Heinrich Andergassen

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Heinrich Andergassen bei seinem Prozess am 15. Januar 1946 in Neapel

Heinrich oder Heinz Andergassen (* 30. Juli 1908 in Hall in Tirol; † 26. Juli 1946) war ein österreichischer SS-Offizier, der für die Folterung und Ermordung von sieben alliierten Kriegsgefangenen als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet wurde. Andergassen war SS-Sturmscharführer und später SS-Untersturmführer der Gruppe Oberitalien-West.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andergassens Eltern waren August, städtischer Polizeibeamter in Hall, und Maria Andergassen, geb. Hochmuth. Sein Großvater Franz Alexander Andergassen stammte aus Kaltern. Heinz Andergassen war nicht verheiratet und hatte keine Nachkommen.[1]

Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andergassen erlernte das Maschinenschlosserhandwerk in Wattens. 1929 trat er freiwillig ins österreichische Bundesheer ein und wurde in der Kraft- und Radfahrzeuganstalt im Wiener Arsenal zum Zugsführer ausgebildet. Aus dem Bundesheer wurde er in die österreichische Bundesgendarmerie übernommen. 1937 wurde er zum österreichischen Gendarmeriebeamten ernannt. Andergassen war in Schwaz und später in Innsbruck zum Dienst eingeteilt. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde er bei der Gestapo aktiv.[2] Bei der Besetzung des Sudetenlandes war er als Gendarmeriebezirksoberwachtmeister in einer Polizei-Hundertschaft im Einsatz. Im Mai 1938 trat er der NSDAP bei. Ab Oktober 1938 wurde er bei der Staatspolizeistelle Innsbruck als Kriminalassistent eingestellt.[3] 1943, unmittelbar nach dem Einmarsch in Südtirol, wurde Andergassen zum Leiter der SD-Außenstelle Meran ernannt. Er befehligte als solcher die Verhaftung der in Meran noch anwesenden Juden. In Bozen war er Kommandeur der Sicherheitspolizei.

Die Ermordung Manlio Longons[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 15. Dezember 1944 wurde der in Südtirol tätige italienische Widerstandskämpfer Manlio Longon, Leiter des italienischen Partisanenverbands Comitato di Liberazione Nazionale, durch die SS gefangen genommen. Nach tagelanger Folter wurde er am 1. Jänner 1945 im Kellergeschoss des Bozner Armeekorps auf Befehl des Gestapo-Chefs SS-Sturmbannführer August Schiffer von Heinz Andergassen erhängt.[4]

Die Ermordung Roderick Steve Halls[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 26. Jänner 1945 wurde der seit 6 Monaten im deutschen Hinterland tätige OSS-Mitarbeiter Captain Roderick Hall [5] in Cortina d’Ampezzo gefangen genommen und zur Gestapo nach Bozen verbracht. Andergassen gab später zu, Roderick Hall auf Befehl Schiffers gemeinsam mit SS-Oberscharführer Albert Storz am 19. Februar 1945 erdrosselt zu haben.[6]

Gefangennahme und Verurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 30. April 1945 floh Andergassen gemeinsam mit Schiffer in einem Auto vor den herannahenden Alliierten Streitkräften. Er wurde jedoch gefasst und gemeinsam mit Schiffer und Storz vor einem amerikanischen Militärtribunal als Kriegsverbrecher angeklagt.[7] Bei seinem Prozess in Neapel sagte er aus, er sei sicher, dass die Ermordung Halls im vollen Wissen und mit Genehmigung der höchsten Autoritäten geschehen sei.

Andergassen wurde wegen der Ermordung und Folterung Halls und vier weiterer amerikanischer sowie zweier britischer Soldaten am 15. Januar 1946 gemeinsam mit Schiffer und Storz zum Tod durch den Strang verurteilt. Noch nach seiner Verurteilung machte Andergassen freiwillige Aussagen, in denen er seine Vorgesetzten bei der SS schwer belastete.[8] Am 26. Juli 1946 wurde er hingerichtet.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Personendaten zu Heinrich Andergassen bei den Dokumenten zu seiner Person im Bundesarchiv Berlin.
  2. Friedrich Stepanek (Hrsg.): Carmella Flöck, ...und träumte, ich wäre frei. Eine Tirolerin im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Erinnerungen an Widerstand und Haft 1938-1945. Tyrolia-Verlag, 2012, ISBN 978-3-7022-3217-7, S. 54 ff.
  3. Vgl. Handschriftlich verfasster Lebenslauf von Heinrich Andergassen bei den Dokumenten zu seiner Person im Bundesarchiv Berlin.
  4. Piero Agostini, Carlo Romeo (Hrsg.): Trentino e Alto Adige: province del Reich. Temi, 2002, S. 270.
  5. Central Intelligence Agency. Remembering OSS’ Heroes: Roderick Stephen Hall and the Brenner Pass Assignment. Abgerufen am 1. Februar 2014.
  6. Andergassens Aussage ist in Länge abgedruckt in: Anthony Quibble: Roderick 'Steve' Hall. In: Studies in Intelligence 11, 4, 1967 S. 45–78, hier ab S. 75 Online. Abgerufen am 20. April 2014
  7. National Archives and Records Administration, USA, Source Record ID: 111-SC-250504 (Album 5575), online beim United States Holocaust Memorial Museum. Abgerufen am 20. April 2014
  8. Kerstin von Lingen: Conspiracy of Silence: How the „Old Boys“ of American Intelligence Shielded SS General Karl Wolff from Prosecution. In: Holocaust and Genocide Studies 22, 200, S. 74–109, doi:10.1093/hgs/dcn004 Abgerufen am 20. April 2014
  9. 3 S.S. Officers Hanged. in: New York Times vom 27. Juli 1946, S. 5.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Beimrohr, Wilfried: Die Gestapo in Tirol und Vorarlberg, in: Tiroler Heimat. Jahrbuch für Geschichte und Volkskunde, Innsbruck 2000, S. 225.
  • Lun, Margareth: NS-Herrschaft in Südtirol, Innsbruck (u.a.) 2004, S. 146, 338, 545.
  • Steinacher, Gerald: "In der Bozner Zelle erhängt …": Roderick Hall — Einziges Ein-Mann-Unternehmen des amerikanischen Kriegsgeheimdienstes in Südtirol" (1999) Abgerufen am 23. April 2014
  • Steinacher, Gerald: Südtirol und die Geheimdienste 1943-1945, Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte, Bd. 15, Innsbruck (u.a.) 2000, S. 247–251, 255–270.
  • New York Times: Confess Killing Fliers: Germans on Trial in Naples for Murder of Americans. 11. Januar 1946, S. 2.
  • The Washington Post: Tell of Four U.S. Fliers´ Death. 11. Januar 1946, S. 9.
  • Chicago Daily Tribune: 3 Nazis to hang for Murder of 7 Allied Troops. 16. Januar 1946, S. 12.
  • New York Times: 3 Gestapo Men to Hang: Naples Court Gives Verdict in Murder of 7 Allied Soldiers. 16. Januar 1946, S. 7.
  • New York Times: Germans incensed at U.S.-Danes Pact: Germans charged with killing Allied Men in Italy. 3. Februar 1946. S. 12.
  • Los Angeles Times: S.S. Torture Trio Hanged. 27. Juli 1946, S. 5.
  • New York Times: 3 S.S. Officers Hanged: Trio Convicted of Torture-Killing of 7 Allied Soldiers in Italy. 27. Juli 1946, S. 5.