Hellenisten

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Hellenisten gelten in der neutestamentlichen Theologie die griechischsprechenden Juden bzw. Judenchristen aus der Diaspora, die einen griechischen Namen und griechische Bildung hatten. Sie haben eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung des Christentums gespielt.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Hellenisten ist eine westeuropäische Wortschöpfung und kommt etymologisch aus dem Griechischen. Hellas ist einer von mehreren Namen für Griechenland, der heute bei den "Hellenen" Verwendung findet. Bis in die Neuzeit jedoch wurden Begriffe für ein angebliches "Land der Griechen" kaum verwendet.
Hellenismus (= wörtl. "Griechentum") meint das griechische Volk oder im übertragenen Sinne seine Kultur. In der Wissenschaft wird mit Hellenismus eine Epoche bezeichnet, die mit Alexander dem Großen ca. 330 v.Chr. begann. Während bis dahin das griechische Siedlungsgebiet sich von Süditalien über Sizilien bis in den Ägäischen Raum und das Marmarameer erstreckte, war seit dieser Zeit, insbesondere an den Küsten südlich und östlich der Ägäis (Schwarzes Meer) eine deutlich intensivierte Siedlungsaktivität der Griechen zu beobachten. Aber auch an den übrigen Mittelmeerküsten entstehen über viele Jahrhunderte Städte, wo eingewanderte Griechen mit den Völkern jenseits der Küsten intensiv in kulturellen Kontakt treten. Dieser Kulturaustausch wird auch nicht durch die Machtübernahme der Römer im 3. und 2. Jhdt v.Chr. gestört, sondern in manchen Fällen (z.B. mit den Juden) sogar katalysiert.
In der römischen Theologie dient heute der Begriff um zwischen Hellenen und hellenisierten Juden zu unterscheiden. Für die Entstehung des Christentums steht hier also nicht die kulturelle Einheit des Hellenismus, sondern die rassische Abgrenzung im Vordergrund. So werden die in den Paulusbriefen und der Apostelgeschichte des Lukas erwähnten Hellenen in der römischen Kirche nun gemeinsam mit der sehr kleinen Zahl hellenisierter Juden als Hellenisten, also als nicht-Hellenen uminterpretiert.

Im Griechischen hingegen bezeichnet man mit "Hellenist" lediglich einen auf den Hellenismus spezialisierten Historiker.

Personen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Namentlich bekannt sind Stephanus, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, die als Sieben-Männer-Gremium der Gemeinde vorstanden und als die „Sieben Diakone“ in die Geschichte eingingen.

Darüber hinaus könnte man auch Paulus und Barnabas zu dieser Gruppe zählen, auch wenn sie ursprünglich wohl hebräische Namen trugen. Paulus Mitarbeiter Timotheus und Lukas gehören auf jeden Fall dazu, sein Mitarbeiter Titus ist offenbar Heidenchrist, und damit kein Hellenist im eigentlichen Sinne.

Ein bekannter Hellenist ist auch Apollos, der zwar mit Paulus gearbeitet hat, sonst aber ein eigenständiger Theologe gewesen ist.

Theologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hellenisten kommen aus dem Hellenistischen Judentum, das bereits eine intensive Auseinandersetzung mit dem jüdischen Glauben geführt hat. Dabei wurde versucht, dem Judentum das Stigma einer Volks- oder Stammesreligion zu nehmen, und als altehrwürdige und doch gleichzeitig moderne Weltanschauung zu etablieren. Dabei wurde auch vor einer allegorischen Interpretation der hebräischen Bibel, des Tanachs, nicht halt gemacht.

Die christlichen Hellenisten gehen dann einen entscheidenden Schritt weiter. Merkmal ihrer Theologie ist eine radikale Kritik an allem, was mit den Händen gemacht ist, sie fordern ein geistliches Christentum. Deshalb sind sie kritisch gegenüber dem Jerusalemer Tempel und manchem Ritual- und Reinheitsgesetz.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die radikale Tempelkritik der Hellenisten führte dazu, dass sie die ersten waren, die von den jüdischen Machthabern verfolgt wurden, jedenfalls gilt Stephanus als der erste Märtyrer in der Kirchengeschichte. Dazu kamen soziale Probleme: Durch die Ablehnung des Tempels waren die Witwen der Hellenisten nicht in die Witwenversorgung des Tempels integriert und mussten extra versorgt werden. Die Wahl der sieben Diakone sollte das Problem lösen.

Sie waren die ersten, die Mission unter den nichtjüdischen Griechen und Römern betrieben, möglicherweise sogar begünstigt durch die Verfolgung und Vertreibung aus Jerusalem. Zentren waren Samaria, Antiochia, später auch Rom, Ephesus und Alexandria sowie viele weitere Städte des Mittelmeerraumes.

Grund für ihren Erfolg war die sprachliche und kulturelle Angepasstheit an die Umwelt, die konsequente Nutzung der modernen Kommunikationsmittel wie Postwesen und Handelsrouten, Philosophenschulen und Synagogen, Symposien und Rhetorik.

Sie waren in Antiochia die ersten, die als Christen bezeichnet wurden. Sie wurden zur prägenden Kraft der frühesten Kirche, während die palästinischen Judenchristen immer mehr an Einfluss verloren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Kraus: Zwischen Jerusalem und Antiochia. Die „Hellenisten“, Paulus und die Aufnahme der Heiden in das endzeitliche Gottesvolk. Stuttgart 1999, ISBN 3-460-04791-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]