St. Marien (Havelberg)

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Westbau des Havelberger Doms
Havelberger Dom von der Altstadtinsel

Der Havelberger Dom Sankt Marien ist eine evangelische Kirche in der Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt. Er war Hauptkirche des Bistums Havelberg. Das Bistum Havelberg selbst ist eine Gründung von König Otto I. aus dem Jahr 946 oder 948. Im Rahmen der Deutschen Ostsiedlung wurde es zur Missionierung der ortsansässigen Westslawen gegründet. Havelberg war neben Brandenburg das früheste Bistum östlich der Elbe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Voraussetzung für den heutigen Dom in Havelberg und andere Kirchenbauten östlich der Elbe durch den Orden der Prämonstratenser war der Wendenkreuzzug im Jahr 1147, nach dessen Beendigung der Bischof zurückkehrte und ein planmäßiger Wiederaufbau der Stadt erfolgte.[1] Ein mit der Gründung des Bistums innerhalb der ottonischen Burg vermuteter Vorgängerbau konnte bisher archäologisch nicht nachgewiesen werden. Das Kirchengebäude wurde am 16. August 1170 auf den Namen der Jungfrau Maria geweiht. Nach einem größeren Brandschaden wurde der ursprünglich romanische Bau zwischen 1279 und 1330 im gotischen Stil umgebaut.[2]

Nach der Reformation trat das Domkapitel 1561 zum Protestantismus über, nachdem bereits 1506/1507 die prämonstratensische Ordensregel abgeschafft worden war. Das Bistum Havelberg selbst löste sich nach 50 Jahren Vakanz 1598 auf. Der Lettner und die seitlichen Chorschranken entstanden 1396–1411.[2]

Der Dom und die Stadtkirche St. Laurentius gehören seit 1996 zu einer gemeinsamen Kirchengemeinde. 1996 wurde der Dom Eigentum der Domstiftung des Landes Sachsen-Anhalt. Der Havelberger Dom ist eine Station entlang der Straße der Romanik.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dom ist eine flach gedeckte dreischiffige Basilika mit Kreuzrippengewölbe. Als Baustoff wurde Bruchstein aus Grauwacke von einem Steinbruch bei Plötzky verwendet. Seine architekturgeschichtliche Bedeutung verdankt das Gotteshaus dem Westbau, der mit seiner völlig ornamentlosen, wuchtigen Form als fensterloser Block die entschiedenste Verwirklichung des Sächsischen Westriegels in der deutschen Baukunst darstellt. Der querrechteckige Baukörper misst 30,2 m × 6,1 m in der Grundfläche und ist bis zur Mauerkrone 31 m hoch. Der untere Bereich ist aus Naturstein gemauert, im späten 12. Jahrhundert wurde er mit Backsteinen aufgestockt, teilweise in bunter Mischung.

In den Jahren 1840/1841 bezahlte der preußische Staat eine Restaurierung des Doms, bei welcher der Westbau ein dem Zeitgeschmack entsprechendes neugotisches Westportal erhielt und im Innern Stuckgesimse angebracht wurden. Von 1907 bis 1909 erfolgte eine weitere grundlegende Instandsetzung der Fundamente und schadhaften Gewölbe. Der Westbau bekam ein zusätzliches fünfarkadiges neoromanisches Glockengeschoss mit neuem Dachreiter, und das neugotische Westportal aus dem 19. Jahrhundert wurde durch ein neues im romanischen Stil ersetzt.

Das Westbau besaß in seiner ursprünglichen Ausführung einen Zinnenkranz in etwa 22 Metern Höhe, was im 19. Jahrhundert zu der Vermutung führte, er habe als Wehrbau gedient. Die sichtbaren Mauerschlitze zur Belichtung der Innenräume wurden dabei als Schießscharten angesehen. Diese Ansicht widerlegte der Burgenforscher Reinhard Schmitt im Jahr 1997, indem er nachwies, dass der Westbau von Anfang an ein ebenerdiges Portal sowie drei breite Durchlässe zum Langhaus hatte.[3]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchenschiff

Fenster, Leuchter und Weiteres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Inneren des Kirchengebäudes finden sich Grisailleornamentfenster, die Triumphkreuzgruppe, drei Sandstein­leuchter und das Chorgestühl aus Eichenholz aus der Zeit um 1300. Die im Lettner und den seitlichen Chorschranken untergebrachten 20 Reliefs und 14 Skulpturen aus Sandstein stellen ebenso wie die Buntglasfenster Szenen aus dem Leben Jesu dar (Passion und Auferstehung) und datieren aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Sie werden einem Bildhauermeister der Parlerschule zugeordnet.[2] Die drei Buntglasfenster mit den christlichen Szenen auf der Nordseite des Kirchenschiffs wurden 1895 im Königlichen Institut für Glasmalerei in Berlin restauriert, wie aus einer entsprechenden Inschrift hervorgeht.

Zwei Fenster mit historisierenden Wappendarstellungen sind Anfang des 20. Jahrhunderts von Alexander Linnemann und Otto Linnemann aus Frankfurt am Main erschaffen worden.

