Hector Berlioz

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Hector Berlioz, Photographie zu Beginn der 1860er Jahre
Unterschrift Hector Berlioz’

Louis Hector Berlioz (* 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André, Département Isère; † 8. März 1869 in Paris) war ein französischer Komponist und Musikkritiker.

Leben und Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hector Berlioz wurde am 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André als Sohn von Marie-Anoinette-Joséphine Berlioz, geb. Marmion, und des Arztes Louis-Joseph Berlioz geboren. In seinen Lebenserinnerungen, den Mémoires, beschrieb Berlioz seinen Vater später als umfassend gebildet, von kritischem Geist und trotz aller Strenge großzügig und tolerant, seine Mutter hingegen, eine strenggläubige Christin, als bigott. Berlioz hatte zwei Schwestern, Marguerite-Anne-Louise Berlioz (1806–1850) und Adèle Berlioz (1814–1860); drei weitere Geschwister verstarben im frühen Kindesalter. Ersten Unterricht in Sprachen, Literatur, Geschichte und Geographie erhielt Berlioz im Kindesalter von seinem Vater. Die Bibliothek des Vaters, deren Bücher der junge Berlioz mit großem Interesse las, prägte die lebenslange Leidenschaft des Komponisten für die Lektüre von Büchern.

In Meylan bei Grenoble, dem Heimatdorf des Großvaters, erlebte der zwölfjährige Berlioz während des alljährlichen Spätsommerurlaubs mit seiner Mutter und den Schwestern seine erste – unerwiderte – Romanze, als er der 18-jährigen Estelle Dumont begegnete.

Als Berlioz im Alter von zehn Jahren erstes musikalisches Interesse zeigte, brachte sein Vater ihm das Notenlesen und den ersten Umgang mit der Querflöte bei; ein Geiger aus dem Stadttheater von Lyon gab ihm Stunden in Gesang und Flöte. Erste Kompositionsversuche unternahm Berlioz im Jahr 1816 u. a. in Form von zwei Quintetten nach dem autodidaktischen Studium eines Harmonielehrbuches. Seinen Sohn für einen eventuellen Musikerberuf vorzubereiten, beabsichtigte Berlioz’ Vater jedoch nicht. Um die Begeisterung seines Sohnes für die Musik nicht allzu sehr zu fördern, verweigerte Vater Berlioz ihm den Unterricht am Klavier. In seinen Mémoires beschrieb Berlioz diesen Umstand allerdings als Vorteil, da er seine Imagination förderte und es ihm ermöglichte, ohne Umweg über das Klavier für das Orchester zu komponieren.[1]

Studium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seinem Vater zuliebe studierte Berlioz zunächst Medizin in Paris. In Paris kam Berlioz mit Opern von Antonio Salieri und Christoph Willibald Gluck in Berührung und zweifelte immer mehr an seinem Medizinstudium. Kurzfristig versuchte er sich an einem Jurastudium, wandte sich aber im Jahr 1823 endgültig der Musik zu, als er inoffizieller Schüler von Jean-François Lesueur wurde, der am Conservatoire de Paris lehrte. Louis Berlioz stand einer Musikerlaufbahn seines Sohnes auf Grund der unsicheren Karriereperspektiven zunehmend kritisch gegenüber. Die Entscheidung für das Musikstudium stieß auf den Widerstand von Berlioz’ Eltern, der sein Verhältnis zu ihnen die nächsten Jahre über prägen sollte.

Shakespeare-Darstellerin Harriet Smithson, Berlioz’ erste Ehefrau

Am Conservatoire, das er ab 1826 besuchte, wurden Luigi Cherubini und Anton Reicha seine Lehrer, die nach Berlioz’ Ansicht zu akademisch (Cherubini)[2] und zu sehr der Tradition verhaftet (Reicha)[3] waren. Den fehlenden Unterricht in Instrumentierung glich Berlioz durch Partiturenstudium während des Besuches von Opernaufführungen aus. Von seinen Kompositionsprojekten dieser Zeit wurde die Aufführung der 1824 komponierten und umgearbeiteten Messe solennelle im Juli 1825 ein erster Erfolg.

