Heilig-Geist-Kirche und Gemeindezentrum

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Heilig-Geist-Kirche von Westen, davor das Gemeindezentrum
Blick von Osten
Innenraum mit Altar

Die evangelisch-lutherische Heilig-Geist-Kirche und Gemeindezentrum ist ein 1962 eingeweihter Bau von Alvar Aalto in Wolfsburg-Klieversberg in Niedersachsen. Er gilt als „herausragendes Zeugnis der Internationalen Moderne“;[1] zugleich wird der Architektur eine „antisentimentale Tendenz“ zugeschrieben.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 5. November 1958 erging der Auftrag an den finnischen Architekten Alvar Aalto, die Kirche und das Gemeindezentrum zu planen. Aalto hatte bereits mit der Planung für das Kulturzentrum in der Wolfsburger Innenstadt begonnen. Am 1. Januar 1961 wurde die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde „Heilig-Geist“ im Ortsteil Klieversberg selbstständig.[3] Der Grundstein zum neuen Gebäude wurde am 12. August 1961 gelegt; im März 1962 wurde das Gemeindezentrum eröffnet und am 6. Juni desselben Jahres die Kirche eingeweiht.[1] Das Gebäude ist eines von sechs Bauwerken bzw. Ensembles, die Aalto in Deutschland errichten ließ.[1] Die angegliederte Kindertagesstätte, ebenfalls von Aalto entworfen, wurde im Oktober 1964 eröffnet. 1999 musste der Turm aufwändig saniert werden. Seit 2015 gehört die Kirche zur Lukas-Gemeinde, die aus drei Pfarrbezirken westlich des Stadtzentrums gebildet wurde.[4]

Architektur, Ausstattung und Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Heilig-Geist-Kirche in der Röntgenstraße 81 ist als moderner Sakralbau denkmalgeschützt. Kirche, Gemeindehaus, Kindertagesstätte und Pastorat bilden einen Komplex, der in der gartenstadtartigen Umgebung relativ allein steht.[1] Die Gebäude sind bis auf den Turm aus Ziegelmauerwerk errichtet.[5] Die Kirche ist ein weiß gestrichener Zentralbau mit annähernd trapezförmigem Grundriss, der zum Altar hin zuläuft. Das Dach ist mit Kupferplatten gedeckt und zur Altarseite hin geneigt. Dort reicht das geschwungene Dach fast bis zum Boden. Der Eingang zur Kirche liegt in einem Vorbau und befindet sich vom Innenraum aus gesehen seitlich versetzt gegenüber dem Altar. An einem Teil der Nordostseite befindet sich eine unregelmäßig gegliederte Fensterfront mit geschwungenen Holzlamellen an der Oberkante. Auf der Nordwestseite befindet sich eine große Fensterfront, deren Scheiben durch die Verlängerung der Rippen im Innenraum voneinander getrennt sind. Durch sie fällt der Blick auf den hohen, weißen, freistehenden Turm mit übereinander liegenden freihängenden Glocken. Ein unregelmäßig geformtes Oberlicht befindet sich im Bereich der Taufkapelle.

Der Innenraum ist durch die holzgetäfelte, entsprechend dem Dach geneigte Decke und den Kontrast von Holztäfelung zu weißen Wänden geprägt. Die fünf in Längsrichtung verlaufenden rotbraunen Deckensegmente aus Douglasien-Holz[6] verjüngen sich zum Altar hin und werden durch weiße Rippen getrennt. Die Wände weisen sowohl Kurven als auch gerade Kanten auf. Die Sitzbänke stehen entsprechend dem Eingang in kurzen bzw. langen Reihen, die sich Richtung Altar ebenfalls verjüngen. Die langen Bankreihen weisen einen Knick auf, so dass man von allen Plätzen Richtung Altar und Kanzel blickt. Es gibt rund 300 Sitzplätze und 100 zusätzliche Plätze.[1] Der Chorraum ist durch drei Stufen zum Gemeinderaum hin abgegrenzt. Hinter dem breiten Altar aus hellgrauem Marmor hängt eine Christusfigur. Mehrere Antependien wurden von Elissa Aalto, der Frau des Architekten, entworfen.[7] Die überwiegend weiße, schlichte Kanzel steht links vom Altar an der Wand. Rechts vom Altar steht ein dreiteiliger Kerzenleuchter, ebenfalls aus Marmor.

