Heidelberger Manifest

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Mit dem Heidelberger Manifest vom 17. Juni 1981 wollten deutsche Hochschulprofessoren vor der „Unterwanderung des deutschen Volkes“ und der „Überfremdung“ der deutschen Sprache, der Kultur und des „Volkstums“ warnen. Erstmals nach 1945 erhielt Rassismus und Fremdenfeindlichkeit öffentlich eine – wenn auch umstrittene – Legitimation durch Wissenschaftler.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entstehung der Originalfassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hauptinitiatoren des Heidelberger Manifestes waren Theodor Schmidt-Kaler von der Universität Bochum und Helmut Schröcke von der Universität München. Beide Professoren äußerten sich bereits im Vorfeld mit ihren Kernthesen, die später im Manifest übernommen wurden. So schrieben Schröcke und Schmidt-Kaler 1980:

„Der Begriff ‚Volk‘ läßt sich heute naturwissenschaftlich definieren: Völker sind (kybernetisch und biologisch) lebende Systeme höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch weitergegeben werden. Dabei sind auch die nicht körperlichen Eigenschaften eingeschlossen, die genauso vererbt werden, wie die körperlichen (die Milieu-Theorie ist wissenschaftlich falsch).“[2]

„Unser Problem sind nicht die Gastarbeiter schlechthin, sondern ihr asiatischer Anteil. […] Wenn man das Spezialproblem Süditalien ausklammert, so kann man feststellen, dass die aus dem europäischen Raum zu uns kommenden Gastarbeiterfamilien nach ihrer Fertilität, ihrem kulturellen, soziologischen und religiösen Kontext Aussicht auf Akkulturation bieten […]. Auf die Asiaten trifft all das nicht zu.“[3]

Die Originalfassung des Heidelberger Manifestes wurde am 17. Juni 1981 von Schröcke verfasst[4] und von insgesamt 15 Hochschulprofessoren unterzeichnet.

Neben den Professoren Schmidt-Kaler und Schröcke waren die unterzeichnenden Professoren:

In der Originalfassung des Manifestes, die zunächst keiner breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden sollte, stand beispielsweise folgende Textpassage:

„Mit großer Sorge beobachten wir die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von vielen Millionen von Ausländern und ihren Familien, die Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums. […] Völker sind (biologisch und kybernetisch) lebende Systeme höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch und durch Traditionen weitergegeben werden. Die Integration großer Massen nichtdeutscher Ausländer ist daher bei gleichzeitiger Erhaltung unseres Volkes nicht möglich und führt zu den bekannten ethnischen Katastrophen multikultureller Gesellschaften. Jedes Volk, auch das deutsche Volk, hat ein Naturrecht auf Erhaltung seiner Identität und Eigenart in seinem Wohngebiet. Die Achtung vor anderen Völkern gebietet ihre Erhaltung, nicht aber ihre Einschmelzung (‚Germanisierung‘).“

Ende 1981 wurde die Originalfassung des Heidelberger Manifestes in gleich drei rechtsextremen Zeitschriften publiziert, in der Deutschen Wochenzeitung, Nation & Europa sowie Deutschland in Geschichte und Gegenwart.[5] Weiterhin wurde die Originalfassung Ende 1981 in verschiedenen Universitätsstädten als Flugblatt verteilt. Hierdurch wurden Studenten in Bonn und München aufmerksam, welche die öffentlichen Medien informierten.