Während seines Studiums am Conservatoire wurde Berlioz von der Musik von Gluck, Lesueur, Gaspare Spontini, Ludwig van Beethoven und Carl Maria von Weber geprägt und zeigte sich Berlioz von Webers Freischütz beeindruckt. Eine Abneigung entwickelte er jedoch u. a. für François-Adrien Boieldieu und Gioachino Rossini wegen deren allzu gefälliger Eingängigkeit. Zu einem prägenden Erlebnis für Berlioz wurde die Begegnung mit der Musik Beethovens im Konzertsaal, so der dritten, der fünften und der sechsten Sinfonie, dem Violinkonzert, einigen Ouvertüren, dem Oratorium Christus am Ölberge und der Oper Fidelio. Als Berlioz in seinen Kompositionsversuchen erste Einflüsse Beethovens übernahm, beendete er den Unterricht bei Lesueur.

Seinen Lebensunterhalt bestritt der Komponist, der die Instrumente Flageolett, Flöte und Gitarre beherrschte,[4] neben unregelmäßigen Unterstützungen seines Vaters, mit Musikunterricht in Gesang, Flöte und Gitarre.[5] Um finanziell unabhängig zu werden, bewarb er sich in der Folgezeit immer wieder um den Prix de Rome. Nach erfolglosen Versuchen in den Jahren 1826, 1827 und 1829 gewann Berlioz 1828 mit der dramatischen Kantate Herminie, der Vertonung einer Episode aus Torquato Tassos La Gerusalemme liberata, den zweiten Preis, im Jahr 1830 den ersten Preis mit seiner Kantate La Mort de Sardanapale. Mit dem Gewinn des Prix de Rome war ein fünfjähriges Stipendium mit zwei Jahren Aufenthalt in Rom und einem Jahr Aufenthalt in Deutschland verbunden.

In einem letzten Konzert vor der Abreise nach Rom führte Berlioz am 5. Dezember 1830 die Symphonie fantastique auf. In einer Hamlet-Aufführung hatte sich Berlioz leidenschaftlich in die Hauptdarstellerin Harriet Smithson verliebt. Unter diesem Eindruck komponierte er die Symphonie fantastique, die sofort ein großer Erfolg wurde. Spontini, Giacomo Meyerbeer und Franz Liszt zeigten sich beeindruckt von dem Werk.

Rom-Aufenthalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Porträt des jungen Berlioz von Émile Signol, 1832, wenige Jahre nach der Arbeit an der Symphonie fantastique

Im Februar 1831 trat Berlioz, der sich kurz zuvor mit Marie Moke verlobt hatte, widerwillig seine Reise nach Rom an und traf im März in der italienischen Hauptstadt ein. Nach längerem Warten auf einen Brief von Marie erfuhr Berlioz von deren Mutter, dass Marie Moke sich zwischenzeitlich mit Joseph Étienne Camille Pleyel, den Sohn von Ignaz Josef Pleyel, verlobt hatte, und wollte verkleidet und mit Doppelpistolen bewaffnet nach Paris zurückkehren, gab seine Pläne aber unterwegs auf. Zu seiner Erleichterung wurde er wieder an der Akademie in Rom aufgenommen.

In Rom machte Berlioz die Bekanntschaft von Felix Mendelssohn Bartholdy. Berlioz’ Bewunderung für Mendelssohn wurde von diesem jedoch nicht erwidert. Berlioz unternahm – teils mit Mendelssohn, teils alleine – zahlreiche Wanderungen in der Umgebung Roms, von der er sich sehr beeindruckt zeigte.

Musikalisch empfand er seinen Italienaufenthalt jedoch als wenig ergiebig; als Leistungsnachweis schickte er das bereits sechs Jahre zuvor komponierte Resurrexit aus seiner Messe solennelle nach Paris. Es entging ihm nicht, dass „die Herren einen sehr beachtlichen Fortschritt fanden, einen spürbaren Beweis für den Einfluß meines Aufenthaltes in Rom auf meine Ideen und die vollständige Aufgabe meiner wunderlichen musikalischen Tendenzen“.[6]

In Italien komponierte Berlioz u. a. Le roi Lear und überarbeitete die Symphonie fantastique. Nach 14 Monaten Italienaufenthalt trat Berlioz im Mai 1832 die Rückreise an und bereitete während eines mehrmonatigen Aufenthaltes in La Côte Lélio, die Fortsetzung der Symphonie fantastique für eine Aufführung vor.

