoffizier[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1972 bis 1975 war Kujat Ordonnanzoffizier beim Bundesminister der Verteidigung Georg Leber, SPD, in Bonn. 1974 wurde er zum Major ernannt. Von 1975 bis 1977 absolvierte er den 20. Generalstabslehrgang der Luftwaffe an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg und diente ab 1977 als Adjutant bei Bundesverteidigungsminister Hans Apel in Bonn. Im selben Jahr wurde Kujat Dezernatsleiter (A 3a) Luftwaffenunterstützungsgruppenkommando Nord in Münster. Von 1978 bis 1980 war er Referent (Operative Grundlagen Luftstreitkräfte) im Führungsstab der Streitkräfte (FüS) des Bundesministeriums der Verteidigung in Bonn. Am 1. April 1979 wurde er dann zum Oberstleutnant befördert. Eine weitere Verwendung in Bonn war als Referent für Sicherheitspolitik und Strategie im Bundeskanzleramt. 1985 übernahm er wieder ein Truppenkommando als Kommandeur des II. Bataillons des Luuftwaffenausbildungsregiments 1 in Appen.

1988 absolvierte Kujat den 72. Kurs des NATO Defense College in Rom, Italien. Er wurde im Oktober 1988 zum Oberst befördert. 1989 wurde Kujat zum Dezernatsleiter (NATO-Truppenplanungen, Luftstreitkräfte) beim Deutschen Militärischen Vertreter beim NATO-Militärausschuss in Brüssel ernannt. Nach einem Jahr wurde er 1990 Referatsleiter im Führungsstab der Streitkräfte in Bonn, zuständig für nukleare und weltweite Rüstungskontrolle.

Dienst im Generalsrang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1992 bis 1995, am 20. September 1992 zum Brigadegeneral ernannt, übernahm Kujat den Posten des Chefs des Stabes und Stellvertreters des Deutschen Militärischen Vertreters im Militärausschuss der NATO in Brüssel, zu dieser Zeit Generalleutnant Jörn Söder.

Zurück in Deutschland, wurde Kujat am 1. April 1995 zum Generalmajor ernannt und übernahm den Posten des Stabsabteilungsleiters III für Militärpolitik im Führungsstab der Streitkräfte im Verteidigungsministerium. Im Anschluss daran wurde er 1996 Leiter des IFOR-Koordinationszentrums (ICC) im NATO-Hauptquartier (SHAPE) in Mons, Belgien. Im Oktober 1996 wurde er schließlich stellvertretender Direktor im Internationalen Militärstab (IMS) der NATO in Brüssel.

Harald Kujat (2003)

Am 10. November 1998 wurde Kujat zum Generalleutnant befördert und von Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) im Januar 1999 zum Leiter des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung ernannt. In dieser Funktion beriet er den Minister in allen Fragen der langfristigen militärischen und verteidigungspolitischen Grundlagenplanung. In dieser Position gab er Anlass zur Diskussion, da ihm innerhalb der Bundeswehr vorgeworfen wurde, der Planungsstab sei das „Küchenkabinett“ von Rudolf Scharping und werde dazu benutzt, wichtige Planungen (insbesondere in Bezug auf die Wehrpflicht und die zukünftige Gestaltung der Bundeswehr) des geringeren Widerstandes wegen an der eigentlichen militärischen Führungsspitze vorbei durchzuführen und den Generalinspekteur damit zu demontieren. Nach dem Rücktritt des Generalinspekteurs Hans-Peter von Kirchbach wurde Kujat am 1. Juni 2000 selbst zum Generalinspekteur der Bundeswehr und damit zum höchstrangigen deutschen Soldaten berufen. Im Juli 2000 folgte die Beförderung zum General. Mit der Wiederwahl von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Jahre 2002 wurde Peter Struck (SPD) neuer Verteidigungsminister und Kujat wurde von General Wolfgang Schneiderhan, der zuvor ebenfalls den Planungsstab geleitet hatte, als Generalinspekteur abgelöst. 2002 übernahm er den Posten des Vorsitzenden des Militärausschusses der NATO in Brüssel. Am 16. Juni 2005 wurde Kujat schließlich in Berlin mit einem Großen Zapfenstreich von Verteidigungsminister Struck in den Ruhestand verabschiedet.

