Heidi Tagliavini

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upright=Heidi Tagliavini (2015)

Heidi Tagliavini (* 1950 in Basel) ist eine Schweizer Diplomatin. Sie ist seit 1982 im diplomatischen Dienst des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und international bekannt als Leiterin heikler Missionen der internationalen Hilfe und Friedenserhaltung. Die „herausragende Diplomatin der Schweiz“[1] untersuchte als Sonderbeauftragte der EU die Gründe für den Krieg zwischen Russland und Georgien in Abchasien und Südossetien und verfasste den nach ihr benannten Tagliavini-Bericht. Im Juni 2014 wurde sie Ukraine-Beauftragte der OSZE;[2] dieses Amt legte sie am 6. Juni 2015 nieder.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heidi Tagliavini wurde 1950 in Basel geboren. Ihr Vater ist Architekt mit italienischen Wurzeln, die Mutter Malerin aus dem Luzerner Patriziat. Ihre Cousins sind der Staatssekretär Franz Blankart und der Volkswirtschaftler Charles B. Blankart. Sie wuchs als Zweitälteste von vier Geschwistern auf und besuchte die Schulen in Basel und Baselland. Ihre Studien in Romanistik und Russistik in Genf und Moskau schloss sie mit dem Lizentiat der Philologie ab. In Genf war sie auch Assistentin für russische Literatur. Heute spricht Tagliavini acht Sprachen und führt Verhandlungen in Russland, Tschetschenien und Georgien ohne Dolmetscher auf Russisch. Bei der Genfer Gipfelkonferenz (1985) zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow übersetzte sie spontan aus dem Russischen für den damaligen Schweizer Bundespräsidenten Kurt Furgler.[1]

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach zwölf Jahren verliess Heidi Tagliavini Genf und wechselte 1982 in das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), wo sie zuerst als Stagiaire in Bern und Lima eingesetzt wurde. 1984 kehrte sie nach Bern zurück und wurde als diplomatische Mitarbeiterin dem Politischen Sekretariat zugeteilt. 1989 erfolgte ihre Versetzung nach Moskau, wo sie 1992 zur Botschaftsrätin ernannt wurde. Im gleichen Jahr wurde sie als Botschaftsrätin und erste Mitarbeiterin des Missionschefs nach Den Haag versetzt.[3]

Als sie im April 1995 als einzige Frau einer sechsköpfigen Assistenzgruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) erstmals nach Tschetschenien geschickt wurde, war dies der Anfang ihrer Karriere als Krisendiplomatin. Fotografierend verarbeitete Tagliavini die Leiden der Bevölkerung, die sie in der zerstörten Hauptstadt Grosny sah, und veröffentlichte Ihre Fotos im Bildband Zeichen der Zerstörung.

1996 wurde sie stellvertretende Leiterin der Mission der Schweizer Botschaft in Moskau, im März 1998 bis 1999 stellvertretende Leiterin der Beobachtermission der Vereinten Nationen in Georgien (UNOMIG im Range einer Botschafterin). Sie war erst die zweite Frau, die von der Uno in die Leitung einer Peace-Keeping-Mission aufgenommen wurde.

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz 1999 wurde Tagliavini Chefin der Politischen Abteilung IV (Menschenrechte und Humanitäre Angelegenheiten) im EDA.

Nach einjähriger Tätigkeit als Persönliche Beauftragte für den Kaukasus der österreichischen OSZE-Vorsitzenden im Jahr 2000[4] wurde Tagliavini von 2001 bis 2002 zur Botschafterin der Schweiz in Bosnien und Herzegowina berufen. 2002 berief UN-Generalsekretär Kofi Annan Heidi Tagliavini an die Spitze der United Nations Observer Mission in Georgia.[5] 2006 kehrte sie als stellvertretende Leiterin der Direktion für politische Angelegenheiten und Stellvertreterin des Staatssekretärs im Aussenministerium nach Bern zurück.[6] Ende 2009 bis Anfang 2010 leitete Tagliavini die OSZE-Wahlbeobachtungsmission während der ukrainischen Präsidentschaftswahlen 2010.