Das erste Konzert nach seiner Rückkehr, dem auch Harriet Smithson beiwohnte, fand am 9. Dezember 1832 in Paris mit der Symphonie fantastique und Lélio statt. Einen Tag später machte Berlioz der überraschten Smithson einen Heiratsantrag; im Oktober 1833 fand in der britischen Botschaft die Hochzeit zwischen dem Komponisten und der inzwischen bankrotten Schauspielerin statt. Im Jahr 1834 kam Sohn Louis zur Welt.

Erste Erfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berlioz und Paganini, zeitgenössischer Kupferstich

Nach einer Aufführung der Symphonie fantastique im Dezember 1833 lernte Berlioz Niccolò Paganini kennen, der ihm den Kompositionsauftrag für Harold en Italie gab. Nachdem Paganini das Werk erst 1838 hören konnte, erhielt Berlioz von dem italienischen Geiger 20.000 Francs und einen anerkennenden Brief.

Nun war es Berlioz möglich, sich unabhängig von einem Brotberuf dem Komponieren zu widmen. Konzentriert arbeitete er sieben Monate lang an seiner Sinfonie Roméo et Juliette, deren Aufführung im November 1839 ein großer Erfolg wurde. Die französische Regierung beauftragte Berlioz 1837 mit der Komposition der Grande messe des morts (zum Todestag von Marschall Édouard Mortier) und 1840 mit der Komposition der Grande symphonie funèbre et triomphale (anlässlich der Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Julirevolution von 1830).

Ende der 1830er Jahre wuchs Berlioz’ Ruhm auch außerhalb Frankreichs, so auch beispielsweise in Deutschland, wo sich Robert Schumann in seiner Neuen Zeitschrift für Musik wiederholt für ihn einsetzte.

Krisen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kein Glück hatte Berlioz mit seinem Ansinnen, eine Oper an der Pariser Opéra aufzuführen. Seine Ouvertüre zu Les francs-juges wurde abgelehnt, eine geplante Oper Hamlet kam nicht zustande. Auf Umwegen konnte Berlioz am 10. September 1838 Benvenuto Cellini aufführen. Die Reaktionen fielen gemischt aus; die Oper wurde nach sieben Aufführungen abgesetzt.

Berlioz lebte ohne feste Anstellung. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Verfasser von Musikkritiken (u. a. ab 1835 beim Journal des Débats) und beklagte, dass ihm dadurch keine Zeit für das finanziell ergiebigere Komponieren bliebe.[7] 1836 und 1837 scheiterten Anstellungen in den staatlichen Aufsichtsorganen der Musikerziehung sowie am Conservatoire als Professor für Harmonielehre. Erst 1839 bekam er am Conservatoire die schlecht bezahlte Stelle eines Bibliothekars.

Gleichzeitig entwickelte sich eine Ehekrise. Seine Frau Harriet verzweifelte an ihrem Karriereende als Schauspielerin; Berlioz wandte sich anderen Frauen zu und begann eine Affäre mit Marie Recio. Im Jahr 1844 erfolgte die endgültige Trennung von seiner Ehefrau.

Konzertreisen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den folgenden Jahrzehnten unternahm Berlioz zahlreiche Konzertreisen nach Deutschland, Österreich, Russland, London, Prag und Budapest. In Deutschland intensivierte er seine Freundschaft mit Mendelssohn-Bartholdy und traf Robert Schumann, Richard Wagner und Giacomo Meyerbeer.

Im Winter 1845/46 begann Berlioz während einer Reise durch Österreich, Ungarn, Böhmen und Schlesien mit La damnation de Faust. Im Jahr 1853 bekam er den Auftrag zu Béatrice et Bénédict für das neue Theater in Baden-Baden; 1856 entwickelte er in Weimar die Idee zu einer großen Vergil-Oper, seiner Oper Les Troyens.

