He Jiankui

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Chinesische Personennamen Anmerkung: Bei diesem Artikel wird der Familienname vor den Vornamen der Person gesetzt. Das ist die übliche Reihenfolge im Chinesischen. He ist hier somit der Familienname, Jiankui ist der Vorname.
Jiankui He (2018)

He Jiankui (chinesisch: 贺建奎; geboren 1984) ist ein chinesischer Biophysiker. Er lehrt und forscht an der Fakultät für Biologie der Süd-Universität für Wissenschaft und Technik (chinesisch 南方科技大学, englisch Southern University of Science and Technology of China, SUSTec) in Shenzhen, Volksrepublik China. Er gilt als – so weit öffentlich bekannt – vermutlich erster, der gentechnische Eingriffe in die Keimbahn eines menschlichen Embryos vollzog, und löste damit 2018 eine heftige Debatte aus, die den Eingriff einmütig verurteilte (Chinese Crisp Crisis).

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jiankui He ist der Sohn von Reisbauern in der Provinz Hunan. Er promovierte 2010 bei Michael Deem, Professor für Bioingenieurwesen an der Rice University, an der er seit 2007 als Physik-Student war. Seine Forschung galt damals einer schnellen Vorhersagemethode dafür, welche Grippestämme in die jährlichen Schutzimpfungen einzubeziehen wären. Nach seinem Doktorvater Deem benötigte die Methode nur zwei Wochen statt eines halben Jahres, wie die von der WHO benutzte Methode.[1] Die Veröffentlichung war im Dezember 2010 auf dem Cover von Protein Engineering Design and Selection.[2] He veröffentlichte mit Deem auch in Physical Review Letters über die Anwendung statistischer Methoden aus der Evolutionsbiologie zur Frage, wie die Globalisierung der Weltwirtschaft die Anfälligkeit für Rezessionen erhöht.[3] Eine weitere Arbeit galt einem mathematischen Modell für Vorhersagen zum CRISPR-Mechanismus, wie Bakterien durch natürliche Auslese Immunität gegen Krankheiten erlangen.[4][5] Sein Doktorvater Deem beschrieb ihn als Student von hohem Einfluss (High impact student). Als Post-Doktorand war er bei Stephen Quake an der Stanford University.

Gentechnischer Eingriff in die menschliche Keimbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Versuche zur Veränderung des menschlichen Erbguts an Embryonen durch Genome Editing lösten eine Welle der Empörung aus. Gentherapie mit CRISPR war zwar bei verschiedenen Forschergruppen in Planung (zum Beispiel bei Beta-Thalassämie), ein Eingriff in die Keimbahn, mit der Folge, dass die Genänderungen auch an Nachkommen weitergegeben würden, galt aber allgemein als verfrüht. Dass Jiankui He solche Versuche an Tieren und menschlichen Stammzellen unternahm, war bekannt, noch auf einer Tagung im Cold Spring Harbor im Sommer 2017 hatte er zu vorsichtigem Vorgehen gemahnt, da ein Versagen das ganze Forschungsfeld in Verruf bringen könne.

Im November 2018 behauptete er dann, er habe das Erbgut von durch künstliche Befruchtung gezeugten Zwillingsschwestern mit der CRISPR/Cas-Methode verändert, um sie immun gegen HIV zu machen. Der Vater der gezeugten Kinder war mit HIV infiziert.[6] Genetisch verändert und deaktiviert worden sei das Gen für den Rezeptor CCR5. Dabei habe er nach eigenen Angaben auch auf Off-Target-Änderungen getestet und keine solche gefunden.[7] Auch sei die Immunisierung bei einem der Zwillingsschwestern nur unvollständig erfolgt (Mosaikbildung), so dass einige Zellen künftig mit HIV infiziert werden könnten. Genauer hatte nach den Unterlagen von He das eine Mädchen 15 gelöschte Basenpaare auf einer der beiden Kopien des CCR5 Gens und ein intaktes Gen auf der anderen Kopie, das andere Mädchen vier gelöschte Basenpaare auf einer der beiden Kopien, ein zusätzliches Basenpaar auf der anderen.[8] Die Babys waren zum Zeitpunkt der öffentlichen Ankündigung schon geboren und He gab in einem Youtube-Video bekannt, dass die Mädchen wohlauf seien. Nach He hatte er die Paare gründlich über die Risiken und die Methode des Eingriffs aufgeklärt. He gab außerdem an, dass er noch bei einem weiteren Kind einen solchen Eingriff vorgenommen habe. Insgesamt hatte er sieben Paare ausgewählt, bei denen jeweils nur der Mann HIV-positiv war. Kollegen halten seine Angaben für glaubwürdig, da der Eingriff prinzipiell relativ einfach sei.[9] Es gibt auch natürliche Mutationen des CCR5 Gens (Delta-32-Mutation), die gegen Aids immunisieren, aber von anderer Form sind, bei ihnen fehlen 32 Basenpaare im CCR5-Gen.

