Heinz Kindermann (Theaterforscher)

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Heinz Kindermann (* 8. Oktober 1894 in Wien; † 3. Oktober 1985 ebenda) war ein österreichischer Theater- und Literaturwissenschaftler sowie Kulturhistoriker. Er gehört zu den prominenten Vertretern der Ideologie des Nationalsozialismus in seinem Fach und gilt als „einer der wichtigsten Literaturwissenschaftler des ‚Dritten Reiches‘“.[1] Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Kindermann deshalb zeitweilig Lehrverbot, bevor er wieder zum Leiter des Instituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien ernannt wurde. Er wich fortan jeder Diskussion über die NS-Zeit aus und vertrat eine „objektivistische“ Geisteswissenschaft. Kindermanns Œuvre verblüffte Zeitgenossen sowohl durch seinen monumentalen Umfang (seine Theatergeschichte Europas umfasst 10 Bände) als auch durch seine thematische Vielfalt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heinz Kindermann studierte an der Universität Wien Germanistik, Romanistik, Skandinavistik und Philosophie. Er wirkte nach seiner Promotion über den Schriftsteller Hermann Kurz[2] im Rahmen der Volksbildung und wurde als Referent im Unterrichtsministerium mit den Agenden des Burgtheaters betraut. 1924 habilitierte er sich über Jakob Michael Reinhold Lenz („Lenz und die europäische Romantik“) und wurde 1926 zum Ordinarius für deutsche Sprache und Literatur an der Technischen Hochschule Danzig.

Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1936 wurde Kindermann auf Anordnung des Reichserziehungsministeriums – gegen den Willen der philosophischen Fakultät – mit einer ordentlichen Professur des neu gegründeten Lehrstuhls für deutsche Literatur- und Theatergeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster beauftragt. 1937 wurde er dort Direktor des Germanistischen Seminars.

Kindermann, der seit 1933 Mitglied der NSDAP und förderndes Mitglied der SS war,[3] vertrat eine „volkhafte Lebenswissenschaft“, die „undeutsche Literaturprodukte“ ausschloss und damit der Ideologie der Nationalsozialisten entsprach, was sich in vielen seiner Publikationen zwischen 1933 und 1945 niederschlug. Er unterzeichnete im November 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler.[4] 1933 gab Kindermann die Schrift "Des Deutschen Dichters Sendung in der Gegenwart" heraus, deren Zusammenstellung NS-Autoren sowie NS-Spitzenfunktionäre enthielt. Im Geleitwort zur Festschrift zum 60. Geburtstag des Reclam-Verlages lobte Kindermann 1936 die nationalsozialistische Literatur und "Rassenidee" und hob die Rolle der NS-Kultur hervor. Seine wissenschaftlichen Arbeiten waren von einer antiziganistischen, antislawischen und antisemitischen Haltung gekennzeichnet.[5] Er wagte sich auch auf das Gebiet der naturwissenschaftlichen Empirie: Die „biologische Bewertung des Schrifttums“ „infolge unserer rassenhygienischen Einsichten“ sei ein „volksbiologischer Vorgang“ (Dichtung und Volkheit, 1939).

Nach dem „Anschluss“ Österreichs stellte er 1939 eine umfangreiche „Anschluß-Anthologie“ mit dem Titel Heimkehr ins Reich. Großdeutsche Dichtung aus Ostmark und Sudetenland 1866–1938 für den Leipziger Reclam-Verlag zusammen. Kindermann schrieb als Herausgeber in der Einführung: „Mit der Heimkehr der Ostmark und des Sudetenlandes ins Großdeutsche Reich erfüllte sich ein Tausendjahr-Gesetz deutschen Blutes“.

1939 erschien Kindermanns antisemitisch geprägtes Buch über das Wiener Burgtheater, Das Burgtheater. Erbe und Sendung eines Nationaltheaters im Adolf Luser-Verlag, in dem er unter anderem den „jüdischen Einfluss“ auf das Burgtheater analysierte, was später zu heftigen Vorhaltungen führte.[6] Kindermann konnte nach dem Krieg nachweisen, dass zumindest Teile daraus vom „Amt Rosenberg“ gegen seinen Willen verändert worden waren und er wurde als „nicht belastet“ entnazifiziert.[7]

1943 wurde Kindermann als ordentlicher Professor an das Institut für Theaterwissenschaft der Universität Wien berufen, das im Zuge der nationalsozialistischen Kulturpolitik unter der Ägide des Reichsstatthalters Baldur von Schirach gegründet worden war. Heinz Kindermann gehörte wie Adolf Bartels, Franz Koch, Hellmuth Langenbucher, Walther Linden (1895–1943), Arno Mulot, Josef Nadler und Hans Naumann zu den führenden Literaturwissenschaftlern des „Dritten Reiches“, die immer wieder zu einer „neuen ‚nationalsozialistischen Dichtung‘“ aufriefen.[8][9]

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1945 musste Kindermann wegen des NS-Verbotsgesetzes den Lehrstuhl räumen. Nach interimistischer Leitung des Instituts durch Eduard Castle (bis 1949) und Friedrich Kainz (bis 1954) erhielt er die Position jedoch noch vor dem Abzug der Besatzungsmächte 1954 zurück und hatte sie bis zu seiner Emeritierung 1966 inne.[10][11] In den späten 1940er Jahren wurde ein Spendenkonto der „Freunde von Heinz Kindermann“ eingerichtet, um ihn in der Zeit des Berufsverbots finanziell zu unterstützen.[12]

Kindermann war bald rehabilitiert. Bereits im Jahr 1954 wurde er planmäßig zum außerordentlichen Professor der Theaterwissenschaft der Universität Wien ernannt und Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft. 1959 wurde er ordentlicher Professor und 1970 emeritiert.[13]

In der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik wurden zahlreiche von Kindermann verfasste und einige von ihm herausgegebene Schriften auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[14][15][16][17][18]

Nachdem Kindermann während des Nationalsozialismus hauptsächlich kulturpolitische Schriften verfasst hatte, widmete er sich nach dem Krieg ausschließlich der Kulturgeschichte und verfasste ein monumentales, noch heute in manchen Belangen grundlegendes Werk, eine breit angelegte zehnbändige Theatergeschichte Europas. Er gab auch das vielbändige Handbuch der Kulturgeschichte heraus und schrieb über das Theaterpublikum des Mittelalters und der Antike.

In der Neujahrsjahr-Ausgabe der Neuen Wiener Tageszeitung erörterte Heinz Kindermann zweieinhalb Monate nach der Wiedereröffnung des Burgtheaters Gedanken über „Burgtheaterprobleme – heute und morgen“. Mit moderateren Worten führte er einen missionarischen Millenarismus fort, den er während der NS-Zeit vertreten hatte. Zehn Jahre nach dem Ende des „tausendjährigen Reiches“ beschwor Kindermann das „Riesenreservoir der zweitausendjährigen Weltdramatik der Vergangenheit“: „In diesem Bereich aber erwartet die Dramaturgen des Burgtheaters eine Aufgabe, die, so schwierig sie anmuten mag, gelöst werden muss, wenn das Burgtheater sich nicht nur in ausgefahrenen Bahnen bewegen soll. Jedes Zeitalter nimmt nämlich ein anderes Auswahlprinzip aus dem Zweitausendjahr-Reservoir vor.“[19].

Spätere Werke Kindermanns wurden stellenweise als „Wiedergutmachungsversuche“ gedeutet, waren als solche aber weder explizit noch wurden sie als solche deklariert.[20] Dem Dialog über die NS-Zeit wich Kindermann bis zuletzt aus. Er wollte seine Vergangenheit vergessen machen und charakterisierte seine Jahre der Entnazifizierung als "peinliche Zwischenzeit".[21]

Kindermann hatte drei Söhne, den Politikwissenschaftler Gottfried-Karl Kindermann, den langjährigen Innenpolitikredakteur der "Kronen Zeitung" Dieter Kindermann († 18. April 2014)[22] und den Opernregisseur Heinz Lukas-Kindermann.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Kurz und die deutsche Übersetzungskunst im neunzehnten Jahrhundert. Literarhistorische Untersuchung, Stuttgart 1918
  • J. M. R. Lenz und die Deutsche Romantik. Ein Kapitel aus der Entwicklungsgeschichte romantischen Wesens und Schaffens, Wien u.a. 1925
  • Das literarische Antlitz der Gegenwart, Halle 1930
  • Goethes Menschengestaltung. Versuch einer literarhistorischen Anthropologie, Berlin 1932
  • Klopstocks Entdeckung der Nation, Danzig 1935
  • Die deutsche Gegenwartsdichtung im Aufbau der Nation, Berlin 1936
  • Dichtung und Volkheit. Grundzüge einer neuen Literaturwissenschaft. Berlin 1937, 2. Aufl. 1939
  • Das Burgtheater. Erbe und Sendung eines Nationaltheaters, Wien u.a. 1939.
  • Die Weltkriegsdichtung der Deutschen im Ausland, Berlin 1940
  • Ferdinand Raimund. Lebenswerk u. Wirkungsraum eines deutschen Volksdramatikers, Wien u.a. 1940
  • Die deutsche Gegenwartsdichtung im Kampf um die deutsche Lebensform, Wien 1942
  • Theater und Nation, Leipzig 1943
  • Hölderlin und das deutsche Theater, Wien 1943
  • Theatergeschichte der Goethezeit, Wien 1948
  • Das Goethebild des XX. Jahrhunderts, Wien u.a. 1952, 2. Aufl. 1966
  • Hermann Bahr. Ein Leben für das europäische Theater, Graz u.a. 1954
  • Theatergeschichte Europas, 10 Bde., Salzburg 1957–1974
  • Das Theaterpublikum der Antike / des Mittelalters / der Renaissance, Salzburg 1979–1984

