Hector Berlioz

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Hector Berlioz
Unterschrift Hector Berlioz’

Louis Hector Berlioz (* 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André, Département Isère; † 8. März 1869 in Paris) war ein französischer Komponist und Musikkritiker.

Leben und Schaffen[Bearbeiten]

Hector Berlioz als Kind
Porträt des jungen Berlioz von Émile Signol, 1832

Studium[Bearbeiten]

Seinem Vater zuliebe, der selber Arzt war, studierte Berlioz erst Medizin und danach Musik( er fing auch noch ein Jurastudium an). Die Musikerlaufbahn hatte Berlioz bereits 1822 vor Augen, aber er glaubte zunächst, sie mit dem Medizinstudium vereinbaren zu können. Nach dem Januar 1824 (Zwischenexamen) gab er das Medizinstudium auf. Als inoffizieller Schüler von Jean-François Lesueur gehörte er seit dem November 1822 der Sphäre der Kompositions-Studenten des Conservatoire de Paris an und wurde von Lesueur seit 1824 als hoffnungsvolles Talent ernstgenommen. Im Jahre 1826 wechselte er definitiv an das Conservatoire, um unter Lesueur und dem böhmischen Komponisten Anton Reicha zu studieren. 1830 erhielt er den Rompreis für die Kantate Sardanapale. Ab 1839 war er Bibliothekar am Conservatoire.

Komponist und Dirigent[Bearbeiten]

Berlioz gilt als wichtiger Vertreter der Musik der Romantik in Frankreich, obwohl er selbst dem Begriff „Romantik“ nichts abgewinnen konnte: Er verstand sich als klassischer Komponist. Er gilt als Begründer der sinfonischen Programmmusik und der modernen Orchesterinstrumentation. Seine für die damalige Zeit revolutionären Kompositionen wurden kaum verstanden und trugen ihm mehr Kritik als Lob ein. Deshalb musste er seinen Lebensunterhalt zusätzlich als Musikkritiker bestreiten. Obwohl seine Werke bis auf Béatrice et Bénédict (1862 in Baden-Baden) ausnahmslos in Paris uraufgeführt wurden, erfuhr er in Frankreich erst lange nach seinem Tod Anerkennung.

Berlioz war jedoch ein großes Vorbild für viele der jungen Romantiker. Entscheidend war sein Einfluss auf Franz Liszt, Richard Strauss und viele russische Komponisten wie Nikolai Rimski-Korsakow. 1868 reiste er eigens nach Rostow, um die verschiedenen Melodien des großen Geläuts, für das die Rostower Glöckner weltberühmt waren, mit eigenen Ohren zu erleben. Berlioz war darüber begeistert, mit dem „erstklassigen“ Orchester des St. Petersburger Konservatoriums musizieren zu können.

Nach seinen eigenen Berichten hat Berlioz als einer der ersten Dirigenten auf die Verwendung eines Metronoms als Hilfsmittel bei Proben bestanden, um das korrekte Tempo seiner Kompositionen halten zu können. Die Aufführung Berlioz’scher Werke bereitete dem Komponisten selbst oft Probleme, da er für manche bis zu tausend Instrumentalisten und Sänger benötigte.

Berlioz unternahm einige Reisen nach Deutschland. Viele deutsche zeitgenössischen Musiktheoretiker hatten Schwierigkeiten, das „französische Phänomen“ Berlioz zu erklären. Franz Brendel, ein deutscher Musikhistoriker und Musikjournalist des 19. Jahrhunderts, konnte Berlioz’ Musik nur deuten, indem er den Franzosen zu einem Deutschen machte: „seine wahre geistige Heimat hat er bei uns zu suchen“.[1]

Das Verhältnis zu Richard Wagner war sehr gespannt. Einerseits schienen sie sich gegenseitig zu respektieren, anderseits kritisierten sie sich öffentlich und in Briefen an andere Komponisten wie Franz Liszt und Robert Schumann. Während Liszt sich diplomatisch verhielt, veröffentlichte Schumann in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ einen Text, in dem Wagner Berlioz „grenzenlos langweilig“ nennt. Auch über die Symphonie fantastique, eines der Hauptwerke von Berlioz, äußerte sich Wagner negativ: „Formschönheit ist nirgendwo anzutreffen.“[2]

Sein Zeitgenosse Charles Hallé meinte über ihn, er sei der perfekteste Dirigent und habe bei seinen Leuten das absolute Kommando. Der Komponist Ferdinand Hiller sagte über ihn, er sei im musikalischen Sonnensystem kein großer oder kleiner Planet - vielmehr etwas unheimlich anzuschauen, ein unvergesslicher, weithin leuchtender Komet. (FAZ 30. Januar 2014)

Letzte Jahre und Tod[Bearbeiten]

Grabmal auf dem Cimetière de Montmartre

In seinen letzten Lebensjahren war Berlioz von Krankheitsanfällen und unerträglichen Schmerzen gezeichnet, die ihn teilweise unfähig machten, auch nur zehn Zeilen am Tag schreiben zu können. „Ich beeile mich“, schrieb er 1862 an Ferrand, „alle Fäden zu zerschneiden, damit ich jederzeit zum Tod sagen kann: Wann du willst.“

Die Reise in den russischen Winter im Jahr 1868 schadete seiner Gesundheit, so dass er genötigt war, nach Paris zurückzukehren. Von dort reiste er weiter nach Nizza, um sich am Mittelmeer zu erholen. Auf dieser Reise erlitt er zwei Schlaganfälle. Nach einer längeren Erholungspause kehrte er nach Paris zurück, wo er jedoch am 8. März 1869 starb.

Als Mitglied des Institut de France wurde er auf dem Friedhof Montmartre beigesetzt. Das ursprüngliche Grabmal ist durch einen monumentalen Grabstein ersetzt worden.[3]

Berlioz’ Instrumentation[Bearbeiten]

Berlioz ist der Verfasser des Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration moderne von 1844, der ersten umfangreichen Instrumentierungskunde. Das Werk erschien 1845 auf Deutsch unter dem Titel Die Moderne Instrumentation und Orchestration. 1904 wurde es von Richard Strauss revidiert und ergänzt und ist in Teilen bis heute gültig. Richard Strauss, der Berlioz sehr bewunderte, sah ursprünglich keinen Bedarf, dieses umfassende Werk zu bearbeiten. Als der Verlag jedoch an ihn herantrat, und er sich mehr und mehr damit auseinandersetzte, stellte er fest, dass seine Aufgabe darin bestand, das Werk zu aktualisieren, damit es weiterhin Bestand habe. Berlioz erläutert anhand von Zitaten aus Orchesterpartituren von Gluck, Mozart, Beethoven sowie aus eigenen Werken alle im modernen Orchester gebräuchlichen Instrumente. Es gibt bis heute nur wenige Veröffentlichungen, die es an Umfang und Genauigkeit mit seinem Werk aufnehmen können, so etwa Samuel Adlers „The Study Of Orchestration“ (1982, engl.) und Yehudi Menuhins „Instrumente des Orchesters“ (CD).

Die von Strauss überarbeitete Version enthält weitere modernere Instrumente, ebenso weitere Partiturbeispiele von Richard Wagner und von eigenen Kompositionen.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Französische Banknote (10 Francs, 1972) mit einem Porträt von Hector Berlioz

Opusverzeichnis[Bearbeiten]

