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Harry Baur

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Harry Baur (!940)

Harry Baur (* 12. April 1880 in Paris; † 8. April 1943 ebenda; eigentlich Henri-Marie Baur) war ein französischer Schauspieler.

Harry Baur besuchte das Hydrographische Institut in Marseille und begann ein Medizinstudium, entschied sich dann aber für die Schauspielerei. 1904 begann er seine Theaterlaufbahn in Marseille und wechselte bald darauf nach Paris. Hier kam er mit dem neuen Medium Film in Kontakt und hatte sein erstes Engagement im Jahr 1908. Die dominierende Filmgesellschaft Pathé besetzte ihn zwischen 1909 und 1911 in zahlreichen Kurzfilmen.

Seine spätere Karriere verdankte er der Begegnung mit Julien Duvivier 1930. In den Folgejahren und bis 1942 spielte er in 30 Filmen und war ein führender Filmschauspieler in Frankreich. Er verkörperte vorwiegend schwierige, rücksichtslose, rachsüchtige, aber auch leidende, unterdrückte Charaktere, seltener komische Figuren. Er spielte unter anderem den Jean Valjean in Die Verdammten (1934).

Nach der deutschen Besetzung Frankreichs arbeitete Baur, obwohl seine Frau jüdische Vorfahren hatte, für die deutsch-finanzierte Produktionsfirma Continental Films und erhielt die männliche Hauptrolle in Symphonie eines Lebens von Hans Bertram an der Seite von Henny Porten und Gisela Uhlen. Als der Film im September 1942 fertiggestellt wurde, spielte Baur für Joseph Goebbels „über jede Kritik erhaben“, aber Goebbels „wird den Fall Bauer weiterverfolgen“, da ihm „von unseren Pariser Dienststellen vorgeworfen wird, daß er Jude sei.“[1]. Die deutschen Nationalsozialisten rächten sich für die „Schmach“, einen angeblichen Juden geehrt[2] zu haben. Baur hatte in seinen Filmen häufig Juden gespielt, etwa in David Golder, Le Juif polonais und Wenn ich Rothschild wär. Er und seine Frau Rika Radifé wurden am 30. Mai 1942 verhaftet.

Die Grabstätte Harry Baurs

Im Pariser Gefängnis Cherche-Midi inhaftiert,[3] wurde er der Agententätigkeit bezichtigt und von der Gestapo gefoltert. Baur kam vier Monate später, am 19. September 1942, schwer erkrankt wieder frei. Er erholte sich nicht von den Folgen der Haft.

Henri-Marie Baur starb 1943 im Alter von 62 Jahren in Paris und wurde auf dem katholischen Cimetière Saint-Vincent bestattet.[4] Seine Frau, ebenfalls eine Schauspielerin, wurde nach ihrer Entlassung nicht mehr belästigt und starb 1983.

Filmografie (Auswahl)

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  • 1909: La Jeunesse de Vidocq ou comment on devient policier
  • 1909: Les petits iront à la mer
  • 1909: Hector est un garçon sérieux
  • 1909: Octave
  • 1909: La Miniature
  • 1910: Le Messager de Notre Dame
  • 1910: Sur la pente
  • 1910: Le Naufragé
  • 1910: Le Four à chaux
  • 1911: La Note de la blanchiseuse
  • 1912: Shylock
  • 1913: Le Solitaire
  • 1916: Stass et Cie.
  • 1917: L’Âme du bronze
  • 1923: La Voyante (unvollendet)
  • 1930: David Golder
  • 1931: Le Juif polonais
  • 1932: Karottenkopf (Poil de carotte)
  • 1932: Die drei Musketiere (Les Trois Mousquetaires)
  • 1933: Maigret – Um eines Mannes Kopf (La Tête d’un homme)
  • 1933: Der seltsame Alte (Cette vieille canaille)
  • 1934: Die Verdammten (Les Misérables)
  • 1934: Wenn ich Rothschild wär (Rothschild)
  • 1935: Schuld und Sühne (Crime et châtiment)
  • 1935: Das Kreuz von Golgatha (Golgotha)
  • 1936: Beethovens große Liebe (Un grand amour de Beethoven)
  • 1936: Tarass Boulba
  • 1937: Spiel der Erinnerung (Un carnet de bal)
  • 1937: Mollenard
  • 1938: La Tragédie impériale
  • 1938: Nostalgie
  • 1940: Péchés de jeunesse
  • 1940: Der Mann vom Niger (L’Homme du Niger)
  • 1941: Der betrogene Betrüger (Volpone)
  • 1941: Mord am Weihnachtsabend (L’Assassinat du Père Noël)
  • 1943: Symphonie eines Lebens
  • Hervé Le Boterf: Harry Baur. Editions Pygmalion/Gérard Watelet, Paris 1995.
  • Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films. Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Band 1: A – C. Erik Aaes – Jack Carson. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001, ISBN 3-89602-340-3, S. 281 f.
Commons: Harry Baur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Bei Goebbels „Bauer“, Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. K. G. Saur, München, Teil II: Diktate 1941–1945. 1993–1996, ISBN 3-598-21920-2. Band 5, S. 481, 11. September 1942.
  2. Rita Thalmann: Gleichschaltung in Frankreich 1940–1944. Aus dem Franz. von Eva Groepler. Europäische Verlagsanstalt EVA, Hamburg 1999 (Original: La mise au pas) ISBN 3-434-50062-6, S. 188f.
  3. Jean-Pierre Guerend; Herder (Hrsg.): Franz Stock: Wegbereiter der Versöhnung. Tagebücher und Schriften. Freiburg 2017, ISBN 978-3-451-37893-5, S. 76 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Kathrin Engel: Deutsche Kulturpolitik im besetzten Paris 1940–1944. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2003, S. 177–186. ISBN 3-486-56739-X.