Jiankui He überraschte die internationale Forschergemeinde, als er am 28. November 2018 über den Eingriff auf dem Second International Summit on Humane Genome Editing in Hongkong vortrug. Nach eigenen Angaben ging er auf eigene Kosten und ohne Wissen seiner Universität vor, an der er seit Februar freigestellt ist. Die Freiwilligen fand er in einer Aids-Selbsthilfegruppe, hält aber deren Identität geheim (die Decknamen der Zwillinge sind Lulu und Nana). Ein Komitee der Klinik in Shenzhen (Har-MoniCare-Frauen- und Kinderkrankenhaus), an der er den Eingriff vornahm, war allerdings eingeweiht. He bedauerte auf der Konferenz, dass sein Vorgehen vor einer wissenschaftlichen Veröffentlichung (die 2018 schon eingereicht wurde und sich im Begutachtungsstadium befand) bekannt wurde. Den Eingriff selbst hielt He für moralisch vertretbar, da es bisher keinen wirkungsvollen Impfstoff gegen Aids gäbe und Zugang zu wirksamen Medikamenten in China schwierig sei.[10]

Chinesische Behörden bestätigten bis Mitte Januar 2019 zwei Schwangerschaften in Folge von Jiankuis Eingriffen.[11]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chinas nationale Gesundheitsbehörde verurteilte den Eingriff und ordnete eine genaue Untersuchung an mit möglichen Konsequenzen für He. Weitere Arbeiten auf diesem Gebiet wurden He von der Regierung untersagt. Eine Nominierung von He für einen chinesischen nationalen Wissenschaftspreis durch die Chinesische Gesellschaft für Wissenschaft und Technologie (CAST) wurde zurückgenommen. Auch seine Universität verurteilte ihn wegen Verletzung akademischer Ethik und Normen. Nach Ansicht der Mitentdeckerin der CRISPR-Methode Emmanuelle Charpentier wäre eine rote Linie überschritten worden[12] und der Nobelpreisträger David Baltimore bemängelte neben fehlender Transparenz auch die fehlende medizinische Notwendigkeit, da eine HIV-Infektion auf konventionelle Weise verhindert werden könne[13] und die Zwillinge möglicherweise nun gegen andere Viren empfindlicher wären.[14] Insbesondere gibt es den Verdacht, dass ein defektes CCR5 Gen zu schwererem Verlauf von Grippe führt. Baltimore war es auch, der auf der Konferenz in Hongkong unmittelbar nach dem Vortrag von He vortrat und erklärte das Vorgehen von He für unverantwortlich.[15]

Auch sein ehemaliger Doktorvater Deem an der Rice University wurde Gegenstand einer ethischen Untersuchung, als bekannt wurde, dass er von dem Eingriff bei den Zwillingen wusste und auch zugegen war, als die Paare ihre Einwilligung für den Eingriff gaben.[16] Deem hält kleinere Anteile an zwei Firmen, die He gründete, und ist in deren wissenschaftlichem Beraterteam. He gelang es nach seiner Rückkehr aus den USA 35 Millionen Dollar für seine Startups einzusammeln und er gab sogar Umfragen in Auftrag, die öffentliche Zustimmung für sein Vorhaben signalisieren sollten.[17] Seit 2015 hatte He auch 5 Millionen Dollar öffentliche Forschungsgelder erhalten.[18]

Viele chinesische Biotechnologie-Wissenschaftler sahen den Erfolg ihrer aufstrebenden Biotechnikindustrie gefährdet (und insbesondere der vielversprechenden CRISPR Technologie) und wandten sich besonders scharf gegen das Vorpreschen von He und veröffentlichten einen Protestbrief mit 122 Unterschriften, die sein Experiment als verrückt bezeichneten.[19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ulrich Bahnsen: Darf er, was er kann? – Der chinesische Forscher He Jiankui behauptet, genmanipulierte Zwillingsmädchen erschaffen zu haben. In: Die Zeit Nr. 49, 29. November 2018, S 39.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Southern University of Science and Technology of China, Website.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sandee LaMotte: Rice professor under investigation for role in 'world's first gene-edited babies, CNN, 28. November 2018
  2. Deem, He, Low-dimensional clustering detects incipient dominant influenza strain clusters,Protein Engineering Design and Selection, Band 21, Heft 12, 2010, S. 935–946, Abstract
  3. He, Deem, Structure and Response in the World Trade Network, Phys. Rev. Lett., Band 105, 2010, S. 198701, Abstract
  4. He, Deem: Heterogeneous diversity of spacers within CRISPR (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats). In: Phys Rev Lett Band 105, 2010: 128102, Abstract
  5. Mike Williams, New way of predicting dominant seasonal flu strain, Rice University News, 17. November 2010
  6. Lena Stallmach: Der Erschaffer der genveränderten Babys hat sein eigenes Wertesystem, Neue Zürcher Zeitung, 29. November 2018
  7. Nach anderer Darstellung kam es zu mindestens einer Off-Target-Mutation. Der Baby-Bastler, Der Spiegel, Nr. 49, 2018, S. 115
  8. Hat er sie behandelt oder krank gemacht?, SRF, 8. Dezember 2018
  9. Der Baby-Bastler, Der Spiegel, Nr. 49, 2018, S. 115
  10. Sonja Kastilan, Dr. He - oder ob wir Crispr je lieben lernen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2. Dezember 2018, S. 64
  11. "Second woman carrying gene-edited baby, Chinese authorities confirm" The Guardian vom 22. Januar 2019
  12. He Jiankui muss Forschung an Babys beenden, Zeit Online, 29. November 2018
  13. Das Ansteckungsrisiko der Zwillinge bei ihrem HIV-positiven Vater ist verschwindend gering wenn dieser medikamentös gut eingestellt ist
  14. Sonja Kastilan, FAS, 2. Dezember 2018
  15. Johann Grolle, Julia Koch, Thomas Schulz, Bernhard Zand, Der Baby-Bastler, Spiegel, NR. 49, 1. Dezember 2018, S. 114-119, hier S. 119
  16. Sandee LaMotte, CNN, 28. November 2018
  17. Johann Grolle, Julia Koch, Thomas Schulz, Bernhard Zand, Der Baby-Bastler, Spiegel, NR. 49, 1. Dezember 2018, S. 114-119, hier S. 118
  18. Lorena Dreusicke, "Chinas Frankenstein" He Jiankui offenbar verschwunden, SVZ, 5. Dezember 2018
  19. Der Baby-Bastler, Der Spiegel, Nr. 49, 2018, S. 114, 118