Heinz Nigg

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Heinz Nigg vor dem Denkmal für das Autonome Jugendzentrum (AJZ) in Zürich. Foto: Urs Jaudas, 2015

Heinz Nigg (* 23. August 1949 in Zürich) ist ein Schweizer Ethnologe, Kulturvermittler und Exponent des partizipativen Videoschaffens[1]. 1980 dokumentierte er den Beginn der Jugendunruhen in Zürich.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nigg wuchs mit zwei Geschwistern in Zürich auf. Seine Eltern stammten aus einer Arbeiter- und einer Bauernfamilie in Maienfeld im Kanton Graubünden. Die Mutter war Hausfrau und arbeitete als Schneiderin. Der Vater war als Vermieter in einer Stiftung für preisgünstiges Wohnen tätig.

1967/68 weilte Nigg für ein Jahr als Austauschschüler in den USA, wo er in Chicago und San Francisco vom Aufbruch der 68er-Bewegung, den Hippies und Yippies, zu künstlerischem Schaffen und politischem Engagement inspiriert wurde.[2] Von 1969 bis 1976 studierte er an der Universität Zürich Geschichte, Politikwissenschaft und Ethnologie, war Aktivist in der Jugendbewegung und in der lokalen widerständigen Kunstszene. Er verfasste Ausstellungsbesprechungen über Konzeptkunst und Minimal Art für den Tages-Anzeiger und die Kunstnachrichten, eine Zeitschrift für internationale Kunst. 1974 reiste er als Assistent von Johannes Gachnang, Direktor der Kunsthalle Bern, nach New York,[3] wo er den Künstler On Kawara kennenlernte und Bezugsperson in dessen Projekt I Got Up wurde. 1975 beteiligte er sich als Mitarbeiter von Isi Fiszman an der internationalen Kunstaktion Salto Arte in Brüssel.[4] Von 1976 bis 1979 lebte Nigg in London, wo er eine ethnographische Feldforschung über den Gebrauch audiovisueller Mittel in Community Action und Community Organizing durchführte, die 1980 als Dissertation erschien[5] und in Grossbritannien als Buchpublikation vertrieben wurde[6]. Von 1979 bis 1980 war er Lehrbeauftragter am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich.[7] Wegen einer umstrittenen Videodokumentation über den Opernhauskrawall wurde ihm eine weitere Lehrtätigkeit an der Universität verwehrt.[8][9]

Video Opernhaus-Krawall, Zürich 1980. Projektgruppe Community Media

Seit 1980 ist Nigg freiberuflich als Ethnologe und Kulturschaffender tätig. Seine Schwerpunkte sind soziale Bewegungen, Videoarbeit mit Gruppen[10], Partizipation in der Stadtentwicklung und die Darstellung von Migrations- und Mobilitätserfahrungen durch Selbstzeugnisse. Heinz Nigg arbeitet vor allem mit Porträts, basierend auf der Methode der Oral History. 2017 kuratierte Nigg für das Schweizerische Nationalmuseum die Ausstellung Rebel Video über die alternative Videobewegung der 1970er- und 1980er-Jahre in der Schweiz und Grossbritannien[11][12]. Er beschäftigt sich auch immer wieder mit Medienkunst und Fotografie.[13]

Heinz Nigg ist Vater eines Sohnes und lebt mit seiner Partnerin in Zürich.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Autor oder Herausgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rebel Video. Die Videobewegung der 1970er- und 1980er-Jahre. London, Basel, Bern, Lausanne und Zürich. Zürich 2017, Verlag Scheidegger & Spiess, ISBN 978-3-85881-556-9.
  • Rebel Video. The Video Movement of the 1970s and 1980s. London, Basel, Bern, Lausanne, and Zurich. Zurich 2017, Verlag Scheidegger & Spiess, ISBN 978-3-85881-801-0.
  • Global Town Baden. 30 Porträts aus einer urbanen Region. Zürich 2010, Limmat Verlag, ISBN 978-3-85791-617-5.
  • Wir sind wenige, aber wir sind alle. Biografien aus der 68er-Generation in der Schweiz. Zürich 2008, Limmat Verlag, ISBN 978-3-85791-546-8.
  • Wir wollen alles, und zwar subito. Die Achtziger Jugendunruhen in der Schweiz und ihre Folgen. Mit Videokompilation auf DVD und Website. Zürich 2001, Limmat Verlag (vergriffen), ISBN 3-85791-375-4.
  • Da und fort. Leben in zwei Welten. Immigration und Binnenwanderung in der Schweiz. Zürich 1999, Limmat Verlag, ISBN 3-85791-331-2.
  • Zusammen mit Martin Heller und Claude Lichtenstein. Letten it be. Eine Stadt und ihr Problem. Zürich 1995, Schriftenreihe 19 des Museums für Gestaltung, ISBN 3-907065-58-1.
  • Zusammen mit Margrit Bürer. VIDEO: Videoarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Zürich 1990: Pro Juventute Verlag, vergriffen, ISBN 3-7152-0186-X.
  • Zusammen mit Graham Wade. Community Media. Community Communication in the UK:video, local TV, film, and photography. A documentary report on six groups. Zurich/London 1980: Regenbogen Verlag. ISBN 3-85862-010-6.