Im Januar 1982 gab es aufgrund der breiten Berichterstattung erste öffentliche Reaktionen. Für die bayerische FDP beispielsweise war das Manifest ein „übles Pamphlet und nichts weiter als ein Aufguß der rassistischen Nazi-Ideologie“.[6]

Ebenfalls im Januar 1982 lud im Namen von Schmidt-Kaler ein „Schutzbund für das deutsche Volk“ (SDV) zu einem Gründungs- und Diskussionsseminar unter dem Titel Wissenschaftliche und ethische Grundlagen des Heidelberger Manifestes vom 17. Juni 1981 ein, das am 23. Januar 1982 in Heidelberg stattfand.[7] Bereits im Text der Originalfassung des Manifestes waren „alle Verbände, Vereinigungen und Bürgerinitiativen, die sich der Erhaltung unseres Volkes, seiner Sprache, Kultur und Lebensweise widmen“, aufgefordert worden, „einen Dachverband zu gründen“. Schmidt-Kaler gab während des Treffens bekannt, dass er für die Pressearbeit des SDV zuständig sei.[8]

Entstehung der zweiten Fassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach zahlreichen kritischen Reaktionen in der Öffentlichkeit kam es am 31. Januar 1982 in Mainz zu einer Presseerklärung und der Vorstellung einer Neufassung des Heidelberger Manifestes durch Schmidt-Kaler. Eine „von der radikalen Linken gesteuerte Diffamierungskampagne“ und die „versuchte Einschleusung rechtsradikaler Kräfte“ hätten es notwendig gemacht, selbst an die Öffentlichkeit zu treten.

„Durch Indiskretionen, für die die Unterzeichner nicht verantwortlich zu machen sind, geriet das Heidelberger Manifest an die Öffentlichkeit in einer vorläufigen Form, die nur zur Gewinnung weiterer Unterzeichner bestimmt war“

Schmidt-Kaler[9]

Schmidt-Kaler distanzierte sich von seinem Kollegen Schröcke, der Mitglied im SDV wurde:

„Der in Gründung befindliche Verein ‚Schutzbund für das deutsche Volk‘ ist weder politisch noch nach seiner Kompetenz in der Lage, die Aufgaben des in der vorläufigen Fassung des ‚Heidelberger Manifestes‘ erwähnten Bundes wahrzunehmen. Wir sind nicht Mitglieder dieses Vereins. Der Verein ist nicht berechtigt, für uns oder in unserem Auftrag irgendwelche Mitteilungen zu machen oder Äußerungen zu verbreiten.“

In der überarbeiteten und abgeschwächten Version des Heidelberger Manifests vom 31. Januar 1982 fehlten als Unterzeichner die Professoren Götz, Oberländer, Riedl, Schade und Schröcke. Neu hinzu kam Werner Rutz (Bochum). Es findet sich beispielsweise folgende Textpassage:

„Die Achtung vor anderen Völkern gebietet ihre Erhaltung, nicht aber ihre Einschmelzung […] Wer aus diesem Begriff (Volk) folgert, dass es auch nicht erhaltenswerte Völker gäbe, interpretiert gegen die Regeln wissenschaftlicher Hermeneutik und mißdeutet gröblich unser Anliegen.“

Kritik an der zweiten Fassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritiker warfen den Verfassern vor, trotz der einschränkenden Bemerkungen und der Distanzierung von Rassismus und Rechtsextremismus in diesem Aufruf genauso völkisch zu argumentieren und sich an das neurechte Konzept des Ethnopluralismus anzulehnen. Dieses Konzept gibt vor, keine Werthierarchie unter den verschiedenen „Völkern“ zu postulieren, hält sie aber für schützenswert und durch „Vermischung“ bedroht. Auch dieses Dokument löste einen Skandal aus, da es rassistische, ausländerfeindliche und nationalistische Passagen enthielt.