Die von der Firma Flentrop[1] im Jahre 1965 gebaute Orgel befindet sich auf einer Empore rechts vom Altar, an die sich eine Chorempore anschließt. Das Schleifladen-Instrument hat 20 Register auf zwei Manualwerken und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind mechanisch.[8]

I Hauptwerk C–g3
1. Rohrflöte 8′
2. Prinzipal 4′
3. Spitzflöte 4′
4. Nasat 223
5. Oktave 2′
6. Mixtur III-IV
7. Trompetenregal 8′
II Brustwerk C–g3
8. Holzgedackt 8′
9. Gedacktflöte 4′
10. Waldflöte 2′
11. Oktave 1′
12. Sesquialter II
13. Zymbel I-II
14. Krummhorn 8′
Tremulant
Pedalwerk C–f1
15. Subbass 16′
16. Prinzipal 8′
17. Gedackt 8′
18. Oktave 4′
19. Glockenton IV
20. Dulcian 16′

Zwischen Altar und Orgel liegt in einer Nische die Taufkapelle mit einem Taufstein aus demselben Material wie Altar und Kerzenhalter, jedoch mit einem Betonsockel. Der Gemeinderaum ist rot gefliest, während der Chor mit grauen, länglichen Natursteinen ausgestattet ist. Der Raum ist sparsam verziert, unter anderem mit je vier Lithografien oder Radierungen Marc Chagalls aus dem umfangreichen Besitz der Kirchengemeinde. Die Ausstattung, einschließlich Details wie Lampen und Türklinken, wurde von Aalto entworfen.[1] Einige Nebenräume können über zwei Türen vom Innenraum der Kirche her erreicht werden.

Der 32 Meter hohe[9] Turm besteht aus Beton und steht nordwestlich der Kirche unmittelbar an der Straße. Die vier Glocken hängen im offenen Turm, von unten nach oben in der folgenden Reihenfolge:

  • Dominica, Schlagton es, 600 kg
  • Vespertina, Schlagton f, 430 kg
  • Pro Pace, Schlagton as, 310 kg
  • Matutina, Schlagton b, 220 kg.

Die Glocken stammen aus der Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn.[10] Nur an hohen kirchlichen Festen und an den Sonntagen der Osterzeit werden alle vier Glocken geläutet.

Westlich der Kirche steht das eingeschossige Gemeindezentrum, das mit der Kirche und dem Turm einen Platz einschließt. Es ist ebenfalls weiß mit braunen Holzelementen ausgeführt und besteht aus drei Segmenten mit geraden und runden Formen, die sich im Grundriss widerspiegeln. Die ebenfalls eingeschossige, flach gedeckte Kindertagesstätte liegt ebenfalls südwestlich des Gemeindezentrums. Südlich und damit am weitesten von der Straße entfernt befindet sich das Pastorat. Die Häuser verfügen ebenfalls über Kupferdächer. Das gesamte Ensemble steht unter Denkmalschutz. Das Gelände ist durch zahlreiche Bäume begrünt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Holger Brülls: Heilig-Geist-Kirche, Stephanuskirche, Wolfsburg. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 1999, ISBN 3-933784-43-3.
  • Nicole Froberg, Ulrich Knufinke, Susanne Kreykenboom: Wolfsburg. Der Architekturführer. Braun Publishing, Berlin 2011, ISBN 978-3-03768-055-1, S. 104–105.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Heilig-Geist-Kirche (Wolfsburg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g Baugeschichte und Ausstattung der Heilig-Geist-Kirche und des Gemeindezentrums (Memento vom 16. Februar 2016 im Internet Archive)
  2. Holger Brülls: Heilig-Geist-Kirche, Stephanuskirche, Wolfsburg. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 1999, ISBN 3-933784-43-3, S. 16.
  3. Heilig-Geist-Kirchengemeinde bei kirche-wolfsburg.de, abgerufen am 16. Januar 2013
  4. Website der Lukas-Gemeinde, abgerufen am 7. Januar 2015
  5. Informationen zu Aaltos Bauwerken in Deutschland bei dfg-sachsen-anhalt.de (PDF-Datei; 151 kB), abgerufen am 16. Januar 2013
  6. Vergessene Denkmäler der Moderne. Bericht des Evangelischen Pressedienstes vom 12. September 2012, abgerufen am 16. Januar 2013
  7. Holger Brülls: Heilig-Geist-Kirche, Stephanuskirche, Wolfsburg. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 1999, ISBN 3-933784-43-3, S. 18.
  8. Nähere Informationen zur Orgel auf der Website der Orgelbaufirma
  9. Video des Norddeutschen Rundfunks zur Heilig-Geist-Kirche, abgerufen am 17. Januar 2013
  10. Holger Brülls: Heilig-Geist-Kirche, Stephanuskirche, Wolfsburg. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 1999, ISBN 3-933784-43-3, S. 20–21.

Koordinaten: 52° 24′ 34,6″ N, 10° 46′ 11″ O