Harry Graf Kessler

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Harry Kessler ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum US-amerikanischen Politiker siehe Harry W. Kessler.
Harry Graf Kessler (Fotografie von Rudolf Dührkoop, 1917)

Harry Clemens Ulrich Graf von Kessler (* 23. Mai 1868 in Paris als Harry Clemens Ulrich Kessler; 1879–1881 von Kessler; † 30. November 1937 in Lyon; allgemein bekannt als Harry Graf Kessler) war ein multikulturell geprägter deutscher Kunstsammler, Mäzen, Schriftsteller, Publizist und Diplomat. Seine von 1880 bis 1937 geführten Tagebücher sind eine viel gerühmte Hinterlassenschaft und als historisch-literarische Zeitzeugnisse von epochalem Rang.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Zeitlebens war Kessler unterwegs und wechselte den Aufenthalt ohne Trennungsschmerz“, schreibt sein Biograph Friedrich Rothe. „Es kam vor, daß verschiedene Personen ihn gleichzeitig in Paris und London gesehen haben wollten.“[1] Tatsächlich war der Gemeinte familiär bedingt bereits als Heranwachsender in drei Ländern zu Hause, nämlich in Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Familiäre Konstellationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mütterlicherseits hatte Kessler irisch-britische Wurzeln, denn Alice Gräfin Kessler war die Tochter von Henry Blosse-Lynch, einem Marineoffizier, der zum Befehlshaber der anglo-indischen Flotte in Bombay aufgestiegen war. Hauptidentifikationsfigur unter seinen Vorfahren war dem jungen Harry aber sein Urgroßvater schottischer Herkunft, Robert Taylor, der sich mit militärischen Mitteln zum Vizekönig von Babylonien gemacht hatte, aber auch literarisches Talent besaß und die unter seinem Vorgänger begonnenen archäologischen Ausgrabungen in Mesopotamien erfolgreich fortsetzte. „Politische Macht in Verbindung mit frühgeschichtlichen Ausgrabungen“, so Rothe, „stellten im 19. Jahrhundert die nobelste Form der Herrschaft dar.“[2]

Die ertragreichen Bankgeschäfte seines Vaters Adolf Wilhelm Kessler, ein Nachkomme des Theologen und Reformators Johannes Kessler (1502–1574) aus St. Gallen, wusste der Sohn dagegen weniger zu schätzen: „It is a dreadful idea to think you’re just a money-making machine in life“[3] Kennen gelernt hatten sich die Eltern in Paris, wo Adolf Wilhelm die Niederlassung eines Hamburger Bankhauses leitete. Die in Bombay geborene Mutter Alice war noch als Kind zu pietistischen Verwandten in Boulogne-sur-Mer gekommen und führte nach der Hochzeit 1867 in Paris später einen Salon, in dem sie sich gelegentlich selbst als Mezzosopranistin präsentierte. Sie verdiente als recht erfolgreiche Romanschriftstellerin unter Pseudonym aber auch eigenes Geld.[4]

Mehrsprachig verzweigter Ausbildungsgang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkplatte für Harry Graf Kessler auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof Berlin

Die aushäusige Erziehung nahm für den zehnjährigen Harry ihren Anfang in einem Pariser Halbinternat, das ihm nicht nur als vor Schmutz starrend in Erinnerung blieb, sondern ihm auch mit zwei Todesfällen zusetzte, die im eigenen Handlungs- und Erlebenszusammenhang standen. Der Hausarzt riet dringend zu einem Milieuwechsel.[5]