Nach seinen zwei Konzertreisen nach Deutschland in den Jahren 1842 und 1843 äußerte Berlioz sich enttäuscht von der im Vergleich zu Deutschland verdrießlichen Stimmung in Paris.[8][9] Hinzu kam, dass seine Musik durch ihre Fortschrittlichkeit vom Pariser Publikum nicht immer verstanden wurde.

Letzte Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Letzte Fotografie von Berlioz, 1868

Unter dem Eindruck des Todes seines Vaters im Jahr 1848 besuchte Berlioz Meylan. Es folgte eine Periode menschlicher Vereinsamung durch den Tod seiner Schwester Marguéritte-Anne-Louise 1850, von Harriet Smithson 1854 und seiner Schwester Adèle 1860 sowie von Freunden und Kollegen wie Frédéric Chopin 1849, Honoré de Balzac 1850 und Spontini 1851.

In das Jahr 1854 fällt die Beendigung der Mémoires, die ab 1864 gedruckt wurden. Berlioz bestimmte, dass die Mémoires nach seinem Tod veröffentlicht werden sollten (dies geschah 1870), verteilte aber bereits Vorabexemplare an enge Freunde.

Nach dem Tod seiner Frau Harriet heiratete Berlioz im Oktober 1854 Marie Recio.

Nach Marie Recios Tod im Jahr 1862 begann Berlioz im Jahr 1864, nach seiner Jugendliebe Estelle Dumont, verh. Fournier, zu forschen, und beteuerte in zahlreichen Briefen, sie sein ganzes Leben lang geliebt zu haben. Von der folgenden Korrespondenz zwischen 1864 und 1868 sind 40 Briefe von Berlioz und drei Briefe von Estelle Fournier erhalten; die restlichen Briefe von Estelle hat Berlioz auf ihren Wunsch hin verbrannt.

Im Jahr 1867 starb sein Sohn Louis im Alter von 33 Jahren in Havanna als Kapitän eines Schiffes im Konvoi von Napoleon III. an Gelbfieber.

Krankheiten und Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grabmal auf dem Cimetière de Montmartre

In seinen letzten Lebensjahren war Berlioz von Krankheitsanfällen und unerträglichen Schmerzen gezeichnet, die ihn teilweise unfähig machten, auch nur zehn Zeilen am Tag schreiben zu können. „Ich beeile mich“, schrieb er 1862 an Ferrand, „alle Fäden zu zerschneiden, damit ich jederzeit zum Tod sagen kann: Wann du willst.“[10]

Die Reise in den russischen Winter im Jahr 1868 schadete seiner Gesundheit, so dass er genötigt war, nach Paris zurückzukehren. Von dort reiste er weiter nach Nizza, um sich am Mittelmeer zu erholen. Auf dieser Reise erlitt er zwei Schlaganfälle. Nach einer längeren Erholungspause kehrte er nach Paris zurück, wo er jedoch am 8. März 1869 starb.

Als Mitglied des Institut de France wurde er auf dem Friedhof Montmartre – neben seinen beiden Ehefrauen – beigesetzt. Das ursprüngliche Grabmal ist durch einen monumentalen Grabstein ersetzt worden.[11]

Ihm zu Ehren benannte das UK Antarctic Place-Names Committee 1961 den Berlioz Point, eine Landspitze im Süden der antarktischen Alexander-I.-Insel. In seinem Geburtshaus wurde 1935 ein Berlioz-Museum eingerichtet.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Komponist und Dirigent[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berlioz gilt als wichtiger Vertreter der Musik der Romantik in Frankreich, obwohl er selbst dem Begriff „Romantik“ nichts abgewinnen konnte: Er verstand sich als klassischer Komponist. Er gilt als Begründer der sinfonischen Programmmusik und der modernen Orchesterinstrumentation. Seine für die damalige Zeit revolutionären Kompositionen wurden kaum verstanden und trugen ihm mehr Kritik als Lob ein. Deshalb musste er seinen Lebensunterhalt zusätzlich als Musikkritiker bestreiten. Obwohl seine Werke bis auf Béatrice et Bénédict (1862 in Baden-Baden) ausnahmslos in Paris uraufgeführt wurden, erfuhr er in Frankreich erst lange nach seinem Tod Anerkennung.

