Heilig’s Blechle

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Heilig’s Blechle ist eine schwäbische Redewendung zum Ausdruck des Erstaunens, der sich von einem kommunalen Ausweis zur Armenversorgung ableitet. Der Ausdruck wird heute außerdem scherzhaft für „Auto“ verwendet.[1][2][3][4]

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Einführung der Reformation wurde im Herzogtum Württemberg die Verwaltung von Staat und Kirche neu geordnet. Die Versorgung der Armen wurde auf kommunaler Ebene der Kirche übertragen, die hierzu einen „Armenkasten[5][6] oder „Heiligen“ einrichtete, der vom „Heiligenpfleger“[7] verwaltet wurde. Das öffentliche Betteln wurde verboten, dafür gingen neben der Kollekte auch die Erträge kirchlicher Güter und Geldgeschäfte sowie Geldbußen aus Vergehen gegen die Kirchenordnung an den Armenkasten. Mit dessen Mitteln wurden ausschließlich ortsansässige Arme, sogenannte „Hausarme“, versorgt, Fremde wurden mit der „Bettelfuhre“[8] abgeschoben.[9]

Der Dreißigjährige Krieg verschlechterte die wirtschaftliche Lage im Herzogtum, die sich auch in der Folgezeit wegen wiederholter Einfälle französischer Truppen nicht bessern konnte. Die Bettelei nahm so stark zu, dass einzelne Kommunen einen „Bettelvogt“[10] zur Vertreibung der Bettler anstellten.[11] Da die Kollekten nicht mehr genug Mittel erbrachten, um die Hausarmen zu unterstützen, wurde ihnen die Bettelei erlaubt. Wer unverschuldet in Not geraten war, erhielt im 18. Jahrhundert vom „Heiligenpfleger“[12] ein Blechstück als Berechtigungsausweis – da die Ausgabe für Zwecke des „Heiligen“ erfolgte, ergab sich die Bezeichnung Heilig’s Blechle.[13]

Warum sich daraus ein Ausruf des Erstaunens entwickelt hat, ist unklar, zumal die Vergabe von Blechen im 19. Jahrhundert wieder eingestellt wurde, es also auch keine Überlieferung dieses Brauchs im Alltag gab. Möglich wäre eine Verwechslung mit den ebenfalls im 18. Jahrhundert eingeführten Schwörbüchsen, die in Wirtshäusern aufgestellt waren. Wer beim Fluchen ertappt wurde, musste einen Geldbetrag in die Büchse zahlen, deren Ertrag dann wiederum an den „Heiligen“ ging.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hermann Fischer & Hermann Taigel: Schwäbisches Handwörterbuch. Schwäbisch-Deutsch/Deutsch-Schwäbisch. 3. Auflage. Laupp’sche Buchhandlung/Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 978-3-16-147063-9, S. 85.
  2. Cay von Fournier & Silvia Danne: Anders und nicht artig. Impulse und praktische Strategien für eine erfolgreiche Unternehmenspositionierung. Linde, Wien 2011, ISBN 978-3-7093-0325-2, S. 90.
  3. Anne Zielke: Niemand, null und Nasenbär. Die besten Wortporträts vom Sonntag. Lübbe, Bergisch Gladbach 2008, ISBN 978-3-7857-2332-6, S. 18.
  4. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (Hrsg.): Heilig’s Blechle. 125 Jahre Automobil. Stuttgart 2011 (PDF).
  5. Vgl. Peter Johanek (Hrsg.): Städtisches Gesundheits- und Fürsorgewesen vor 1800. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2000, ISBN 978-3-412-10998-1, S. 161.
  6. Ernst Schubert: Hausarme Leute, starke Bettler: Einschränkungen und Umformungen des Almosengedankens um 1400 und um 1500. In: Otto Georg Oexle (Hrsg.): Armut im Mittelalter. Thorbecke, Ostfildern 2004, ISBN 978-3-7995-6658-2, S. 283–348.
  7. Vgl. Werner Rösener (Hrsg.): Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft vom Mittelalter bis zur Moderne. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 978-3-525-35472-8, S. 145.
  8. Markus Meumann: Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord. Unversorgte Kinder in der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Oldenbourg, München 1995, ISBN 978-3-486-56099-2, S. 191.
  9. Vgl. generell zum süddeutschen Raum Karl Härter: Policey und Strafjustiz in Kurmainz: Gesetzgebung, Normdurchsetzung und Sozialkontrolle im frühneuzeitlichen Territorialstaat. Band 1. Klostermann, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-465-03428-5, S. 960.
  10. Gesammelte Quellen zum Thema „Bettelvogt“
  11. Klaus Herbers (Hrsg.): Stadt und Pilger. Soziale Gemeinschaften und Heiligenkult. Narr, Tübingen 1999, ISBN 978-3-8233-4010-2, S. 168.
  12. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 16. Leipzig 1854–1960, Sp. 840.
  13. Christa Pöppelmann: Ich glaub’ mein Schwein pfeift! Die bekanntesten Redensarten und was dahinter steckt. Compact-Verlag, München 2009, ISBN 978-3-8174-6604-7, S. 109.
  14. Franz Georg Brustgi et al.: Eningen unter Achalm. Bildnis eines altwürttembergischen Handelsortes. Thorbecke, Sigmaringen 1976, ISBN 978-3-7995-1061-5, S. 208.