Heilanstalt Neufriedenheim

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Neufriedenheim um 1900
Zustand 2019

Die Heilanstalt Neufriedenheim war eine private Nervenheilanstalt im heutigen Münchner Stadtbezirk Sendling-Westpark, die von 1891 bis 1941 bestand. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude bei einem Luftangriff 1942 schwer beschädigt und notdürftig zur Unterbringung von Flüchtlingen hergerichtet. Nach dem Krieg wurde es bis 1952 von der US-Militärregierung beschlagnahmt. Nach der Rückgabe wurde der Bau für die Landestaubstummenanstalt (heute Bayerische Landesschule für Gehörlose) umgebaut und dabei im Baubestand stark vereinfacht. Die Landestaubstummenanstalt nutzte Neufriedenheim von 1952 bis 2011, seitdem steht es leer.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1891 wurden der Kern der dreiflügeligen Anlage mit Mittel- und Seitenpavillons sowie eine abgesetzte Villa in einem großzügigen Gartengrundstück weitab außerhalb der Stadt durch den Architekten Max Deissböck errichtet und schon im Folgejahr erweitert.[1][2] Bis 1899 wurden durch den Architekten Johann Hieronymus weitere Trakte und Nebengebäude angebaut, darunter eine Villa für den Anstaltsleiter. 1911 folgten zwei Wandelhallen und ein Pförtnerhaus.

Betrieb und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nervenheilanstalt konnte rund 80 Patienten beider Geschlechter in offenen und geschlossenen Abteilungen unterbringen und richtete sich an Patienten der gehobenen und höchsten Bevölkerungsschichten.[3] Der ursprüngliche Auftraggeber und ärztliche Leiter, Karl Kraus, musste die Klinik bereits 1892 wegen finanzieller Schwierigkeiten verkaufen. Käufer war sein Chefarzt Ernst Rehm, der die Klinik anschließend leitete. Als Rehm sich aus Altersgründen von der Arbeit zurückzog, übernahm sein Schwiegersohn Leo Baumüller. Aus privaten Gründen musste die Familie Rehm die Klinik 1941 verkaufen. Sie wurde durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt erworben, die den Betrieb jedoch wegen des Krieges einstellte und so Neufriedenheim nie betrieb.

Im Krieg wurde das Gebäude 1942 durch Bomben stark beschädigt und zunächst nur notdürftig hergerichtet. Das Office of Military Government for Germany beschlagnahmte die Anlage und nutzte sie bis 1952. Die US-Militärregierung nahm dazu weitere Baumaßnahmen vor. 1952 zog die Landestaubstummenanstalt aus ihrem stark beschädigten Gebäude an der Goethestraße in Neufriedenheim ein und löste eine Generalsanierung bis 1957 durch das Landesbauamt aus.[2]

Vom Wald-Grundstück der Klinik wurde schon Ende der 1920er Jahre der Nordteil abgetrennt und mit der gemeinnützigen Siedlung Friedenheim bebaut, die auch Neufriedenheim genannt wird. 1958 wurde auch der Südteil abgetrennt und dort das Erasmus-Grasser-Gymnasium und das Ludwigsgymnasium erbaut. 1965 wurde im Osten ein Teil abgetrennt, auf dem ein Neubau für das Studienseminar Albertinum errichtet wurde.[4] Für den Bau der Bundesautobahn 96 musste Ende der 1960er Jahre die Villa auf dem Gelände abgerissen werden. Die Autobahn verläuft seitdem nördlich des ehemaligen Haupthauses. 1983 eröffnete östlich des Komplexes der großflächige Westpark, der einen durchgehenden Grüngürtel von Laim bis in die Innenstadt ermöglichte.

Wegen der schweren Kriegsschäden und des stark vereinfachten Wiederaufbaus wurde das Gebäude aus der Denkmalliste gestrichen.

Brandschäden vom 3. August 2020 am Anbau und einem Teil des Dachstuhls

Seit der Aufgabe der Bauten durch die Landesschule für Gehörlose zum Jahreswechsel 2011/12 steht das Gebäude leer. Am 3. August 2020 wurde das Gebäude bei einem Feuer beschädigt.[5][6]

Der Freistaat Bayern plante eine erneute Nutzung für Bildungszwecke unter dem vorläufigen Projektnamen Bildungscampus Westpark. Seit Januar 2014 existiert ein Förderverein dazu.[7] Stadt und Freistaat einigten sich 2018 auf einen Grundstückstausch, durch den die Fläche in die Hand der Stadt kam. Sie plant Erweiterungen der beiden Gymnasien für zukünftig rund 1000 weitere Schüler, eine Sporthalle, eine neue Realschule und einen Neubau für das Sonderpädagogische Förderzentrum München Mitte-3, das derzeit auf zwei Grundstücke in der Nähe verteilt ist.[8]

Varia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einer der prominentesten Patienten war Herzog Siegfried in Bayern (1876–1952) der 1899, durch einen Sturz beim Pferderennen, bleibende Hirnschäden erlitt und deshalb geisteskrank wurde. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens in der Anstalt Neufriedenheim.

1904 wurde der Nervenarzt und Schriftsteller Oskar Panizza für zehn Tage in Neufriedenheim als Patient aufgenommen, verließ die Einrichtung aber vorzeitig nach einem Streit mit der Leitung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Denis A. Chevalley, Timm Weski: Landeshauptstadt München – Südwest (= Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege [Hrsg.]: Denkmäler in Bayern. Band I.2/2). Karl M. Lipp Verlag, München 2004, ISBN 3-87490-584-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Heilanstalt Neufriedenheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fürstenrieder Straße 155. In: Denkmäler in Bayern, Seite 220
  2. a b Max Megele: Baugeschichtlicher Atlas der Landeshauptstadt München. Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 1951, S. 91. Max Megele: Baugeschichtlicher Atlas der Landeshauptstadt München. Band 3: Die Stadt im Jubiläumsjahr 1958. Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 1960, S. 47.
  3. Monacensia Gebärdende Historie: Neufriedenheim, abgerufen am 4. Juli 2012
  4. Studienseminar Albertinum: Geschichte, abgerufen am 4. Juli 2012
  5. Feuerwehr München: Dramatische Rauchsäule über München (Sendling-Westpark). In: Presseportal. 4. August 2020, abgerufen am 4. August 2020.
  6. München: Großbrand in ehemaliger Gehörlosenschule. In: Abendzeitung München. 3. August 2020, abgerufen am 4. August 2020.
  7. Erasmus-Grasser-Gymnasium: Förderverein Bildungscampus (Memento des Originals vom 16. September 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dasegg.musin.de
  8. Süddeutsche Zeitung: Stadt hat endlich ein Areal für den Bildungscampus, 14. Oktober 2018

Koordinaten: 48° 7′ 27″ N, 11° 30′ 18,3″ O