Helmut Gröttrup

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Helmut Gröttrup im Jahr 1958 in Bremen bei der Erläuterung des Grundprinzips der Rakete

Helmut Gröttrup (* 12. Februar 1916 in Köln; † 4. Juli 1981 in München) war deutscher Ingenieur. Er arbeitete als Steuerungsfachmann im deutschen Aggregat 4 (V2)-Projekt und für die sowjetische Raketenentwicklung, danach als Informatiker an der Entwicklung elektronischer Identifikationssysteme und trug entscheidend zur Erfindung der Grundlagen der Chipkarte bei.[1]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Gröttrups Vater Johann Gröttrup (1881–1940) war Ingenieur für Maschinenbau. Er arbeitete hauptberuflich beim Bund der technischen Angestellten und Beamten (Butab), einer sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaft in Berlin. Seine Mutter Thérèse Gröttrup (1894–1981), geb. Elsen, war in der Friedensbewegung aktiv. Johann Gröttrup wurde 1933 arbeitslos. Helmut Gröttrup machte 1935 das Abitur und begann 1936 ein Physik-Studium an der Technischen Hochschule Berlin. Im gleichen Jahr wurde er vom Wehrbezirkskommando als „tauglich“ eingestuft und bis 1939 zurückgestellt. 1939 schloss er sein Studium in der Fachrichtung Physik mit sehr gut ab. Seine Diplomarbeit schrieb er bei Prof. Hans Geiger über Zählrohrphysik, die er ebenfalls mit sehr gut abschloss. Nach seinem Studium arbeitete er im „Forschungslaboratorium für Elektronenphysik“ in Berlin-Lichterfelde bei Manfred von Ardenne, das er Ende September 1939 verlassen musste, um einem Gestellungsbefehl nach Peenemünde zu folgen.

A4 (V2)-Projekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Dezember 1939 war Helmut Gröttrup Entwicklungsingenieur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde für die Gebiete Messtechnik, Funkmesswertübertragung, Fernsteuerung und autonome Steuerungen. Als Assistent des Entwicklungschefs Wernher von Braun war Gröttrup am Bau der Großrakete Aggregat 4 (bekannt als V2) beteiligt. Gröttrup entwickelte verantwortlich die Lenk- und Steuersysteme des A4. Die zentralen Steuerungs- und Regelungsfunktionen wurden hierbei vom sogenannten „Mischgerät“ ausgeführt, einem elektronischen Analogrechner auf Röhrenbasis, den Helmut Hölzer entwickelt hatte.

Am 13. März 1944 wurde Gröttrup zusammen mit Wernher und Magnus von Braun sowie Klaus Riedel von der Gestapo verhaftet und in das Gefängnis nach Stettin gebracht. Ihnen wurde Wehrzersetzung und Defätismus vorgeworfen, sich mehr für die bemannte Raumfahrt einzusetzen als für kriegsdienliche Raketen. Walter Dornberger, Generalmajor der Wehrmacht und Leiter des deutschen Raketenprogramms, konnte innerhalb weniger Tage ihre Freilassung durchsetzen, weil sie unverzichtbar für die Entwicklung des A4 waren.[2]

Sowjetisches Raketenprogramm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Gröttrup zunächst in den westlichen Besatzungszonen. Da er sich nicht von seiner Familie trennen wollte, lehnte er es ab, für die Amerikaner in den USA zu arbeiten. Die Sowjetunion ermöglichte ihm, seine Arbeit in Deutschland fortzusetzen und so bei seiner Familie zu bleiben. Er war der bedeutendste deutsche Raketenspezialist, den sich die Sowjetunion für ihr Raketenprogramm sichern konnte.

Vom 9. September 1945 bis zum 22. Oktober 1946 arbeitete Gröttrup unter der Leitung des späteren sowjetischen Raumfahrtpioniers Sergei Pawlowitsch Koroljow in den Zentralwerken von Bleicherode in der Sowjetischen Besatzungszone daran, die Produktion der Rakete A4 und einzelner Bestandteile des Raketenkomplexes wieder aufzunehmen, um hierdurch Versuchsmuster für die Sowjetunion zu schaffen.