Seine Tagebuchaufzeichnungen begann Harry in englischer Sprache mit zwölf Jahren just vor dem Wechsel auf eine Internatsschule im südenglischen Ascot, als er im Sommer 1880 mit den Eltern Urlaub in Bad Ems machte. Hier kam es auch zu einer kurzen Begegnung des Jungen mit Kaiser Wilhelm I. Dieser hatte Harrys Mutter in den späten 1860er Jahren kennen gelernt – womöglich auf der Pariser Weltausstellung von 1867 – und blieb mit ihr zeitlebens in Kontakt. Die Gerüchte über ein Liebesverhältnis reichten bis hin zu der Unterstellung, dass Harry selbst vom Kaiser gezeugt worden sei. Als 1877 Harrys jüngere Schwester Wilma Kessler (1877–1963) (verheiratet: Wilma Marquise de Brion[6][7]) zur Welt kam, übernahm der Kaiser die Patenschaft. Durch Wilhelm I. wurde Adolf Wilhelm Kessler 1879 in den erblichen Adelsstand erhoben und durch Heinrich XIV., Fürst Reuß jüngere Linie 1881 in den erblichen Grafenstand.

Nach Anlaufschwierigkeiten in dem britisch-aristokratisch geprägten Milieu des Internats in Ascot, die sogar in einen Selbstmordversuch mündeten, fasste Harry angesichts sportlicher und gesanglicher Entfaltungsmöglichkeiten schließlich Tritt im neuen Umfeld und vermerkte im Rückblick anerkennend, er könne sich nicht erinnern, „daß je einer log“.[8] Umso härter traf es ihn 1882, dass sein Vater ihn nach zwei Jahren in Ascot unvermittelt auf das Hamburger Johanneum beorderte – die eigene frühere Schule. Literatur, Theater und die Musik von Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner wurden nun Harrys bevorzugte Interessengebiete. Das Abitur legte er 1888 als Klassenbester ab.[9]

Ein dreijähriges Jurastudium in Bonn und an der Universität Leipzig schloss sich an, bei dem Kessler auch ausgiebig Vorlesungen in anderen Fächern besuchte. Altphilologie vertiefte er bei Hermann Usener, Archäologie hörte er bei Reinhard Kekulé, Kunstgeschichte bei Anton Springer, Psychologie bei Wilhelm Wundt.[10] Hiernach hatte er die Unterstützung seines Vaters, als er vor dem militärischen Dienstjahr als Einjährig-Freiwilliger für ein Jahr auf Weltreise ging.

Weltreisender[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 26. Dezember 1891 schiffte Kessler sich in Le Havre auf der „Normandie“ in Richtung New York ein. Nüchtern vermerkte er im Tagebuch, was ihm der Schiffskommissar über die Arbeitsbedingungen in den Maschinenräumen von manchen neuen Ozeandampfern mitteilte: Bei der Jungfernfahrt der „City of New York“ seien sechs Heizer, die während der Schicht im Maschinenraum eingeschlossen worden waren, an einem Hitzschlag gestorben. „Auf den Schiffen der Ostasiatischen Linie müssen sie, während sie Kohlen einfüllen, mit kaltem Wasser begossen werden; im Roten Meer steigt die Temperatur im Maschinenraum bis auf 60 Grad. Auf manchen Schiffen, nämlich Cargoboats, haben die Maschinisten 14 Stunden Dienst täglich.“[11]

Am New Yorker Kai wurde Harry von seinem Vater in Empfang genommen und alsbald mit der dortigen Geschäftswelt bekannt gemacht. Das vom Vater vermittelte Volontariat in einer schwer reichen Anwaltskanzlei bewegte den Sohn aber ebenso wenig zum Bleiben wie die Besichtigung der väterlichen Papierfabrik in den kanadischen Wäldern am Saint-Maurice-Fluss, die „die Götter der Vorzeit zu Dienern und Werkzeugen“ erniedrige.[12]