Auffällig ist außerdem das aus Alabaster gefertigte Hochgrab des Bischofs Johann von Wöpelitz.[2]

Altar, Taufe, Kapellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bemerkenswert ist der Hochaltar, im Jahr 1700 errichtet. Er gehört zusammen mit der Kanzel von 1693 zur barocken Ausstattung. Die St.-Annen-Kapelle wurde im Jahr 1508 im südlichen Seitenschiff eingebaut, der Taufstein 1587 gefertigt. In den östlichen Chorabschlüssen sind zweigeschossige Kapellen eingerichtet.[2]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scholtze-Orgel von 1777

Die Orgel des Havelberger Doms geht zurück auf ein Instrument, das 1777 in der Werkstatt des Orgelbauers Gottlieb Scholtze (Ruppin) entstanden war. Das Instrument hat 34 Register auf zwei Manualen und Pedal.[4]

I Hauptwerk CD–f3
1. Prinzipal 16′ S
2. Octava 08′ S
3. Spitzflöt 08′ S, Sk
4. Gedact 08′ S, Sk
5. Octave 04′ Sk
6. Gedact 04′ Sk
7. Quinta 03′ M
8. Octave 02′ M
9. Waldflöt 02′ Sk
10. Mixtur V Sk
11. Cornet III D S, Sk
12. Trompet 08′ Sk
II Oberwerk CD–f3
13. Quintathön 16′
14. Principal 08′
15. Rohrflöte 08′ alt
16. Salicional 08′
17. Octava 04′ alt
18. Rohrflöte 04′ alt
19. Nasat 0223 alt
20. Octava 02′
21. Terz 0135
22. Quinta 0113
23. Sifflöt 01′
24. Mixtur IV
25. Crummhorn 08′
Pedal C–c1
26. Principal 16′ S
27. Sub Bass 16′ S
28. Octave 08′ S
29. Bassflöte 08′ M
30. Quinta 06′ M
31. Octave 04′ S
32. Mixtur V S, Sk
33. Posaun 16′ Sk
34. Trompet 08′ Sk
Tremolant
S = Scholtze (und älter)
M = Marx
Sk = Schuke (nach 1949)

Die Orgel ist eine von insgesamt nur noch drei zweimaligen Scholtze-Orgeln. Eine zweite, derzeit nicht mehr spielbare Scholtze-Orgel befindet sich in der Stadtkirche St. Laurentius in Havelberg.

Mit dem Dom zusammenhängende Bauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die angrenzenden Klostergebäude beherbergen die katholische Kapelle St. Norbert, den Paradiessaal der evangelischen Gemeinde und das Prignitz-Museum mit Ausstellungen über die Dom-, Stadt- und Siedlungsgeschichte.

Als Stiftsgebäude des Bistums ist der Konventbau am Ostflügel zu nennen, der aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stammt. Er enthält den Kapitelsaal, die Küche und einen Schlafsaal. Am Südflügel schließt sich der aus dem 13. Jahrhundert stammende Refekturbau an mit Sterngewölben und dem zweischiffigen Paradiessal, als Winterkirche genutzt. Der Westflügel des Klosterensembles entstand ebenfalls Ende des 13. Jahrhunderts, über seinem Eingang zeigt ein Sandsteinrelief die Anbetung der Könige, Anfang des 15. Jahrhunderts gefertigt. Besonders bemerkenswert ist die ehemalige Dechanei, südöstlich vom Domchor errichtet, ein Barockgebäude aus dem Jahr 1748. Nördlich vom Domchor befindet sich die ehemalige Propstei. Zur Komplettierung gehört noch die frühere Domschule westlich des Kirchengebäudes, ein klassizistisches Bauwerk, entstanden 1803–1815.[2] Es wird von den Havelberger Stadtwerken genutzt (Stand Sommer 2016).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Leonhard Helten (Hrsg.): Der Havelberger Dombau und seine Ausstrahlung. Lukas, Berlin 2012, ISBN 978-3-86732-130-3.
  • Joachim Hoffmann: Die mittelalterliche Baugeschichte des Havelberger Domes. Lukas, Berlin 2012, ISBN 978-3-86732-120-4.
  • Antje Reichel: Der Dom zu Havelberg. Veröffentlichungen der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt – herausgegeben von Boje E. Hans Schmuhl in Verbindung mit Konrad Breitenborn, Heft 5, Verlag Janos Stekovics, Wettin-Löbejün OT Dößel 2010, ISBN 978-3-89923-262-2.
  • Antje Reichel: Der Dom zu Havelberg und sein mittelalterlicher Lettner. Steko-Kunstführer No. 44, herausgegeben von der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt, 2. überarbeitete, erweiterte Auflage (1. Auflage 1995), Verlag Janos Stekovics, Wettin-Löbejün OT Dößel 2015, ISBN 978-3-89923-339-1.
  • Gordon Thalmann: Wilsnack und Havelberg – Spuren böhmischer Kunst und Architektur um 1400 im Bistum Havelberg. In: Karl IV. – Ein Kaiser in Brandenburg. Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung im HBPG Potsdam. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2016, S. 125–129, ISBN 978-3-945256-62-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Marien (Havelberg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joachim Hoffmann: Die mittelalterliche Baugeschichte des Havelberger Domes, Berlin 2012, S. 13 ff.
  2. a b c d e f Georg Piltz: Kunstführer durch die DDR. Urania-Verlag Leipzig – Jena – Berlin. 4. Aufl. 1973; S. 193 ff.
  3. Reinhard Schmitt: Zum Westbau des Havelberger Domes – Bergfried, Wehrturm oder Kirchturm? In: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Heft 6, Halle/Saale 1997, S. 6 ff.
  4. Informationen zur Geschichte der Scholtze-Orgel

Koordinaten: 52° 49′ 36″ N, 12° 4′ 44″ O