Der Tagliavini-Bericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit seinem Entscheid vom 2. Dezember 2008 setzte der Aussenministerrat der Europäischen Union eine unabhängige internationale Untersuchung ein, die den im August 2008 ausgebrochenen Konflikt in Georgien aufarbeiten sollte und ernannte in Absprache mit dem Schweizerischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten Botschafterin Heidi Tagliavini als Leiterin dieser Mission.

Die unabhängige internationale Untersuchungsmission übergab dem EU-Rat am 30. September 2009 den Bericht. Der Tagliavini-Bericht kam zum Schluss, dass Georgien im Augustkonflikt von 2008 wohl den grösseren Waffengang ausgelöst hatte, dass aber alle Seiten, Russland ebenso wie Georgien, und auch die beiden abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien, die Verantwortung für die Eskalation des Konfliktes tragen. Die Kommission konnte keine Beweise für die georgische Behauptung einer vorherigen russischen Invasion finden. Nach Ansicht der Untersuchungsmission handelten sowohl Georgien als auch Russland in diesem Konflikt völkerrechtswidrig. Der über 1000 Seiten umfassende Bericht geht entsprechend seinem Mandat ausführlich auf die Ursachen und das Umfeld des Konfliktes ein und setzt mit seiner detaillierten Behandlung der völkerrechtlichen, humanitären und Menschenrechtsfragen neue Standards in politisch höchst aktuellen Fragen. Der Bericht veröffentlicht auch alle von den Parteien gelieferten Unterlagen für die Untersuchung.

Ukraine-Beauftragte der OSZE[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Anfang Juni 2014 ist Tagliavini Vermittlerin in der Ukraine.[7] Angesprochen auf die Veränderungen des Konfliktes im August sagte sie: «Das Format der Kontaktgruppe mit Russland, der Ukraine und der OSZE steht seit Juni fest und kann nicht einseitig verändert werden. Zur Frage, ob Russland darüber hinaus Konfliktpartei ist, gibt es unterschiedliche Meinungen. Aus der Sicht der OSZE bedarf eine dauerhafte Regelung zur Beilegung des Konflikts der Mitwirkung und letztlich auch der Zustimmung Russlands.»[8] Am 2. September 2014 leitete sie als Ukraine-Beauftragte der OSZE die Gespräche der OSZE-Kontaktgruppe in Minsk, die den Waffenstillstand vom 5. September 2014 zwischen der Ukraine und den irregulären Einheiten der so genannten Donezker Volksrepublik und der Lugansker Volksrepublik vorbereiteten.[9][10] Am 5. September 2014 gaben sie, der ehemalige ukrainische Präsident Leonid Kutschma, Rebellenführer Alexander Sachartschenko, der russische Botschafter in der Ukraine Michail Surabow und der Rebellenführer Igor Plotnizki in Minsk einen Waffenstillstand bekannt.[11] Der Waffenstillstand wurde weiterhin an strategischen Punkten vielfach verletzt und der „zentral wichtige Punkt“ der Überwachung der Grenze zwischen der Ukraine und Russland sei mit zwei kleinen Ausnahmen an zwei Grenzposten noch nicht in Angriff genommen worden. „Die Überwachung der Grenze durch die OSZE ist aber eine Grundvoraussetzung für die Durchführung des Waffenstillstands an der Berührungslinie zwischen den Kräften der ukrainischen Regierung und den Separatisten innerhalb des Landes.“ Die von den Separatisten abgehaltenen „sogenannten Wahlen vom 2. November waren ein klarer Verstoss gegen die für Wahlen besonders vereinbarten Bestimmungen der Minsker Abkommen.“[12]

