Heilanstalt Dösen

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Siegelmarke der Heilanstalt Dösen

Die Heilanstalt Dösen war eine psychiatrische Klinik im sächsischen Dösen (ab 1910 ein Stadtteil von Leipzig), die 1901 eingerichtet wurde. Sie wurde 1913 von kommunaler in staatliche Trägerschaft überführt und hieß anschließend Landesheil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen. In der DDR-Zeit hieß sie Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Leipzig-Dösen. Nach 1990 wurde daraus das städtische Park-Krankenhaus Leipzig-Dösen, das neben der Psychiatrie auch Abteilungen für Chirurgie und Innere Medizin beinhaltete. Die Klinik fusionierte 1993 mit der Städtischen Klinik für Orthopädie und Rehabilitation Dr. Georg Sacke. Zusammen wurden sie 1999 privatisiert und 2002 an einen neuen Standort im Stadtteil Probstheida verlegt, wo als Nachfolgeeinrichtung das Park-Klinikum Leipzig besteht. Die ehemalige Heilanstalt Dösen steht seither leer.

Gründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1899 und 1901 wurde die Heilanstalt Dösen durch Otto Wilhelm Scharenberg im Pavillonstil auf der Flur des damals noch selbstständigen Dorfes Dösen gebaut und 1901 eröffnet.[1] Die Klinik zur Behandlung psychisch Kranker und Behinderter übernahm weitgehend die psychiatrische Versorgung von Leipzig.[2] Davon abgeleitet entstand in der Leipziger Umgangssprache die Redewendung „Du bist wohl aus Dösen?“ im Sinne von „Du bist komplett verrückt“.[3] Der weltweit bekannteste Psychiatrie-Patient Daniel Paul Schreber starb 1911 in Dösen.[4]

Im Anstaltsgelände (um 1920?)

Nach der Eingemeindung von Dösen nach Leipzig (1910) und dem Inkrafttreten des Sächsischen Irrenfürsorge-Gesetzes wurde die Heilanstalt im Januar 1913 als Königliche Landesheil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen vom Königreich Sachsen übernommen. Zwischen 1918 und 1928 leitete Hermann Paul Nitsche die Klinik.[5]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1933 verlegte man die Kinderabteilung in die Landesanstalt Chemnitz-Altendorf. In den Jahren 1934 bis 1939 wurden in Dösen 583 Patienten zwangssterilisiert.[6][7]

Im Oktober 1940 wurde auf Initiative des Pädiaters Werner Catel (Ordinarius für Kinderheilkunde an der Universitätskinderklinik/Städtisches Kinderkrankenhaus Leipzig) im Rahmen der nationalsozialistischen Kindereuthanasieverbrechen eine kinderpsychiatrische Abteilung neu gegründet. In dieser vom Arzt Arthur Mittag geleiteten „Kinderfachabteilung“ wurden zwischen November 1940 und 7. Dezember 1943 (dem Tag der Verlegung der Kinderfachabteilung in die Landesanstalt Großschweidnitz bei Löbau) 551 Kinder und Jugendliche im Rahmen der nationalsozialistischen „Kinder-Euthanasie“ getötet.[8]

1941 wurde zur Versorgung von 200 an Fleckfieber erkrankten Zwangsarbeitern eine Isolierstation eingerichtet.[9] Während des Zweiten Weltkrieges wurden viele Leipziger Krankenhäuser zerstört. Die Chirurgische und die Innere Abteilung des St. Jacob-Hospitals, welches auch dem Krieg zum Opfer fiel, wurden nach Dösen verlegt. Dazu kamen Teile von verschiedenen Universitätskliniken im Rahmen der sogenannten Aktion Brandt (ab 1943), darunter Teile der Universitätskinderklinik, so deren Infektionsstation und „Kinderfachabteilung“ unter Leitung von Catels ehemaligem Mitarbeiter Hans-Joachim Hartenstein.

Nachkriegs- und DDR-Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Juli 1946 erhielt Dösen den Klinikstatus. Im Zuge der Bezirksgründung in der DDR ging die Klinik 1952 wieder in den Besitz der Stadt Leipzig über und trug von nun an den Namen Krankenanstalten Leipzig-Dösen. Zwischen 1951 und 1953 war Dietfried Müller-Hegemann ihr Leiter, der spätere Direktor der Neurologisch-Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig.[10]

Am 1. Juli 1958 wurde aus der Klinik das Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Leipzig-Dösen des Bezirks Leipzig. In der DDR waren Bezirkskrankenhäuser Kliniken der Schwerpunktversorgung und überwiegend in den 14 Bezirksstädten angesiedelt.

Die sächsische Mundartdichterin Lene Voigt wurde 1946 als Patientin eingewiesen. Nach ihrer Heilung blieb sie freiwillig bis zu ihrem Tod 1962 in der Einrichtung und arbeitete für die Verwaltung.

Nach der Wiedervereinigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leerstehendes Gebäude des ehemaligen Parkkrankenhauses (2017)

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Klinik wieder der Stadt Leipzig übergeben und firmierte ab 1992 als Park-Krankenhaus Leipzig-Dösen, Städtisches Krankenhaus für Psychiatrie, Chirurgie und Innere Medizin.[11] Ab 1990 und bis 1994 wurde die psychiatrische Klinik von Angelika Strauß (Tochter von Georg Merrem[12]) als Chefärztin geleitet. 1993 fusionierten die Städtische Klinik für Orthopädie und Rehabilitation Dr. Georg Sacke und das Park-Krankenhaus Leipzig-Dösen zur Städtischen Klinik Leipzig-Südost.

