Havelländische Eisenbahn

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Havelländische Eisenbahn AG (HVLE)
Havelländische Eisenbahn logo.svg
Basisinformationen
Unternehmenssitz Wustermark OT Elstal
Webpräsenz www.hvle.de
Bezugsjahr 2017
Geschäftsführung Martin Wischner, Ludolf Kerkeling
Mitarbeiter über 190[1]
Umsatz 45,7 Mio. EUR[1]dep1
Anzahl Fahrzeuge
Lokomotiven 42[1]
Sonstige Fahrzeuge 683 Güterwagen[1]
Statistik
Fahrleistung 1.451 Mio. tkm[1]
Betriebseinrichtungen
Betriebshöfe Berlin-Johannesstift, Blankenburg (Harz), Celle (ehem. OHE)
Sonstige Betriebseinrichtungen Rangierbahnhof Wustermark

Havelländische Eisenbahn AG (HVLE) lautet seit dem Jahre 2006 der Name eines Eisenbahnverkehrsunternehmens, das im Jahre 1892 unter der Firma AG Osthavelländische Kreisbahnen (OHK) in Nauen in der Provinz Brandenburg gegründet worden ist. Der Unternehmensschwerpunkt liegt im Güterverkehr (v. a. Kalktransporte); darüber hinaus ist die HVLE in den Tätigkeitsfeldern Baulogistik, Werkstattservice und Anschlussbahnverkehr tätig. Den Schienenpersonenverkehr hat sie nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Osthavelländische Kreisbahnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unmittelbar nach dem Inkrafttreten des Preußischen Kleinbahngesetzes im Jahre 1893 beschlossen der Landkreis Osthavelland in der Provinz Brandenburg und die Gemeinden Nauen und Ketzin sowie die Zuckerfabrik Nauen, das Kreisgebiet mit Eisenbahnstrecken in der Fläche zu erschließen. Daraus entstanden die Osthavelländischen Kreisbahnen. Der Kreistag Westhavelland beauftragte die OHK auf mit dem Bau und Betrieb der Westhavelländische Kreisbahnen. Die Strecke Nauen–Ketzin wurde Ende 1893 eröffnet. 1904 wurde die rechtlich eigenständige Kleinbahn Nauen–Velten eröffnet, deren Betriebsführung aber die OHK hatte. In den Jahren 1909 bis 1912 wurde noch ein Abzweig Bötzow–Spandau eröffnet. 1924 wurde diese Kleinbahn Nauen–Velten auch formal von der OHK übernommen. In Spandau Johannesstift und Hennigsdorf wurden Industriebetriebe bedient, von Johannesstift gab es ein Anschlussgleis nach Hakenfelde. Durch ein 1935 eröffnetes Anschlussgleis zum Flugplatz Schönwalde nahm der Verkehr noch zu.

Osthavelländische Eisenbahn AG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bahnhof Spandau OHE mit OHE-Lok 5, 1986

Ab 29. Juli 1941 nannte sich die Gesellschaft Osthavelländische Eisenbahn AG, kurz OHE. Neben dem Kreis Osthavelland waren der preußische Staat, die Provinz Mark Brandenburg sowie die Stadt Ketzin und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) beteiligt. Obwohl sich also das gesamte Kapital im Staats- und Kommunalbesitz befand, wurde die Gesellschaft 1946 von den Sowjetischen Besatzungsmacht in der Sowjetischen Besatzungszone enteignet und die Bahnen zunächst den Landesbahnen Brandenburg, dann der Deutschen Reichsbahn unterstellt. Nur der Berliner Teil der Bötzowbahn blieb der Gesellschaft erhalten, auf der auch weiterhin Güterverkehr und bis 1950 Personenverkehr betrieben wurde. Das Berliner Vermögen wurde 1948 von der britischen Militärregierung beschlagnahmt und ab 1. April 1950 unter die treuhänderische Verwaltung der Berliner Verkehrsbetriebe gestellt, ab 1. Juni 1956 unter die Verwaltung des Senators für Verkehr und Betriebe. 1972 wurde die Gesellschaft unter Beibehaltung der alten Gesellschaftsanteile neugegründet und damit die Treuhänderschaft aufgehoben. Für den Betrieb waren 1982 vier vierachsige Diesellokomotiven vorhanden. Jährlich wurden zwischen 600.000 t und 700.000 t befördert.