Diese deutsche Rakete Aggregat 4 bildete also nicht nur die Grundlage für die US-amerikanische Raketenentwicklung, sondern zugleich auch für das sowjetische Groß-Raketenprogramm und war Vorlage für die ersten sowjetischen Raketentypen R-1 und R-2.

Da es sich bei der Rakete A4 um ein Rüstungsgut handelte, war deren Produktion ein klarer Verstoß gegen das Potsdamer Abkommen. Am 22. Oktober 1946 wurden im Rahmen der Aktion Ossawakim sämtliche Wissenschaftler und Ingenieure, die in Bleicherode für die Sowjetunion arbeiteten, unter Geheimhaltung deportiert und zusammen mit ihren Familien per Zug in die Sowjetunion gebracht, unter ihnen auch der Strömungstechniker Werner Albring, der Steuerungs- und Messtechniker Heinrich Wilhelmi und der Experte für Kreiseltheorie Kurt Magnus.[3][4]

In der Sowjetunion setzten die deutschen Spezialisten ihre Arbeit fort, um Produktion und Einsatzverfahren der Rakete zum Laufen zu bringen und viele Verbesserungen zu konstruieren. Bis zum 13. November 1947 gab es elf Startversuche, von denen fünf erfolgreich verliefen. Die Sowjetunion entschied, von nun an auf die deutschen Spezialisten zu verzichten, zog diese von den Raketenprojekten ab und beschäftigte sie längere Zeit noch anderweitig, um deren Spezialkenntnisse über Raketen veralten zu lassen.

Zunächst mussten die Leute im engeren Kreis um Gröttrup noch auf der Insel Gorodomlja (heute Siedlung Solnetschny) im Seligersee verbleiben. Am 22. November 1953 durfte Gröttrup mit seiner Familie nach Deutschland zurückkehren.

Die Arbeit der deutschen Raketenwissenschaftler trug erheblich zum Erfolg der sowjetischen Raketentechnologie bei, die im Oktober 1957 mit dem Start des ersten Sputnik-Satelliten in eine Umlaufbahn begann und im April 1961 mit Juri Gagarin als erstem Kosmonauten fortgesetzt wurde.

Helmut Gröttrup war mit Irmgard Gröttrup (1920–1991), geb. Rohe, verheiratet, deren Buch Die Besessenen und die Mächtigen über die Jahre in der Sowjetunion 1958 veröffentlicht wurde und sehr detailliert in tagebuchartigen Erinnerungen über diese Zeit Aufschluss gibt.[5]

Informatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zurück in Deutschland war er bei der Standard Elektrik AG und nach deren Fusion mit C. Lorenz bei ihrer Nachfolgerin Standard Elektrik Lorenz in Pforzheim beschäftigt (1954–1958). Gröttrup wurde 1957 zusammen mit Karl Steinbuch dafür bekannt, dass er den Begriff Informatik prägte.[6][7] Er arbeitete maßgeblich an der Konzeption und Inbetriebnahme des Elektronischen Rechenautomat ER 56[8], der ersten volltransistorierten Datenverarbeitungsanlage deutscher Herkunft, und der weltweit ersten kommerziellen Datenverarbeitungsanwendung für die Steuerung der Logistik des Quelle-Versands mit. Danach arbeitete er als Werksleiter für die Elektrotechnische Fabrik Josef Mayr in Pforzheim, die im April 1960 von Siemens & Halske übernommen wurde und 1963 nach München verlagert wurde. Dort arbeitete er am Aufbau eines neuen Arbeitsgebiets zur Produktionsplanung mit Hilfe integrierter Datenverarbeitung. Im April 1965 machte sich Gröttrup selbständig und gründete die Datentechnische Gesellschaft (DATEGE), die unter anderem einen Matrixdrucker (damals von ihm Mosaikdrucker genannt) auf der Hannover-Messe vorstellte und elektrisch kodierte Zugangssysteme entwickelte.