Berlioz war jedoch ein großes Vorbild für viele der jungen Romantiker. Entscheidend war sein Einfluss auf Franz Liszt, Richard Strauss und viele russische Komponisten wie Nikolai Rimski-Korsakow. 1868 reiste er eigens nach Rostow, um die verschiedenen Melodien des großen Geläuts, für das die Rostower Glöckner weltberühmt waren, mit eigenen Ohren zu erleben. Berlioz war darüber begeistert, mit dem „erstklassigen“ Orchester des St. Petersburger Konservatoriums musizieren zu können.

Nach seinen eigenen Berichten hat Berlioz als einer der ersten Dirigenten auf die Verwendung eines Metronoms als Hilfsmittel bei Proben bestanden, um das korrekte Tempo seiner Kompositionen halten zu können. Die Aufführung Berlioz’scher Werke bereitete dem Komponisten selbst oft Probleme, da er für manche bis zu tausend Instrumentalisten und Sänger benötigte.

Berlioz unternahm einige Reisen nach Deutschland. In Berlin – er besuchte die Stadt mehrfach, unter anderem 1843 und 1847 – war Berlioz von der reichen musikalischen Landschaft beeindruckt. Viele deutsche zeitgenössischen Musiktheoretiker hatten Schwierigkeiten, das „französische Phänomen“ Berlioz zu erklären. Franz Brendel, ein deutscher Musikhistoriker und Musikjournalist des 19. Jahrhunderts, konnte Berlioz’ Musik nur deuten, indem er den Franzosen zu einem Deutschen machte: „seine wahre geistige Heimat hat er bei uns zu suchen“.[12]

Das Verhältnis zu Richard Wagner war sehr gespannt. Einerseits schienen sie sich gegenseitig zu respektieren, anderseits kritisierten sie sich öffentlich und in Briefen an andere Komponisten wie Franz Liszt und Robert Schumann. Während Liszt sich diplomatisch verhielt, veröffentlichte Schumann in der Neuen Zeitschrift für Musik einen Text, in dem Wagner Berlioz „grenzenlos langweilig“ nennt. Auch über die Symphonie fantastique, eines der Hauptwerke von Berlioz, äußerte sich Wagner negativ: „Formschönheit ist nirgendwo anzutreffen.“[13]

Sein Zeitgenosse Charles Hallé meinte über ihn, er sei der perfekteste Dirigent und habe bei seinen Leuten das absolute Kommando. Der Komponist Ferdinand Hiller sagte über ihn, er sei im musikalischen Sonnensystem kein großer oder kleiner Planet – vielmehr etwas unheimlich anzuschauen, ein unvergesslicher, weithin leuchtender Komet.[14]

Berlioz’ Instrumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berlioz ist der Verfasser des Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration moderne von 1844, der ersten umfangreichen Instrumentierungskunde. Das Werk erschien 1845 auf Deutsch unter dem Titel Die Moderne Instrumentation und Orchestration. 1904 wurde es von Richard Strauss revidiert und ergänzt und ist in Teilen bis heute gültig. Richard Strauss, der Berlioz sehr bewunderte, sah ursprünglich keinen Bedarf, dieses umfassende Werk zu bearbeiten. Als der Verlag jedoch an ihn herantrat, und er sich mehr und mehr damit auseinandersetzte, stellte er fest, dass seine Aufgabe darin bestand, das Werk zu aktualisieren, damit es weiterhin Bestand habe. Berlioz erläutert anhand von Zitaten aus Orchesterpartituren von Gluck, Mozart, Beethoven sowie aus eigenen Werken alle im modernen Orchester gebräuchlichen Instrumente, darunter auch die Gitarre.[15] Es gibt bis heute nur wenige Veröffentlichungen, die es an Umfang und Genauigkeit mit seinem Werk aufnehmen können, so etwa Samuel Adlers The Study Of Orchestration (1982, englisch) und Yehudi Menuhins Instrumente des Orchesters (CD).

