Helmut Ammann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Helmut Ammann (* 21. Oktober 1907 in Shanghai; † 28. Januar 2001 in Pöcking am Starnberger See) war ein Schweizer Bildhauer, Maler, Graphiker und Glasmaler.

Der Schweizer Helmut Ammann, geboren 1907 in Shanghai als Sohn des Gründers und Leiters der dortigen Deutschen Medizinschule Prof. Dr. Waldemar Ammann, aufgewachsen in Berlin, lebte seit Anfang der dreißiger Jahre in München, wo er sechzig Jahre lang als freier Bildhauer arbeitete. Der chinesische Geburtsort prägte zeitlebens sein fernöstlich-philosophisches Denken, sein großbürgerliches protestantisches Elternhaus seine tiefe Gläubigkeit. Beides war für seine Arbeiten von großer Wichtigkeit.

Helmut Ammann beim Porträtieren

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon als Jugendlichen faszinierten Helmut Ammann Rezitation und Theater, Musik und Malerei, die er zu seinem Beruf machen wollte. Diese musische Grundbildung formte in vielfältiger Weise auch seine späteren Arbeiten. Ein Aufenthalt in Paris ermöglichte ihm 1927 Studien bei so bedeutenden Bildhauern wie Émile-Antoine Bourdelle, Ossip Zadkine und Charles Despiau. 1930–1932 folgte ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin bei den Professoren Otto Hitzberger und Wilhelm Gerstel, 1933 schlossen sich Grafikstudien an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Professor Adolf Schinnerer an. Seit 1942 stand er mit dem Münchner Bildhauer Karl Knappe in einem intensiven künstlerischen Dialog.

Die Jahre 1933 bis 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Schweizer Staatsbürger war er von den Maßnahmen des NS-Regimes wenig betroffen. Er leistete kurze Wehrübungen in der Schweiz ab und musste nicht in den Krieg ziehen. Er gehörte jedoch zum ferneren Freundeskreis der „Weißen Rose“: Alexander Schmorell, der Bildhauer werden wollte, bewahrte sein Werkzeug in Ammanns Atelier auf. Bei zwei Treffen vor der Verhaftung der studentischen Widerstandsgruppe war das Ehepaar Ammann zusammen mit den Geschwistern Scholl, Christoph Probst, Professor Kurt Huber zu einem geselligen Abend unter Freunden und Künstlern in der Kaulbachstraße eingeladen. Warnungen vor übereiltem, unüberlegtem Vorgehen blieben ungehört.- Ein Bombentreffer zerstörte 1943 sein Münchner Atelier, woraufhin Ammann mit seiner Frau Carmen bis 1947 nach Castell in Unterfranken evakuiert wurde.

Reaktionen auf den Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Ammann sagte, er habe „seine Waffen“ gegen den Krieg erst nach 1945 gefunden. Er schuf einige Werke, die als rückblickende Zeitkommentare zu bewerten sind: „Die Klage“, der „Schmerz“, „Kain und Abel“ und andere mehr. Vor allem sein Mahnmal gegen den Krieg in Pöcking am Starnberger See aus dem Jahre 1983 fasst Mahnung und Erinnerung in eine bewegende Form. Ein „politischer Künstler“ war er jedoch nicht.

Familie und Freunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Ammann war von 1935 bis 1976 mit Carmen Inés Stubenrauch verheiratet, als Tochter deutscher Eltern in Valparaíso, Chile, geborenen. Carmen war in der Kunst Vorbild für viele seiner Frauengestalten. Nach ihrem Tode lebte Ammann noch über 20 Jahre mit Gisela Krauss van Erkelens, die auch die Betreuung seiner Werke übernahm. Helmut Ammann pflegte intensive Künstlerfreundschaften, so mit den Malern und Literaten des Seerosenkreises, mit dem Pianisten Claudio Arrau oder dem Maler, Glasfensterkünstler und Musiker Franz Grau. Mit einigen evangelischen Dekanen und Pfarrern wie dem Würzburger Wilhelm Schwinn, Dietrich Barnstein aus Bad Honnef oder dem Theologieprofessor Richard Riess fühlte er sich über das theologische Gespräch und den freundschaftlichen Umgang tief verbunden. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Architekten wie Reinhard Riemerschmid (1914–1996) oder Olaf Andreas Gulbransson beim Wiederaufbau von Kirchen basierte auch auf persönlicher Freundschaft.

