Heinz Häfner

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Heinz Häfner (* 20. Mai 1926 in München) ist ein deutscher Psychiater. Er ist Gründer des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häfner studierte Medizin, Psychologie und Philosophie in München. Seine ärztliche Tätigkeit führte ihn über Tübingen, München und London schließlich 1958 nach Heidelberg. 1967 erhielt Häfner den Ruf auf den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Fakultät für Klinische Medizin (seit 2008 Medizinische Fakultät) Mannheim der Universität Heidelberg.

Schon sehr früh bemühte er sich um die Psychiatrie-Reform im Nachkriegs-Deutschland und die Humanisierung des Umgangs der Gesellschaft mit ihren psychisch Kranken. 1965 publizierte er eine Denkschrift über die Notlage der Versorgung psychisch Kranker in Deutschland, worin die Empfehlungen der Psychiatrieenquête 1975 in wesentlichen Teilen bereits vorweggenommen worden waren. Mit Caspar Kulenkampff und Walter Picard (MdB) bereitete er die Sachverständigenkommission Psychiatrie (1970–1975) der Bundesregierung vor und wirkte als stellvertretender Vorsitzender an ihrer Leitung mit. Von 1976 bis 2008 beriet er als Experte für Mental Health die WHO und war Vorsitzender oder Mitglied zahlreicher internationaler Expertenkommissionen. Von 1974 bis 1983 gehörte Häfner dem Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland an, zunächst als Mitglied des Ausschusses Medizin, später als dessen Vorsitzender und als Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommissionen. Häfner ist Ehrenmitglied zahlreicher nationaler und internationaler Fachgesellschaften.

Er ist Initiator und war erster Direktor des Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, mit dem er seine Vision einer gemeindenahen Versorgung psychisch kranker Menschen umsetzen konnte. In den 19 Jahren seiner Leitung konnte Häfner das Zentralinstitut zu einem nationalen Forschungsinstitut aufbauen, das bald auch international Beachtung fand. Er initiierte zwei erfolgreiche Sonderforschungsbereiche 1972–1985 und 1987–1998 der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf dem Gebiet der psychiatrischen Epidemiologie und den Erklärungsmodellen psychischer Krankheiten.

Ein Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit war schon sehr früh die Epidemiologie psychischer Störungen, er untersuchte Folgen extremer Belastung bei ehemaligen Konzentrationslagerhäftlingen und die Häufigkeit von Gewalttaten psychisch Kranker in Deutschland, sowie Verteilung und Ursachen suizidalen Verhaltens in der Bevölkerung. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war die systematische Untersuchung von Früherkennung und Verlauf der Schizophrenie.

2004 gingen seine Forschungsergebnisse über die psychische Erkrankung des Bayernkönigs Ludwig II. international durch die Medien und 2008 folgte nach einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Fritz Thyssen- und der Robert Bosch Stiftung seine Analyse des psychiatrischen Gutachtens über den König und des fragwürdigen Entmachtungs- und Entmündigungsverfahrens die Publikation der Ergebnisse in seinem Buch Ein König wird beseitigt: Ludwig II. von Bayern.