Die von Strauss überarbeitete Version enthält weitere modernere Instrumente, ebenso weitere Partiturbeispiele von Richard Wagner und von eigenen Kompositionen.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Französische Banknote (10 Francs, 1972) mit einem Porträt von Hector Berlioz
Porträtbüste von Bernhard Horn beim Festspielhaus Baden-Baden

Opusverzeichnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Opus 1: Huit scènes de Faust (später zurückgezogen)
  • Opus 1: Waverley-Ouvertüre
  • Opus 2: Le ballet des ombres (1829).
  • Opus 2b: Irlande: Mélodies irlandaises (9 Melodien; 1829)
  • Opus 3: Les francs-juges (1826/1834)
  • Opus 4: Le roi Lear (1831).
  • Opus 5: Grande messe des morts. (Requiem; 1837)
  • Opus 6: Le cinq mai (1831/35)
  • Opus 7: Les nuits d’été (1840–1841)
  • Opus 8: Rêverie et Caprice (1841).
  • Opus 9: Le carnaval romain (1843–1844)
  • Opus 10: Grand traité d’instrumentation et d’orchestration modernes (Die moderne Instrumentation und Orchestration; 1843–1844)
  • Opus 11: Sarao la baigneuse (1834).
  • Opus 12: La captive (1832).
  • Opus 13: Fleurs des landes (1850).
    • 3: Letons (1835).
  • Opus 14: Symphonie fantastique, épisode de la vie d’un artiste (1830)
  • Opus 14b: Lelio ou Le retour à la vie (1831).
  • Opus 15: Grande symphonie funèbre et triomphale (1840).
  • Opus 16: Harold en Italie (1834).
  • Opus 17: Roméo et Juliette (1839).
  • Opus 18: Tristia (1849).
    • 1: Méditation religieuse (1831).
    • 2: La mort d’Ophélie (1842).
  • Opus 19: Feuillets d’album (1850).
    • 1: Zaide (1845).
    • 2: Les champs (1834).
    • 3: Chant des chemins de fer (1846).
    • 4: Prière du matin (1846).
    • 5: La belle Isabau (1843).
    • 6: Le chasseur danois (1844).
  • Opus 20: Vox populi (1849).
    • 1: La menace des Francs (1848).
    • 2: Hymne à la France (1844).
  • Opus 21: Le Corsaire (1844).
  • Opus 22: Te Deum. (1848)
  • Opus 23: Benvenuto Cellini. (1834/1838)
  • Opus 24: La damnation de Faust. (1845/46)
  • Opus 25: L’enfance du Christ. Trilogie sacrée (1850–1854)
    • Le songe d’Hérode (1854).
    • La fuite en Égypte (1850–1853)
    • L’arrivée à Sais (1853–1854)
  • Opus 26: L’Impériale (1854).
  • Opus 27: Béatrice et Bénédict (1860–1862)
  • Opus 28: Le temple universel (1861).
  • Opus 29: Les Troyens ou La prise de Troie, Les Troyens à Carthage (1856–1858)
    • 29a La prise de Troie
    • 29b Les Troyens à Carthage

Opern und dramatische Legenden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1826/1834: Les francs juges, op. 3 (Oper in drei Akten; größtenteils verlorengegangen)
  • 1829: La mort de Cléopâtre, Scène lyrique, nach einer Dichtung von M. Vieillard
  • 1834/1838: Benvenuto Cellini. op. 23 (Oper in drei Akten)
  • 1846: La damnation de Faust. op. 24 (dramatische Legende in vier Akten)
  • 1856–1858: Les Troyens. op. 29 (Oper in fünf Akten)
  • 1860–1862: Béatrice et Bénédict. op. 27 (Komische Oper in zwei Akten)

Orchestermusik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ouvertüren für Orchester:

  • 1826/1828: Waverly (große Ouvertüre)
  • 1831: Intrada di Rob-Roy MacGregor
  • 1831: Le roi Lear, op. 4 (große Ouvertüre nach der Tragödie von Shakespeare)
  • 1843–1844: Le carnaval romain, op. 9 (charakteristische Ouvertüre)
  • 1844: Le Corsaire, op. 21

Sinfonien:

  • 1830: Symphonie fantastique. op. 14 (Episoden aus dem Leben eines Künstlers in fünf Teilen)
  • 1831: Lélio ou le retour à la vie, op. 14b (Melolog in 6 Teilen; Fortsetzung der Symphonie fantastique und attacca nach dieser zu spielen.)
  • 1834: Harold en Italie, op. 16 (Symphonie in vier Teilen mit konzertanter Viola, basierend auf Lord Byrons Childe Harold’s Pilgrimage)
  • 1839: Roméo et Juliette, op. 17 (dramatische Symphonie mit Soli und Chören)

