Heimlicher Lehrplan

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Der Begriff heimlicher Lehrplan oder hidden curriculum bezeichnet eine nicht offiziell vorgesehene schulische oder universitäre Sozialisation jenseits von Lehrplänen oder Schulordnungen. Dieser kann dem offiziellen Lehrplan widersprechen, wie diesen auch ergänzen.

Herkunft[Bearbeiten]

Der Ausdruck wurde in den späten 1960er Jahren geprägt und geht auf den englischen Ausdruck „hidden curriculum“ des Kulturanthropologen Philip W. Jackson (Life In Classrooms, 1968) zurück.[1] Dieser „zweite Lehrplan“ sei ein Grundkurs in den sozialen Regeln, Regelungen und Routinen, um den Weg durch die Schule, ohne großen Schaden zu nehmen, machen zu können. Die Idee von Kräften außerhalb des beabsichtigten Lehrplans finden sich bereits früher in der Literatur. So kritisierte beispielsweise der Reformpädagoge und Lehranalytiker Siegfried Bernfeld bereits 1925 das Schulwesen als Ort der Erziehung, in dem trotz der Bemühungen der Pädagogen geheime Kräfte wirken, die weit über den Unterricht hinaus reichen würden.[2]

Rolle im universitären Umfeld[Bearbeiten]

In den angelsächsischen Ländern wird betont, dass Qualität und Erfahrungen in der grundlegenden Schulausbildung wie auch die Zugehörigkeit zu sozialen Schichten, Gender und Rasse (welche in den USA nach wie vor als demographische Zuordnung erfasst wird) in der Hochschulbildung stärker zum Tragen kommen.[3] Ebenso wird eine frühe Festlegung auf vorgegebene Ausbildungswege (Tracking) als sozial determiniert angesehen und als wichtige Einschränkung der sozialen Mobilität in den Staaten angesehen.[4]

Matthias Stickler betont in einem Übersichtsartikel zur Universität als Lebensform bei Rüdiger vom Bruchs Buch zur deutschen Universitätslandschaft die wesentliche Rolle des, so wörtlich, „Treibens der Studentenverbindungen“ als Teil des heimlichen Lehrplans.[5] Im angelsächsischen Raum wird Persönlichkeitsbildung und Habitusformierung auch in den Colleges und den anschließenden Universitäten als Teil der Ausbildung angesehen. Auch die amerikanischen Fraternities und Sororities sind der Universität dabei eng verpflichtet und stehen unter deren Aufsicht. Im Gegensatz zu den englischsprachigen Colleges verschob die Humboldtsche Universitätskonzeption aber solche Aspekte der Erziehung und Habitusformierung der Studenten aus der Universität heraus.[5] Daher fand diese im deutschsprachigen Raum über lange Zeit anhand des Vorbilds oder innerhalb von Studentenverbindungen statt und war, im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, einer jugendlichen, zumeist männlichen, Selbsterziehung verpflichtet. Das studentische Brauchtum und die zugehörigen Rituale, die zeitweise bierselige Bummelei hat dabei ganz handfeste Hintergründe.[5] Eine moderne kulturwissenschaftliche Aufarbeitung wie eine nähere Beschäftigung mit Verbindungen generell gilt (Stand 2010) als wichtig, wie als bedeutende Forschungslücke.[5]

Umgekehrt wurde in Deutschland lange der freie Zugang zu den Hochschulen als wesentliche Voraussetzung für soziale Mobilität angesehen, die entscheidende Voraussetzung ist aber – wie in den angelsächsischen Ländern schon länger bekannt – die Qualität der frühen (vor)schulischen Bildung. Dies wurde unter anderem in Zusammenhang mit den PISA-Studien bestätigt. Die Relation zwischen Vorbildung der Eltern und der ausgewählten Ausbildung ist in Deutschland eindeutig höher als in anderen Industrieländern, inklusive der USA. In der Volksrepublik China, insbesondere in Shanghai ist mittlerweile der oft zitierte Zusammenhang zwischen Armut und mangelndem Zugang zu Schule und Hochschule nahezu entkoppelt.[6]

Verwendung in der deutschen Erziehungswissenschaft[Bearbeiten]

Um 1970 wurde der Begriff heimlicher Lehrplan in der Erziehungswissenschaft vornehmlich in gesellschaftskritischer Absicht verwendet. In dieser Sicht bewirke Schule eine soziale Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse; Schüler würden dazu erzogen, im gegebenen Gesellschaftssystem zu funktionieren. Die Schule habe, wie viele Institutionen, einen Doppelcharakter: zwar verspreche sie Emanzipation und Aufklärung, veranlasse die Schüler aber zu Anpassung und stabilisiere damit das herrschende „System“ bzw. in der Gesellschaft verankerte Hierarchien.