Durch den Süden der USA reiste Kessler nach San Francisco, von wo aus es wiederum in dreiwöchiger Schiffsfahrt nach Yokohama gehen sollte. Japan erlebte er weniger traditionstreu-abgeschieden als erwartet; die Anpassung etwa an europäische Kleidung erschien ihm teils unwürdig.[13] Im malaysischen Urwald überkam ihn erstmals das Gefühl, an einem Ort zu sein, wo er gern auf Dauer leben wollte; doch notiert er im Tagebuch dazu die Befürchtung: „Und wie lange wird es dauern bis auch diese grandiose Vegetation Zuckerfeldern und Teeplantagen Platz macht, dass auch ja die alten Jungfern zuhause genüg süße Kehlenlabsal zum gallensüßen Klatsch haben? Es ist eine grausame Schicksalsfügung, dass der Mensch so alles was ihm nicht dient, alles Unabhängige, Freie, knechten oder zerstören muss.“[14]

Die Bequemlichkeiten einer gehobenen Bildungsreise nach Art der Kavalierstouren des 17. und 18. Jahrhunderts verschmähte der junge Kessler seinerseits nicht. Auf dem langen Abschnitt von Japan bis Indien begleitete ihn ein Diener. Die Rückreise von Indien nach Europa nahm nur mehr sechzehn Tage in Anspruch, unterbrochen durch einen viertägigen Aufenthalt in Kairo und Umgebung.[15]

Diplomatenaspirant im Wartestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für politische Fragen und Spannungen in und zwischen den Ländern, mit denen er sich beschäftigte, war Harry Graf Kessler bereits als Jugendlicher aufgeschlossen und daran nachhaltig interessiert. Durch seine Herkunft und die Auslandsverbindungen seiner Eltern fühlte er sich berufen, der deutschen Außenpolitik mit der eigenen Perspektive zu dienen. Schon an den diversen Aufenthaltsorten während seiner Weltreise suchte er die Verbindung mit führenden Persönlichkeiten, so Rothe: „Bei seiner Gesprächsführung geht es ihm um Hintergrundinformationen, die bei einer diplomatischen Tätigkeit zu berücksichtigen wären. Sind die Kapazitäten, was öfter vorkommt, nicht gleich zu sprechen, nimmt der sonst Rastlose geduldig Wartezeiten in Kauf.“[16]

Seinen noch 1892 unmittelbar nach der Weltreise begonnenen einjährigen Militärdienst versah er bei den 3. Garde-Ulanen in Potsdam und bekam dadurch Zutritt zum preußischen Offizierskorps. Binnen kurzem verkehrte er „in ersten Häusern“ und war als „zuvorkommender Tischherr“ und guter Tänzer geschätzt.[17] Von heftiger Verliebtheit war sein in der Potsdamer Dienstzeit begonnenes Verhältnis zu dem Süddeutschen Otto von Dungern bestimmt, das nach dreieinhalb Jahren jedoch mit dessen Hochzeit endete.[18]

Unterdessen hatte Kessler sein Jurastudium 1894 einschließlich Promotion abgeschlossen und begann danach das Referendariat, denn nur als Justizreferendar hatte er Chancen auf eine Verwaltungskarriere oder diplomatische Laufbahn. Mit dem Assessorexamen ließ er sich dann bis zum Oktober 1900 Zeit. [19] Zwei Anläufe in den Jahren 1894 und 1897, sich durch Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der vormals als deutscher Botschafter in Paris häufiger Gast bei den Kesslers gewesen war, auf einen Posten im Auswärtigen Amt empfehlen zu lassen, schlugen fehl. Mutter Alice, seit 1895 verwitwet, hielt von einer solchen Karriere des Sohnes ohnehin nicht viel und unterstützte stattdessen Kesslers Engagement für Kunst und Kultur.[20]

Kulturelles Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Kessler 1893 in Berlin Quartier genommen hatte, arbeitete er in der Redaktion der Kunstzeitschrift PAN mit, in der unter anderem Veröffentlichungen von Richard Dehmel, Theodor Fontane, Friedrich Nietzsche, Detlev von Liliencron, Julius Hart, Novalis, Paul Verlaine und Alfred Lichtwark sowie Kunstbeilagen berühmter Maler erschienen. In Leipzig wurde er Mitglied der 1875 gegründeten Canitzgesellschaft, einer akademischen Vortragsgesellschaft, und verkehrte in vielen Literarischen Salons, vor allem bei Marie von Schleinitz, der er in seinen Memoiren ein Andenken setzte.[21]