Werk für sinfonisches Blasorchester:

  • 1840: Grande Symphonie funèbre et triomphale, op. 15: Marche Funèbre – Oraison Funèbre – Apothéose

Kammer-, Klavier-, Harmonium- und Orgelmusik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kammermusik:

  • 1831: Rêverie et Caprice, op. 8 (Romanze)

Klaviermusik:

  • 1844: Albumleaf (16 Takte)

Harmonium- und Orgelmusik:

  • 1844: Hymne pour l’élévation en ré majeur, pour orgue
  • 1844: Sérénade agreste à la madone sur le thème des pifferari romains en mi bémol majeur, pour orgue
  • 1844: Toccata en do majeur, pour orgue
    • 1845: gemeinsam als Trois pièces pour orgue ou harmonium herausgegeben

Geistliche Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Grand traité d’instrumentation et d’orchestration modernes. Œuvre 10me. Schonenberger, Paris [1843–1844] („Dédié à Sa Majesté Frédéric Guillaume IV, Roi de Prusse“).
    • Die moderne Instrumentation und Orchestration. Aus dem Franzosischen übertragen von J[ohann] C[hristoph] Grünbaum, A. M. Schlesinger, Berlin [1843 oder 1844] (zweisprachige Ausgabe in Französisch und Deutsch; „Seiner Majestät dem König von Preußen Friedrich Wilhelm IV. in tiefster Ehrfurcht gewidmet“).
    • Instrumentationslehre. Ergänzt und revidiert von Richard Strauss. Zwei Bände. Edition Peters, Leipzig 1904–1905, erneut ebd. 1955 und Frankfurt am Main 1986.
  • Voyage musical en Allemagne et Italie. Études sur Beethoven, Gluck et Weber. Mélanges et nouvelles. Jules Labitte, Paris 1844.
  • Les soirées de l’orchestre. Michel Lévy frères, Paris 1852 (deutsche Übersetzung: Abendunterhaltungen im Orchester. Aus dem Französischen von Elly Ellès, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1909).
  • Les grotesques de la musique. Librairie nouvelle, Paris 1859 (deutsche Übersetzung: Groteske Musikantengeschichten. Aus dem Französischen von Elly Ellès, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1906).
  • À travers chants. Études musicales, adorations, boutades et critiques. Michel Lévy frères, Paris 1862 (deutsche Übersetzung: Musikalische Streifzüge. Studien, Vergötterungen, Ausfälle und Kritiken. Aus dem Französischen von Elly Ellès, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1912).
  • Mémoires […] de 1803 à 1865 et ses voyages en Italie, Allemagne, Russie et Angleterre écrits par lui-même. Vallée, Paris 1865; später als: Mémoires de Hector Berlioz, […] comprenant ses voyages en Italie, en Allemagne, en Russie et en Angleterre. 1803–1865. Michel Lévy frères, Paris 1870. Deutsche Übersetzungen:
    • Memoiren, mit der Beschreibung seiner Reisen in Italien, Deutschland, Rußland und England. 1803–1865. Aus dem Französischen von Elly Ellès. Zwei Bände. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1903–1905 (erneut: Reclam, Leipzig 1967; Heinrichshofen, Wilhelmshaven 1979; Athenäum, Königstein im Taunus 1985).
    • Memoiren. Neu übersetzt von Dagmar Kreher, hg. und kommentiert von Frank Heidlberger. Bärenreiter, Kassel 2007, ISBN 978-3-7618-1825-1.
    • Memoiren. Übersetzt von Hans Scholz, hg. und kommentiert von Gunther Braam. Hainholz, Göttingen 2007, ISBN 978-3-932622-90-8.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Dömling: Berlioz. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993.
  • Klaus Heinrich Kohrs: Hector Berlioz. Autobiographie als Kunstentwurf. Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main/ Basel 2003, ISBN 3-87877-872-4.
