Rio-Reiser-Platz

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Rio-Reiser-Platz
Coat of arms of Berlin.svg
Platz in Berlin
Rio-Reiser-Platz
Westseite des Platzes
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Kreuzberg
Angelegt 19. Jahrhundert
Hist. Namen Heinrichplatz
Einmündende Straßen Oranienstraße,
Mariannenstraße
Nutzung
Nutzergruppen Straßenverkehr
Technische Daten
Platzfläche rund 4400 m²

Der Rio-Reiser-Platz ist ein zentraler Berliner Platz im früher als „SO 36“ bezeichneten Teil Kreuzbergs des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Er ist nach dem Sänger Rio Reiser (1950–1996) benannt.

Der quadratische Platz liegt südlich des Mariannenplatzes, wo er von den sich kreuzenden Straßenzügen Oranienstraße und Mariannenstraße diagonal durchquert wird. Von 1849 bis August 2022 trug der Stadtplatz den Namen Heinrichplatz.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Namensgebung und Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. April 1849 gab die Stadt Berlin dem kleinen Platz den Namen des Prinzen Heinrich von Preußen, einem Großmeister der preußischen Johanniter und jüngeren Bruder des Königs Friedrich Wilhelm III. Die erste Schreibweise nach der Namensgebung war Heinrichs-Platz.[1] Zu dieser Zeit waren dem Stadtplatz keinerlei Adressen oder Parzellen zugeordnet. Im Jahr 1860 wurde lediglich das Privathaus des Maurermeisters Kunst hier angegeben. Als Platz mit postalischer Adresse kommt er im Weiteren in den Adressverzeichnissen nicht wieder vor. Allerdings wechselte später die Schreibweise.

Der Platz und die angrenzenden Abschnitte der Oranienstraße bildeten von Ende der 1990er bis Ende der 2000er Jahre den Mittelpunkt der Kreuzberger Ausschreitungen am 1. Mai, seit 2003 außerdem ein Zentrum des als kulturelles Gegenprogramm entwickelten Myfests. Auch die erste Gemüseschlacht zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, die seit 1998 jährlich auf der Oberbaumbrücke durchgeführt wird, fand 1995 auf dem damaligen Heinrichplatz statt und wurde von den Kämpfern der KPD/RZ gewonnen.

Überregionale Bekanntheit erreichte der Platz auch durch seine traditionsreichen Cafés und Kneipen. Zentrale Szenen des Romans Herr Lehmann und seiner Verfilmung spielen sich in der Kneipe Zum Elefanten am Heinrichplatz ab. Der ebenfalls am Heinrichplatz ansässigen Kneipe Zum goldenen Hahn setzte Bernd Kramer in zwei Büchern[2] ein Denkmal. Kramer und Thomas Kapielski hatten bei der UNESCO beantragt, die Kneipe auf die Liste des Weltkulturerbes zu setzen. Das traditionsreiche Café Jenseits des Künstlers Clement de Wroblewsky schloss Ende 2009 aufgrund von Mieterhöhungen des neuen Hausbesitzers und Vorschriften des Rauchverbotes.[3]

Umbenennung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2017 stellte Die PARTEI in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Friedrichshain-Kreuzberg einen Antrag auf Umbenennung des Heinrichplatzes in Arbeitsplatz. Der Antrag wurde mit fünf Dafürstimmen, zwölf Gegenstimmen und einer Enthaltung abgelehnt.[4]

Im Jahr 2018 gab es eine schriftliche Befragung von Anwohnern und außerdem auf einer Beteiligungsveranstaltung im November 2019 eine Umfrage über die Benennung eines Platzes im historischen Postzustellbezirk SO 36 nach dem Sänger Rio Reiser.[5] Nachdem sich eine Mehrheit für die Umbenennung des Heinrichplatzes in Rio-Reiser-Platz ausgesprochen hatte, wurde das Ergebnis als Beschlussempfehlung in die BVV eingebracht.[6] An der geplanten Umbenennung kritisierten Anwohner die hohen Kosten für die Umbenennung und die Wahl eines männlichen Namenspatrons für den Platz. Ziel des Bezirks ist es eigentlich, bei Neu- und Umbenennung vor allem Frauen zu ehren, da der Anteil an Straßen und Plätzen mit weiblichen Namensträgern nur rund zehn Prozent beträgt. Der Bezirk nannte Reisers offen gelebte Homosexualität, für die damalige Zeit mutig, und eine gewünschte stärkere Präsenz von LGBTQ-Personen im Straßenbild als Begründung.[7]

Am 27. November 2019 beschloss die BVV mit großer Mehrheit, den Platz in Rio-Reiser-Platz umzubenennen. Dies sollte im Rahmen einer Feier zum 70. Geburtstag Reisers im September 2020 geschehen, wurde aber aufgrund der COVID-19-Pandemie ausgesetzt.[8] Anschließend war die Umbenennung für den 12. Juni 2021 geplant, wurde jedoch wegen der Einsprüche von Anwohnern bis zu einer juristischen Klärung erneut verschoben.[9]

Die Umbenennung fand schließlich im Rahmen eines Festaktes am 21. August 2022 statt,[10] an dem auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) teilnahm, die von 1982 bis 1985 Managerin der Band Ton Steine Scherben war. Die Band, deren Mitglied Reiser vor seiner Solokarriere gewesen war, spielte zu Ehren Reisers einige ihrer Lieder.[7]

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick von der Südseite auf die Häuser Oranienstraße 10–14

Die an den Platz angrenzenden Mietshäuser (Oranienstraße 12–18 auf der Nord- und 191–198 auf der Südseite) wurden (bis auf das in den 1980er Jahren neuerrichtete Gebäude Oranienstraße 195) zwischen 1860 und 1866 erbaut. Alle Gebäude sind Bestandteil des unter Denkmalschutz stehenden Bauensembles Oranienstraße.[11] Ebenfalls denkmalgeschützt ist der um 1905 nach einem Entwurf von Alfred Grenander erbaute Kiosk auf dem Platz.[12] Schräg gegenüberliegend vom Kiosk befand sich ein historisches Pissoir, das 1989/1990 zur Instandsetzung abgetragen wurde; eine Wiederaufstellung erfolgte allerdings nicht.

Von der Mariannenstraße Ecke Skalitzer Straße zu sehen ist das Wandbild Astronaut Cosmonaut des französischen Streetart-Künstlers Victor Ash, das sich auf der Brandwand eines am Platz stehenden Wohnhauses befindet.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ehemalige Name Heinrichplatz wird in dem Lied Hurra die Welt geht unter von K.I.Z und Henning May erwähnt, ebenso in Sebastian Lotzers Begrabt mein Herz am Heinrichplatz[13]. Quetschenpaua besang 1993 im Lied Ufo die Landung eines solchen auf dem Heinrichplatz. Die Berliner Band Il Civetto veröffentlichte 2021, ein Jahr vor der Umbenennung, das Lied Rio-Reiser-Platz.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Rio-Reiser-Platz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinrichs-Platz. In: Berliner Adreßbuch, 1850, Teil 2, S. 49.
  2. Geschichte & Geschichten „Zum Goldenen Hahn“ (3. Auflage 2007) und Mit dem Flachmann auf Tuchfühlung (2007)
  3. Existenzielle Bedrohungen sind nicht lustig. In: taz.
  4. Auszug – Umbenennung von Heinrichplatz in Arbeitsplatz. Abgerufen am 29. März 2019.
  5. „Ein Platz für Rio Reiser?!“ Diskussions- und Beteiligungsveranstaltung, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg Pressemitteilung Nr. 258 vom 4. November 2019. abgerufen 28. November 2019
  6. Stefan Hunglinger: Rio-Reiser-Platz in Berlin-Kreuzberg: Im Hausbesetzerland. In: Die Tageszeitung: taz. 8. November 2019, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 9. November 2019]).
  7. a b Berlin benennt Kreuzberger Heinrichplatz in Rio-Reiser-Platz um. In: Der Tagesspiegel Online. 21. August 2022, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 21. August 2022]).
  8. Kriss Rudolph: Der Rio-Reiser-Platz in Berlin kommt später. In: Mannschaft Magazin. 18. August 2020, abgerufen am 8. Oktober 2020.
  9. Umbenennung von Heinrichplatz in Rio-Reiser-Platz vorerst geplatzt. In: Der Tagesspiegel. 3. Juni 2021, abgerufen am 4. Juni 2021.
  10. Berlin bekommt Rio-Reiser-Platz. In: Der Tagesspiegel. 2. August 2022, abgerufen am 4. August 2022.
  11. Eintrag des Ensembles Oranienstraße in der Berliner Denkmalliste
  12. Eintrag des Kiosks Heinrichplatz in der Berliner Denkmalliste
  13. Sebastian Lotzer - Begrabt mein Herz am Heinrichplatz. buecher.de, abgerufen am 25. November 2022.

Koordinaten: 52° 30′ 0,9″ N, 13° 25′ 23,1″ O