Heinrich Steinhöwel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Heinrich Steinhöwel: Inkunabel, gedruckt in Ulm 1473
Von den synnrychen erluchten wyben. (nach Boccaccios De mulieribus claris), im Verlag Johann Zainer, Ulm, kurz vor 1474
Buch und Leben des hochberühmten Fabeldichters Aesopi im Verlag Johann Zainer, Ulm 1476 (später kolorierter Holzschnitt)

Heinrich Steinhöwel, auch Steinhäuel oder Steinheil (* 1410/1411 in Weil der Stadt; † 1. März 1479 in Ulm) war ein deutscher Arzt, frühhumanistischer Übersetzer und Schriftsteller. Ab 1450 wirkte er als Stadtarzt in Ulm.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Steinhöwel wurde nach neueren Erkenntnissen 1410 oder 1411 geboren.[1] Er studierte seit 1429 Medizin in Wien, wo er 1436 Magister wurde. Weiter studierte er ab 1438 in Padua und promovierte dort 1443 zum Doktor der Medizin. Schon 1442 war er Rector artistarum in Padua gewesen.

Ab 1444 unterrichtete er an der Universität Heidelberg Medizin. Seit 1446 praktizierte er in seiner Heimatstadt Weil, und 1449 war er Stadtarzt in Esslingen am Neckar.

1450 wurde Steinhöwel zunächst für sechs Jahre und dann mit verlängertem Vertrag zum Stadtarzt von Ulm bestallt,[2] wo er 1479 verstarb. Parallel zu dieser Tätigkeit wirkte er als Leibarzt verschiedener Fürsten, u. a. des Grafen Eberhard von Württemberg und im Jahr 1454 für Philipp den Guten von Burgund.

In der Übergangszeit von spätem Mittelalter zur Renaissance wuchs auch das Interesse an der klassischen römischen und griechischen Kultur. Steinhöwel war spätestens seit seiner Niederlassung in Ulm Mittelpunkt eines Kreises humanistisch gesinnter Männer in Schwaben wie (Niklas von Wyle oder Antonius von Pforr) und arbeitete auch als Übersetzer aus dem Lateinischen und Herausgeber antiker Texte.

Steinhöwel übersetzte unter anderem die metrische Bearbeitung des antiken Romans Apollonius von Tyrus durch Gottfried von Viterbo sowie Werke von Petrarca.

1471 erschien bei Günther Zainer in Augsburg seine deutsche Übersetzung von Petrarcas lateinischer Bearbeitung der Griseldis-Novelle aus Boccaccios Decameron' (Dec. X, 10).

Anschließend holte Steinhöwel den Bruder seines Augsburger Druckers Johann Zainer nach Ulm, der vermutlich mit Steinhöwels finanzieller Unterstützung 1472 eine Erstdruckerei in Ulm einrichtete.[3]

Als erstes Druckwerk in Ulm erschien am 11. Januar 1473 Steinhöwels "Das Büchlein der Ordnung der Pestilenz".

Noch im selben Jahr 1473 erschien eine lateinische und bald darauf eine deutsche Übersetzung von Boccaccios "De claris mulieribus", beide mit zahlreichen qualitätvollen Holzschnitten.

Um 1476 veröffentlichte Steinhöwel seine berühmte und einflussreiche zweisprachige Sammlung äsopischer Fabeln nach verschiedenen lateinischen Fassungen : Buch und Leben des hochberühmten Fabeldichters Aesopi im Verlag von Johann Zainer in Ulm. Dem lateinischen Text ist eine deutsche Prosaübersetzung beigegeben.[4] Der Ulmer Aesop von 1476 hat einige weitere Fabelsammlungen der späteren Jahrhunderte inspiriert. Das 550 Seiten umfassende Werk ist mit 191 Holzschnitten und zahlreichen Initialen versehen.[5] Die Holzschnitte entstanden zur Blütezeit des Ulmer Holzschnittes, sie zeichnen sich durch hohe Plastizität, einen sicheren Umgang mit Räumlichkeit und charakteristischen Darstellung der Tiere und Menschen, bis hin zur Stimmung wiedergebender Mimik, aus.

Den „Ulmer Aesop“ würzte Steinhöwel mit einer Lebensbeschreibung des Aesop, Erzählungen von Petrus Alphonsus und Poggios. Die Erzählungen Poggios – amouröse Abenteuer verheirateter Frauen – bewirkten, dass der Esopus zu einem Bestseller seiner Zeit wurde. Die Kehrseite der Medaille war allerdings die Verurteilung dieser Unterhaltungsliteratur. Martin Luther, der die wegen ihrer lehrhaften Wirkung beliebte Fabel förderte, war gleichzeitig ein Kritiker dieser Ausgabe.