Werk und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bildnerische und zeichnerische Arbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Ammann war in vielen Materialien zu Hause: Er arbeitete in Holz, Stein und Bronze, er setzte Steinmosaike und Glasfenster, er war Maler und Grafiker Er fertigte zahlreiche Holzschnitte und Radierungen. Zudem entstanden weit über 5000 Skizzen „Anonymer Zeitgenossen“ in der Bahn, in Cafés oder auf Tagungen. Für seine Frau Carmen zeichnete er über 25 Jahre „Morgengrüße an Carmen“, ein originelles phantasievolles grafisches Tagebuch, von dem etwa 800 Blätter erhalten sind. In der Seerosen-Zeit entstanden von ihm Schüttelverse wie (erinnert von Irene Hallmann(-Strauss)): Kein Mensch hat zu übertünchen Mut, / was Lothar Diez für München tut.

im Auftrag der evangelischen Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Evangelische Kirche war für den freien Bildhauer Helmut Ammann fast dreißig Jahre lang wichtigster Auftraggeber: Die gestalterische Lösung von Altären, Leuchtern, Taufsteinen, Kirchenfenstern stand von den 1930ern bis weit in die 1960er Jahre im Mittelpunkt seines Lebens und Schaffens. Dafür gewann er auch etliche große Wettbewerbe. Über einen Zeitraum von 60 Jahren entstanden über 70 große Kirchenfenster in 25 Kirchen in Deutschland, so in der Christuskirche und in der Lutherkirche München, in der Ansgariikirche Bremen, in der Weilheimer Apostelkirche, in der Schlosskirche Meisenheim und der gotischen Klosterkirche Lambrecht / Pfalz oder auch in Nürnberg. Ferner schuf er zahlreiche große Holzschnitzwerke wie die Kreuzigungsgruppe in St. Stephan oder den Wiederkehrenden Christus in St. Johannis in Würzburg, ferner große Kruzifixus und Flügelaltäre in Bielefeld, Hof, Marxgrün oder München.

im öffentlichen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im öffentlichen Raum finden sich Werke wie „Die Verstrickung“ (1977, Europäisches Patentamt, München), die „Drei Zeitungsleser“ für den Presseclub in Bonn (1982), in Starnberg die Holzskulptur „Nepomuk“ (1981) oder in der Evangelischen Akademie in Tutzing die Figurengruppe „Das Gespräch“. Für die Ehrenhalle des Deutschen Museums schuf er die Marmorbüsten der Physiker Werner Heisenberg, 1991, und Otto Hahn, 1976, für das Kantonsspital Schaffhausen / Schweiz die große Steingruppe „Ross und Wächter“ aus Muschelkalk, 1959/61. Für Heinz Rühmann entstand 1995 der Grabstein, ein Bronzeband auf Travertin.

als Porträtist[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Porträtist bekannter Persönlichkeiten schuf er weit über 100 eindringliche Arbeiten in Bronze und Stein. Er porträtierte den Dirigenten Hans Knappertsbusch (1966, Prinzregententheater München), den Regisseur und Intendanten Wieland Wagner (1968, Stadthalle Bayreuth) und den Pianisten Jan Odé (1969, Musikkonservatorium); die Schriftsteller Leonhard Frank (1963, Gewerkschaftshaus Würzburg), Martin Gregor-Dellin (1986, Privatbesitz) und Heinz Flügel (1976); den Unternehmer Rolf Rodenstock (1987, Industrie- und Handelskammer, München), den Wirtschaftspolitiker David Hansemann (1987, Deutscher Industrie- und Handelstag in Bonn) und den Banker Ernst Matthiensen (1972, Investmentinstitut Frankfurt, Privatbesitz New York); den Universitätsprofessor für Dermatologie Alfred Marchionini (1965, Universitätsklinik München) und den Universitätsprofessor für Chemie Heinz A. Staab (1993, Max-Planck-Gesellschaft, München).