Im Zuge einer breiten öffentlichen Berichterstattung wurden 1982 beide Versionen des Heidelberger Manifestes von verschiedenen Zeitungen als Zeitdokument im Wortlaut abgedruckt.[10] Als Reaktion und als Manifest zur Völkerverständigung unterzeichneten 24 Professoren der Ruhr-Universität Bochum am 16. Februar 1982 eine Gegendarstellung zum Heidelberger Manifest.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mainzer Kreis um Schmidt-Kaler wurde in den folgenden Jahren nicht mehr aktiv. Schröcke engagierte sich weiterhin im SDV. Der Schutzbund wird bis heute von verschiedenen Landesbehörden des Verfassungsschutzes als rechtsextrem eingestuft.[11] Im Februar 1984 verschickte der SDV im Namen von Schröcke ein Flugblatt mit dem Titel Grundgesetzlicher Grundwert – Deutsches Volk, in dem der SDV „als Sachverwalter des ‚Heidelberger Manifestes vom 17. Juni 1981‘“ auftritt und seine Thesen zur Ausländerpolitik vorstellt.[12] Zusammen mit Heinrich Schade und Robert Hepp (Vechta) veröffentlichte Schröcke Ende 1984 eine Broschüre im rechtsextremen Grabert-Verlag, in der der SDV erneut seine „Forderungen zur Ausländerpolitik“ stellte.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karen Schönwälder: Migration, Refugees and Ethnic plurality as issues of public and political debates in (West) Germany. In: David Cesarani, Mary Fulbrook (Hrsg.): Citizenship, Nationality and Migration in Europe. Verlag Routledge (UK), 1996, S. 166; Zitat: “The Heidelberger Manifest of 1981 demonstrated academic support for racist concepts.”
  2. Helmut Schröcke: Leserbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Januar 1980
  3. Theodor Schmidt-Kaler: Mit wieviel Fremden die Bundesrepublik leben kann. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. September 1980, S. 11.
  4. Theodor Schmidt-Kaler: Noch zwei Generationen Zeit, im Interview mit der Jungen Freiheit, Ausgabe 50, 3. Dezember 2004, S. 3.
  5. Heidelberger Manifest in „Deutsche Wochenzeitung“, 6. November 1981; in „Nation & Europa“, Heft 12, Dezember 1981; sowie in „Deutschland in Geschichte und Gegenwart“ (DGG), Heft 4, Dezember 1981, S. 34.
  6. Roman Arens: Schmierfinken im Dienste der Wahrheit? In: Frankfurter Rundschau, 22. Januar 1982, S. 4.
  7. Flugblatt des Schutzbundes für das deutsche Volk (SDV), Einladung zum ersten SDV-Treffen in Heidelberg, Parkhotel Haarlass, 23. Januar 1982.
  8. Schutzbund für das deutsche Volk – Deutsche Rassisten sammeln sich, ausführlicher Artikel über die Veranstaltung in Heidelberg, in Die tageszeitung, 25. Januar 1982, S. 3.
  9. Presse-Erklärung zum Heidelberger Manifest, in: Dokumentation zum Heidelberger Manifest vom ASTA der Universität Bonn, Februar 1982, S. 27f.
  10. So etwa in der Frankfurter Rundschau vom 4. März 1982.
  11. So beispielsweise im Verfassungsschutzbericht Niedersachsen 2005, 2006, S. 17 oder im Verfassungsschutzbericht Bayern 2005, April 2006, S. 123
  12. Flugblatt des Schutzbundes für das deutsche Volk (SDV), „Grundgesetzlicher Grundwert – Deutsches Volk – Ausländerpolitik“, mit Datumsstempel vom 23. Februar 1984
  13. Helmut Schröcke: Volk – Völker – Deutsches Volk, Heinrich Schade: Genosuizid – Volksselbstmord, Robert Hepp: Das deutsche Volk in der Todesspirale und SDV (Schutzbund für das deutsche Volk): Forderungen zur Ausländerpolitik. In: Deutschland – ohne Deutsche. Grabert-Verlag, Tübingen 1984.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herbert Leuninger: Kirche und Heidelberger Manifest. In: Zeitschrift für Ausländerrecht und Ausländerpolitik, Heft 3, 1983, S. 117–124.
  • Claus Burgkart: Das ‚Heidelberger Manifest‘, Grundlage staatlicher Ausländerpolitik. In: Rolf Meinhardt (Hrsg.): Türken raus? Oder Verteidigt den sozialen Frieden. Rowohlt Verlag, Hamburg 1984, S. 141–161.
  • Ingrid Tomkowiak: Das „Heidelberger Manifest“ und die Volkskunde. In: Zeitschrift für Volkskunde, 92 (1996), S. 185–207.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]