Harfenjule

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Koordinaten: 52° 25′ 13″ N, 13° 21′ 22″ O

Luise Nordmann mit ihrer Harfe
Gedenkstein der Harfenjule auf dem Lutherkirchhof in Berlin-Lankwitz

Harfenjule ist der Spitzname von Luise Nordmann, geb. Schulz (* 6. September 1829 in Potsdam; † 7. Januar 1911 in Berlin), wurde aber dann auch zum allgemeinen Begriff für Straßensängerinnen.[1]

Die Harfenjule gilt als Berliner Original. Im kaiserlichen Berlin wurde sie als Straßenmusikantin und durch Zeitungsberichte über die Stadt hinaus bekannt. Meist wurde dabei die Not, in der sie lebte, verschwiegen und mehr auf populäre Folklore Wert gelegt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Geburt an blind, konnte Luise nach einer Augenoperation in der Kindheit zumindest mit einem Auge etwas sehen. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie durch Singen auf den Höfen der Berliner Wohngegenden, wobei ihre Stimmbegabung entdeckt wurde und sie Gesangsunterricht erhielt. Im Jahr 1865 heiratete Luise Scholz den Puppenspieler Emil Nordmann und trat mit ihm als Schausteller in einem Wandertheater auf. Nachdem ihr Mann und ihre Kinder 1871 gestorben waren, zog sie nach Schöneberg, das damals noch nicht zu Berlin gehörte. Dort lebte sie bis zu ihrem Tode mit ihrer Schwägerin in einer Kellerwohnung. Den Lebensunterhalt für sich und die Familie verdiente sie nun wieder mit Gesang und Harfenspiel in den Berliner Hinterhöfen.

Ihr Auftreten mit schwarzem abgewetztem Strohhut und Harfe wurde mehrfach in Skulpturen und Bildern dargestellt, unter anderen von Heinrich Zille.

Luise Nordmann starb am 7. Januar 1911 und wurde am 12. Januar 1911 auf dem Evangelischen Luther-Friedhof in Berlin-Lankwitz beigesetzt. Das Grabregisterbuch des Friedhofs gibt als ihren letzten Wohnort Schöneberg, Steinmetzstraße 46 an. Das Grab wurde im Verlauf des Zweiten Weltkrieges zerstört. Eine Privatinitiative setzte ihr 1969 auf dem Luther-Friedhof einen Gedenkstein, der im Jahr 2010 gereinigt und restauriert wurde.[2][3]

Im Volksmund lebte Luise noch lange fort und man sagte von ihr:

„Ick bin die Harfenjule mit jroßem Pompadur,
in janz Berlin und Rixdorf spiel ick die Harfe nur!“

Wirkung in Kunst und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klabund setzte der historischen Harfenjule ein literarisches Denkmal. 1927 veröffentlichte er den Gedichtband Die Harfenjule. Neue Zeit- Streit- und Leidgedichte von Klabund. Seine Gedichte, Chansons und Bänkellieder greifen ins pralle Leben des Berliners der zwanziger Jahre. Kurt Tucholsky bescheinigte in der Weltbühne diesem Gedichtband hohe Qualität und eine Frische, die auch noch nach achtzig Jahren nicht ganz vergangen sein werde.

1982 erschien im Eulenspiegel-Verlag ein Sammelband Die Harfenjule mit Klabundgedichten. In diesem Band sind jedoch die Lieder der originalen Harfenjule weggelassen worden. Gedichte aus anderen, älteren Veröffentlichungen oder dem Nachlass wurden hinzugefügt.

Lied der Harfenjule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emsig dreht sich meine Spule
Immer zur Musik bereit,
Denn ich bin die Harfenjule
Schon seit meiner Kinderzeit.

Niemand schlägt wie ich die Saiten,
Niemand hat wie ich Gewalt.
Selbst die wilden Tiere schreiten
Sanft wie Lämmer durch den Wald.

Und ich schlage meine Harfe,
Wo und wie es immer sei,
Zum Familienbedarfe,
Kindstauf oder Rauferei.

Reich mir einer eine Halbe
Oder einen Groschen nur.
Als des Sommers letzte Schwalbe
Schwebe ich durch die Natur.

Und so dreht sich meine Spule,
Tief vom Innersten bewegt,
Bis die alte Harfenjule
Einst im Himmel Harfe schlägt.

(Klabund)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Flügge: Serie Berliner Originale (Teil 4) in der Rubrik „Berliner ABC“, „Berliner Zeitung“, 1971
  • Erhard Ingwersen: Berliner Originale im Spiegel der Zeit. arani, Berlin-Grunewald 1958, DNB 452220165.
  • Klabund: Gesammelte Werke. Phaidon, Wien 1930.
  • Klabund: Die Harfenjule. Neue Zeit, Streit- und Leidgedichte von Klabund. Verlag die Schmiede, Berlin 1927.
  • Klabund: Die Harfenjule. Gedichte. Hrsg.: Joachim Schreck. 3. Auflage. Eulenspiegel, Berlin 1989, ISBN 3-359-00088-9 (1. Aufl., 1982).
  • Lukas Richter: Der Berliner Gassenhauer: Darstellung, Dokumente, Sammlung (= Volksliedstudien Band 4). Waxmann, Münster 2004, ISBN 3-8309-1350-8, S. 261–263 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brigitte Schellmann: Ehrenbürger und Ehrengräber Berlin. Nordmann, Luise (geborene Schulz). In: „Berlin.de – das offizielle Internetportal des Landes Berlin“. 11. Oktober 2010, archiviert vom Original am 9. Januar 2005, abgerufen am 11. März 2011 (PDF, Allem Anschein nach wurde auf dem Gedenkstein der Beisetzungstag mit dem Todestag verwechselt. Der richtige Todestag ist demnach der 7. Januar 1911. Als Quelle ist angegeben der „Arbeitskreis Historisches Lankwitz, Alt-Lankwitz 42, 12247 Berlin“.): „†7.1.1911 (Berlin). […] geboren: 6. September 1829; geboren in: Potsdam, Hauptstadt der preußischen Provinz Brandenburg; […]“
  2. Elisabeth Lischko, Hildegard Josten: Frauenspuren. Verdeckte Geschichte. Luise Nordmann geb. Schulze „Harfenjule“. In: „berlin.de, die offizielle Webpräsenz des Landes Berlin“. Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin, Wirtschaftsförderung, Standortmarketing Berlin Südwest, 31. Januar 2008, abgerufen am 12. März 2011 (PDF; 1,2 MB): „Gedenkstein seit 1969, am Rondell Reihenstelle Abt. F; Bildhauer Franz Merk.“
  3. Vor 100 Jahren... Die Harfenjule. In: „KiezKontakt, Zeitung für Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg. 7. Jahrgang, Ausgabe Nr. 4, 2010/2011“. 8. Dezember 2010, abgerufen am 12. März 2011 (PDF; 3,8 MB, Als Quelle nennt der Zeitungsartikel Heinz Becker vom „Arbeitskreis Historisches Lankwitz“.): „Der Gedenkstein für die ‚Harfenjule‘ auf dem Lankwitzer Lutherfriedhof, Malteserstr. 113, steht nahe dem Rondell mit dem Kriegsdenkmal, das man über den Hauptweg erreicht. Rechter Hand findet man den Stein der ‚Harfenjule‘, der durch eine Spende von Herrn Ulrich Artz 2010 gereinigt und restauriert werden konnte.“