Tätigkeiten im Ruhestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Pensionierung trat Kujat jahrelang als Kritiker und Experte für Sicherheitspolitik in der Öffentlichkeit auf und war häufig in den Medien zu Gast.[1] Er war Vorsitzender des Beirats des Network Centric Operations Industry Consortium (Stand Mitte 2016)[2] und ist Präsidiumsmitglied der Nichtregierungsorganisation Internationaler Wirtschaftssenat.[3]

Nach Medienberichten[4][5] und Selbstdarstellung des Instituts[6] war Kujat mindestens im Gründungsjahr 2016 Aufsichtsratsmitglied des Instituts Dialogue of Civilizations Research Institute, dem Nachfolger des 2002 gegründeten World Public Forums Dialogue of Civilizations (Dialog der Zivilisationen). Kujat widersprach diesen Berichten und Angaben, als er damit in einem am 26. Februar 2022 aufgezeichneten Interview zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine konfrontiert wurde.[7] Das Institut ist ein von Wladimir Jakunin und dessen Frau geleiteter Thinktank.[1] Jakunin gilt als Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin und die Gründung des Instituts im Jahre 2016 wurde unter den wachsenden deutsch-russischen Spannungen teilweise als bedenklich eingeordnet.

Ab Sommer 2019 war Kujat für ein Jahr bis zu seinem Rücktritt Aufsichtsratsvorsitzender des Rüstungsunternehmens Heckler & Koch.[8]

Orden und Ehrenzeichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harald Kujat wird durch Richard Myers mit dem Orden Legion of Merit ausgezeichnet.

Seine Orden und Ehrenzeichen umfassen u. a.: eine Medaille des Senats der Hansestadt Hamburg für den Einsatz während der Flutkatastrophe in der Hansestadt (1962), das Große Bundesverdienstkreuz, das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold, die Verdienstmedaille des Hamburger Senats, das Kommandeur-Kreuz der französischen Ehrenlegion, die NATO Meritorious Service Medal, das Legion of Merit (USA), sowie hohe Auszeichnungen aus Belgien, Malta, Polen, Russland und Ungarn.

Politische Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kujat ist häufiger, teilweise heftig umstrittener[9][10][11] Gast in Talkshows und Interviewpartner zu sicherheits- und verteidigungspolitischen Themen.

NATO und Ukrainekrise Nach Meinung Kujats hat die NATO in der Ukraine-Krise 2013/14 versagt und vor der Krim-Krise „überhaupt keinen Beitrag zur Deeskalation geleistet.“ „Die NATO hätte von Anfang an mit Russland verhandeln müssen, denn sie hat eine strategische Partnerschaft mit Russland“, äußerte er. Nach dem Grundlagenvertrag hätte der NATO-Russland-Rat einberufen werden müssen. In Moskau gebe es große Bereitschaft für Verhandlungen. Diese könnten ein Erfolg werden, wenn der Westen klarstelle, dass die Ukraine kein NATO-Mitglied werde.[12]

Afghanistan Kujat hielt nach der vorübergehenden Eroberung von Kundus durch die Taliban im Oktober 2015 den weiteren Einsatz von NATO-Truppen für unabdingbar. „Nur ein erneuter massiver Kampfeinsatz der NATO könnte die Situation bereinigen“, sagte Kujat den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dazu sei die internationale Staatengemeinschaft aber nicht bereit. „Es zeichnet sich ab, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Taliban die Macht im Land übernehmen.“[13]

Syrienkonflikt Kujat lobte im Gegensatz zu den meisten Mediendarstellungen das Handeln Russlands 2015 und 2016 in Syrien: Bis September 2015 habe in Syrien Stillstand geherrscht. Weder die Amerikaner noch die Europäer hätten eine Strategie für ein friedliches Syrien gehabt. Sie seien auch nicht bereit gewesen, sich massiv zu engagieren. „Die Russen haben es gemacht und damit ein Fenster für eine politische Lösung aufgestoßen.“[14] Ohne Russlands Eingreifen „wäre Syrien kollabiert und der IS hätte das Land übernommen“. Das nächste Ziel wäre nach Kujats Worten der Libanon gewesen und das übernächste Israel. „Das hätte weitreichende Folgen auch für uns gehabt.“ Auch die vom Westen verurteilten massiven Luftangriffe auf Aleppo im Januar und Februar 2016 verteidigte Kujat als notwendigen Teil einer Strategie gegen den IS: „Putins Ziel lautet, den Vormarsch der syrischen Truppen in Richtung IS-Gebiet zu unterstützen. Aleppo ist auf diesem Weg bisher wie ein Sperrriegel gewesen, weil die Stadt von der syrischen Opposition gehalten wurde.“[15] Die Bundesregierung reagierte irritiert auf Kujats Darstellung.[16] Bei Anne Will bezeichnete er am 9. Oktober 2016 die Al-Nusra-Front als Verbündete der USA. Der frühere US-Botschafter in Deutschland John Kornblum (1997–2001) nannte ihn daraufhin einen „Sowjet-General“.[17] Die Neue Zürcher Zeitung schrieb im Juli 2016, dass Kujat „die russische Syrien-Militärintervention als Beitrag zum Frieden in Syrien“ rühmte, sei „natürlich vorzüglich dazu geeignet, sich jetzt für einen Aufsichtsratsposten in Jakunins Hauptquartier in Berlin zu qualifizieren“.[18]

Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine Zu Beginn des Angriffs Russlands gegen die Ukraine Ende Februar 2022 äußerte Kujat die Vermutung, Putin sei bereit Atomwaffen einzusetzen. Auch US-Präsident Joe Biden habe dieses Risiko eines russischen Atomwaffeneinsatzes gesehen, als er den Einsatz von US-Truppen in der Ukraine ausgeschlossen habe. Zugleich sprach sich Kujat dagegen aus, der Ukraine zu diesem Zeitpunkt noch Waffen aus Deutschland zu liefern. „Wenn Deutschland jetzt, in dieser Lage, weiteres Material an die Ukraine liefern will, ist das ziemlich naiv. Wenn Russland den Krieg so wie bisher weiterführt, was ich für sicher halte, kommt dieses Gerät bei den Russen an, nicht mehr bei den Ukrainern.“[19]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dermot Bradley, Heinz-Peter Würzenthal, Hansgeorg Model (Hrsg.): Die Generale und Admirale der Bundeswehr (1955–1999). Die militärischen Werdegänge (= Deutschlands Generale und Admirale. Teil 6b). Band 2. 2: Hoffmann – Kusserow. Biblio Verlag, Osnabrück 2000, ISBN 3-7648-2370-4, S. 804.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Harald Kujat – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Peter Carstens: General im Aufsichtsrat von Heckler & Koch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 14. Juli 2019, abgerufen am 14. Juli 2019.
  2. Homepage NCOIC Advisory Council
  3. Präsidium. In: Internetseite Internationaler Wirtschaftssenat. Abgerufen am 3. März 2022.
  4. Wladimir Jakunin gründet Institut in Berlin. In: Der Tagesspiegel. 7. Mai 2016, abgerufen am 10. Oktober 2016.
  5. Sabine Adler: Russischer Think Tank in Berlin - Friedensinstrument oder Propagandawerkzeug? In: deutschlandfunkkultur.de. 13. Februar 2017, abgerufen am 2. Dezember 2018.
  6. DOC Research Institute Unternehmensführung. 2. Oktober 2016, abgerufen am 3. März 2022.
  7. Ex-General Kujat: Der Knackpunkt für Russland war 2008. In: MDR. 27. Februar 2022, abgerufen am 1. März 2022 (Interview, aufgezeichnet am 26. Februar 2022 ab 18 Uhr, 84:28 min, ab Minuten 00:45 und 07:19).
  8. Wirtschaft, Handel & Finanzen: ROUNDUP/Nach Eigentümerwechsel: Ex-General Kujat gibt bei Heckler & Koch auf. Abgerufen am 31. Juli 2020.
  9. Ex-General-Inspekteur Kujat – Plötzlich macht er Propaganda für Putin. Abgerufen am 3. November 2016.
  10. Propagandisten wie Harald Kujat als „kritische Experten“. Abgerufen am 3. November 2016.
  11. Julian Reichelt: Ex-Generalinspekteur Kujat wird von @AnneWillTalk ganz offiziell als Unterstützer der russischen Kriegsverbrechen eingeladen. Abgerufen am 3. November 2016.
  12. Nato hat in Ukraine-Krise versagt. In: welt.de. 16. April 2014, abgerufen am 12. Februar 2016.
  13. Taliban-Angriffe: Ex-Generalinspekteur Kujat fordert Militäreinsatz in Afghanistan. In: Spiegel Online. 1. Oktober 2015, abgerufen am 12. Februar 2016.
  14. Kujat lobt Rolle Russlands im Syrien-Konflikt. Deutsche Welle, 11. Februar 2016, abgerufen am 12. Februar 2016.
  15. Bürgerkrieg: Ex-Bundeswehrgeneral lobt Russlands Rolle in Syrien. In: Spiegel Online. 12. Februar 2016, abgerufen am 12. Februar 2016.
  16. Krieg in Syrien: Russland-Lob von Ex-Bundeswehrgeneral irritiert Berlin. In: Spiegel Online. 12. Februar 2016, abgerufen am 12. Februar 2016.
  17. bild.de
  18. Jörg Himmelreich: Putins Kampf um Berlin. In: nzz.ch. 11. Juli 2016, abgerufen am 2. Dezember 2018.
  19. Früherer NATO-Generalinspekteur Kujat: Putin bereit, Atomwaffen einzusetzen. 26. Februar 2022, abgerufen am 12. April 2022.
VorgängerAmtNachfolger
Vizeadmiral Ulrich WeisserLeiter des Planungsstabs des Bundesministers der Verteidigung
1999–2000
Generalleutnant Wolfgang Schneiderhan
Guido VenturoniVorsitzender des NATO-Militärausschusses
2002–2005
Raymond Henault