Nach 1990 erweiterte die Gesellschaft ihren Betrieb wieder in ihr altes Betätigungsfeld.

Havelländische Eisenbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bombardier 285 001 und V330.03 (Blue Tiger) der HVLE am Standort Blankenburg (Harz)

Durch ihre erfolgreichen Aktivitäten war die OHE aus dem „Berliner Schatten“ heraus getreten. Auf vielen Strecken waren die Lokomotiven mit dem OHE-Kürzel unterwegs. Die gleiche Bezeichnung verwendete jedoch auch die Osthannoversche Eisenbahnen, wodurch es des Öfteren zu Irrläufern kam. Eine neue Lösung musste geschaffen werden. Dem neuen Marktauftritt sollten auch der Firmenname und das Erscheinungsbild angepasst werden. Schließlich beschloss die Aktionärsversammlung in Bezug auf die Heimat des Unternehmens ab 1. Januar 2006 den Namen der Gesellschaft in „Havelländische Eisenbahn AG“ (hvle) zu ändern. Die Lokomotiven erhielten ein völlig neues Farbschema.

2002 hatte die OHE die Anschlussbedienung des ehemaligen Chemiefaserwerkes Premnitz übernommen. Dreimal wöchentlich fuhren Züge von und nach Wustermark. Auch der Betrieb für Bombardier Transportation in Hennigsdorf hatte zugenommen. Test- und Prüffahrten werden regelmäßig mit Hilfe von HVLE-Lokomotiven durchgeführt. 2010 erwarb die HVLE die Anschlussbahn des Güterverkehrszentrum Wustermark und gründete die Tochterfirma BLTW. Um die industrielle Entwicklung in Brandenburg-Kirchmöser zu fördern, beteiligte sich die HVLE im Verlauf des Jahres 2011 an einer eigens dafür gegründeten Gesellschaft (KNRBB) und übergab der Stadt Brandenburg die Dampflok 52 8017, die auf dem Gelände des ehemaligen Eisenbahnwerkes Brandenburg-West aufgestellt wurde.

Spektakulär war der Kauf des Güterbahnhofs Wustermark im Jahre 2008. Die DB AG wollte den Bahnhof unmittelbar vor den Toren Berlins stilllegen. Da es im Umkreis von 150 Kilometern kaum noch freie Gleise in diesem Umfang gab, auf denen neue Verkehrsprojekte generiert werden konnten, wollte die HVLE diesen einst hochfrequentierten Bahnhof für den Zugbetrieb offen halten. So wurde unter Beteiligung der BUG Vermietungsgesellschaft mbH die HVLE-Tochter „Rail & Logistic Center Wustermark GmbH“ (RLC) gegründet und sieben Tage später der 22 ha große Rangierbahnhof einschließlich der Stellwerke gekauft. Ausgeschlossen vom Kauf waren bis auf einen Flachbau sämtliche anderen Gebäude und einige wenige Durchgangsgleise der DB AG.

In den Jahren zuvor hatte die HVLE ihre Fühler auch in Richtung Osteuropa ausgestreckt, um neue Geschäftsfelder in Russland, Weißrussland und Polen zu erschließen. So erarbeitete die HVLE zusammen mit ihrem polnischen Partner Transportlösungen mit TRAXX-Mehrsystemlokomotiven, bei denen an der Grenze nur noch Personal- und Systemwechsel notwendig waren. Auch Dänemark, Schweden, die Niederlande und Österreich werden inzwischen angefahren. Ein großer Wurf war der HVLE mit der Entwicklung eines eigenen Schüttgutwagens mit einer Länge über Puffer von 12,68 Meter und 70 t Lademasse gelungen. Mit einer sechsachsigen Voith Maxima können so mit einer Ein-Mann-Besatzung 3.200 Netto-Tonnen befördert werden. Zunehmend wurden immer mehr moderne Fahrzeuge eingesetzt. Um den Triebfahrzeugpark energetisch und umwelttechnisch zu optimieren, sind bei Stadler Rail in Valencia (Spanien) zehn neue sechsachsige EURO Dual Hybridloks mit 5.600 kW elektrischer Dauerleistung bestellt worden. Z. Z. finden die ersten Probefahrten dieses für 120 km/h zugelassenen Loktyps statt.[2]

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bahnstrecken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im benachbarten Landkreis Westhavelland errichtete die Eisenbahngesellschaft zwei Kleinbahnen mit einer Länge von insgesamt 46 Kilometer, die Westhavelländischen Kreisbahnen.

