Heinrich Hannover

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Heinrich Hannover (1999)

Heinrich Hannover (* 31. Oktober 1925 in Anklam, Vorpommern) ist ein deutscher Jurist und bekannter Strafverteidiger. Hannover schrieb darüber hinaus sowohl Sachbücher als auch Kinderbücher.

Leben[Bearbeiten]

Der in der norddeutschen Kleinstadt Anklam im heutigen Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsene Arztsohn Heinrich Hannover meldete sich als 17-jähriger wie fast alle Mitschüler als Rekrut zur Wehrmacht; Hannover, der Förster werden wollte, meldete sich zur Division Herman Göring[1]. Es folgten Fronteinsätze 1944 in Italien (Nettunobrückenkopf) sowie 1945 in Schlesien und Sachsen. Bei einem dieser Einsätze überlebte Hannover eine Granatsplitterverletzung dicht neben seiner Wirbelsäule. Als er wenige Monate nach Kriegsende nach Anklam zurückkehrte, waren seine Eltern tot[1]. Durch seine Kriegserlebnisse wurde Hannover zum Pazifisten und Antimilitaristen.

Aus kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Kassel entlassen, versuchte Heinrich Hannover zunächst, seinen ursprünglichen Berufswunsch, die höhere Forstlaufbahn, zu verwirklichen. Als ehemals in Pommern zugelassener Forstanwärter wurde er jedoch in Hessen nicht übernommen, obwohl er bereits als Waldarbeiter gearbeitet hatte.

In einem Kursus für Kriegsteilnehmer holte er das Abitur nach und studierte dann an der Universität Göttingen Rechtswissenschaften. Ohne elterlichen Rückhalt finanzierte Hannover sein Studium als Werkstudent[1]. Nach dem ersten Staatsexamen, das er 1950 beim Oberlandesgericht Celle ablegte, absolvierte er das Referendariat in Bremen. Nach dem zweiten Staatsexamen wurde er dort im Oktober 1954 als Rechtsanwalt zugelassen. Vielen seiner Professoren und zahlreichen Richtern und Staatsanwälten, denen er im Studium und in der Justizpraxis begegnet war, wirft Hannover vor, ungebrochen im Nationalsozialismus begonnene Karrieren verfolgt zu haben und ihrer Gesinnung treu geblieben zu sein[1].

Hannover ist Verfasser zahlreicher Sach- und Kinderbücher, die zum Teil auch als Hörbücher eingespielt wurden, eingesprochen von Hannover selbst, sowie auch von Kindersprechern. Als Anwalt zog er sich 1995 in den Ruhestand zurück, um fortan hauptsächlich als Schriftsteller zu arbeiten. Dabei entstanden unter anderem seine Lebenserinnerungen Die Republik vor Gericht 1954–1995. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift Demokratie und Recht (DuR), welche bis 1989 im Kölner Pahl-Rugenstein Verlag erschien.

Hannover ist Vater von fünf Kindern – ein sechstes Kind verstarb im Alter von sieben Jahren an Leukämie. Die Juristin, Fernsehmoderatorin und Autorin Irmela Hannover ist seine Tochter. Heinrich Hannover lebt heute in Worpswede bei Bremen. Seine Kanzlei besteht unter dem Namen Dr. Hannover und Partner fort und betreut u.a. Guantanamo-Häftlinge.

Strafprozesse[Bearbeiten]

Politische Verfahren in der frühen Bundesrepublik[Bearbeiten]