Beiträge in Sammelbänden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Achtziger – Porträt einer Bewegung. In: Peter Bichsel, Silvan Lerch: Autonomie auf A4. Wie die Zürcher Jugendbewegung Zeichen setzte. Flugblätter 1979–82. Zürich 2017, Limmat Verlag, S. 233–240, ISBN 978-3-85791-833-9.
  • Sans-papiers on their March for Freedom 2014: how refugees and undocumented migrants challenge Fortress Europe. In: Interface. A journal for and about social movements. Vol 7 (1): i–iv (May 2015) Movement practise(s), pp. 263–288.
  • Augenöffner: Raubkunst und Fluchtgut erinnern an den Holocaust. In: Thomas Buomberger, Guido Magnaguagno (Hrsg.): Schwarzbuch Bührle. Raubkunst für das Kunsthaus Zürich? Zürich 2015, Rotpunktverlag, S. 217–231, ISBN 978-3-85869-664-9.
  • Youth Protest Media in Switzerland. In: John D.H. Downing (Ed.): Encyclopedia of Social Movement Media. Thousand Oaks, California 2011, SAGE Publications, pp. 555–558, ISBN 978-0-7619-2688-7.
  • Die Revolution findet auch im Saal statt. In: Urs Kälin, Stefan Keller, Rebekka Wyler (Hrsg.): Hundert Jahre Volkshaus Zürich. Bewegung. Ort. Geschichte. Zürich 2010, hier + jetzt, S. 72–81, ISBN 978-3-03919-149-9.
  • Die alternative Videobewegung – ein transnationales Phänomen. In: Urs Berger, Ruedi Bind, Julia Zutavern, Adam Szymczxk (Hrsg.): Filmfront(al). Der experimentelle und politische Film der 1970er- und 1980er-Jahre in Basel. Basel 2010, Friedrich Reinhardt Verlag, S. 27–32, ISBN 978-3-7245-1657-6.
  • Gewalt und symbolischer Widerstand in den Jugendunruhen der Achtzigerjahre. In: Sønke Gau, Katharina Schlieben. Spektakel, Lustprinzip oder das Karnavaleske? Ein Reader über Möglichkeiten, Differenzerfahrungen und Strategien des Karnavalesken in kultureller/politischer Praxis. Berlin 2008, b_books, S. 141–150, ISBN 978-3-933557-78-0.
  • Die Xenixen. Vier Porträts aus einem multikulturellen Kino in Zürich. In: Veronika Grob, René Moser, Beat Schneider (Hrsg.): XENIX – Kino als Programm. Zürich 2006, Schüren Verlag, S. 68–93, ISBN 3-89472-403-X.
  • Express yourself. Video als widerständische Praxis in der Jugendbewegung der 1980er-Jahre. In: Andreas Broekmann, Rudolf Frieling (Hrsg.): Bandbreite. Medien zwischen Kunst und Politik. Berlin 2004, Kulturverlag Kadmos, S. 69–74, ISBN 3-931659-65-8.
  • Zusammen mit Elsbeth Kuchen. «Jungi mached Fernseh!» Videoarbeit mit Kindern und Jugendlichen, Zürich, Sommer 1980. In: CINEMA. Unabhängige schweizerische Filmzeitschrift, 26. Jahrgang, Nummer 3/80, S. 23–31.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. dazu Participatory video und Gegenöffentlichkeit.
  2. Die 68er-Bewegung in den USA wurde filmisch vom Newsreel Collective dokumentiert. Die Filmdokumente sind einzusehen im Archiv von Third World Newsreel, New York.
  3. Heinz Nigg: Eine Kunstreise nach New York. Tages-Anzeiger Magazin Nr. 2, 11. Januar 1975, S. 26–29
  4. Videodokumentation von Salto Arte auf der Online-Plattform Le Salon
  5. Heinz Nigg and Graham Wade: Community Media. Community Communication in the UK: video, local TV, film, and photography. A documentary report on six groups. Regenbogen Verlag, 1980, abgerufen am 2. Februar 2018 (englisch).
  6. Peter Fiddick. Putting the word around. In: Guardian, UK, May 13, 1980. Link: https://theguardian.newspapers.com/image/259514282/?terms=community%2Bmedia%2Bwade%2Bnigg
  7. Vgl. Rolf Probala: Videointerviews zur Geschichte der Ethnologie in Zürich. Mit Annik Tonti, Danielle Bazzi, Hanspeter Müller, Heinz Nigg und Mario Erdheim. Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich, Zürich 2016, online.
  8. Christian Schmid: Mit Video die Stadt erforschen. In: Heinz Nigg. Rebel Video. Die Videobewegung der 1970er- und 1980er-Jahre. Zürich 2017: Scheidegger & Spiess, S. 232 ff. Als Videoporträt einsehbar auf der Online-Plattform Rebel Video, deutsch und englisch untertitelt.
  9. Jonathan Benthall. The Attack on Professor Loeffler. RAIN. Royal Anthropological Institute News, London 1981, Number 43
  10. Zusammen mit Margrit Bürer, vgl. Videoarbeit mit Kindern und Jugendlichen.
  11. Schweizer Fernsehen SRF Tageschau. Videos aus den Achtzigern im Landesmuseum. 19.08.2017, 19:30 Uhr. Link: https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/videos-aus-den-achtzigern-im-landesmuseum?id=8160ea67-dfa2-4d7d-9f72-b1900642fa11&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7
  12. Katrin Schregenberger. "Züri brännt" war nicht nur ein Video. Es war Politik. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 31.8.2017. Link: https://www.nzz.ch/feuilleton/rebel-video-im-landesmuseum-wie-das-politische-video-zuerich-entflammte-ld.1313274
  13. Heinz Nigg: Miavista und Kunst des Sehens