Im Besitz der HVLE ist heute noch die Reststrecke der Bötzowbahn vom Übergabebahnhof Berlin-Spandau zum Güterbahnhof Johannesstift. Außerdem wird der Bahnhof Schöneicher Plan an der ehemaligen Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn betrieben.[3]

Nach der Wende übernahm die HVLE zudem die Betriebsführung mehrerer Anschlussbahnen: im Jahre 1999 im Güterverkehrszentrum (GVZ) Berlin West in Wustermark einschließlich des KV-Terminal, 2002 für die Premnitzer Industriebahn und 2004 für die Werksbahn Bombardier in Hennigsdorf. Weitere Anschlussbahnen werden in Berlin, Vorketzin und Kirchmöser betrieben.[4]

Ab dem 1. April 2005 wurde der Kalktransport auf der Rübelandbahn zwischen Blankenburg und Elbingerode im Harz schrittweise von der HVLE übernommen. Die Fels Werke GmbH betreiben im Oberharz mehrere Kalksteinbrüche und befördern den Kalkstein in verschiedenen Verarbeitungsstufen hauptsächlich auf der Schiene über die sogenannte Rübelandbahn nach Blankenburg und von dort zu den Endverbrauchern. Die Rübelandbahn besitzt eine Steilstrecke mit über 63 Promille Steigung. Die Fels Werke suchten für ihre existentiell wichtigen Transporte Kalkulationssicherheit und einen zuverlässigen Partner. Die OHE erhielt den Zuschlag und einen langfristigen Vertrag. Um den Verkehr zu bewältigen, beschaffte die OHE drei Lokomotiven des Typs AC33C (Blue Tiger) von Adtranz. Eine Niederlassung in Blankenburg wurde eingerichtet. Noch teilte sich die OHE den Verkehr mit der Deutschen Bahn AG auf der Rübelandbahn. Die Fels Werke übergaben jedoch der OHE den gesamten Verkehr. Dafür wurden die Blue Tiger mit lärmmindernden Bauteilen ausgerüstet. Bei der Entwicklung dieser Bauteile wurde mit der TU Berlin zusammengearbeitet. Auch weiterführende Transporte nach Peitz, Schwarze Pumpe, Chemnitz und Salzgitter wurden übernommen. Nachdem die Landes-Denkmalbehörde die elektrische Ausrüstung der Rübelandbahn unter Denkmalschutz gestellt hatte, wurde diese von den Fels Werken übernommen und umfangreich modernisiert. Am 17. Januar 2009 rollte der erste Zug mit zwei TRAXX-E-Lokomotiven der OHE auf der 25 kV/50 Hz-Strecke.

Bahnbetriebswerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das zentrale Betriebsgelände der HVLE ist bis heute der Güterbahnhof (Gbf) Berlin-Spandau Johannesstift. Früher hatte dieser eine große Bedeutung, denn hier verzweigten sich die Spandauer Industriebahnen. Während diese mittlerweile allesamt stillgelegt sind, werden im Gbf Johannesstift weiterhin Güterwagen wie Lokomotiven abgestellt und im modernen, angrenzenden Bahnbetriebswerk gewartet. Hier befand sich bis 2018 der Unternehmenssitz und die Verwaltung.[5]

Für den Verkehr auf der Rübelandbahn wurde zudem eine Niederlassung in Blankenburg (Harz) eingerichtet.

Wustermark Rangierbahnhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine von zehn neuen EuroDual-Hybrid-Loks der HVLE von Stadler Rail

Nach über dreijährigen Verhandlungen hat die HVLE den fast 100 Jahre alten Rangierbahnhof Wustermark von der Deutschen Bahn AG gekauft. Die offizielle Wiederinbetriebnahme erfolgte am 1. Juli 2008. Für den Betrieb ist die Rail & Logistik Center Wustermark GmbH & Co KG (RLC)[6] zuständig, an der die HVLE mehrheitlich beteiligt ist. Der 70-gleisige Rangierbahnhof fungiert als Dienstleistungszentrum für andere Eisenbahnverkehrsunternehmen (v. a. Zugbildung und -auflösung, Abstellmöglichkeit, Werkstattdienste, Umschlag von Baustoffen). Seither erfolgt ein schrittweiser Ausbau der Infrastruktur und der bahnaffinen Logistikaktivitäten in Zusammenarbeit mit dem GVZ Wustermark.[7] Ende September 2011 wurde eine direkte Westanbindung des Rangierbahnhofes hergestellt, die eine Zufahrt ohne Rangieren auch für bis zu 800 Meter lange Güterzüge erlaubt. Inzwischen wird das RLC Wustermark von 120 Kunden genutzt.[8]