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Margret Dietrich (Hrsg.): Regie in Dokumentation, Forschung und Lehre. Festschrift für Heinz Kindermann zum 80. Geburtstag 1974. O. Müller, Salzburg 1974.
  • Klaus Dermutz: Das Burgtheater 1955–2005. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005. ISBN 978-3-552-06022-7
  • Wolfram Nieß: Von den Chancen und Grenzen akademischer Selbstbestimmung im Nationalsozialismus: Zur Errichtung des Instituts für Theaterwissenschaft 1941–1943, in: Mitchell G. Ash, Wolfram Niess, Ramon Pils (Hrsg.): Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus: Das Beispiel der Universität Wien. V&R unipress, Göttingen 2010, 225-246, Auszüge online
  • Andreas Pilger: Nationalsozialistische Steuerung und die "Irritationen" der Literaturwissenschaft. Günther Müller und Heinz Kindermann als Kontrahenten am Münsterschen Germanistischen Seminar. In: Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus, hrsg. v. Holger Dainat u. Lutz Danneberg. Niemeyer, Tübingen 2003. S. 107–126. (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur; 99) ISBN 3-484-35099-7
  • Andreas Pilger: Germanistik an der Universität Münster. Von den Anfängen um 1800 bis in die Zeit der frühen Bundesrepublik. Synchron, Heidelberg 2004. ISBN 3-935025-48-3
  • Dagmar Wiltsch: Heinz Kindermanns Theater-Schriften in der NS-Zeit. Magisterarbeit Erlangen-Nürnberg 1994.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eva-Maria Gehler: Weibliche NS-Affinitäten: Grade der Systemaffinität von Schriftstellerinnen im »Dritten Reich«. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, S. 30.
  2. Katalogzettel Universitätsbibliothek Wien
  3. Roman Pfefferle, Hans Pfefferle, Glimpflich: Entnazifiziert. Die Professorenschaft der Universität Wien von 1944 in den Nachkriegsjahren. Schriften des Archivs der Universität Wien, Wien 2014, S. 293
  4. Bekenntnis, S. 132
  5. Späte NS-Aufarbeitung http://science.orf.at/stories/1706253/
  6. In: Klaus Dermutz: Das Burgtheater 1955–2005, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2005.
  7. Brief der Theaterwissenschaftlerin Margret Dietrich an Heinrich Schnitzler, den Sohn des Schriftstellers Arthur Schnitzler, vom 10. Oktober 1952, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 15948/17.
  8. Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im NS-Staat. Von der Gleichschaltung bis zum Ruin. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 390.
  9. Uwe Baur, Karin Gradwohl-Schlacher: Literatur in Österreich 1938–1945: Handbuch eines literarischen Systems. Band 3: Oberösterreich. Böhlau Verlag, Wien 2014, S. 270.
  10. Institut für Theaterwissenschaft, Geschichte
  11. Institut für Theaterwissenschaft, 50 Jahre Institut für Theaterwissenschaft (PDF; 29 kB)
  12. Späte NS-Aufarbeitung http://science.orf.at/stories/1706253/
  13. Roman Pfefferle, Hans Pfefferle, Glimpflich entnazifiziert. Die Professorenschaft der Universität Wien von 1944 in den Nachkriegsjahren, v&r unipress, Wien 2014, S. 293
  14. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-k.html
  15. http://www.polunbi.de/bibliothek/1948-nslit-k.html
  16. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-s.html
  17. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-i.html
  18. http://www.polunbi.de/bibliothek/1953-nslit-k.html
  19. Zitiert in Dermutz: Das Burgtheater, Wien 2005.
  20. Hilde Haider: 50 Jahre Institut für Theaterwissenschaft, Wien 1993.
  21. Roman Pfefferle, Hans Pfefferle, Glimpflich entnazifiziert. Die Professorenschaft der Universität Wien von 1944 in den Nachkriegsjahren, v&r unipress, Wien 2014, S. 23
  22. [1]