Erfindung der Chipkarte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Gröttrup, circa 1977

1966 meldete Gröttrup einen „Identifikationsschalter“ zur Identifizierung des Kunden und Freigabe des Zapfvorgangs in einer Tankstelle zum Patent an.[9] Er versuchte zunächst, die Information elektromechanisch oder in sequenziell auslesbaren elektronischen Speichern festzuhalten. Am 6. Februar 1967 meldete Gröttrup mit DE1574074 einen „nachahmungssicheren Identifizierungsschalter“ auf Basis eines monolithisch integrierten Halbleiters an, der sehr kompakt aufgebaut ist und keinerlei Leitungen nach außen besitzt.[10] Gemäß dieser Erfindung sind die Informationen aufgrund der ebenfalls geprüften Abmessungen „nicht durch diskrete Bauelemente nachahmbar“. Die Identifikationsdaten werden durch integrierte Zähler dynamisch so variiert, dass der zugrunde liegende Schlüssel nicht durch einfaches Auslesen kopierbar ist und daher im Chip verborgen bleibt. In einer dazu parallelen Anmeldung DE1574075 beschrieb Gröttrup die drahtlose Übertragung durch induktive Ankopplung, die später zur RFID-Technik führte.[11] Diese beiden Erfindungen enthalten die wesentlichen Elemente für das Funktionsprinzip und die Sicherheit aller späteren Anwendungen der Chipkarte für den Zahlungsverkehr, Telefonkarten, SIM-Karten sowie Ausweissysteme und ID-Karten. Damit erbrachte Helmut Gröttrup den ersten entscheidenden Anteil an der Erfindung der Chipkarte.

Am 13. September 1968, also mehr als 18 Monate später, reichte Gröttrup in Österreich die Patentanmeldung „Identifizierungsschalter“ ein, in welcher der 1967 angemeldete „nachahmungssichere Identifikationsschalter“, angereichert mit weiteren technischen Ausführungsformen, erneut beschrieben und beansprucht wird. In dieser Anmeldung wurde Gröttrups neuer Geschäftspartner Jürgen Dethloff als Miterfinder benannt. Diese erneute Anmeldung war möglich, weil die beiden deutschen Anmeldungen von 1967 noch nicht als Offenlegungsschrift veröffentlicht waren. Am 15. Mai 1970 erteilte das Österreichische Patentamt das Patent AT287366B. Unter Bezugnahme auf die österreichische Priorität von 1968 wurde Patentschutz auch in Deutschland beantragt und am 1. April 1982 mit der Patenterteilung DE1945777C3 erlangt.[12] Dabei reduzierte sich der Patentschutz weitgehend auf die Inhalte der vorhergehenden Patentanmeldung von 1967. Das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) benennt die Chipkarte als Meilenstein der Technikgeschichte unter den Erfindungen, die das Alltagsleben entscheidend beeinflussen.[13] Auf dieser Basis werden in der Fachwelt für die Erfindung der Chipkarte das Prioritätsdatum (13. September 1968) und die benannten Erfinder der in Österreich und Deutschland erteilten Patente zugrundegelegt, zumal auf dieser Basis Patentschutz auch in weiteren wichtigen Industrieländern, u. a. Frankreich, Großbritannien und USA, erteilt wurde.[14][15]

Erste Chipkarte von Giesecke & Devrient aus dem Jahr 1979

Ab Juli 1970 leitete Gröttrup die von Siegfried Otto, dem Eigentümer der Banknotendruckerei Giesecke & Devrient in München, gegründete Gesellschaft für Automation und Organisation mbH (GAO) und legte die Basis für den später erfolgreichen Produktbereich Chipkarten für Zahlungsverkehrs- und Sicherheitssysteme im Unternehmensbereich Karten (seit April 2018 G+D Mobile Security GmbH). GAO produzierte 1979 weltweit die ersten normgerechten Chipkarten (Größe 85,60 mm × 53,98 mm, Dicke 0,76 mm) im Labormaßstab.[16] Außerdem verantwortete Gröttrup als Geschäftsführer den Aufbau des Produktbereichs für maschinenlesbare Sicherheitsmerkmale zur Erkennung von Falschgeld und der Entwicklung von Banknotenbearbeitungssystemen[17] im Unternehmensbereich Banknotenbearbeitung (seit April 2018 G+D Currency Technology GmbH), der sich seit Mitte der 1990er Jahre zum Weltmarktführer für die Ausstattung von Zentralbanken und die Qualitätsprüfung in Banknoten-Druckereien entwickelt hat.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Über Raketen. Allgemeinverständliche Einführung in Physik und Technik der Rakete, Ullstein, Berlin, Frankfurt u. Wien, 1959[18]
  • Als Hrsg. zusammen mit Hans Bolewski: Der Weltenraum in Menschenhand, Kreuz-Verlag, Stuttgart 1959

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Von Raketen zu Chipkarten – Zum 100. Geburtstag von Helmut Gröttrup [1]
  2. David Irving: Unternehmen Armbrust. (PDF; 2,5 MB) Der Kampf des britischen Geheimdiensts gegen Deutschlands Wunderwaffen. Der Spiegel, 17. November 1965, abgerufen am 22. April 2019.
  3. Anatoly Zak: News and history of astronautics in the former USSR – German team on Moscow. Abgerufen am 1. Dezember 2016 (englisch).
  4. Anatoly Zak: News and history of astronautics in the former USSR – German team on Gorodomlya Island. Abgerufen am 1. Dezember 2016 (englisch).
  5. Irmgard Gröttrup: Die Besessenen und die Mächtigen. Im Schatten der roten Rakete, Steingrüben Verlag Stuttgart, 1958, OCLC 73419520
  6. Die Geburt der Informatik, Heinz Nixdorf Forum (HNF) Blog, 2. Juli 2018
  7. Norbert Pötzl, Alles auf eine Karte, Spiegel Online, 13. September 2018
  8. Elektronischer Rechenautomat ER 56 von Standard Elektrik Lorenz AG [2]
  9. Patent DE1524695: Identifizierungsschalter. Angemeldet am 6. Dezember 1966, veröffentlicht am 26. November 1970, Anmelder: Tankbau Weilheim AG, Erfinder: Helmut Gröttrup.
  10. Patent DE1574074: Nachahmungssicherer Identifizierungsschalter. Angemeldet am 6. Februar 1967, veröffentlicht am 25. November 1971, Anmelder: Intelectron Patentverwaltung GmbH, Erfinder: Helmut Gröttrup.
  11. Patent DE1574075: Identifizierungsschalter mit induktiver Zuordnung. Angemeldet am 6. Februar 1967, veröffentlicht am 25. November 1971, Anmelder: Intelectron Patentverwaltung GmbH, Erfinder: Helmut Gröttrup.
  12. Patent DE1945777C3: Identifizierungsschalter. Angemeldet am 10. September 1969, veröffentlicht am 1. April 1982, Erfinder: Jürgen Dethloff, Helmut Gröttrup.
  13. Postergalerie DPMA 2014_Nr. 33: Chipkarte von Jürgen Dethloff und Helmut Gröttrup [3]
  14. Der Chip-Bürger – Alles auf eine Karte (SPIEGEL 47/1994) [4]
  15. Alles auf eine Karte – Die Chipkarte wird 50 (SPIEGEL Online 13. September 2018) [5]
  16. Horst Böttge, Tobias Mahl, Michael Kamp: Von der ec-Karte zu Mobile Security 1968–2012. Giesecke & Devrient GmbH (Hrsg.), München 2012, ISBN 978-3-86646-549-7.
  17. Mit einem Super-Computer will die Bundesbank Geldfälschern auf die Spur kommen (SPIEGEL 6/1977) [6]
  18. Über Raketen. Allgemeinverständliche Einführung in Physik und Technik der Rakete [7]