Die ihm zu Beginn seiner Praxis zugewiesene Pflichtverteidigung eines Kommunisten im antikommunistischen Meinungsklima der frühen Bundesrepublik wurde insgesamt prägend für sein weiteres rechtsanwaltliches Wirken. Hannover vertrat die Rechte von Minderheiten, welche sich auf die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit sowie andere Grundrechte beriefen. Er verteidigte Gegner der westdeutschen Wiederbewaffnung in den 1950er Jahren und der Notstandsgesetzgebung, der amerikanischen Kriegführung in Vietnam und der Kollaboration mit ausländischen Diktatoren (sogenannte Studentenbewegung oder Außerparlamentarische Opposition) in den 1960ern. Er vertrat als Anwalt mehrere der Beteiligung an terroristischen Gewalttaten Angeklagte in den 1970ern und setzte sich für eine Änderung der [1] Haftbedingungen Ulrike Meinhofs ein. Hannover lehnte eine Vertretung von Meinhof in deren Stammheimer Verfahren wegen Differenzen in Fragen politischer Gewalt ab[1] ab. Hannover und seine Familie wurde aufgrund seiner anwaltlichen Tätigkeit für Terroristen mit einer Pressekampagne konfrontiert und anonym mit Mord bedroht[1]. In den 1990er Jahren verteidigte er Bundesvorstandsmitglieder der GRÜNEN, die zu Kriegsdienstverweigerung und Fahnenflucht im Golfkrieg aufgerufen hatten. Nach der deutschen Wiedervereinigung vertrat er auch Bürger der ehemaligen DDR, denen Landesverrat oder Mitwirkung an Wahlfälschung vorgeworfen wurde.

Hannover setzte in den 1980er Jahren auf dem ungewöhnlichen Weg des Klageerzwingungsverfahrens vor dem Oberlandesgericht gegen den Willen der Staatsanwaltschaft eine Anklage gegen einen ehemaligen SS-Funktionär durch, dem Beihilfe zu dem von Hitler befohlenen Mord an Ernst Thälmann vorgeworfen wurde, und vertrat in diesem Verfahren außerdem die Tochter des ermordeten KPD-Vorsitzenden als Nebenklägerin. Obwohl die Staatsanwaltschaft auf Freispruch plädierte, wurde der Angeklagte vor einer Strafkammer des Landgerichts Krefeld zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil wurde durch den Bundesgerichtshof aufgehoben und zu erneuter Verhandlung an das Landgericht Düsseldorf verwiesen. Dort wurde der Angeklagte freigesprochen. Im Jahr 1987 verteidigte Hannover einen der Hamburger Richter, die gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen in Mutlangen durch Sitzblockaden vor dem Depot protestiert hatten, was damals noch als Nötigung amerikanischer Soldaten verfolgt wurde. Die Vertretung von Kriegsdienstverweigerern vor Prüfungskammern und Verwaltungsgerichten bildete ebenfalls einen Schwerpunkt seiner juristischen Praxis. Auch Zeugen Jehovas, welche aufgrund ihrer religiösen Überzeugung nicht nur den Kriegsdienst an der Waffe, sondern auch den Wehrersatzdienst verweigerten, wurden von ihm in Strafverfahren vertreten.

Zu Hannovers Mandanten gehörten auch Peter Brückner, Daniel Cohn-Bendit, Bolko Hoffmann, Lorenz Knorr, Dr. Helmut Kramer, Hans Modrow, Wolf Dieter Reinhard, Otto Schily, Günter Wallraff, Gert Postel, Isang Yun und Peter-Paul Zahl; vor allem aber eine große Anzahl weniger prominenter Beschuldigter. In seinen Memoiren („Die Republik vor Gericht 1954–1995“) schreibt Hannover: „So bin ich der Anwalt der kleinen Leute, der politisch oder religiös verfemten Minderheiten, der gegen das kapitalistische System und neue Einmischung in Krieg und Völkermord aufbegehrenden Generation geworden.“

"Anwalt der kleinen Leute"[Bearbeiten]