Am 2. März 1903 übernahm Kessler die ehrenamtliche Leitung des Museums für Kunst und Kunstgewerbe zu Weimar, das er zu seinem Experimentierfeld machte. Er wollte das Ausstellungskonzept modernisieren und eine ständige Ausstellung für Kunst und Kunstgewerbe einrichten, um in dieser relativ abgeschlossenen Sphäre einen kulturellen Reformversuch zu wagen, für den die Metropolen Berlin oder München keine Möglichkeiten boten. Neben seiner Tätigkeit im Museumsbereich konzipierte Kessler seit 1904 die „Großherzog-Wilhelm-Ernst-Ausgabe“ in Zusammenarbeit mit dem Insel Verlag und dem Goethe- und Schiller-Archiv. Zuerst erschien eine Goethe-Ausgabe, der verschiedene Klassikerneuausgaben folgten. Kessler wollte Bücher mehr und mehr als Gesamtkunstwerke gestalten, indem er Inhalt, Typographie, Illustration und Materialien künstlerisch aufeinander abstimmte. Dazu richtete er 1913 in Weimar eine Privatpresse ein, die Cranach-Presse. In dieser Offizin entstanden in oft jahrelanger Arbeit und mit höchsten Qualitätsansprüchen einige buchkünstlerisch bedeutende Werke, so zum Beispiel eine Ausgabe der Eklogen des Vergil mit Illustrationen von Aristide Maillol und Shakespeares Hamlet in der Neuübersetzung von Gerhart Hauptmann und mit Illustrationen von Edward Gordon Craig. Für eine Ausgabe des Satyricons von Petronius mit Holzschnitten von Marcus Behmer wurden Probedrucke angefertigt.

Kesslers Pläne für eine Kulturreform gingen über die Bildende Kunst weit hinaus. Für das Theaterwesen entwickelte er ein Reformkonzept. Hierbei inspirierten und unterstützten ihn einige der anderen Theaterreformer seiner Zeit, so Edward Gordon Craig, Max Reinhardt und Karl Gustav Vollmoeller. Die beiden Letzteren trieben ihre Theaterreform voran und setzten sie zwischen 1910 und 1914 erfolgreich mit ihren Großrauminszenierungen um. Unter dem Namen eines so genannten Mustertheaters wollte Kessler eine neue Institution etablieren. Den dazugehörigen Theaterneubau sollte der Architekt und Künstler Henry van de Velde entwerfen.

Außerdem unternahm Kessler den Versuch, durch die Einbeziehung europäischer Dichter und Schriftsteller die literarische Moderne im „Neuen Weimar“ einzuführen und dem Ort einen neuen, europäisch geprägten literarischen Glanz zu verleihen. Gerhart Hauptmann, Richard Dehmel und Rainer Maria Rilke waren auf Vermittlung Kesslers mit Vorträgen in Weimar zu Gast. Die Pläne seines Mustertheaters scheiterten jedoch nach einer ausführlichen öffentlichen Diskussion an den konservativ-nationalistisch-völkischen Widerständen. Die international orientierte europäische Moderne und die national-völkisch ausgerichtete Heimatkunstbewegung standen sich im Kaiserreich gegenüber. Diese Positionen prallten in Weimar zu Anfang des 20. Jahrhunderts aufeinander. Kesslers Reformpläne scheiterten und die konservativen Positionen gewannen die Oberhand. Dabei spielte der Personenkreis um die Weimarer Ortsgruppe des Bundes Heimatschutz, aus dem der Deutsche Schillerbund hervorging, eine wesentliche Rolle. Einige Künstlerpersönlichkeiten verließen in der Folge ihre vorübergehende Wirkungsstätte Weimar. 1908 ging der Maler und Grafiker Ludwig von Hofmann, zwei Jahre später der Künstler Hans Olde; 1915 verließ schließlich Henry van de Velde Weimar, der mit seinen architektonischen und kunstgewerblichen Arbeiten die Voraussetzungen des Bauhauses schuf.

Über viele Jahre war Kessler eng mit Elisabeth Förster-Nietzsche befreundet, die unter anderen auf seinen Rat hin Weimar als Sitz des 1903 von van de Velde neu gestaltetem Nietzsche-Archivs gewählt hatte. Erst in den 1920er Jahren kühlte diese Freundschaft ab, teilweise wegen wachsender politischer Differenzen.

Ebenfalls 1903 gründete Kessler den Deutschen Künstlerbund, dessen erster Vizepräsident er wurde und der bis dahin noch kaum anerkannte Künstler wie Edvard Munch, Johannes R. Becher, Detlev von Liliencron und die Maler der Brücke unterstützte. 1906 bot ein Ausstellungs-Eklat den Anlass, Kessler seines Amtes als Leiter des Weimarer Museums für Kunst und Kunstgewerbe zu entheben.

Mit Hugo von Hofmannsthal verband ihn seit 1898 eine jahrzehntelange Freundschaft. 1908 unternahm er mit ihm und Aristide Maillol eine Reise nach Griechenland. Am Libretto zum Rosenkavalier war Kessler maßgeblich beteiligt, was Hofmannsthal mit den Worten würdigte: „Ich widme diese Komödie dem Grafen Harry Kessler, dessen Mitarbeit sie so viel verdankt.“ 1911 machte er Sergei Djagilews St. Petersburger Compagnie Ballets Russes auf Hofmannsthal aufmerksam und verschaffte ihm den Auftrag für das Ballett mit der Musik von Richard Strauss' Josephs Legende.

Kesslers Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Teile davon sind im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen. Der Deutsche Künstlerbund ehrte seinen Initiator posthum durch die Vergabe eines Harry Graf Kessler-Preises, mit dem das Gesamtœuvre namhafter älterer Künstler gewürdigt werden sollte. Dieser Preis wurde zwischen 1990 und 2000 jährlich vergeben.[22]

Politisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Ersten Weltkriegs arbeiteten Kessler und Karl Gustav Vollmoeller über die Deutsche Botschaft Bern in Bern für die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes zusammen. Sie entwickelten Aktivitäten, die auf Friedenspläne mit Frankreich und England abzielten (nachzulesen in den veröffentlichten Tagebüchern Kesslers). Im November 1918 wurde Kessler deutscher Gesandter in Warschau im unabhängig gewordenen Polen. Im Dezember 1918 brach die polnische Regierung die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab. Kessler musste das Land verlassen.

1919 verfasste er einen „Plan zu einem Völkerbunde auf Grund einer Organisation der Organisationen (Weltorganisation)“. Zweck des Bundes war vor allem die Vermeidung neuer Kriege, die Sicherung der Menschenrechte und die Regelung des Welthandels. Hauptorgan dieses Bundes hätte ein „Weltrat“ sein sollen, dem ein geschäftsführender Ausschuss zugeordnet war. Zudem hätten ein Weltjustizhof, ein Weltschiedsgerichtshof und Verwaltungsbehörden errichtet werden sollen. Dieser nach Paragraphen geordnete Plan hatte die Form einer staatlichen Verfassung. Dagegen waren Kesslers „Richtlinien für einen wahren Völkerbund“ ein Jahr später als Resolution formuliert. 1922 übernahm er für kurze Zeit das Amt des Präsidenten der Deutschen Friedensgesellschaft, deren Mitglied er von 1919 bis 1929 war. Kessler gehörte zudem zur Zeit der Weimarer Republik der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an.

In den 1920er Jahren versuchte Kessler als Publizist auf die politischen Diskussionen der Weimarer Republik Einfluss zu nehmen. So schrieb er Aufsätze zu unterschiedlichen sozial- und außenpolitischen Themen, wie etwa über den Gildensozialismus oder den Völkerbund. Er gehörte der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an und schrieb eine Biografie über seinen 1922 von Rechtsextremen ermordeten Parteifreund Walther Rathenau. 1924 versuchte er für die DDP in den Reichstag einzuziehen. Da dieser Versuch scheiterte, zog er sich weitgehend aus der Politik zurück. In den zwanziger Jahren war Kessler des Öfteren Gast des Berliner SeSiSo-Clubs. 1932/33 erschien die von ihm mitherausgegebene Zeitschrift Das Freie Wort.

Tagebücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kessler führte 57 Jahre (1880–1937) Tagebuch, wobei er großen Wert auf Vollständigkeit legte. Dieses Tagebuch darf mit Recht als Kesslers literarischer Nachlass bezeichnet werden. Zuletzt wurde es vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach in neun Bänden veröffentlicht. Sie enthalten umfangreiche Register der im Text vorkommenden Orte, Werke und Personen mit teilweise eingehenden Erläuterungen. Insgesamt werden die Namen von etwa 12.000 mehr oder weniger bedeutenden Zeitgenossen von Sarah Bernhardt und Jean Cocteau über Otto von Bismarck und Albert Einstein bis George Bernard Shaw und Josephine Baker aufgelistet, die Kesslers Ruf als „Menschensammler“ begründen.

Letzte Jahre im Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Harry Graf Kessler, der sich zeit seines Lebens als Angehöriger einer europäischen Gesellschaft betrachtet hatte, resignierte nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 und emigrierte aus Deutschland zunächst nach Paris, später nach Cala Rajada auf Mallorca und schließlich in die südfranzösische Provence. Er starb 1937 in Lyon. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Pere Lachaise in Paris.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften:

Briefe:

  • Hilde Burger (Hrsg.): Hugo von Hofmannsthal und Harry Graf Kessler: Briefwechsel 1898–1929. Frankfurt Main 1968. (Enthält 377 Briefe und 6 Sammelbriefe.)
  • Hans-Ulrich Simon (Hrsg.): Eberhard von Bodenhausen – Harry Graf Kessler. Ein Briefwechsel 1894–1918. Marbach am Neckar, 1978.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einführungen:

Gesamtdarstellungen:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Harry Graf Kessler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rothe 2008, S. 12.
  2. Rothe 2008, S. 17.
  3. Tagebucheintrag vom 23. Mai 1888 („eine schreckliche Idee, sich sein Leben als Geldherstellungsmaschine vorzustellen“); zit. n. Rothe 2008, S. 12.
  4. Rothe 2008, S. 24 f.
  5. Rothe 2008, S. 26–30.
  6. Familienkorrespondenzen mit Jacques Marquis de Brion, Wilma Marquise de Brion und Alice Gräfin Kessler bei: polunbi.de.
  7. Brion, Wilhelma Karoline Louise Alice de Michel du Roc, Marquise de (1877–1963) kamzelak.de.
  8. Rothe 2008, S. 35.
  9. Rothe 2008, S. 50.
  10. Rothe 2008, S. 51.
  11. Tagebuch 3. Januar 1892; zit. n. Rothe 2008, S. 56.
  12. Tagebuch 17. Februar 1892; zit. n. Rothe 2008, S. 60.
  13. Rothe 2008, S. 74.
  14. Tagebuch 1. Juni 1892; zit. n. Rothe 2008, S. 59.
  15. Rothe 2008, S. 57 und 88.
  16. Rothe 2008, S. 58.
  17. Rothe 2008, S. 102.
  18. Rothe 2008, S. 109–114.
  19. Rothe 2008, S. 103 f.
  20. Rothe 2008, S. 100 und 114.
  21. Gesichter und Zeiten, S. 16–18.
  22. kuenstlerbund.de: Die Künstlerförderung des Deutschen Künstlerbundes (abgerufen am 19. Mai 2015).