Am 1. Januar 1999 wurde das Park-Krankenhaus Leipzig-Südost privatisiert und von der Rhön-Klinikum AG übernommen. Im Leipziger Stadtteil Probstheida wurde ein Neubau errichtet und 2002 die verschiedenen Kliniken auf einem 104 Hektar großen Gelände neben dem Herzzentrum Leipzig zusammengeführt. Die Klinikgebäude in Dösen stehen seither leer.

Das Gelände wurde an eine Immobilien-AG aus Arnstadt verkauft.[13] Diese veräußerte das ehemalige Anstaltsgelände im Mai 2015 weiter an die GRK-Holding in Leipzig. Die Gebäude dienen bisweilen noch als Kulisse für Film- und Fernsehaufnahmen, so zum Beispiel im Fernsehfilm Dresden[14] und in der Fernsehserie Tierärztin Dr. Mertens, wo das ehemalige Park-Krankenhaus das Verwaltungsgebäude des Zoos darstellt.[15] Der 65 Meter hohe Wasserturm, ein Wahrzeichen des Anstaltsgeländes, wurde 2007 wegen Baufälligkeit abgerissen.[16]

An die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen bis 1990, insbesondere an die dort in der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Morde an Patienten, erinnert seit 2013 die multimediale Dauerausstellung „Verwahren. Versorgen. Heilen“. Sie ist im Foyer der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Park-Klinikums Leipzig zu sehen.[17] Die Geschichte der Heilanstalt von 1901 bis 1945 wird zudem im Sächsischen Psychiatriemuseum thematisiert.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Ehemaliges Park-Krankenhaus Leipzig-Dösen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen
  2. a b „Ab nach Dösen. Die Heilanstalt Leipzig-Dösen 1901–1945.“ auf psychiatriemuseum.de
  3. Georg Müller-Heim: Leipzig und die Leipziger. Leute, Dinge, Sitten, Winke. Teutonia-Verlag, Leipzig 1906, S. 83.
  4. Thomas R. Müller: Zum 100. Todestag von Daniel Paul Schreber (PDF; 137 kB). In Ärzteblatt Sachsen 8, 2011, S. 457–459
  5. Volker Klimpel: Ärzte-Tode. Unnatürliches und gewaltsames Ableben in neun Kapiteln und einem biographischen Anhang. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-2769-8 (Volltext in der Google-Buchsuche).
  6. Stadt Leipzig: Euthanasieverbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus in Leipzig. Informations-Material für Lehrer und Schüler der 9. und 10. Klassen in Mittelschulen und Gymnasien in Leipzig, 2007, online (PDF-Dokument; 2,4 MB)
  7. Eene meene muh – und raus bist du: Kindereuthanasie in Leipzig: Eine Erinnerung: Schüler auf der Suche nach verblassten Spuren. online@1@2Vorlage:Toter Link/www.leipzig.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF-Dokument; 1 MB)
  8. Klaus-Dietmar Henke: „Kinder-Euthanasie“ in Sachsen. In: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.): Tödliche Medizin im Nationalsozialismus. Von der Rassenhygiene zum Massenmord. Böhlau, Köln u. a. 2008, ISBN 978-3-412-23206-1, S. 143–148 (Volltext in der Google-Buchsuche – Schriften des Deutschen Hygiene-Museums Dresden 7).
  9. Thomas Fickenwirth, Birgit Horn, Christian Kurzweg: Fremd- und Zwangsarbeit im Raum Leipzig 1939–1945. Archivalisches Spezialinventar. Herausgegeben von der Stadt Leipzig, Der Oberbürgermeister, Stadtarchiv. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-937209-92-1 (Volltext in der Google-Buchsuche).
  10. Dietfried Müller-Hegemann im Professorenkatalog der Universität Leipzig
  11. C. Hirsch: Die psychiatrische Betreuung in Leipzig. In: G. Ulmar: Psychiatrische Versorgungsperspektiven. Springer-Verlag, Heidelberg 1995, S. 45–52, hier S. 45.
  12. 60 Jahre Neurochirurgie in Leipzig. In: Liebigstraße aktuell – Gesundheitsmagazin des Uniklinikums Leipzig, Ausgabe 10/2014. Online auf www.kopfzentrum-gruppe.de, abgerufen am 18. Oktober 2018.
  13. Leipziger Volkszeitung vom 15. September 2011
  14. Jens Rübner: Filmstadt Leipzig. Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2013. Abschnitt Dresden, 2005.
  15. Thorsten Wolf trifft seinen dicken TV-Kumpel. In: Leipziger Volkszeitung, 15. März 2010.
  16. Dösen. In: Vera Denzer, Andreas Dix, Haik Thomas Porada (Hrsg.): Leipzig. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Leipzig. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2015, S. 342.
  17. 100 Jahre Psychiatrie – Multimedia-Ausstellung im Park-Krankenhaus Leipzig. In: Leipziger Volkszeitung, 4. November 2013.