Hannover war auch in Strafverfahren ohne politischen Bezug als Verteidiger tätig. Bundesweites Aufsehen erregte in den 1970er Jahren der in Bremen verhandelte Fall des Bauarbeiters Otto Becker, der zu Unrecht wegen Mordes an der 17-jährigen Carmen Kampa angeklagt wurde (Stern vom 7. November 1974: „Der Zeuge fuhr im Zug vorbei“). Das Verfahren, in dem Becker zunächst verurteilt wurde, endete nach erfolgreicher Revision in der zweiten Hauptverhandlung mit Freispruch, nachdem es dem Verteidiger gelungen war, eine zuvor von der Kriminalpolizei zurückgehaltene Sonderakte aufzufinden und in das Verfahren einzuführen. Hannover lenkte dadurch die Aufmerksamkeit auf einen anderen Mann, der von nun an der Tat dringend verdächtigt wurde. Erst bei der Aufklärung des Falles im Jahre 2011 wurde bewiesen, dass auch dieser Verdächtige unschuldig war und die Tat durch einen dritten Mann begangen wurde.

Wiederaufnahmeverfahren[Bearbeiten]

Im Auftrag von Rosalinda von Ossietzky, der Tochter des Herausgebers der „Weltbühne“ Carl von Ossietzky, führte Heinrich Hannover in den Jahren 1988 bis 1992 zusammen mit anderen Kollegen das Wiederaufnahmeverfahren gegen ein Landesverratsurteil des Reichsgerichts aus dem Jahre 1931 durch, das allerdings erfolglos blieb.

Ehrengerichtsverfahren[Bearbeiten]

Hannover musste sich in den Jahren 1978 bis 1984 zweier Ehrengerichtsverfahren stellen, in denen ihm vorgeworfen wurde, vom Recht der anwaltlichen Redefreiheit in standeswidriger Weise Gebrauch gemacht zu haben. Gegen diese verschiedentlich gemachten Vorwürfe, welche dann in ein Verfahren zusammengezogen wurden, verteidigten ihn der Rechtsanwalt und spätere Bundesinnenminister Otto Schily sowie Ulrich K. Preuß.

Um gegen falsche und politisch motivierte Vorwürfe in Ehrengerichtsverfahren der Rechtsanwaltskammer gefeit zu sein, ließ Hannover zahlreiche eigene Plädoyers in politischen Verfahren vor Gericht auf Tonbänder aufzeichnen, welche heute beim Deutschen Rundfunkarchiv in Frankfurt am Main archiviert und zum Teil auf CD - als Anlage zu seinem Buch „Reden vor Gericht“ - erhältlich sind[1].

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Sachliteratur:

  • Politische Diffamierung der Opposition im freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat. Verlag Pläne, Dortmund-Barop 1962.
  • Schubladentexte. Eingeleitet von Heinrich Hannover. Verlag Neue Kritik/Voltaire Verlag, Frankfurt am Main 1966.
  • Die unheimliche Republik: Politische Verfolgung in der Bundesrepublik mit Günter Wallraff. VSA-Verlag, Hamburg 1982.
  • Politische Justiz 1918 – 1933. Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main, 1966 (zusammen mit Elisabeth Hannover-Drück)
  • Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Dokumentation eines politischen Verbrechens. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1967 (zusammen mit Elisabeth Hannover-Drück)
  • Terroristenprozesse. Erfahrungen und Erkenntnisse eines Strafverteidigers,VSA-Verlag Hamburg 1991, ISBN 3-87975-575-2. .
  • Die Republik vor Gericht 1954–1975. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts. Aufbau Verlag, Berlin 1998, ISBN 3351024800.
  • Die Republik vor Gericht 1975–1995. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts. Aufbau Verlag, Berlin 1999. ISBN 3351024819.
  • Die Republik vor Gericht 1954–1995. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts. Aufbau Taschenbuch Verlag, 2005.
  • Reden vor Gericht. Plädoyers in Text und Ton. PapyRossa Verlag: Köln 2010, ISBN 978-3-89438-438-8; Rezension
  • Die Republik vor Gericht 1954-1974. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts. Prospero Verlag, Münster Berlin 2012, ISBN 978-3-941688-34-6.
  • Die Republik vor Gericht 1975-1995. Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts. Prospero Verlag, Münster Berlin 2013, ISBN 978-3-941688-41-4.

Kinderliteratur:

  • Die Birnendiebe vom Bodensee. Spaß- und Spielgeschichten. März, Frankfurt 1970.
  • Der vergeßliche Cowboy. Rowohlt, Reinbek 1980.
  • Schreivogels türkisches Abenteuer. VSA-Verlag, Hamburg 1981.
  • Der Mond im Zirkuszelt und andere Vorlesegeschichten. Rowohlt, Reinbek 1985.
  • Die Schnupfenmühle. Diesterweg, Frankfurt am Main, Berlin, München; Sauerländer, Aarau, Frankfurt am Main, Salzburg; 1985.
  • Der fliegende Zirkus. Rowohlt, Reinbek 1986.
  • Der Untergang der Vineta oder Die Geige vom Meeresgrund. Rowohlt, Reinbek 1987.
  • Als der Clown die Grippe hatte. Neue Geschichten und Gedichte, 1995.
  • Der müde Polizist. Vorlesegeschichten ab 4. Rowohlt TB-V., Reinbek 1997 (orig.: März-Verlag, Frankfurt am Main 1972).
  • Die untreue Maulwürfin, mit Manfred Bofinger (Illustrationen). Aufbau Verlag, Berlin 2000, ISBN 3351040083.
  • Das Pferd Huppdiwupp und andere lustige Geschichten. Rowohlt TB-V., Reinbek 2002, ISBN 3499212005.
  • Was der Zauberwald erzählt. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2004, ISBN 3806750688.
  • Weihnachten im Zauberwald. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006, ISBN 978-3-8067-5113-0.
  • Ein toller Zoo. ABC-Gedichte Gebundene Ausgabe, F. W. Bernstein (Illustrator). Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2008.
  • Dat Pierd Huppdiwupp. Edition Temmen, Bremen, 2010
  • As de Clown de Gripp har. Edition Temmen, Bremen, 2011
  • Das sind ja schöne Geschichten!. Gebundene Ausgabe. Monsenstein und Vannerdat, Münster 2012, ISBN 978-3-942153-11-9

Hörbücher:

  • Die Birnendiebe vom Bodensee. Spaß- und Spielgeschichten, MC, Jumbo Neue Medien & Verlag, Hamburg 1993, ISBN 978-3-89592-286-2.
  • Der fliegende Zirkus. Phantastische Geschichten aus der Manege mit Musik, MC 1–4, Jumbo Neue Medien & Verlag, Hamburg 1993/1994.
  • Als der Clown die Grippe hatte. Neue Geschichten und Gedichte, MC, Jumbo Neue Medien & Verlag, Hamburg 1993, ISBN 978-3-89592-280-0.
  • Hasentanz. Vergnügliche Geschichten und Gedichte, MC, Jumbo Neue Medien & Verlag, Hamburg 1995, ISBN 978-3-89592-047-9.
  • Dat Pierd Huppdiwupp. Geschichten auf Plattdeutsch, CD, Jumbo Neue Medien & Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-8337-2743-6.
  • Der fliegende Zirkus und andere Geschichten, CD, Jumbo Neue Medien & Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-8337-2746-7.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Thomas Darnstädt: Ein Prozeß gegen die Justiz. SPIEGEL special, 1. Oktober 1998
  • Holger Schmale (Interview): Berliner Zeitung, 12./13. August 2006
  • Willi Winkler: Der Links-Verteidiger. Süddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2007
  • Peter Henkel: Aus einer anderen Zeit. Frankfurter Rundschau, 28. September 2010
  • Gerhard Stuby: Gegen den Strich. Blätter für deutsche und internationale Politik, 11/2010
  • Peter Kirschey: Unermüdlicher Kämpfer. Neues Deutschland, 29. November 2010
  • Jürgen Hinrichs: Seine Waffe ist das Wort. Weser-Kurier, 26. September 2010.

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h DRadio Wissen, Inken Steen, 26. Februar 2012, 15.05 Uhr: Gesprächszeit. Heinrich Hannover: Rechtsanwalt und Kinderbuchautor, Interview