  • Opus 1: Huit Scènes de Faust (später zurückgezogen)
  • Opus 1: Waverley-Ouvertüre
  • Opus 2: Le ballet des ombres (1829)
  • Opus 2b: Irlande: Mélodies irlandaises (9 Melodien) (1829)
  • Opus 3: Les francs-juges (1826/34)
  • Opus 4: Le Roi Lear (1831)
  • Opus 5: Grande messe des morts (Requiem) (1837)
  • Opus 6: Le cinq mai (1831/35)
  • Opus 7: Les nuits d’été (1840/41)
  • Opus 8: Rêverie et Caprice (1841)
  • Opus 9: Le carnaval romain (1843/44)
  • Opus 10: Traité d'instrumentation
  • Opus 11: Sarao la baigneuse (1834)
  • Opus 12: La Captive (1832)
  • Opus 13: Fleurs des landes (1850)/
    • 3: Letons (1835)
  • Opus 14: Symphonie fantastique, épisode de la vie d’un artiste (1830)
  • Opus 14b: Lelio ou Le retour à la vie (1831)
  • Opus 15: Grande Symphonie funèbre et triomphale (1840)
  • Opus 16: Harold en Italie (1834)
  • Opus 17: Roméo et Juliette (1839)
  • Opus 18: Tristia (1849)/
    • 1: Méditation religieuse (1831)
    • 2: La mort d’Ophélie (1842)
  • Opus 19: Feuillets d'album (1850)/
    • 1: Zaide (1845)
    • 2: Les champs (1834)
    • 3: Chant des chemins de fer (1846)
    • 4: Prière du matin (1846)
    • 5: La belle Isabau (1843)
    • 6: Le chasseur danois (1844)
  • Opus 20: Vox populi (1849)/
    • 1: La Menace des Francs (1848)
    • 2: Hymne à la France (1844)
  • Opus 21: Le Corsaire (1844)
  • Opus 22: Te Deum (1848)
  • Opus 23: Benvenuto Cellini (1834/38)
  • Opus 24: La damnation de Faust (1845/46)
  • Opus 25: L’Enfance du Christ, Trilogie sacrée (1850-1854)
    • Le songe d’Hérode (1854)
    • La Fuite en Égypte (1850-1853)
    • L’Arrivée à Sais (1853-1854)
  • Opus 26: L’Impériale (1854)
  • Opus 27: Béatrice et Bénédict (1860-1862)
  • Opus 28: Le Temple universel (1861)
  • Opus 29: Les Troyens ou La prise de Troie, Les Troyens à Carthage (1856-1858)
    • 29a La Prise de Troie,
    • 29b Les Troyens à Carthage

Opern und dramatische Legenden[Bearbeiten]

Orchestermusik[Bearbeiten]

Ouvertüren für Orchester:

  • 1826/1828 Waverly (große Ouvertüre)
  • 1831 Intrada di Rob-Roy MacGregor
  • 1831 Le Roi Lear, op. 4 (große Ouvertüre nach der Tragödie von Shakespeare)
  • 1843/1844 Le carnaval romain, op. 9 (charakteristische Ouvertüre)
  • 1844 Le Corsaire, op. 21

Sinfonien:

  • 1830 Symphonie fantastique, op.14 (Episoden aus dem Leben eines Künstlers in fünf Teilen)
  • 1831 Lélio ou le retour à la vie, op. 14b (Melolog in 6 Teilen; Fortsetzung der Symphonie fantastique und attacca nach dieser zu spielen.)
  • 1834 Harold en Italie, op. 16 (Symphonie in vier Teilen mit konzertanter Viola, basierend auf Lord Byrons Childe Harold’s Pilgrimage)
  • 1839 Roméo et Juliette, op. 17 (dramatische Symphonie mit Soli und Chören)

Werk für sinfonisches Blasorchester:

  • 1840 Grande Symphonie funèbre et triomphale, op. 15: Marche Funèbre – Oraison Funèbre – Apothéose

Kammer-, Klavier-, Harmonium- und Orgelmusik[Bearbeiten]

Kammermusik:

  • 1831 Rêverie et Caprice, op. 8 (Romanze)

Klaviermusik:

  • 1844 Albumleaf (16 mesures)

Harmonium- und Orgelmusik:

  • 1844 Hymne pour l'élévation en ré majeur, pour orgue
  • 1844 Sérénade agreste à la madone sur le thème des pifferari romains en mi bémol majeur, pour orgue
  • 1844Toccata en do majeur, pour orgue
  • 1845 Trois Pièces pour orgue ou harmonium (Hymne pour l’élévation, Sérénade agreste à la madone sur le thème des pifferari romains, Toccata en do majeur)

Geistliche Musik[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration moderne. (1844). Deutsche Übersetzung:
    • Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration moderne - Die Moderne Instrumentation und Orchestration ist eine deutsch/französischsprachige Ausgabe. Im Deckblatt ist sie Friedrich Wilhelm IV. gewidmet. Publisher Chez Ad Mt Schlesinger (1845)
    • Instrumentationslehre, ergänzt und revidiert von Richard Strauss. Edition Peters Leipzig 1904 und Frankfurt am Main 1955
  • Voyage musical en Allemagne et Italie. (1844)
  • Les soirées de l’orchestre. (1853). Deutsche Übersetzung: Breitkopf & Härtel, 1909
  • Les grotesques de la musique. (1859). Deutsche Übersetzung: Breitkopf & Härtel, 1906
  • A travers chants. (1862). Deutsche Übersetzung: Breitkopf & Härtel, 1912
  • Memoiren (1870). Neu übersetzt von Dagmar Kreher, hg. und kommentiert von Frank Heidlberger. Kassel: Bärenreiter 2007. ISBN 978-3-7618-1825-1
  • Memoiren (1870). Übersetzt von Hans Scholz, hg. und kommentiert von Gunther Braam. Göttingen: Hainholz 2007. ISBN 978-3-932622-90-8

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Heinrich Kohrs: Hector Berlioz. Autobiographie als Kunstentwurf. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt a.M./Basel 2003, ISBN 3-87877-872-4.
  • Klaus Heinrich Kohrs: Hector Berlioz’ “Les Troyens”. Ein Dialog mit Vergil. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt a.M./Basel 2011, ISBN 978-3-86600-083-4.
  • La Mara: Briefe Von Hector Berlioz an Die Furstin Carolyne Sayn-Wittgenstein (1903). Kessinger Pub Co, 2010, ISBN 978-1-160-04972-6.
  • Stephen Rodgers: Form, Program, and Metaphor in the Music of Berlioz. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-88404-4.
  • Gunther Braam / Arnold Jacobshagen (Hrsg.): Hector Berlioz in Deutschland. Texte und Dokumente zur deutschen Berlioz-Rezeption (1829-1843). Hainholz, Göttingen 2002, ISBN 3-932622-42-1.
  • Frank Heidlberger (Kommentator, Redakteur, Herausgeber), Dagmar Kreher (Übersetzer): Hector Berlioz Schriften: Bekenntnisse eines Enthusiasten. Metzler-Verlag, 2002, ISBN 978-3-476-01932-5.
  • Jean Poueigh: Zur 100jährigen Wiederkehr der Schöpfung von „Fausts Verdammnis“ in: „Lancelot. Der Bote aus Frankreich“ Heft 8, Georg Lingenbrink, Rastatt 1947. S. 105f.
  • Wulf Konold (Hrsg.): Lexikon Orchestermusik Romantik
  • dtv-Atlas zur Musik. Band 2, S. 497.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hector Berlioz – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Franz Brendel: Geschichte der Musik in Italien, Deutschland und Frankreich. 6. Auflage. Leipzig 1878. S. 503.
  2. J. Kapp: Das Dreigestirn, Berlin 1919, S. 62f, zitiert nach Wolfgang Dömling: Berlioz 4. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Hamburg 1993. S. 120-125.
  3. Wolfgang Dömling: Berlioz 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 133-137.