poetisch-literarische Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Helmut Ammann war das Tagebuchschreiben ein Medium der künstlerischen Reflexion: Aufgabe des Bildhauers ist es, "Gegenwart" zu schaffen, so dass Vergangenheit und Zukunft in ihr aufgehen. Die Intensität des Handelns im Stoff schafft Spuren der Gegenwärtigkeit, die dann gleich sind der Gegenwärtigkeit des Handelns. Bei der Arbeit versenkte er sich wie in einer Meditation; das Tagebuch ermöglichte ihm die nötige Distanz. Im Tagebuch notierte Helmut Ammann vielfältige künstlerische Überlegungen, auf die er später zurückgreifen konnte und die ihm ein wichtiger Ideenfundus waren. Er vermochte in einer präzisen, philosophisch durchdrungenen und gleichzeitig zutiefst poetischen Sprache die Gedanken zu formulieren, die er für sein Schaffen brauchte. Das Tagebuch wird so zum Spiegel eines Lebens, das ganz und gar auf das schöpferische Tun ausgerichtet war. Zugleich schrieb er zahlreiche Vorträge und Reflexionen zur Kunst, ein umfängliches autobiografisches Romanfragment, zahlreiche Gedichte und Erzählfragmente.

Ausstellungen und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1976 in der Katholischen Akademie in München
  • 1979 „Retrospektive“ im Museum Schaffhausen
  • 1982 Presseclub Bonn
  • 1987 „Entwicklungen“ im Ignaz-Günther-Haus in München
  • 1987 „Das neue Gesicht“ im Schweizerhaus in München (zum 80. Geburtstag)
  • 1997 „Retrospektive zum 90. Geburtstag“ in den Kunsträumen der Dresdner Bank in München.

Gruppenausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

mit der Neuen Münchner Künstlergenossenschaft im Haus der Kunst (seit 1950; auch Juror für Abt. Skulptur), mit den Künstlern der Seerose, aber auch z.B. auf den Evangelischen Kirchentagen in Nürnberg (1979), Düsseldorf (1985) oder Frankfurt (1987)

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1966 Schwabinger Kunstpreis, München
  • 1971 Albert-Schweitzer-Preis für Kunst, Amsterdam
  • 1984 Pygmalionmedaille: Preis der deutschen Kunststiftung der Wirtschaft, München
  • 1995 Großer Preis der Bayerischen Volksstiftung, München

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Texte des Künstlers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Ammann/Robert M. Helmschrott, Rufe, Texte, Töne, Bilder zur Meditation, München 1985
  • Helmut Ammann, Gedichte in Stein, Memmingen 1987
  • Helmut Ammann, Geheime Grundstrukturen und sonderbare Konjunkturen des Zufalls, in: Richard Riess (Hg.), Drei Zeilen trage ich mit mir. Worte, die ein Leben begleiten, Freiburg im Breisgau 1995, S. 178–183.
  • Werktagebücher, herausgegeben von Erich Kasberger
    • Helmut Ammann. Der ganze Himmel ist mit tausend Offenbarungen in mich gefallen und ich in ihn …. Werktagebücher eines Bildhauers und Malers, Bd. 1, 1921–1965, München 2007
    • Helmut Ammann. Spur und Siegel meiner Jahre …. Werktagebücher Bd. 2, 1966–1996, München 2007
    • Helmut Ammann. Fragmente, Zyklen, Reflexionen. Werktagebücher Bd. 3, 1966–1996, München 2015
    • Helmut Ammann, Morgengrüße an Carmen, Werktagebücher Bd. 4, 1950–1976, München 2009
    • Helmut Ammann, GlasFensterKunst, Werktagebücher Bd. 5, 1934–1992, München 2017

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erich Kasberger, Helmut Ammann. Bildhauer, Maler, Grafiker, München 1997
  • Erich Kasberger/Marita Krauss, Jakob in der bildenden Kunst am Beispiel von Helmut Ammann, in: Richard Riess (Hg.), Ein Ringen mit dem Engel. Essays, Gedichte und Bilder zur Gestalt des Jakob, Göttingen 2008, S. 205–212.
  • Ausstellungsobjekte in den Katalogen zu den Großen Kunstausstellungen im Haus der Kunst München, 1950 bis 1960
  • Neue Blicke auf die Glasfenster von Helmut Ammann in der Christuskirche München-Neuhausen, herausgegeben 2015 von der Stiftung Christuskirche München mit Fotos von Isabella Krobisch

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Helmut Ammann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien