Haus Ingenray

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Haus Ingenray auf der Karte der Grafschaft Moers von Arnold von Heurdt aus dem 17. Jahrhundert

Haus Ingenray ist ein ehemaliger Rittersitz am Niederrhein auf der Gemarkung des Gelderner Stadtteils Pont. Das denkmalgeschützte Bauwerk steht am rechten Ufer der Niers in der Nachbarschaft des nördlich gelegenen Hauses Diesdonk.

Das heutige Anwesen wurde 1461 durch Elbert III. von Eyll erbaut und von den nachfolgenden Besitzern erweitert und ergänzt. Im Zweiten Weltkrieg leerstehend, wurde es 1944/45 verwüstet, ehe es der Gelderner Unternehmer Hans Stratmans 1962 erwarb und anschließend restaurierte. Haus Ingenray befindet sich im Besitz der Emilie und Hans Stratmans-Stiftung und kann nicht besichtigt werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name der Anlage deutet darauf hin, dass es sich bei Haus Ingenray um eine mittelalterliche Gründung im Bereich einer Rodung handelt,[1] denn „Ingenray“ entwickelte sich aus „op gen rade“, was „in der Rodung“ bedeutet. Auf einer Karte des Geometers Michael Buyx ist das Haus zwar mit 1387 datiert, bisher ist aber unklar warum. Eine erste gesicherte schriftliche Erwähnung erfolgte im Jahr 1394 als „guet oppen Raede“.[1] Zu jener Zeit befand sich die Anlage im Besitz Elberts I. von Eyll, der sie an Jakob von Holtappel und seine Frau Aleit verpachtet hatte. Eigentümer des Gutes war hingegen Hermann von Lievendal, dessen Familie von der gleichnamigen Burg in der Herrlichkeit Lievendal bei Grevenbroich stammte.[2] Er verkaufte das Anwesen 1397 an Elbert I. von Eyll, der von Haus Eyl im Klevischen bei Huisberden stammte.

Haus Ingenray auf der Tranchotkarte

Nachdem das Gut in einer Urkunde vom 29. April 1420 erstmals „ijngen Rade“ genannt worden war,[3] brachte Elbert III. von Eyll, Enkel Elberts I., sein „erve en goet met name den hoff op gen Rade“ laut einem Heiratsvertrag vom 28. April 1457 mit ein in seine Ehe mit Margareta von Titz.[4] Elbert III. war Rat und Küchenmeister des geldrischen Herzogs Wilhelm I. und konnte es sich leisten, im Jahr 1461 das heutige Haus Ingenray neu zu bauen. Vom Errichtungsjahr künden die Maueranker in Form der entsprechenden Jahreszahl. Eine heute verschollene Kreidezeichnung aus dem 15. Jahrhundert zeigte das Anwesen mit einem vorgelagerten Turnierplatz und Segelbooten auf den Wassergräben.[5] 1468 wurde Elbert III. vom geldrischen Herzog zum Ritter geschlagen und damit in den Adelsstand erhoben. Nach seinem Tod 1499 kam die Anlage über seine Tochter Adriana an deren Mann, den geldrischen Erbmarschall Adrian von Boedberg. Das Paar bewohnte Haus Ingenray aber nicht selbst, sondern residierte auf dem Boedbergschen Besitz Schloss Haag. Aus der Ehe gingen die beiden Söhne Corneli(u)s und Elbert hervor. Sie teilten nach dem Tod der Eltern das Erbe unter sich auf. Während der ältere Corneli(u)s Schloss Haag und das Erbmarschallsamt erbte, erhielt Elbert das Haus Ingenray. Aus seiner 1534 geschlossenen Ehe mit Anna von Balveren ging der gemeinsame Sohn Seger hervor, der den Besitz erbte. Nach seinem Tod (spätestens 1578) wurde ein Inventar des Hauses Ingenray erstellt, aus dem hervorgeht, wie viele Räume das Anwesen im 16. Jahrhundert besaß. Zum Besitz zählten zu jener Zeit unter anderem eine Flachskammer, eine Malzkammer, ein Brauhaus und ein Saal mit einer Nische, in der wahrscheinlich die Hauskapelle untergebracht war.[6]

Ingenray blieb bis in das 17. Jahrhundert Besitz der Boedberg-Familie. Dann kam es 1699 durch Heirat der Tochter Adriana an die Familie ihres Mannes Johann von Rhoe d’Obsinnich. Weil dieser keine acht adligen Urgroßeltern vorweisen konnte, verlor Haus Ingenray seine Stimme im Landtag des geldrischen Oberquartiers, behielt jedoch den Status eines Ritterguts. Nach dem Tod Johanns erbte es seine einzige Tochter Eva Theresia, die am 17. Januar 1707[7] den Baron Wilhelm Philip von d’Olme heiratete. Weil das Paar aber auf Schloss de Berckt wohnte, verpachtete es Ingenray ab 1708.[8] Ihre Tochter Maria Johanna erbte das Anwesen und brachte es durch ihre Heirat mit Baron Werner von Francken im Jahr 1735 an dessen Familie.

Entwurf für die Neugestaltung der Gartenanlagen, 1908

Mit Julius Theodorus Hubertus von Francken starb 1907 das letzte Mitglied dieser Familie auf Ingenray. Im Erbgang kam der Besitz anschließend an die Familie Effertz, denn Julius’ Schwester Caroline Josepha Maria Hubertine hatte im Mai 1857 Peter Effertz geheiratet.[9] Einer seiner Nachfahren, Friedrich Effertz, gab 1908 eine Neugestaltung des Gartens zu einem Landschaftspark in Auftrag.[10]

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zu Plünderungen und Verwüstungen im Inneren des seinerzeit unbewohnten Gebäudes. In den Nachkriegsjahren war in Haus Ingenray eine Zeit lang ein Geflügelzuchtbetrieb untergebracht.[11] Diese Art der Nutzung sowie die Zeit des Leerstands waren der Bausubstanz nicht zuträglich. Als Hans Stratmans das Anwesen 1962 gemeinsam mit seinem Vater kaufte, war es baufällig. Zusammen mit seiner Frau Emilie begann er mit der Restaurierung der Gebäude. 2008 gründeten die Eheleute eine Stiftung und brachten darin nicht nur eine große Sammlung mit Stücken zur geldrischen Geschichte ein, sondern auch das Haus Ingenray, das nach Ableben des Ehepaars Museum, Archiv, Forschungs- und Begegnungsstätte werden soll.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haus Ingenray ist eine dreiflügelige Anlage mit Hufeisenform, die in der Niersniederung zwischen der großen und der kleinen Niers steht. Das Anwesen lag früher viel näher am Fluss, doch durch dessen Begradigung im 20. Jahrhundert änderte sich die Situation. Die Niers speist noch heute den Wassergraben, der Haus Ingenray an drei Seiten umgibt. Über ihn führt eine von neugotischen Pfeilern flankierte, moderne Betonbrücke, welche die einstige Holzbrücke ersetzte.

Das Gebäude besteht aus einem zweigeschossigen Mitteltrakt mit Walmdach, an dessen Nord- und Südende sich nach Osten eingeschossige Seitenflügel mit Satteldach anschließen. Die Bausubstanz des Mittelbaus stammt im Kern noch aus dem 15. Jahrhundert. Das Gründungsjahr wird nicht nur die Maueranker in Form der Zahl 1461 dokumentiert, sondern auch durch eine Schiefertafel, die in den 1960er Jahren in einem vermauerten Hohlraum gefunden wurde. Sie besitzt die eingeritzte Inschrift „In den jaer ons heren dusent iiii hondert lxi anno dominy“ (Im Jahre unseres Herrn 1461) und stellt eine Art Grundstein-Urkunde dar.[4] Der Mittelbau aus Backstein wurde wohl erst im 18. Jahrhundert um einen zweigeschossigen Anbau nach Süden erweitert und damit symmetrischer gestaltet.[12] Dieser Südanbau kam zu unbekannter Zeit bei einem Brand zu Schaden und verlor sein Obergeschoss,[13] sodass der mittlere Teil des Hauses auf Fotografien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur einen eingeschossigen Anbau zeigt. Ebenfalls erst im 18. Jahrhundert wurden dem heutigen Mittelbau die beiden rechtwinkelig anschließenden Seitentrakte angefügt.

Wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu einer Umgestaltung des Hauses, indem der Haupttrakt und die Seitenflügel geschweifte Giebel im Stil des Barocks erhielten.[14] Gleichzeitig wurde wohl auch die heutige zweiflügelige Eingangstür aus Eichenholz installiert, die schon erste klassizistische Elemente zeigt.[15] An der Nordseite des Hauptbaus findet sich zudem ein neugotischer Treppengiebel, der von zwei Tourellen mit Zinnen flankiert wird. Er ist eine Zutat des 19. Jahrhunderts und stammt aus derselben Zeit wie die Pfeiler an der Zufahrt.[16]

In den Innenräumen befinden sich zwei kunstgeschichtlich interessante Kamine. Einer von ihnen befindet sich im ehemaligen Saal des Hauses und weist Stuckverzierungen aus der Zeit des Rokokos auf. Der zweite Kamin wurde modern umgestaltet, besitzt jedoch noch zwei Wangen aus Blaustein. Sie stammen aus der Zeit um 1650[15] und besitzen Reliefs, die auf der einen Seite einen schildhaltenden Löwen und einen Männerkopf und auf der anderen Seite einen Frauenkopf zeigen. Er wird deshalb Hochzeitskamin genannt. Der niedrige Südflügel beherbergte 1962 eine Remise, einen Pferdestall, eine Kutscherwohnung und Knechtekammern. Heute ist dort eine kleine Kapelle eingerichtet, deren Fenster vom niederländischen Künstler Harry op de Laak gestaltet wurden.

Vom ehemaligen Landschaftsgarten, der Haus Ingenray einmal umgab, künden heute nur noch ein paar alte Platanen und Buchen. Im heutigen Garten stehen sechs Sandsteinfiguren, die beim Wiederaufbau der 1945 stark beschädigten Kirche St. Maria Magdalena in Geldern gefunden worden sind.

Früher gehörte auch eine Wassermühle zum Anwesen, von ihr ist aber nichts mehr erhalten. An sie erinnert nur noch die Straße namens Möhlendyck.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stefan Frankewitz: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers (= Rheinischer Burggenatlas. Band 2). 1. Auflage. Boss, Geldern 2011, ISBN 978-3-941559-13-4, S. 401–410.
  • Stefan Frankewitz: Die Denkmäler der Stadt Geldern (= Geldrisches Archiv. Band 6). Boss, Geldern 2011, ISBN 978-3-933969-12-5, S. 282–285.
  • Adolf Kaul: Geldrische Burgen, Schlösser und Herrensitze (= Veröffentlichungen des historischen Vereins für Geldern und Umgegend. Band 76). Butzon & Bercker, Kevelaer 1976, ISBN 3-7666-8952-5, S. 76–79.
  • Hans Stratmans, Marinus Flokstra, Johan Belonje: Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer. Stratmans, Geldern-Pont 2003.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Haus Ingenray – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b S. Frankewitz: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers, 2011, S. 401.
  2. Marinus Flokstra: Haus Ingenray zu Pont. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 12.
  3. Marinus Flokstra: Haus Ingenray zu Pont. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 13.
  4. a b A. Kaul: Geldrische Burgen, Schlösser und Herrensitze, 1976, S. 78.
  5. Hermann Joseph Lingen: Verlorenes Kulturgut. Der Zweite Weltkrieg im Kreise Geldern. Schäden und Verluste an Geschichts-, Kunst-, Bau- und Naturdenkmalen. [Wankum 1948], S. 2.
  6. S. Frankewitz: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers, 2011, S. 403.
  7. S. Frankewitz: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers, 2011, S. 404.
  8. Marinus Flokstra: Haus Ingenray zu Pont. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 35.
  9. Marinus Flokstra: Haus Ingenray zu Pont. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 38.
  10. Marinus Flokstra: Haus Ingenray zu Pont. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 50.
  11. H. Stratmans: Anmerkungen zur Baugeschichte von Haus Ingenray. Erkenntnisse, die bei der Restaurierung gewonnen wurden, und Berichte über einige Funde. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 113.
  12. Stefan Frankewitz: Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an den Ufern der Niers. 1. Auflage. Boss, Kleve 1997, ISBN 978-3-9805931-0-6, S. 187.
  13. H. Stratmans: Anmerkungen zur Baugeschichte von Haus Ingenray. Erkenntnisse, die bei der Restaurierung gewonnen wurden, und Berichte über einige Funde. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 115.
  14. Angaben gemäß S. Frankewitz: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers, 2011, S. 407. Hans Stratmans datiert sowohl die Schweifgiebel als auch den Staffelgiebel des Hauses auf den Anfang des 20. Jahrhunderts. Vgl. H. Stratmans: Anmerkungen zur Baugeschichte von Haus Ingenray. Erkenntnisse, die bei der Restaurierung gewonnen wurden, und Berichte über einige Funde. In: J. Stratmans (u. a.): Haus Ingenray. Die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Besitzer, 2003, S. 118.
  15. a b S. Frankewitz: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers, 2011, S. 407.
  16. S. Frankewitz: Der Niederrhein und seine Burgen, Schlösser, Herrenhäuser an der Niers, 2011, S. 408.

Koordinaten: 51° 29′ 12,1″ N, 6° 18′ 14,8″ O