Heinrich Steinhöwel hat durch seine relativ freien und auf den Sinn ("ad sensum") bezogenen Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Deutsche großen Einfluss auf die Entwicklung einer gehobenen deutschen Schriftsprache ausgeübt. Seine in den Einleitungen publizierten Äußerungen über seine Prinzipien der Übersetzung zählen zu den frühen theoretischen Äußerungen der Renaissance zum Problem des Übersetzens und damit implizit des Kulturtransfers.[6]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Philipp StrauchSteinhöwel, Heinrich. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 35, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 728–736.
  • Nikolaus Henkel: Heinrich Steinhöwel. In: Stephan Füssel (Hrsg.): Deutsche Dichter der frühen Neuzeit 1450–1600. Berlin 1993, S. 51–70.
  • Tina Terrahe: Heinrich Steinhöwels „Appolonius“. Edition und Studien-.,Berlin 2013 (hier aktueller Überblick über den Stand der Forschung, Link zu Kapitel über Steinhöwel als Autor bei Google-Books)
  • Tina Terrahe: Poetologische Transformationen bei Heinrich Steinhöwel. In: Regina Toepfer, Johannes Klaus Kipf, örg Robert (Hrsg.): Humanistische Antikenübersetzung und frühneuzeitliche Poetik in Deutschland (1450–1620). Berlin/Boston 2017, S. 439–460.
  • Gerd Dicke: Heinrich Steinhöwels Esopus und seine Fortsetzer: Untersuchungen zu einem Bucherfolg der Frühdruckzeit. Tübingen, 1994.
  • Aesopus: vita et fabulae: Der Ulmer Aesop von 1476/77. Aesops Leben und Fabeln sowie Fabeln und Schwänke anderer Herkunft ... 3 Bde. Ludwigsburg 1992–1995. Hier besonders Bd. 3: Peter Amelung: Kommentar zum Faksimile. Ludwigsburg 1995.
  • Lilli Fischel: Bilderfolgen im frühen Buchdruck. Studien zur Inkunabel-Illustration in Ulm und Strassburg. Konstanz [u. a.] 1963.
  • Carl Ehrle: Dr. Heinrich Stainhöwel's regimen sanitatis. In: Deutsches Archiv für Geschichte der Medicin und medicinische Geographie 4, 1881, (Neudruck Hildesheim und New York 1971) S. 121–128, 209–223, 322–332 und 416–436.
  • Paul Joachimsohn: Frühhumanismus in Schwaben, In: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 5 (1896), S. 63–126 und 257–291, hier zu Steinhöwel besonders S. 116 ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tarrahe 2013, S. 14. Die schriftlichen Quellen wurden zuvor von Gerd Dicke gesichtet: Gerd Dicke: Neue und alte biographische Bezeugungen Heinrich Steinhöwels. Befunde und Kritik. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 120, H. 2, (1991), S. 156–184.
  2. Hermann Klemm: Die rechtliche und sociale Stellung der Ärzte in der Reichsstadt Ulm. In: Ulm und Oberschwaben; Mitteilungen des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben. Heft 26, 1929.
  3. Peter Amelung: Humanisten als Mitarbeiter der Drucker am Beispiel des Ulmer Frühdrucks, in: Fritz Krafft und Dieter Wuttke (Hg.), Das Verhältnis der Humanisten zum Buch (= Mitteilung /Kommission für Humanismusforschung 4), Boppard 1977, S. 129–144.
  4. Heinrich Steinhöwel, Aesopus: Vita et Fabulae. Ulm 1476. Faksimile und Kommentar von P. Amelung (Edition Libri Illustri). [Kommentarband und Druck]. Graz 1992.
  5. R. Muther: Deutsche Buchillustration der Gothik und Frührenaissance, Leipzig und München 1894, Bd. 2. Wilhelm Worringer: Buch und Leben des hochberühmten Fabeldichters Äsopi, München 1925.
  6. Hans J. Vermeer: Das Übersetzen in Renaissance und Humanismus (15. und 16. Jahrhundert). 2 Bde. Heidelberg 2000, hier Bd. 1, S. 549–568 mit Literaturangaben
  7. Tina Terrahe: Heinrich Steinhöwels „Appolonius“. Edition und Studien. Berlin 2013.
  8. Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW04486). Marburger Repertorium zur Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus. Zu den Illustrationen: Lilli Fischel: Bilderfolgen im frühen Buchdruck. Studien zur Inkunabel-Illustration in Ulm und Strassburg. Konstanz [u. a.] 1963. Kristina Domanski: Lesarten des Ruhms: Johann Zainers Holzschnittillustrationen zu Giovanni Boccaccios „De mulieribus claris“. Köln/Weimar 2007.
  9. Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW00351). Marburger Repertorium zur Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus Faksimile und Kommentar von P. Amelung (Edition Libri Illustri). [Kommentarband und Druck]. Graz 1992. Zu den Illustrationen: Lilli Fischel: Bilderfolgen im frühen Buchdruck. Studien zur Inkunabel-Illustration in Ulm und Strassburg. Konstanz [u. a.] 1963.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wikisource: Heinrich Steinhöwel – Quellen und Volltexte