Tagliavini sollte nach ersten Planungen auch nach dem Wechsel des Vorsitzes der OSZE zu Serbien weiter vermitteln.[13] Bei dem im Februar 2015 in Minsk ausgehandelten 13-Punkte-Plan zum Waffenstillstand für die Ukraine spielte sie eine entscheidende Rolle.[14][15] Am 5. Juni 2015 hatte das Schweizer Fernsehen (SRF) jedoch berichtet, Botschafterin Tagliavini wünsche „ihre Tätigkeit in nächster Zeit zu beenden“. Als Chefunterhändlerin wurde Heidi Tagliavini anschliessend durch den österreichischen UNO-Botschafter in New York, Martin Sajdik, abgelöst.[16] Als Grund vermutete ein russisches Nachrichtenportal, Tagliavini wolle das verbindliche Minsk II-Abkommen umsetzen und sich deshalb an keinen neuen Verhandlungen über weitere Veränderungen («Minsk III») beteiligen.[17]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zeichen der Zerstörung. Der andere Blick – Reminiszenzen aus Tschetschenien (Bildband). Bern: Benteli, 1997. ISBN 978-3-7165-1144-2
  • Kaukasus – Verteidigung der Zukunft. 24 Autoren auf der Suche nach Frieden. Wien-Bozen: Folio, 2001. ISBN 978-3-85256-161-5

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Andreas Dietrich: Madame Courage. NZZ Folio. September 2003. Abgerufen am 16. Januar 2010.
  2. Welt am Sonntag 17. Mai 2015, S. 9: Die Hauptdarstellerin
  3. EDA-Pressedienst: Ernennungen im EDA. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten. 23. März 2006. Abgerufen am 16. Januar 2010.
  4. EDA-Pressedienst: Ernennung von Botschafterin Heidi Tagliavini zur persönlichen Vertreterin des Amtierenden Vorsitzenden der OSZE für Missionen im Kaukasus. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten. 13. Januar 2000. Abgerufen am 16. Januar 2010.
  5. EDA-Pressedienst: Kofi Annan ernennt eine Schweizerin zur Sonderbeauftragten des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Georgien. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten. 24. Mai 2002. Abgerufen am 16. Januar 2010.
  6. EDA-Pressedienst: Heidi Tagliavini zur Stellvertretenden politischen Direktorin in der Politischen Direktion des EDA ernannt. Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten. 23. März 2006. Abgerufen am 16. Januar 2010.
  7. Die Frau für Osteuropa, Tages-Anzeiger, 25. Juni 2014
  8. «Ich denke, Frauen sind im emotionalen Erfassen überlegen», Tages-Anzeiger, 24. November 2014
  9. Burkhalter will der Nato ins Gewissen reden. Website des Tagesanzeigers; abgerufen am 8. September 2014.
  10. Ukraine-Verhandlungen in Minsk. Website der NZZ; abgerufen am 8. September 2014.
  11. Das Abkommen von Minsk, Tagesschau.de, 4. November 2014
  12. «Man muss die Hitzköpfe immer wieder einsammeln», Tages-Anzeiger, 4. Dezember 2014
  13. Tagliavini bleibt, obwohl Burkhalter geht, Tages-Anzeiger, 17. Dezember 2014
  14. http://www.blick.ch/news/diplomatin-heidi-tagliavini-ist-die-heldin-von-minsk-die-schweizer-putin-versteherin-id3480254.html, Blick, abgerufen am 12. Februar 2015
  15. http://www.swissinfo.ch/eng/bloomberg/unsung-heroine-of-minsk-talks-is-swiss-diplomat-trusted-by-putin/41271334
  16. Spitzendiplomat neuer OSZE-Ukraine-Sondergesandter, Krone.at. 22. Juni 2015
  17. Ein schlechtes Zeichen? Ukraine-Beauftragte der OSZE hat genug, Sputnik, 8. Juni 2015
  18. Sieben Ehrendoktorate am Dies Academicus der Universität Basel im Rahmen der 550-Jahr-Feiern, Pressemeldung, in: Informationsdienst Wissenschaft vom 26. November 2010, abgerufen am 10. Dezember 2010
  19. Menschenrechtspreis der IGFM an Botschafterin Heidi Tagliavini verliehen. In: menschenrechte, Jg. 2014, Heft 1, S. 14.
  20. [1], zusätzlicher Text.