  • Klaus Heinrich Kohrs: Hector Berlioz’ “Les Troyens”. Ein Dialog mit Vergil. Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main/ Basel 2011, ISBN 978-3-86600-083-4.
  • Klaus Heinrich Kohrs: Und alles wandelt sich ins Gegenteil. Hector Berlioz’ kontrafaktische Szenen. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main, 2014, ISBN 978-3-86600-193-0.
  • La Mara: Briefe Von Hector Berlioz an Die Furstin Carolyne Sayn-Wittgenstein (1903). Kessinger Pub, 2010, ISBN 978-1-160-04972-6.
  • Stephen Rodgers: Form, Program, and Metaphor in the Music of Berlioz. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-88404-4.
  • Gunther Braam, Arnold Jacobshagen (Hrsg.): Hector Berlioz in Deutschland. Texte und Dokumente zur deutschen Berlioz-Rezeption (1829–1843). Hainholz, Göttingen 2002, ISBN 3-932622-42-1.
  • Frank Heidlberger (Kommentator, Redakteur, Herausgeber), Dagmar Kreher (Übersetzer): Hector Berlioz Schriften: Bekenntnisse eines Enthusiasten. Metzler-Verlag, 2002, ISBN 3-476-01932-2.
  • Jean Poueigh: Zur 100jährigen Wiederkehr der Schöpfung von „Fausts Verdammnis“. In: Lancelot. Der Bote aus Frankreich. Heft 8, Georg Lingenbrink, Rastatt 1947, S. 105f.
  • Wulf Konold (Hrsg.): Lexikon Orchestermusik Romantik.
  • dtv-Atlas zur Musik. Band 2, S. 497.
  • Dieter Götze: Berühmte Ausländer in Berlin: Hector Berlioz. In: Berlinische Monatsschrift. Heft 4, erschienen in der Edition Luisenstadt, Berlin April 2001, S. 92f.
  • Ferdinand Hiller: Künstlerleben. DuMont-Schauberg, Köln 1880, S. [63]–143 Digitalisat
  • Christian Berger und Dirk-Matthias Altenmüller, „War Hector Berlioz epilepsiekrank? Ein Zwischenbericht“, in: Berlioz, Wagner und die Deutschen, hg. von Sieghart Döhring, Arnold Jacobshagen und Gunther Braam, Köln 2003, S. 53-58.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hector Berlioz – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hector Berlioz: »Mémoires«, Hg. von P. Citron, 2 Bände, Paris 1969, S. 56.
  2. Hector Berlioz: »Mémoires«, Hg. von P. Citron, 2 Bände, Paris 1969, S. 146.
  3. Hector Berlioz: »Mémoires«, Hg. von P. Citron, 2 Bände, Paris 1969, S. 98.
  4. Wolf Moser: Die Gitarre im Leben eines romantischen Komponisten. In: Gitarre & Laute. 2, 1980, 4, S. 26 und 28
  5. Matthias Henke, Michael Stegmann: Hector Berlioz – frühe Manuskripte mit Gitarrenmusik. In: Gitarre & Laute. Band 2, Heft 6, 1980, S. 46.
  6. Hector Berlioz: »Mémoires«, Hg. von P. Citron, 2 Bände, Paris 1969, S. 250.
  7. Hector Berlioz: Correspondance générale. hg. von P. Citron, Paris 1972f., S. 244.
  8. Hector Berlioz: »Mémoires«, Hg. von P. Citron, 2 Bände, Paris 1969, S. 184.
  9. Hector Berlioz: »Mémoires«, Hg. von P. Citron, 2 Bände, Paris 1969, S. 51.
  10. Hector Berlioz: Lettres intimes. Paris 1882, S. 238.
  11. Wolfgang Dömling: Berlioz. 4. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 133–137.
  12. Franz Brendel: Geschichte der Musik in Italien, Deutschland und Frankreich. 6. Auflage. Leipzig 1878, S. 503.
  13. J. Kapp: Das Dreigestirn. Berlin 1919, S. 62f, zitiert nach Wolfgang Dömling: Berlioz. 4. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Hamburg 1993, S. 120–125.
  14. Vgl. Ferdinand Hiller: Künstlerleben. DuMont-Schauberg, Köln 1880, S. 143.
  15. Wolf Moser (1980).