Kritik der Koedukation[Bearbeiten]

In jüngerer Zeit wird verstärkt darauf hingewiesen, dass heimliche Lehrpläne Benachteiligungen zum Beispiel aufgrund des Geschlechts oder der Herkunft bewirken oder festigen können. So wird beim Bemühen um interkulturelle Erziehung darauf hingewiesen, dass eurozentristische Unterrichtsinhalte ausländische Schüler benachteilige. Physik- wie auch Mathematik-Didaktiker bemühen sich, den heimlichen Lehrplan zu erkennen und zu verändern, der angeblich dazu führt, dass Mädchen innerhalb weniger Mittelstufenjahre ihr Interesse am Fach Physik verlören. Eine mögliche Ursache wird darin gesehen, dass trotz koedukativen Unterrichts eine traditionelle männliche Sichtweise bei der Darstellung und Aufbereitung der Unterrichtsthemen dominiere.

Vorläufer[Bearbeiten]

Dass Schule nicht nur Unterricht ist, sondern darüber hinaus gesellschaftliche Funktionen erfüllt, stellte bereits in den 1950er Jahren der Begründer der soziologischen Systemtheorie, Talcott Parsons fest, allerdings in völlig unkritischer Absicht. Er sprach von den Erfordernissen der Selektion der Schüler auf soziale Rollen und der Sozialisation im Sinne des Verinnerlichens von Rollenstandards (vgl. den recht bekannten Aufsatz Die Schulklasse als soziales System von 1955). Der Sache nach machte Eduard Spranger in seinem letzten Buch Das Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen in der Erziehung bereits 1962 auf die Tatsachen aufmerksam.

Schüler lernen nicht nur die Inhalte, die sie absichtlich lernen sollen, sondern sind auch Teil von Sozialisationsprozessen wie

  • nicht vom Lehrer gesteuerte Interaktionen in der Lerngruppe,
  • Verhalten in der Peer Group,
  • die Imitation von Vorbildern,

und Ähnlichem.

Um im System Schule zurechtzukommen, lernen Schüler Strategien und Taktiken,

  • wie man Erfolg bei Mitschülern oder bei der Lehrkraft hat,
  • wie man Unwissen verheimlicht,
  • wie man unangenehme Arbeit vermeidet,
  • wie man als Leerlauf empfundene Unterrichtszeit effektiv für Nebentätigkeiten nutzt;

und Ähnliches.

Somit geht es laut Meyer

„[…] beim heimlichen Lehrplan um die lautlosen Mechanismen der Einübung in die Regeln und Rituale der Institution; es geht darum, sich an Oben und Unten, an Gutsein und Schlechtsein, an Auffälligwerden und Durchwursteln zu gewöhnen. Um es in den gängigen Fremdwörtern zu formulieren: es geht um die Einübung in hierarchisches Denken, in Leistungskonkurrenz und Normkonformität.“

Meyer 1988, S. 65

Literatur[Bearbeiten]

  • John Taylor Gatto: Dumbing Us Down: The Hidden Curriculum of Compulsory Schooling, New Society Publishers, 2Rev. Ed. 2002, ISBN 0865714487
  • Klaus W. Döring: Lehrerverhalten. Weinheim 1989, S. 297 ff.
  • Hilbert Meyer: UnterrichtsMethoden. In: Theorieband. Frankfurt 1988, 2. Auflage.
  • Talcott Parsons: Die Schulklasse als soziales System. In: ders., Sozialstruktur und Persönlichkeit, Eschborn 1964.
  • Jürgen Zinnecker: Der heimliche Lehrplan. Weinheim 1975.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Philip W. Jackson: Philip W. Jackson: Zur Funktion der sozialen Verkehrsformen im Klassenzimmer. In: Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Der Heimliche Lehrplan. Beltz, Weinheim und Basel 1975.
  2. Siegfried Bernfeld: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, 4. Auflage Frankfurt a. M. 1981
  3. Margolis, Eric, Michael Soldatenko, Sandra Acker, and Marina Gair. “Peekaboo: Hiding and Outing the Curriculum.” The Hidden Curriculum in Higher Education. Ed. Margolis, Eric. New York: Routledge, 2001.
  4. Rosenbaum, James E. The Hidden Curriculum of High School Tracking. New York: John Wiley & Sons, 1976.
  5. a b c d Die Berliner Universität im Kontext der deutschen Universitätslandschaft nach 1800, um 1860 und um 1910 Rüdiger vom Bruch Oldenbourg Verlag, 7. Juli 2010.
  6. Chris Cook: Shanghai tops global state school rankings. In: ft.com. Financial Times, 7. Dezember 2010, abgerufen am 28. Juni 2012 (englisch).