Ehrungen, Auszeichnungen und Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Änderung von Konstitutionsmerkmalen bei endogenen Psychosen nach Schock- und Krampftherapie, München 1949 (Dissertation)
  • Grundlagen und Gegensätze des Menschenbildes bei Max Scheler und Arnold Gehlen, München 1951 (Dissertation)
  • Schulderleben und Gewissen. Beitrag zu einer personalen Tiefenpsychologie, Klett. Stuttgart 1956.
  • Psychopathen. Daseinsanalytische Untersuchungen zur Struktur und Verlaufsgestalt von Psychopathien, Springer, Berlin [u. a.] 1961. (Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie, 94)
  • (mit Walter Ritter von Baeyer & Karl Peter Kisker): Psychiatrie der Verfolgten. Psychopathologische und gutachtliche Erfahrungen an Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und vergleichbarer Extrembelastungen, Springer, Berlin [u. a.] 1964.
  • Realität und Wirksamkeit des Bösen, Echter-Verlag, Würzburg 1965. (Studien und Berichte der Katholischen Akademie in Bayern, 34)
  • (Hrsg.): Psychiatrische Epidemiologie. Geschichte, Einführung und ausgewählte Forschungsergebnisse, Springer, Berlin [u. a.] 1978, ISBN 3-540-08629-3. (Monographien aus dem Gesamtgebiete der Psychiatrie, 17)
  • (Hrsg.): Estimating needs for mental health care. A contribution of epidemiology, Springer, Berlin [u. a.] 1979, ISBN 3-540-09425-3.
  • (Hrsg.): Gerontopsychiatrie, Fischer, Stuttgart [u. a.] 1981, ISBN 3-437-10679-1.
  • (Hrsg.): Forschung für die seelische Gesundheit. Eine Bestandsaufnahme der psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Forschung und ihre Probleme in der Bundesrepublik Deutschland, Springer, Berlin [u. a.] 1983, ISBN 3-540-12099-8.
  • Psychische Gesundheit im Alter. Der gegenwärtige Stand der Forschung über Art, Häufigkeit und Ursachen seelischer Krankheiten im Alter und über die Möglichkeiten ihrer Vorbeugung und Behandlung, Fischer, Stuttgart [u. a.] 1986, ISBN 3-437-11021-7. (Bericht an das Bundesministerium für Forschung und Technologie)
  • (Hrsg.): Search for the causes of schizophrenia, 5 Bände, Springer, Berlin 1987–2005.
  • (mit Wolfram an der Heiden und Bertram Krumm): Die Wirksamkeit ambulanter psychiatrischer Versorgung. Ein Modell zur Evaluation extramuraler Dienste, Springer, Berlin [u. a.] 1989, ISBN 3-540-50868-6. (Monographien aus dem Gesamtgebiete der Psychiatrie, 56)
  • Psychiatrie. Ein Lesebuch für Fortgeschrittene, Fischer, Stuttgart [u. a.] 1991, ISBN 3-437-00640-1.
  • (Hrsg.): Psychische Krankheiten und Hirnfunktion im Alter, Fischer, Stuttgart [u. a.] 1992, ISBN 3-437-11417-4. (Aktuelle Psychiatrie, 8)
  • (Hrsg.): Was ist Schizophrenie?, G. Fischer, Stuttgart [u. a.] 1995, ISBN 3-437-11602-9.
  • (Hrsg.): New Research in Psychiatry, Hogrefe and Huber, Seattle [u. a.] 1996, ISBN 0-88937-174-1.
  • Ist es alles nur die Krankheit? Neuere Ergebnisse aus der Schizophrenieforschung, Springer, Berlin [u. a.] 2000, ISBN 3-540-67494-2. (Schriften der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 7)
  • (Hrsg.): Risk and protective factors in schizophrenia. Towards a conceptual model of the disease process, Steinkopff [u. a.], Darmstadt 2002, ISBN 3-7985-1365-1.
  • Das Rätsel der Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt. 3., vollständig überarbeitete Auflage, C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52458-3.
  • Ein König wird beseitigt. Ludwig II. von Bayern. C. H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56888-6. 2. Aufl., 2011, ISBN 978-3-406-61784-3
  • (mit Staudinger UM) (Hrsg.): "Was ist Alter(n)? Neue Antworten auf eine scheinbar einfache Frage." Springer, Berlin [u. a.], 2008, ISBN 978-3-540-76710-7. (Schriften der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 18)
  • Schizophrenie. Erkennen, Verstehen, Behandeln, C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-58797-9.
  • (mit Konrad Beyreuther und Wolfgang Schlicht) (Hrsg.): Altern gestalten. Medizin - Technik - Umwelt, Springer, Berlin [u. a.] 2010, ISBN 978-3-642-14352-6. (Schriften der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 21).
  • (mit Hans Martini) (Hrsg.): "Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Gründungsgeschichte und Gegenwart", C.H. Beck, München, 2011. ISBN 978-3-406-62968-6
  • (mit Bechdolf, A., Klosterkötter, J., Maurer, K.) (Hrsg.): "Psychosen - Früherkennung und Frühintervention. Der Praxisleitfaden" Schriftenreihe Kompetenznetz Schizophrenie. Schattauer Verlag. ISBN 978-3-7945-2704-5.
  • (mit Kielmansegg, P.) (Hrsg.): Alter und Altern - Wirklichkeiten und Deutungen. Springer, Berlin [u. a.] 2012, ISBN 978-3-642-24831-3. (Schriften der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 22).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. TUD vergibt am 19. Juni 2013 erste Bühler-Ehrenmedaille an Prof. Heinz Häfner beim Informationsdienst Wissenschaft (idw-online.de); abgerufen am 18. Juni 2013
  2. Prof. Heinz Häfner, Gründer des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim, erhält die höchste Auszeichnung der DGPPN, die Wilhelm-Griesinger-Medaille der DGPPN 2013. In: dgppn.de. Abgerufen am 17. November 2015.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]