Im Jahr 2011 hat sich die HVLE über die BahnLogistik Terminal Wustermark GmbH am Kauf des Containerterminals im GVZ Wustermark beteiligt, in dem sie bereits die Anschlussbahn betreibt und das in der Nachbarschaft des Rangierbahnhofs Wustermark am Berliner Außenring liegt.[9]

BahnTechnologie Campus Havelland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2015 wurden durch die HVLE auch das ehemalige Bahnbetriebswerk am Standort von der DB gekauft und in die BahnTechnologie Campus Havelland GmbH (BTC) eingebracht.

Auf der circa 34 Hektar großen Fläche des einstigen Rangierbahnhofs Wustermark wurde im Januar 2017 der Startschuss für ein millionenschweres Infrastrukturprojekt gegeben. Der Landkreis Havelland entwickelt mit Unterstützung der HVLE ein Zentrum für Bahngewerbe und moderne Bahntechnologien, gefördert aus Mittel des Bundes und des Landes Brandenburg im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe: "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsinfrastruktur" – GRW-Infrastruktur.

Die Entwicklung eines Bahntechnologie-Campus' im Havelland fußt auf den Handlungssträngen:

  • Logistik
  • Gewerbe
  • Forschung und Praxis
  • Wissenschaft und Bildung

Die mit der Entwicklung beauftragte BTC soll den traditionsreichen Standort des ehemaligen Rangierbahnhofs revitalisieren und Gewerbebetriebe aus dem Sektor Bahn mit Forschung- und Wissenschaftseinrichtungen zusammenbringen.

Unabhängig von der geplanten Verlagerung des gesamten Verwaltungs- und Werkstattstandortes der HVLE von Spandau nach Wustermark, ist bereits der Vertrieb, der technische Vorstand und die rund um die Uhr besetzte Leitstelle in das Verwaltungsgebäude der BTC eingezogen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jörg Schulze, Bernd Neddermeyer: Osthavelländische Kreisbahnen. Havelländische Eisenbahn. Bernd Neddermeyer, Berlin 2012, ISBN 978-3-941712-23-2.
  • Gerd Wolff: Die Privatbahnen in der Bundesrepublik Deutschland. Eisenbahn-Kurier, Freiburg 1984, ISBN 3-88255-650-1, S. 15–17.
  • Bodo Schulz, Michael Krolop: Die Privat- und Werkbahnen in Berlin (West). 1. Auflage. C. Kersting, Niederkassel-Mondorf 1989, ISBN 3-925250-06-9, S. 81–94.
  • Christian Bedeschinski, Bernd Neddermeyer, Jörg Schulze: Vom Rangierbahnhof Wustermark zur Drehscheibe für Schienenverkehr und Bahntechnologie. 1. Auflage. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2018, ISBN 3-941712-68-3, S. 15–142.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Havelländische Eisenbahn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Vgl. Unternehmenszahlen. Abgerufen am 23. Januar 2019.
  2. Siehe Buch „Osthavelländische Kreisbahnen. Havelländische Eisenbahn“
  3. Infrastruktur der HVLE. Abgerufen am 7. Juli 2015.
  4. Anschlussbahnen der HVLE. Abgerufen am 7. Juli 2015.
  5. Eintrag im Registerportal am 17. Dezember 2018
  6. Website des RLC mit technischen Angaben zu den Serviceeinrichtungen. Abgerufen am 2. Januar 2011.
  7. Pressemeldung Allianz pro Schiene vom 1. Juli 2008. Abgerufen am 2. Januar 2011.
  8. Anke Fiebranz: Rangierbahnhof in Elstal ist nun besser angebunden / Firma RLC Wustermark hat erweitert. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Märkische Allgemeine. 22. September 2011, ehemals im Original; abgerufen am 4. Oktober 2011.@1@2Vorlage:Toter Link/www.maerkischeallgemeine.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  9. Vgl. Interview mit Winfried Bauer, Geschäftsführer RLC Wustermark. (PDF) In: Privatbahn Magazin, Heft 6/2011, S. 38f. November 2011, abgerufen am 30. Dezember 2011.